Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 29 (30.7.1914)
- Date
- 1914-07-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29. «Nttsche «sNSsttMme« Leite S. de vor einiger Zeit von einent überaus rührigen Komitcc eingeleitct. Seit Wochen wird die jüdische Bevölkerung in allen Teilen Londons aus die große Massenversammlung aufmerksam gemacht, die am 27. Juli in der Great Affembly Hall stattfinden wird. Dieser Riesenraum faßt mehr als 8000 Personen und liegt gerade im Zentrum des jüdischen Viertels. Eine Anzahl von tüchtigen Rednern aus London, ein mit Spannung erlvartctcr Gast. Herr Dr. Hildesheimer aus Berlin, Herr Dr. Jung, Rabbi Hillmann u. a. werden Ansprachen halten, Herr Bromberg die Ziele der Agudah in Jargon auSeinandcrsetzen. Am שבת vor der Persammlung wird die אגודת דרבנים ומגידים in deit größten Synagogen auf die Bedeutung der kam- Menden Persaiiunlung Hinweisen. Es gibt sich ein überaus kcgcS Interesse kund und die Freunde der Agudah hegen die besten Hoffnungen für die Schaffung einer starten Ortsgruppe. Letzten Mittwoch fand im Great Eastem-Hotcl eine Besprechung des prov. Komitees statt. Nach Referaten des Herrn Dr. Jung und Rabbi Hlllmanns entspann sich eine sehr interessante Debatte. Die Ratten verlassen das sinkende Schiff! — Di« 1 du eS wieder besitzest, und wird glücklicher und zahl- Auswanderung der Salonikicr Kaufleute geht immer | reicher machen, als deine Vorfahren gewesen", macht Der Todeskampf einer Stadt. In den Kriegen der Balkanoottrr gegen die Türkei wurde heiß um den Besitz her bedeutendsten Handelsstädt des Balkans, um Saloniki, gerungen- Üeberäll hofften die Juden eS werde gelingen, Saloniki zur freien Stadt zu machen'/ Oesterreich werde sein Interesse, das in dieser Richtung gelegen war, mit Energie durchsetzen. Aber nichts von alledem trat ein. Saloniki mit seinen 50.000 Juden geriet unter die Herrschaft der Griechen, mußte eine Plünderung nach der andern über sich ergehen lassen, die Juden wurden wohl wie- Verholt vom Könige Griechenlands seiner HUtd versichert, aber dessenungeachtet verfolgt und geplündert Wie entsetzlich lvcit eS in dieser kurzen Zeit griechischer Herrschaft mit der einst sü blühenden Stadt gekommen ist, entnehmen wir einer Schilderung von Wilhelm Bcla/ die jüngst unter obigem Titel erschienen ist. Es ist erschütternd zu sehen, wie eine noch vor zwei Jahren reiche und blühende Stadt unter vergewaltigenden Fäusten dahinstirbt, eine Stadt, nach der mehr wie eine europäische Großmacht begehrlich geschielt hat. Es ist, als würde sich ein Schicksal erfüllen, in unbarmherzigek Konsequenz. Dieses Schicksal hat Mazedoniens Hauptstadt Saloiiiki jetzt ereilt. Die griechischen Sieger Und die neuen Verhältnisse in Mazedonien haben dein althiftorischen Thcssälonichc den Todesstoß versetzt, und cs kann nicht lange mehr dauern, bis diese früher so hochbedeutende Stadt verröchelt sein wird. Äiemand könnte die eminente Bedeutung Salonikis als Handelshafen verkennen, als kommerziellen Schlüssel zu dem weiten aufnahmsfähigcn Hinterland, bas hinaufrcichte bis nach Serbien, bis nach Albanien. Ta kamen die letzten Kriege und ihre Folgen, und Saloniki ward von seinem Hinterland vollständig abgcschnitten. Die frühere mazedonische Kundschaft ist schon zum größten Teile zu dem Importlands derjenigen