Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 28 (23.7.1914)
- Date
- 1914-07-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2621806-2621897-2621925--2918-2624056- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
eeitf 4. ״Mische gtlfifUmwc.* Nr. 28 len Kreisen Oesterreichs eine führende Rolle innehat, findet Dank feinem von den Eltern her übernommenen guten Herzen noch Zeit, in den hervorragendsten kulturellen und wohltätig geil Institutionen tätig zu fein. Die Juden Präge׳ zählen stolz Herrn von Fuchs zu einem ihrer Besten. Er ist Vizepräsident der Kultusgemeittde, Vorstarid im neuen Tempel, Obinonn, Ehrenuitd Ausfchustinitglicd zahlreicher jüdischer Vereine. Sein Lebenswerk ist unbedingt der Bau des neuen isr. Spitals, das an Stelle des alten, baufälligen iit der Judenstadt in Slraschnih erstehen soll. Er leitet als Obmann die Aktion des Spitalbauvereines, der die Mit- Id zum Bau aufbringen soll, seit dein Bestand des Vereines durch fünf Jahre. ׳Seinein Einflus;. seiner Umsichtigkeit und Rührigkeit, seiner Persönlichkeit überhaupt ist es zu danken, wenn es dem Vereine gelungen ist. unter den Glaubettsgcnosten den zur Inangriffnahme des Baues nötigen Betrag in so kurzer Zeit aufzubringen. Tie Kranken werden des grasten Wohltäters stets dankbar gedenken. Aber auch andere erflehen für den ernsten, gerechten und dabei lierzcnsgutcn Mäzen des Himmels weiteren Segen. Die Waisenkinder und viele, viele, denen Herr von Fuchs in stillem Wahltun hochherzig die Lebensbahn geebnet hat, rufen ihm aus dem Herzensgründe zu: Ad multos annos! Dankbaren Herzens gegen die Vorsehung gedenken wir noch eines Ereignisses der letzten Woche, das sich im Gerichtssaal abgespielt hat. Am Ostermontag verschwand der llsährige Sahn einer armen Wittve in Nuslc namens Cap. Trotzdem sein Bruder und zwei andere Schulknaben bestimmt erklärten, dast ihn ein Mann unter der Vorsviegclung. er möge ihm gegen Entgelt von 1 K ein Paket tragen, znm Bahn- Hof geführt habe, ohne dast der Knabe überhaupt mehr zurückkehrte, dast er sich also um eine mVsteriäse Entführung handle, brachten Dunkel- Männer sofort dos t^tcrücht vom — Nitnalmord ans. Aber die Lüge hatte kurze Beine. Die Praaer Polizei icbte alles daran, des perversen Entsührers habhaft zu werden, lind cs gelang ihr, im Verein mit der von der Lehrerschaft instrui-erten Schulfngend dieses Individuum zu ergreifen. Es war der 2lliähriac bulgarische ׳Lindent Eristo Ftitsch, ein sittenloses, schon in Warna wegen Schändung vorbestraftes Snbsekt, das sich an Schülern verging . . . Alle die kleineu. unglücklichen Zeugen erkannten den Perbracher, der •ז־וי>יח> olles leugnete, schliesslich aber unter der Wucht!׳er Tatsachen verstummte. Der Pro reu wu׳׳d׳׳ ״e׳׳toat. Dast aber Ftisch den Nudolf Eav entt"b-k und über dessen Verbleib Genanes weist, ist Tatsache. Dr. W. Klein. Dr.Rud.Katbolicky ordiniert täglich von 2—4 Uhr Brünn, Ferdinandsgasse, beim ״Roten Krebs', Größere Operationen im Sanatorium auch für Minderbemittelte. Telephon-Nr. 003. Personenlift. Predigtensammlung zeitgenössischer Kanzelredner. Unter dem Motto: ״Das Beste vom Besten" wird der Jüdische Buch- und Kunstverlag in Brünn in den nächsten Tagen die erste Lieferung des Sammelbuchcs zeitgenössischer Kanzelredner aus den Büchermarkt bringen. Die erste Lieferung enthält Reden für sämtliche Fest- und Feiertage des Jahres, sowie sonstige