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Jüdische Volksstimme · 1914-07-30 · Heft 29 (30.7.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 29 (30.7.1914)
Date
1914-07-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2. ״Attische Volk-tzi«me." Nr. 29 drohender Stimme würden sie einen vernichtenden Fluch gegen jene aussprechen, die das, wofür sie ihr teures Herzblut vergossen, in so bestialischrr Weise mit Füßen treten und die sich die erdenklichste Mühe geben, ihr Judentum zu verheimlichen und unkenntlich zu machen. Haben sich denn wirklich unsere Väter von den Kreuzriltcrn schlachten, von den Inquisitoren verbvenncn lassen, damit ihr Enkel im 20. Jahrhundert das Judentum verleugne? Aber ebensowenig haben sie das furchtbare Martyrium des Mittelalters auf sich genommen, damit die späteren Generationen rußig die Hände in den Schoß legen sollen und um den Untergang Zions fasten und weinen! Rabbi Akkiba und Bar-Kochbn wußten außer dem Fastehen noch andere Wege zu betreten. Josua und Serubabel, Esra und Nchemi« haben auch den!>. Ab gefeiert. Auch sie l>aben die Kinnoth-Jeremiss gelesen: aber sie fühlten ein Wühlen und Fresien eines weißglühenden Zweifels, ob es denn so bleiben lyüste, wie es ist. Sie erwirkten beim Perserkönige einen ״Charter" und führten ihr Volk ins Heimatland zurück. Auch sie haben um Zion gebetet, auch sie haben stündlich Jerusalem bei Gott reflamieri, aber sie hatten den Mut es auch bei den Menschen zu r e k l a m i e re n. So war es einst. ״Tage längst vorbei." Heute ist das Judenvolk siech geworden. Unser Leid, das zwei Jahrtausende in allen Ecken prunkt, hat uns abgestumpft. Wir haben uns gleich jenen unglücklichen Heloten mit unserem Schicksal abgefunden. So weit sind wir gefunken, daß wir in einen Freudenvausch geraten, wenn unsere Brüder gegen irgend einen Kutzewalachen zu ihrem Rechte gelangen. Der Judenhaß der durch die Jahrhunderte dem Judenvolkc durch die Geschichte folgt, der gleich ihm, dem ewigen Achaswer nicht sterben kann, hat unserem einst so stolzen Charakter die schwersten Wunden geschlagen. Unser Vaterland ist heute die Fremde, unsere Einheit die Zerstörung, unsere Solidarität die allgenreine Anfeindung, unsere Wasfe die Dehmut, unsere Wehrkraft die Flucht, unsere Zukunft der nächste Tag. Welch' furchtbar tragische Rolle für das Volk der Propheten, für eine Nation, die einen Mosche hervorgebracht hat. Unser Leid ist nicht anziehend, weil, es alltäglich ist. Unserem Schicksal singt man keine Heldenlieder, sondern Gaflenhauer. Die nichtjüdische Welt erblickt in uns die Gestalt eines Toten, -der unter Lebenden einhergeht, die geisterhafte Erscheinung eines wandelnden Toten, eines Volkes ohne Einheit und Gliederung, ohne Land und Bond, das nicht leben und nicht sterben kann. Das Judenvolk ist ein großer Krankensaal, besten Luft mit dem Nechzen der Verwundeten gefüllt ist. In allen Gaffen und Straßen windet sich bas Judenleid in all seinen Formen. Durch seine Alltäglichkeit hat unser Leid seine Majestät verloren. Es wirkt nicht anziehend, sondern abstoßend. Wir haben den Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen gemacht . . . Die Geschichte erzählt uns von den alten, unglücklichen .Heloten, die zn einiger Sklaverei verurteilt waren, die jährlich durch die Krhpwia, die staatliche Helotenhetze, entehrt und zur gemeinen Bestie