Länder übcrgcgangcn, die sich in Mazedonien geteilt haben, und die griechische Regierung tut und tat trotz ihrer gegenteiligen Behauptungen lvirklich nach Kräften alles, um die neidischen Blicke der Nachbarn von der mehr und mehr entwerteten Hauptstadt Mazedoniens nbzulcnke». regelmäßiger vor sich. Kein Schiff verläßt den dortigen HafeU, bas nicht eine Anzahl Kaufleute nach Smyrna oder nach KöUstantinopel brächte, und viele verlassen die dem Untergang geweihte Stadt auf dem Landweg, um nach Europa zu überfiedekn, sich dort ein« neue Existcnzbasis zu schaffen. So gehtschon seit Monaten! Die einst so blühende Handelsstadt hat geschloffene Laden und Bureaus, ihre ganze Physiognomie hat sich von Grund aus geändert. Beschleunigt wird Salonikis Niedergang noch außerordentlich durch die Auswanderung der Spaniolen und der Mohamedaner aus Mazedonicn, die den furchtbaren Grausamkeiten und Verfolgungcn seitens der griechischen Behörden entfliehen. Damit werden Saloniki die letzten treuen Elemente entzogen, und die Tatsache läßt sich nicht mehr leugnen, daß Gricchcnlaiid bei der Erdrosselung Salonikis ganz planmäßig borgeht, zugunsten de» Handels im Piräus. Man scheint eben von dem Gedanken auszugehen, daß ein blühendes Saloniki, dessen Handel in den Händen spanischer Und mohamedanischer Kaufleute lag, stets fremde Begierden aufpcitschen würde. Perhältnismäßig wenige Monate haben genügt, uni der alten Stadt ein ganz neues Gepräge zu geben. Stakt des lauten Geschäftstreibens, das von früh bis zu Sonnenuntergang die Stadt mit Geschrei erfüllte, tönen jetzt Schreie nach Brot durch die Straßen, in de nen sich Tausende griechischer Flüchtlinge drängen, die verbissettct Fanatismus aus Thrazien und aus Klein asien hergclockt hat, die gehofft hatten, Griechenland werde ihnen in Saloniki »in griechisches Dorado ge schaffen haben. Statt der leichtlebigen Freude des Reichtums hat das hohläugige Elend von der Stadt Besitz ergriffen. In den Straßen und Namentlich am Hafen drängen sich Griechen aus Thrazien NNd dem Kaukasus, verbreiten eine beunruhigende Atmosphäre, schreien nach Brot. Zur Plünderung und zum offene« Aufruhr ist täglich nur ein Schritt, denn die Leute sehen sich in ihren Hoffnungen betrogen. Ünd um das Maß voll zu machen, schwebt über Saloniki öa» Gespenst der Seu che». Täglich sterben so und so viele der Flüchtlinge. Typhus und Schwindsucht reißen immer größere Lücken in ihre Reihen, da'S große Zeltlager draußen vor der Stadt gleicht'cincm Lazarett. So ist aus der Stadt des Reichtums eine Stadt des- Elends geworden. Die grauenvolle Schilderung, die durch die Wirb lichkcit noch übertroffen wird, mutet uns beinahe wie die Megilkat Echa an. Als Beweis dafür, daß sich die Verhältnisse in Saloniki statt zu bessern, immer mehr und mehr verschlechtern, diene die Nachricht aus der jiingsten Zeit, daß 120 angesehene jüdische Kauslente auS Saloniki nach Bulgarien übersiedeln und in der Hauptstadt schon Geschäftshäuser gemietet habe». Juden! Sorget für die Verbreitung der ״Jüdischen Bolksstimme". Kinder, und tauschen der lvcihevollen Stimme der Rcbbczindie in der Mitte des Kreises sitzt. Auf cincin Stuhl liegt die ,Zeenoh tlrecnnoh", das Buch der Frau, ausgcschlagen, bcleuchret von dem matten Schein einer Küchenlampc. Mit ihrer heiseren Stiinmc erzählt die