Gelegenheitsredcn. Tie Nennen der Autoren 11. a. Obcrrabbimu־ Dreysust. Rabbiner Dr. Fcuchtivang, Oberrabbincr Dr. Güdemann, Chicfrabbi Dr. Hertz, Professor Tr. Ad. Kurrein. Rabbiner Tr. D. Leimvörser, Rabbincr Dr. Littmann, Obcrrabbiner Dr. Margulics, Rabbiner Dr. W. Münz, Gleiwitz, Landesrabbiner Tr. B. Placzek, Brünn, Dr. E. Werner, München, welche als Kanzelrcdna־ einen Weltruf geniesten, bürgen für die Gediegcnheit des Sammelbuchcs. Preis K 4. . I" Porbcrcitung Pond II. Hochzcitspreüigleu. Baud!II. Trauerpredigten, Nachrufe. Weitere Bände erscheinen in rascher Rcihcnfolgc. Vermischtes. Moses Mendelssohn Abenteuer in Dresden. Der Philosoph Dcoscs Mendelssohn wurde einst wider seinen Willen in einen öffentlichen Schrifiwcchscl mit Lavater verwickelt, als dieser ihn durchaus zum Christentum bekehren wollte. Dieser Streit war ihm höchst unangenehm und griff ihn so an, daß er bald darauf eine Erholungsreise antrat. So kam er am 16. August 177V mit feinen Damen nach Dresden. Fremde Juden mutzten damals in der sächsischen Hauptstadt Zoll und Geleite und, wenn sie sich länger als einige Tage aufhicltcn, auch Nahrungsgcld an die Gencralakzisc- Einnahme zahlen. Mendelssohn lachte zuerst laut auf, als am Morgen nach seiner Ankunft der Jndcnaufwärtcr Lobet Schir bei ihm cintrat und 20 Groschen sordcrte, um einen Zoll- und Gcleitzettel für die Gesellschaft zu holen. Dann aber sagte er bitter: ״Nun sch' ich erst ein, wie gut cs Lavater mit mir meinte!" Nachdem diese Angelegenheit erledigt war, besuchte Mendclssohn die damals noch in einem Salon des Zlvingcrs ailsgcstcllic kurfürstliche Bibliothek. Der Bidlioihekar Daßdorf konnie sich nicht glücklich genug schätzen, de» berühmten Philosophen zu führen. Zum Schlüsse fragte er Mendelssohn, wie ihm Dresden gefalle. ״Ihre Stadt ist herrlich", antwortete dieser, ״Ihr Land noch herrlicher, aber —" und nun erzählte er dem vcrdutztcn Beamten, was ihm kurz vorher in aller Herrgottsfrühe pasticrt war. Er schloß mit dem Ausruf, es wundcrc ihn, ,daß man hier Berliner Inden und polnische Ochsen im Range glcichstellt!" Tatzdors stand dabei wie auf feurigen Kohlen, entschuldigte das Vorgehen des Zöllners, der eine strenge Auffassung seiner Pslichtcrsüllung habe und tröstete Mendelssohn, daß der faux pas wieder gutgcmacht werden solle. Doch der Philosoph bat, einer Sache nicht weiter zu gedenken, die kaum der Rede wert sei, und ging. Doch kaum lvar er fort, so nahm auch Datzdorf Stock und Hut und eilte, um die ärgerliche Geschichte gleich , vor die rechte Schmiede zu bringen, zu dem Geheimen Finanzrat Frcihcrrn von Fcrbcr, in dessen Hause er Hofmeister gewesen war. Ferner, nicht bloß ein tüchtiger Staatsmann, sondern auch ein Freund und Kenner der Literatur, fand die Sache ebenfalls sehr verdrießlich. Er teilte vollkommen Datzdorss Furcht, daß die Berliner Gelehrten sich öffcntlich über die Dresdener Finanzbchörde lustig machen ivürdcn, und eilte, sogleich den Kabincttsminister Frei- Herrn von Gutschmicd davon in Kenntnis zu setzen. Der Erfolg lätzt sich denken. Schon am nächsten Morgen wurde dem Geheimen Finanzkollcgium mittels allerhöchsten Reskriptes anbesohlcn, ״dem Berliner Gelehrten mosaischer Religion, Herrn Moses Mendelssobn, die ifim abverlangten 20 Groschen zurück- und zugleich zu erkennen zu geben, daß er mit seiner Familic in Dresden nach Belieben sich aufhaltcn könne, ohne die mindesten