Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 29 (30.7.1914)
- Date
- 1914-07-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Erscheint jeden Donnerstag. Nummer 29. Jahrg. XVj3. üdische Bezugspreise: | Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 620׳ ganzjährig.Kronen 12 — Deutschland, ganzjährig.Mark 12 — Rußland, ganzjährig.Rubel 6 — Balkan, Frankreich.Frank» 14 — | ---S Mit der Beilage ״Das jüd. Lebe» in Galizien" Herausgeber: Max Hickl. mm. 21---S GeschäftSitelle, Wien: Rotenturmstraße Nr. 31. Telephon 3009/VIII- Sprechstunden von 10—12 Uhr Inserate: die üspaltige Petitzeile 30 h. Unverlangre redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Wien—Budapest. Brünn,!״wj“5674״ Prag—Lemberg. ״M Die eisernen Würfel sind gefallen, der Krieg ist ausgcbrochen. Die mütterliche Erde, die schon müde war, das vergossene Blut ihrer Söhne zu trinken, wurde vom Blute unschuldig Ermordeter befleckt und erhob ihre Klage gegen die Regiercnden in Serbien, welche den Mörder gedungen. Wieder dröhnt der Boden vom Schritte kampfbereiter Heere, die auszichen, um dem Batcrlande Ruhe und Frieden zu erkämpfen. Berschwundcn sind die Unterschiede von Rassen und Religionen; wie e i n Mann ziehen Oesterreichs Truppe» ins Feld der Gefahr und Ehre. Auch das jüdische Bolk hat viele tausende seiner Söh- «c zur blutigen Walstatt gesendet, wo sie mit Makkabäermut Kaiser und Vaterland zu dienen bereit sind. Mit schwerem Herzen haben sich die Wackeren von Weib und Kind, von Haus und Hof gerissen und gehen der tödlichen Gefahr tapfer entgegen, um ihre Pflicht zu erfüllen. Tränen und Seufzer und Gebete voll inniger Andacht folgen ihnen. Mögen die braven Krieger sieggekrönt heimkehren und des blutig ersochtencn Friedens sich erfreuen. Feuilleton. Tischo’ b’ Ab. Von Schalom Asch. . . . Die Gemeinde Israels schmollte mit ihrem Gotte. Wie eine zornige Braut, die dem Bräutigam die Brautgeschenke zurückwirst, so warf die Gemeinde dem Herrn der Welt die Thora zurück. ״Geh, mit unserer Freundschsat ist es aus!" ״Heute ist Tischah-B'ab!" Und es wird keine Thora ״gelernt" . . . Junge Schwiegersöhne, die aus ״Käst" sind, und Bachurim gehen müßig herum. Chederbuben laufen fröhlich, als gäbe es auf der Welt keinen Kantschu, keine Schule, keinen Rebben, frank und frei aus dem Markte umher. Doch in dem alten Lehrhausc sitzt die heilige Rille ganz allein in einem Winkelchen traurig und jammert zu des Ewigen Majestät: Heute haben mich alle verlassen! * * * Die Sonne warf noch einen letzten leuchtenden Blick auf die Dächer des Städtchens, auf den halben Klotz, der vom letzten Zirkus her noch mitten auf dem Marktplatz stand und vergoldete die Scheiben der großen Schenke, die am Eingang zum Städtchen liegt. Nach Westen zu aber hat die rotgoldige Sonne sich schon tief Zum 9. Ab. Motto: Wir waren stark während uns.׳- rer antiken Geschichte, stark nach der Zerstörung Jerusalems, stark im Mittelalter bei Kreuz und Inquisition: so ist der Rest stark genug die Pforte Jcrusalems zu öffnen. M a t i a s A ch e r. Wiederum ist ein Tropfen in das ewige Zeiteumeer der Geschichte geflossen, abermals ist ein Jahr aus der ewigen Vergangenheit in die ewige Zukunft hinübergerollt und wiederum ist der große historische Rationaltrauertag, der!>. Ab gekommen. Abermals werden wir mit der Trauerkerze über die herzzerreißenden Lieder Jeremias gebückt sitzen, wiederum werden die niarkerschütternden Zioniden Juda Halevis erklingen und abermals wird das jüdische Volk mit wehmütigem Herzen an den Ruin seiner nationalen Selbständigkeit denken. So geht der!). Ab fast zwei Jahrtausende eintönig durch unsere Geschichte. So wie jetzt wurde das alles geübt vor vielen, vielen Jahrhunderten und die Welt hat sich seither verwandelt. Völker waren untergegangen, andere waren in der Geschichte erschienen, der Erdkreis hat sich erweitert, unbekannte Kontinente tauchten aus dem Meere, ungeahnte Raturkräfte erleichterten und verschöuertcn das Leben und nur dieses eine Volk ist noch da, wie ehemals, hegt noch immer die unveränderten Gebräuche, treu sich selbst und eingedenk der Leiden seiner Väter: es sitzt noch immer auf dem Trauerschemmel und weint noch immer um den Verlust seines Landes ... Draußen blüht die Natur in Heller Farben- Pracht, es murmeln die Gewässer, es säuseln die Winde, es blühen die Felder, cs grünen die Wiegesenkt, und eine schwere Wolke, die kühl von der anderen Seite des Städtchens hcranschwebte, hat das slamwende Sonnenauge wie mit einem grauen Hauch überzogen. Und die vielen irrlichternden Strahlen, die noch aus dem Markte umherirren, sind kaum