gestempelt wurden, die durch Alkohol zu Tausenden lahmgelegt ׳ wurden, um dann den spartanischen Kindern, als Muster der Verkommenheit vorgeführt zu werden. Die Tragödie dieses Volkes ist umso größer, da es in der Geschichte stumm ist. Ihnen, den Heloten, war cs nicht vergönnt in helltönenden Versen des Dichtcrs der Nachwelt zu sprechen. Sie konnten nicht ewige Zeugen ihres Leidens, Erz und Marmor des Meißels der Zukunft übergeben. In ihrer Abwesenheit, ohne Verteidiger wurde ihnen von ihren Altklägern und Feinden der Prozeß gemacht. Als sie starben, da wurden sie ins namenlose Armengrab der Geschichte eingescharrt. Aus der Armenkassa wurde ihnen ein Kreuz gespeitdet. Vom Winde wurde es uiitgestoßen, vonr Totengräber als Brennmaterial verwendet, so daß nmn heute nicht einmal ihres Grabes Spuren finden kann ... Das Schicksal unseres Volkes ist dem der Heloten ganz ähnlich. Auch wir tragen schon seit urdcnklichen Zeiten Sklavenketten. Auch wir sind als Muster clller Laster den Ariern hingestellt. Doch wir sind glücklicher daran. Wir habeit endlich unseren Mund geöffnet. Endlich haben wir aufgehört, Seufzer und Schreie leidender Kreaturcn auszustoßen. Genug hat sich in todestraurigcn Liedern unsere Seele ausgetveint. Endlich )oben wir erkannt, daß wir doch nicht auf der Straße aufgefunden seien. Dort auf der Bühne )es Zionistenkongresses haben wir die Kulturmeitschhcit herausgefordert. Dort hat der neue Jeremias seine Kinnoth verkündet, aber zugleich den flantinendsten Protest gegen die barbarischc Verunglimpfung seines Volkes eingelegt. Dort haben wir Zion von den Menschen zurückverlangt. . . Darum mögen wir heute am Trauertage des 0. Ab eifrig und rüstig Mitarbeiten. Mitarbeiten an der Wiederbelebung unseres Volkes und unseres Landes. An jenem Tage, da vor 10 Jahren ein Meteor plötzlich das dunkle Galuth erleuchtete, ist eine große Kraft aus unserer Volkesmitte ausgeschieden worden, da hat die Stunde für die Ufer des Jordans geschlagen. ״Dem Lande ohne Volk, das Volk ohne Land." Aron Schwertfinger. Aus der Agudas-Jisroel- Bewegung. Frankfurt am Main. Die Vorbereitungen für die Kenessijoh gcdauloh schreiten vorwärts. Im Burcau der Agudas Jisroel und in den Sonder-Komitccs ist man eifrig beschäftigt, die Vorkehrungen zu treffen, die für eine glatte Abwicklung der Geschäfte während und unmittelbar vor der Kenessijoh erforderlich sind. Das Wohnungskomitce (Bureau: Hanauer Landstr. 17) erließ in der Lokalpresse Inserate, um eine genügende Anzahl von Zimmern in Hotels und Privatloohnungen zur Verfügung zu haben. Es ist dringend erforderliche daß die nach Frankfurt kommenden Delegierten und Gäste ihre dahingehenden Wünsche rechtzeitig dein Wohnungskomitce mittcilen. Da die Kenessijoh während der Hauptreisesaison stattsindct, ist zu befürchten, daß passende Zimmer nur schwer erlangbar sein werden, wenn sie nicht vorher reserviert wurden. Die Anmeidüng von Gästen als Zuhörer langen in großer Zahl an. Es wird daraus hingcwiesen, daß der Zutritt nur durch Gastkarten, solveit der Raum reicht, gestattet sein ivird. Gastkartcn sind im Bureau der Agudo (Zeit 85) vorzumerkcn. Da der Zudrang zu der Eröffnungssitzung besonders groß sein dürfte, werden die Gasikartcn zu dieser Sitzung gegen einen Preis von 2 Mark reserviert. Für die anderen Sitzungen ist der Eintritt unentgeltlich. Zlorzow. Es gereicht uns