Abgaben zu entrichten". Mendelssobu freute sich dieser Auszeichnung. Noch froher aber waren die Dresdener Herren, dciicn diese ״entsetzliche Geschichte" eine schlaflose Nacht bereitet hatte. Baron Rothschild als ״Bettler". Der berühmte französische Maler Eugene Delacroir, besten Grsarntschöpsungen kürzlich in einem Bcrlincr Kunstsalon ausgestellt lvarc», speiste eines TagcS bei Baron Rothschild und sah während des ganzeil Diners so aufmerksam und unvcrlvandt auf das Antlitz des Hausherrn, daß es diesem aufficl und er nach au׳- gestobener Tafel den Künstler nach der Ursache fragte. Delacroix erwiderte, daß er seit Monaten vergebens in Paris »ach dem Modell für eine Bettlcrfignr suche, die er auf seinem neuesten Bilde anbringcn wolle. und nun entdeckt habe, daß, seltsam genug, gerade Roth-־ schlid den richtigen Köpf habe, wie sich ihn der Maler denke. ״Wie schade ist cS", sügle der Künstler hinzu, ״daß der Herr Baron, wen» schon kein ״Bettler", nicht wenigstens ein Modcllsteher ist!" Rrthschild entgegucte, daß er gewohnt sei. für die Kunst kein Opfer zu scheuen und daher gern bereit sei. in das Atelier zu kommen, um für den Bettler auf dem Bilde Modell zu sichen. So geschah cs. Delacroix hatte ihm im Atelier die passende Tunica übcrgclvorfcn und einen langen Stab in die Hand gegeben. Ein junger Künstler, Freund uns Schüler des großen Malers, Halle allein Zutritt zu dem Atelier, und bei seinem Eintritt von dem Anblick überrascht, steglücktvünschlc er den Meister, das langgesuchtc Modell endlich gesunden zu staben. Ahnungslos, daß er nicht ivirklich einen von der Stratzeausgcgrisfencn Notleidenden vor sich sah. drückte der junge Mann dem reglliigsios Sitzenden heimlich ein Zwanzigsrancsstück in die Hand. Rothschild danlte durch einen Wink der Augen und behielt das Geld, zog aber nach der baldigen Entsermiilg des Gebers Erkundigungen über ihn bei Delacroix ein. Der junge Mann war ziemlich unbcmittelt, lebte größtenteils von Lehrstunden, die er gab, und sollte erst Karriere machen, woran ihn eben der Mangcl an Mitteln einigermaßen hinderte. Rothschild noticrte sich Namen und Adresse, und nach nicht langer Zeit erhielt der junge Mann einen Brief, in welchem Baron Rothschild ihm mittcilte, daß Wohltun immer Zinsen trage, daß die Zinsen für den mildtätig gcspenbeten Louis sich zufällig im Komptoir Rothschild angesammelt hätten, wo der junge Mann sie in einem Betrage von mehr als zehntausend Francs beheben nwgr. Das Goldland König Salomos. Eine in Amsterdam erscheinende Zeitschrift brachte eine Zuschrift aus-Zecrust in Transvaal, in welcher die allerdings sehr unwahrscheinliche Vermutung ausgcsprachen wird, daß das in der Bibel genannte und bön den Gelehrten vergeblich gesuchte Ophir, über welches der jetzt viel genannte Afrikarciscnde Peters einige Forschungen vorgcnommen, und von wo die Schiffe des Königs Salomo Gold holten, in der Nähe des genanntcn Platzes zu suchen sein soll. Die Zuschrift lautet: ״Man hat hier Minenanlagen entdeckt, die sehr merkwürdig sind. Man sieht deutlich, daß an der westlichen Seite des Berges (Abjarters Kop) drei Schächte gegrabcn lvordcn sind; zwei der Tunnels sind bei der Ocffnung cingestürzt, aber der eine derselben war noch offen. Wir krochen eine Strecke weit hinein, aber da wir keine Lichter bei uns hatten, könnten wir nur so weit cindringen, als cs das von der Oeffnung her eindringende Licht erlaubte. In