Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 28 (23.7.1914)
- Date
- 1914-07-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. ״Jüdische »olkSstimme." Nr. 28. Lo se haderech. Tie ganze zionistische Arbeit zielt daraufhin. Palästinas Grund und Boden immer mehr in Besitz zu nehmen, das Land selbst zu einer, Menu auch vorläufig nur geistigen. Zentrale der Gcsamtjudenljcit zu machen und hier den Mittelpunkt für die Judenheit der ganzen Welt zu schaffen. Will nun Palästina, das wohl bisher auch stets das Interesse der meisten Juden erweckt hat, zu der geistigen Führerschaft gelangen, ixmn must cs sich verjüdischen, cs bars nicht wie bisher ״der Galut in Palästina" in überwältigcndcr Mehrheit herrschend bleiben. Der Sprachenstreit hat bewiesen, das; cs den Zionisten darum zu tun, ein jüdisches Palästina zu haben, selbst wenn sie es mit Gewalt erzwingen müßten, .«ein Opfer ist zu grast, um die hebräische Sprache herrschend zu machen und die Anhänger des Zionismus haben wieder einmal bewiesen, was Begeisterung zu leisten fähig ist. Vor der aufgcrüttelten, staunenden Judenheit vollzog sich ein stampf der zionistischen Partei mit dem Wohlfundierten, angesehenen Hilfsvereiin der deutschen Juden und wietvohl die unfaire Kampfweise dem Hilfsverein Vorbehalten blieb, haben dennoch die Zionisten einen ehrlichen, wohlverdienten und vollständigen Sieg errungen. Umso befremdender, ja schier unglaubhaft wirkte die Nachricht. die vor mehreren Wochen zuerst durch die antizionistischcn jüdischen Blätter ging, jüdische Arbeiter wären auf einem Besitze der der Agudath Nctaim gehöre, in Streik getreten. Noch unglaublicher wurde die Botschaft als inan den Grund hörte. Araber hatten einen der jüdischen Arbeiter erschlagen, daruiu forderten seine Genassen die Anstellung nur jüdischer Arbeiter und als diese Forderung nicht bewilligt wurde, tratcn sic in den Streik. Also nicht materieller Norteile willen tvar der Streik begonnen worden, ein wahrhaft edles Motiv lag ihn: zugrunde, die Arbeiter wollten nicht zugebcn, daß kostbares jüdisches Blut unnütz verspritzt werde, doppelt kostbar, da cs Blut jüdischer Kulturpionier« ist. Und diese Forderung konntie sich Juden, Zionisten, widersctzcn! Wir wollen und können die Stellung dieser Volksgenossen nicht cntschuldigen, wir können nur versuchen, sie zu verstehen, indem wir das ganze Denken und Fühlen der Grundbesitzer analysieren und so zu einem 3tcsultat« zu kommen trachten. Gehen wir in der Geschichte des Zionismus zurück, so finden wir den einen Grundgedanken, die Kolonisation Palästinas auf rein kommerzieller Basis aufzubauen. Man wollte beweisen, daß die Kapitalsan läge iu Erez Israel sich mindestens in gleicher, wenn nicht gar in bessevcr Weise verzinse und so daß jübifdyc Großkapital für das Land interessicren. Sind gute Anlagemöglichkeitsn da, muß man nicht erst bitten, sondern Großhandel und Industrie, die gute Etjancen schen, kultivieren das Land selbst, nicht dem Lande, sondern sich zuliebe. Dies war der Grundgedanke! Wie wir schen, streng logisch erfaßt und auch durchführbar, doch in, seiner Gänze nur dann, toejut man sein Interesse an der jüdische n Besiedlung aufgab und die billigsten Arbeitskräfte im Land verwendete, die Araber. Ein Beispiel wird uns oies a»t besten vergegenwärtigen. Zwei Aktiengescüschastcn A uitd B kaufen in Erez Israel Boden, mit ihn zu bewirtschaften. A wird Arabcr, also sehr billige Arbeitskräfte verwenden ilnd geringe Löhne zahlen, daher größere Dividenden ausschütten, B wird Juden verwenden, größere Löhne zahlen, daher nur geringere Dividenden erzielen. Daraus müßte sich mit eherncr Äonsequenz ein Fallen der B-Aktien ergebeit, welches schließlich den Ruin herbeiführen würde. Nun legen wir einmal den Maßstab au den Bürger des Mittelstandes, dem doch die im speziellen Fall erwähnten Mitglieder der ״Agudath Nctaim" augehören. Selbstverständlich wird er, dem doch jede gegenwärtige Mehreinnahme noch mehr auffällt, die billigste Arbeitsmethode wählen, um den größten Nutzen zu erzielen. Die Beantwortung der Frage, wieso der jüdische Arbeiter mehr Lohn verlangt als der Araber, nehmen wir vorweg, indem wir den Unterschied in der Kulturstufe der beiden zu bedenken geben. Notwendigerweise hat der höherkultivierte Jude unvergleichlich höhere Lebensbedingungen als der Araber, der sich z. B. mit Erdlöchern als Wohnung bedient. Vom Standpunkt des Kapitalistcn ist Wohl das Vorgehen der Agudath Netaim zu verstehen, von dem deS zionistischen Kapitalisten nicht mehr in keinem Falle aber zu verzeihen. So wenig wir cs leugnen