noch so hell wie ein Lämpchen, dessen Docht herabgebrannt ist. . . . Noch war es Tag, da wurden schon die Läden zugemacht, einer nach dem andern. Und wie nun eine Türe geschlossen wird und wieder eine und die bunten Schilder im Innern verschwinden, sodaß nur ein schwarzer Fleck auf der freien Mauer übrig bleibt, da ist mir, wie wenn in einer hellbclcuchteten Stube plötzlich ein Licht ausgelöscht wird. . . . Licht aus Licht. Und es wird dunkel, ganz allmählich, so allmählich, wie die Hochzeitsgäste den Hochzeitssaal verlassen, in den sich nun die graue Leere hineinschleicht. . . . Vor irgend einer Türe steht ein hoher, magerer Jude in einem zerrissenen langen Rock, die Lenden fest gegürtet, und starrt mit verträumten Augen zum Himmel empor. Seine eingefallenen Wangen beben, wie wenn der Wind durch trockene Blätter Iveht. Tann wendct er seinen Blick vom Himmel und sieht über den Markt hin, als ob er sagen wollte: ״Herr des Himmels, ich harre immer deines Befehls!" . . . Indessen hat die Gemeinde Israels ihre Wohnungen noch nicht verlassen. Jeder greift hastig noch zum letzten Bissen und macht sich dann mit traurigem Gesicht bereit, den tränenschweren Sang der Klagelieder anzlistttnmen. - sen, in Wald und Flur ertönt der Gesang der Rachligall, neues Leben waltet imd webt überall, alles freut sich und hoffet — nur nicht der Jude. Er hat heute seinen!). Ab. An diesem Tage wurde vor vielen Jahren Zion ein Raub der Flammen, da wurde der Tempel GorteS zerstört und die Juden in Sie weite Welt verspreng!. In diesem gewaltigen Zeirenranme konnte der Jude sein Zion nicht vergessen. Täglich hat er es bei seinem Gotte reklamiert und säst stündlich hat er es in seinem Gebete von ihm zurückverlangt. Seit jenen grauen, finsteren Tagen, da der Indeuslaai durch die Römer zugrunde gegangen war, bis zum heutigen Tage steht das Judenvolk ans der Wache. Lynkens, der Türmer, steht unbeweglich aus seinem Posten und starrt in den finsteren Horizont hinaus. Mit gespannter 'Aufmerksamkeit horcht er, ob schon die Stunde für die Ufer des Jordans geschlagen habe . . . Draußen brausten die rauhen Winde des Galnih, furchtbare Stürme zogen über die Inden einher, Verfolgungen und Leiden entsetzlicher Art suchten die Juden heim, Dualen und Schmerzen, bei deren bloßer Beschreibung uns ein Schauder ergreift, haben unsere Väter ertragen. Und wenn die trüben Wolken des Juden- Hasses sich umso enger über ihrem Haupte zuiammenzogen, in ihrem Glwtto da fanden sie Trost und Hoffnung. Sie versenkten sich in die phantastische Träumerei des messianischen Glaubens und hofften zuversichtlich der baldigen Erlösniig. Mir einer Todesverachtung, die m der Geschichte ihres Gleichen nicht vorfindet, mit einein Heldenmute, der ohne Vorbild und Abbild ist. schauten sie den Gefahren furchtlos ins Ange: mit einer geradezu unbegreiflichen Verwegenheit setzten sie ihr Leben daran, um ihrem Gotte treu bleiben und ihr Judentnm zn er- Hallen. Würden ne heute ans ihren! Grabe ansstellen und die heutigen Karikaturen der enropäischen Assimilation erblicken, wahrlich, mit Ganz still ist eS in der Gasse. Die Häuser sieben um den Markt herum und schweige», als ob sie ans etwas warteten. Bald kommt anS irgend einem Hanse ein schlanker, blasser, magerer Jude. Seinen trockenen Körper bedeckt ein iveißer ״Chalat". Aus dem Kragen ragt ein langer, dürrer Hals hervor, auf dem sich ein schmaler Kops mit blondem Haar und Bart und langer, blasser Nase bewegt. Unter den Rockschößen gucken zwei lange Beine hervor, die keine Schuhe, nur weiße Socken bedecken. Und der Jude gebt auf den Socken über die Straße, iinmer wieder in die Höbe schnellend, wenn er aus einen spitzen Stein tritt. In der Hand trägt er ein ungebundenes Buch. . . . Ein eigenes Bild! Man könnte glauben, es sei ein Schultlopser, der die Toten in ihre Totenschule ruft. . . . Bald zeigt sich wieder ein Jude und noch einer. Aus jedem Hause kommen immer neue Gruppen in zerrissenen Röcken und weißen Socken wie Trauernde und gehen in tiefem Schmerz zur winkligen Tchulgasse. Jetzt wird'S im Gäßchen stiller. Alles ist werktäglich. Lauge, bleiche, loerktägliche Juden. Niedrige, eingedrückte, werktägliche Hänschen. Und ein kalter, werktäglicher Vorabend, wie er geiler» war und vorgesicrn. breitet sich dichter über das Städtchen, doch sind die Läden wie ain Freitag vor Nacht geschloffen, und cs. scheint, als ob ihr Leben plötzlich abgeschnitten iväre. Und immer stiller wird es und dunkler. Mir ist, als ob der Leichenzug eines sehr großen Rabbi über den Markt hinzöge. . . . Soeben erschienen: ״Hickls Wiener jüd. Bolkskalender".! j