einer Tiefe von etwa ISO Fuß ist der Tunnel durch Balken von sehr altem, harten Holz verschlossen und die Balken selbst sind mit schlvcrcn behauenen Quadern umgeben, sodaß es für uns nicht möglich war, über dieselben hinzustcigc». Ich halte dafür, daß diese Tunnels von den Bergleuten des Königs Salomo angelegt worden sind. Dieselben sind 50 Ellen von einander entfernt und laufen einander parallel; in einer gewissen Tiefe sind Galerien, welche diese Tunnels miteinander verbinden oder zu verbinden scheinen, und den Tunnels entlang sind senkrechte Schächte gegraben. In einen derselben warfen wir eincn Stein und wir hörten, wie derselbe nach ein paar Sekunden auf den Boden aufschlug. An der östlichen Seite des Berges, nahe an der Spitze, ist ein senkrechter Luftschacht in den Berg eingelassen, der wohl mit den anderen Tunnels in Verbindung stehen wird. Nach der Bodcnbeschafscnhcit zu schließen, scheint hier eine UNtcrirdtschc alluviale Goldminc gewesen zu sein. Sechzig Meilen östlich von Abjarters Kop ׳liegt der Pilaansberg, der ,das Depot der salomonischen Goldsucher getvcscn sein muß. Welche von der Küste mit Lebensmittcln versorgt wurden, und wahrscheinlich haben die Arbeiter die Tunnels in Abjarters Kop mit Balken vekzimmert, weil sie wieder nach Hause zurückkchren mußtcn. Jedenfalls darf man, wenn die Mine in nächster Zeit ausgebcutct wird, sehr interessanten Entdeckungen cntgcgcnschen". Wir vermuten, daß die Komblnation sich als eitel erweisen Ivird, und das Land Ophir noch weiter seines Entdeckers wird harren müssen. Der Name Mephistopheles. tlcbcr die Hprkunst des Namens Mephistopheles sind die verschiedensten Hypothesen aufgestellt tvorden, ohne baß doch bisher eine befriedigende Erklärung gegeben werden konnte. Goethe selber schrieb am 20. Novcmbcr 1820 alt Zeltet: ״Woher der Name MephistophclcS-entstanden/ wüßte ich nicht direkt zu beantwortcn." Die einen Meinten, cs handle sich u»l eine hebräisch-gricchische Mißbildung, der Name sel zusautincngcsctzt aus mephis-Vcrdcrbcr ünd tophcl-Lügner, ivährend die andern lhn aus dem Griechische»: ״das Licht, oder Faust nicht liebend^', erklären wollten. Das ist denn aber doch zu künstlich und gezwungen. Die ursprüngliche Form war ״Mcphostophiles"; bas i drang zuerst im Englischen ein. und setzte sich in Deutschland durch das Vollsschäuspict durch. Jetzt versucht A. Öehlkc in dem soeben erschienenen ״Goethe-Jahrbuch" eint neue Erklärung. Er stützt sich dabei auf bas Alte Tc« stament. Im 2. Buch Satnuelis, Kap. 4, V. 2, ist die Rede von Sauls Sohlt Mephi-Boseth, der lahm ist. Ebeudort im 15. Kap-, V. 2 wird Ahl-Lhophel erwähnt, der ein Ungetreuer Ratgeber Davids ist, ihn verrät Und zu Absalon übctgcht, und auch diesen übel berät, indem er ihn veranlaßt, die Kebswelbek seines Vaters David zu bcschlafcn. Im Mittelalter war eS durchaus an der Tagesordnung, wenn man böse Geister bettamsen wollte, seine Zuflucht zum Hebräischen zu nehmen. So gewinnt die Vermutung an Wahrscheinlichkeit, daß aus diesen beiden Namen der Name Mephistopheles zusaminengesetzt sei. — Goethe wählte die verkürzte Form Mephisto, weil die Länge der Anrede im Vers widerstrebte. Dagegen ivandtc sich poltcnd Schopenhauer in seinem Aufsatz ״lieber die Verhunzung der deutschen Sprache": ״Das studium brcviatis geht so weit, daß sic dem Teufel den Schwanz abschncidcn, und statt Mcphisiopheles schreiben: Mephisto."