zur großen Freude, berichten zu können, daß der unermüdliche Förderer der Agudas Jisroel, Herr Rabbiner M. Schapira-Gliniany, letzten Sonntag unsere Gemeinde besucht hat. Die Synagoge war aus allen Schichten der hiesigen Bevölkerung dicht besetzt, als er mit unvcrgleichlicher Beredsamkeit die Ziele der Agudas Jisroel darlegte. Die ganze Gemeinde stand während der dreistündigen Rede wie gefesselt an einer Stelle und nichtendenwollendcr Beifall wurde ihm gezollt, als er geendet hatte. Es war eine glanzvolle Kundgebung für diesen Träger der Thora, als ihn alle Versammelten in einem riesigen Zuge bis ins Hotel begleiteten. Nach seiner Abreise wurde ihm der Dank der Gemeinde in einer Adresse abgcstattet, aus der die Vorstände sämtlicher hiesigen Synagogen und Lehrhäuscr, sowie mehrere Hundert Einzelmitglieder unterschrieben waren. Der Eindruck, den Herr Rabbiner Schapira hier zurückgelassen hat, war so gewaltig, daß der ehrw. Gast dem Drängen der Zuhörer nachgcbend das Versprechen abgeben mußte, recht bald wiederzukommen, um uns von den Fortschritten der Agudo zu erzählen. Buczacs. Dank der Bemühungen unseres chrtvürdigen Rabbiners Herrn Meier Arak, Mitglied des Nabbinischen Rates der Agudas Jisroel, und j beS Herrn Heschel Fränkel-Theomin aus Winniki wurde auch bei uns eine Agudas Jisroel-Ortsgruppe ,gegründet, der bereits viele Mitglieder beitraten. Stanislau. Letzten Sonntag versammelten sich die Mitglieder unserer Ortsgruppe sowie eine große Zuhörerschaft aus Nichtmitgliedern im Saale der Kultusgemeinde zu einer imposanten Versammlung. Herr Rabbiner Alter Nebenzahl erösfncte die Versammlung und berichtete über den Verlauf und die Resultate des Lemberger Delegiertcntages, an der er die hiesige Ortsgruppe vertreten hatte. Herr Rabbiner Kamelhar richtete eine begeisterte Ansprache an die Versammlung und legte die Bestrebungen der Agudas Jisroel sowie die Wege und Methoden zur Durchführung ihres Programme» im einzelnen dar. Zum Schlüsse wies er auf die Notwendigkeit hin, auch bei uns eine Jugendgruppe ins Leben zu rufen. Die beiden Reden fanden begeisterten Beifall: viele Mitglieder meldeten sich neu an und entrichteten den Jahrcsbeitrag. — London. Eine umfassende Aktion, die Agudoh-Jdee den großen Massen näherzubringen, wur- Mitten auf dem Markte am Brunnen steht noch eine Schar junger Leute, zum Teil Bachurim, die noch den letzten Trunk vorm Fasten nehmen. Die älteren aber werfen, indem sie die Becher an die Lippen setzen, noch einen ängstlichen Blick zum Himmel, ob sie nicht — Gott bewahre! — etwa ein Sternlein droben zeigt. Auf der anderen Seite des Gässchens, dort hinter dem Rathaus, auf dem Wege, der zum Friedhof führt, stürmt eine Schar Jungens heran. Sie halten Kletten in der Hand und bewerfen sich damit. Wie cS so Sitte ist im Ghetto. Voraus läuft ein Junge mit abgcrisscnem Rockkragen, macht vor der Treppe zum Lehrhause halt und winkt fröhlich den Juden zu, die dort stehen und zeigt mit der Hand auf seine gefüllten Taschen. Er hat sie voll Kletten. ES ist eine Lust. ... Irgend ein kleiner Jude mit einem breiten Bart: der an seinem Gesicht angeklebt zu sein scheint, damit man die bleichen Wangen nicht sehe, steht aus der Treppc und betrachtet in mitleidiger Trauer den Knaben. Und da schien eS mir, als ob er mit seinen trockenen Lippen vor sich hinmurmcltc: Einen traurigen Festtag macht