Rebbezin die Geschichte der Hanna und ihrer sieben Söhne. lieber der Gerichtsstube beim Rabbi liegt das gleiche Halbdunkel. Auf dem Tisch brennt noch das Jahrzeitlicht, das in einem Tops mit Sand steckt. Von dem Licht tropft der Talg herab in den Sand hinein. Auf der Erde, in einem Winkel, das Gesicht vergraben zwischen großen Bücherstößen, sitzt der Raw. Zuweilen bläßt ein Windhauch. Es ist, als ob durch die Stube ein schwerer Schatten hindurch schreite. Und der Raw stützt sein Haupt in die müden Hände und sinnt. In der Gaffe ist's noch still wie zuvor. Der Mond zieht am Himmel dahin und blickt mit kalten Augen auf das finstere Gäßchen. Alles umher ist in sich versunken, als ob zwei große Tränen aus Gottes Augen hernicdergefallen wäreu und alles ertränkt hätten, alles, alles. Und mir ist, als ob einsam der Prophet Jirumijahu zum Friedhose schritte, um die Ahnen aus den Gräbern zu wecken, da mit sic endlich Fürsprache bei dem Ewigen einlegten für die vertriebene Gemeinde Israel. Und bald wird es im Gäßchen laut werden . . . Dr.RulKatbolicky ordiniert täglich von 2—4 Uhr Brünn, Ferdinandsgasse, beim ״Roten Krebs*, GrBBere Operationen im Sanatorium auch für Minderbemittelte. Telephon>Nr. 603. Personenim. Schweizer Schokoladen I. Strachon & Cie-, Brünn Bahnhofplatz. War Moses Meudclsohn ein Zionist? I» gewissen zionistischen Kreisen, wo man für die Nationalität begeistertertcr als für die Religion ist, U'ird M. Mendelssohn als Assiinilant bezeichnet und ein Affimilant kann doch selbstverständlich kein Zionist sein. Ich möchte es aber wagen zu behaupten, daß gerode M. Mendelssohn ein echter, und zwar ein religiüscr Zivnisk war. In Bezug auf die Worte in der heil. Schrift <5. M. :50. 4—5): ,Wärest du bis an das Ende des Himmels verstoßen, so wird der Ewige, dein Gott, dich von daher sammeln und ciuhole», in das Land zurückbriugen, das deine Vorfahren besessen haben, daß Mendelssohn in seinem Kommentar folgend«, sehr beachtenswerte Bemerkung: .Bekanntlich find ja alle diese Verheißungen bis nun noch nicht in Erfüllung gegangen; denn während de« zweiten Staatsleben« erfreuteu sich doch die Juden noch nicht der vollständigsten Freiheit, alle die hier erwähnten Verheißungen haben Bezug auf die einstige vollständige Erlösung, die bald, noch in unseren Tagen stattfinden möge. So schreibt nicht ein Assimilant, sondern ein begeisterter Jude, der die Geulla schlema mit Zuversicht enoartet. Wenn jedoch viele moderne Zionisten glauben be- Haupte» zu dürfen, daß da« schöne Ziel, das der Zio- »ismus verfolgt, nicht durch religiöse, sondern enzig und allein durch nationale Begeisterung und materielle Mittel erreicht werden kann, täuschen sie sich sehr. »Schüttle ab de» Staub, komm besteig den Thron, Jeruscholaim! Entschlage dich deines Halses Fesseln, gefangene Tochtcr Zions! Denn so spricht der Ewige: Umsonst seid ihr verkauft, und ohne Geld werdet ihr erlöst werden, d. h. wie unsere Weisen bemerken, durch Rückkehr zur Thora" lJes. 51. 14. 