er sich. Bald wird eS auch im Schulgätzchen still. Die Sonne ist schon längst hinter dem RathauS versunken, hinten auf dem Wege zum Friedhof. Die Juden haben sich alle in der Schule, in dem Lehrhaus versammelt. Zuweilen sieht man eine Jüdin, werktäglich gekleidet, ein dickes Buch unter dem Arm, ein Lichtlein in Lcr Hand. Sie geht mit gesenktem Kopfe. Auch die niedrigen Häuschen in der Gasse ducken sich krampfhaft nieder, als fürchteten sie sich, weil sic ohne Juden und ohne Thora wie im Golus sichen müssen. Sie scheinen sich zu dem Häuschen des Rabbi hinzuncigen, vielleicht um sich von dort Rat zu holen, was sie in dieser schweren Zeit tun sollen. Aus des Rabbi Fenster lugte eine tiefe Trauer. Ein kleines Lichtchen funkelt in der Finsternis. Vielleicht, daß innen ein Toter am Boden liegt, zugedeckt mit einem schwarzen Leintuchc, und ein Totenlicht am Kopfende! Aber der Rabbi läßt seinen Toten allein. In einem alten zerrissenen Streimel, einem alten zerrissenen Rock und mit betrübtem Gesicht geht er allein in Strümpfen über die spitzen Steine ins Beth-Hamidrasch hinüber. Ganz in sich versunken. Vielleicht wird er bei den dort versammelten Juden Trost finden. Matschik zieht durchs Gäßchen. Er kommt schon von der Weide heim. Die Kühe vorauf mit tiefgesenkten Hörnern und Matschik mit seinem Hunde, seinem Ge- Hilfen, hinterher, und er spielt sich auf seine Flöte ein Liedchen, just, wie er cs gestern und vorgestern abends getan. * * * * Es ist Nacht! In der Schulgasse Totenstille. Die Läden geschlossen, die Türen zugemacht. Der Mond wandelt einsam hoch oben am Himmel und blickt schweigcnd herab ins Schulgätzchen. Hinten, von.irgendwo her, dringt durch den Spalt eines Fensterladens ein trauriger Singsang, der sich schnell ins Gäßchen hineinzieht, ganz, ganz für sich, und er schwebt durch die Gasse, schwimmt fort und verhallt irgendwo in der Ferne, irgendwo im Gässel, dort nach dem RathauS zu, auf dem Wege zum Friedhof. Aus einem Fenstcrspalt des Nabbinerhauses schaut noch das einsame Jahrzeitlicht heraus. Für eine fromme Seele brennt's! Drinnen beim Nebben bleibt alles still. Der Mond wirst seine kalten Strahlen auf die großen Scheiben des Lchrhauses. Drinnen ist alles sinster. Huscht nicht etivas durch die Stille? Auf den Treppen des Hauses liegt etwaS — sind'S Menschen oder Tote? — Die Haare zerzaust, die Hände übereinander geschlagen. So lagen sie still da. Aber der Mond wandert vorbei und wirft seine kalten Strahlen auf die dort Liegenden. Die Schule ist so fest verschlossen, als hätte man innen etwas gefangen und wollte es nicht herauslassen. Nur von einem kleinen Fenster in einem Winkelchen an der Tür, dort vom Platze der ״Gemeinschaft der Psalmenfrcundc" schleicht sich ein schwacher Lichtschein heraus und bricht sich im blaffen Scheine an der gemauerten Säule, die vor der Schul steht und die Galerie der Weibcrschul stützt. Innen sitzt auf dem Platze der ״Chewre Thillim" irgend ein Mensch auf der Erde, und bei dem Scheine des schwachen Lichtchens starrt er in ein offenes Buch und sinnt ... Bei der ״Rebbezin" im Eßzimmer haben sich die frommen Frauen — die ״Klei-Kaudisch-Weiber" — versammelt. Im Halbdunkel ist die Stube; nur Schatten huschen auf und nieder. Und auf der Erde hocken auf Kissen die Frauen umher, auf den Armen die schla«

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