15). Nicht durch die Macht de» Geldes, sondern durch religiöse Begeisterung, durch lvahre, aufrichtige Glaubenstreue, die immer zündend, anregend, ancifernd und anfeuernd wirkt, kann Israel befreit und erlöst werden. Bor allem muh dafür gesorgt lverden, daß die Glut des Glaubens nicht in dem Herzen der Jugend erkalte. Ein Gleichnis, der bekannte Dubner Maggid!Prediger) im Jahre 1788 in Berlin, 111 einer Gesellschaft der sogenannten ,Aufgeklärten" zum Besten gab, dürfte hier am Platze sein. Sr sprach: Meine Herren! In einem großen Reiche herrschte einst eine hochherzige Regentin. Infolge vieler eingelaufener Klagen faßte sie den Entschluß, die Lage der in ein weit entferntes Küstenland verbannten Sträflinge zu untersuchen und das das ihr geschilderte Elend jener Unglücklichen möglichst mildern zu lassen. Sie betraute damit einen ihr sehr ergebenen und als wahren Menschenfreuud bekannten Rat. Dieser trat seine Reise an. Er fand überall die traurigsten Zustände, aber nicht nicht überall ein bereitwilliges Eingehen auf seine wohlgemeinten reformatorischeu Anordnungen. Eines Tages kam er in ein von Sträflingen betriebenes Hüttcnwerk, welches einige Hundert solch' unglücklicher Arbeiter beschäftigte. Aber welch' elende Jammergestalten fand er da! Die Bläffe des Tode» lag auf ihren Zügen, und Wankenden Schrittes schlotterten sie einher. Auf die Frage des StaatSrateS: warum die Leute alle so verfallen ausschen? erfolgte vom Hüttendirektor die Antwort: das rühre davon her, weil sie, von Zeit zu Zeit einander ablöseu, durch die Kraft ihrer Lungen die Glut des Feuers im Schmelzofen anfachen müßten! — Der schlug entsetzt über solche Kunde die Hände zusammen und ries: Um des Himmelswillen! Kennen Sie denn den einfachen Mechanismus eines Blasebalg nicht?" ,Ein Blasebalg — was ist das?" — antwortete der Direktor. Ich habe alljährlich so und so viel lausende Zentner Metalls an die Regierung abzulieser». und da gilt es, die Leute zum strengsten Frohndienst a»zuhalte». Aber cs wäre mir selbst im höchsten Grade willkommen, Ivenn ich durch Ihre gütigen Angaben eine Einrichtung kennen lernen würde, welche die aufreibende Plage meiner Arbeiter zu ersetzen vermöchte." Hieraus erklärte der StaatSrat die Konstruktion und die Verwendung des Blasebalges und versprach auch, demnächst mehrere derselben dem Hüttenbergtverke einzuschicken. Erfreut von dein sichtlich frohen Eindruck, den dies Versprechen auf die armen Sträflinge machte, setzte er seine Reise sort. In die Hauptstadt des Reiches zurückgekehrt erstattete er Bericht über den Erfolg seiner Sendung. Nach einem Jahre ging er auf Befehl seiner Fürstin abermals aus Reisen, um sich von dem Bollzuge der Verbesserungen in der Lage der Sträflinge durch den Augenschein zu überzeugen. Nicht überall sah er die getrossencn Maßregeln vertoirklicht, und er mußte hin und wieder den strengsten Tadel aussprechen. In die Nähe jenes Hüttenwerkes gekommen, gab er sich den angenehmsten Erwartungen hin und glaubte dort die vollste Befriedigung zu finden. Aber zu seinem hochstcn Erstaunen traf er auch hier die alten Uebelstände a». Es sah wo möglich »och schlimmer auS, wie bei seinein ersten Besuche. ,Warum haben sie meinem Befehle keine Folge geleistet?" fuhr der StaatSrat den ihn empfangenden Direktor an. ,Wo sind die Blasebälge? Wozu setzen sie die armen Arbeiter der alten Oual und Plage aus?" Lächelnd erwiderte der Direktor: ,Herr, ich bin frei von jedem Vorwürfe! Ich habe mich genau nach Ihren Angaben bei Aufstellung und Verwendung der seinerzeit richtig empfangenen Blasebälge verhalten: allein eS >var alles vergebens. Die erloschene Glut blieb