wollen, daß man mit allen Mitteln darnach streben muß, soviel als möglich Boden Palästinas in jüdische Hände zu bringen und urbar zu machen, so wenig können wir cs verwinden, wenn hiebei das Wichtigste außeracht gelassen wird, die Verjüdischung des Landes. Es ist wohl ein Erfolg, wenn ganz Palästinas Boden in jüdische Hände gelangt und die Juden ähnlich den Farmern Südamerikas im Lande die Besitzer sind, aber eine Verjüdischung ist dies nicht. Unser Streben muß darnach gehen, alle sozialen Klagen und Stände, vom niedrigsten bis zum höchsten jüdisch zu machen und hiebei ist die gesunde und vernünftige Entwicklung die, daß mit allen Kräften das jüdische Proletariat statt des arabischen herangezogen wird. Wenn wir nicht nur fiktive Herren in Erez Israel sein wollen, die bei dem geringsten Volksaufruhr davongejagt! tverden, dann müssen wir das jüdische Arbeitermaterial dem arabischen gegenüber direkt verhältscheln, nur so kann eine Verjüdischung cintreten und nur so ein richtiger Erfolg erzielt werden. Deutschland will Posen deutsch machen und verwendet Hunderte von Millionen dazu, nur um diesen Plan zu verwirklichen; cs verpflanzt deutsche Bauern in die polnischen Grenzprovinzen, um sie deutsch zu machen, wiewohl es hiebei unendliche Nachteile, auch in materieller Hinsicht in Kauf nehmen mutz — und dabei handelt cs sich unt fvemdes Gebiet, das erobert wird, die Zionisten, die Arader beschäftigen, übersehen augenblicklicher vermeiutlichcr Vorteile willen das Endziel. In so wichtigen Fragen müßte die Bewegung mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln cingreifen, sie müßte ein solches Vorgehen auf welche Weise immer unmöglich machen. Vor einer bloßen Erkaufung Evez Israels wollen wir nichts wissen, wir wollen das Land erarbeiten, durch und durch jüdisch machenvom chotcf ejz bis zum sozial Einflußreichsten. Auch die mangelhafte und späic Information über so wichtige Vorfälle durch die ziouistische Presse müssen wir der Leitung, auf deren Geheiiß dies voraussichtlich geschah, übclnehmcn, die Zionisten sind keine kleine Kinder, denen man nur die rosigen Dinge mitteilt, sie wollen sich auch über unangenehme Vorfälle und noch dazu von so einschneidender Bedeutung ihre Meinung bilden. Hoffen wir, daß das E. A. C., welches im Schulstreit so tapfer und erfolgreich gekämpft hat, auch in dieser Angelegenheit, welche von noch wichtigerer Bedeutung ist, allen Leuten, denen Palästinas Kolonisation n u r als Geschäft erscheint, ein kräftiges hands of zurufcn wird. Unmöglich kann und wird inan cs dulden, daß von Juden Araber in Palästina großgezogen werden, nur daiuit sie eine größere jährliche Verzinsung ihres Kapitals erzielen. Das jüdische Arbeiterelement in Palästina ist viel zu schwach an Zahl, als daß man ihm noch derartige Schwierigkeiten bereiten dürfte. Schließlich steht der jüdische Arbeiter qualitativ uur so viel höl>er als der Araber, daß, er an dem Arbeitscffckt genressen, er den Arbeitgeber Wohl nur um geringes höher zu stehen kommt. Wir erivähnen dies zuletzt, weil wir es für vollkommen irrelevant halten und der festen Ueberzeugung sind, daß in Palästina, soweit zionistischer Einfluß reicht, nur jüdische Arbeiter verwendet werden dürfen, selbst, wenn bei ganz gleicher Verwendbarkeit dem Juden der höheve Lohn gezahlt werden muß. Daß auf der einen Seite jüdische Zeitungen voll Stolz registrieren, das; deutsche Kolonisten ausdrücklich jüdische Wächter suchen,auf der nächsten von Streiks, den zionistische Arbeiter gegen zionistische Grundbesitzer führen müsien, berichten, wird hoffentlich bald aufgehört haben. Wir wollen Palästina nicht zu einem jüdischen Grundbesitz, besten Herren dem einheimischen Volke fremd sind, machen, sondern zu einem ivahren Erez Israel, in dem die Iuden das heimische Volk sind. Adolphe Cremieux — Moritz Hirsch — Theodor Herzl. Drei Briefe aus dem Nachlasse meines Stiefvaters. Von Dr. Hanns F i s ch l. Meine Mutter hatte nach zehnjähriger iu Brünn verlebter Witwenschaft dem Wiener Arzte Dr. Bernhard Beck ihre Hand gereicht, der vor zweieinhalb Jahren hochbetagi gestorben ist. In seinen hinterlassenen Papieren fand ich ein Dankschreiben der Alliance Israelit« Universelle nebst drei Briefen, di« teils durch ihren Inhalt, teils durch das Airdenken, weicht das jüdisehr Volk den Schreibern jener Zeilen ehrsurchtsvoll widmet, einen teueren Familienschitz bilden. Wenn ich das kleine, aber wertvolle Dossier der Oesfentlichkeit mitteile, so bringe ich damit einerseits ein Stück jüdischer Geschichte Di fernen Orient zutage, anderseits erfüll« Ich einen Akt der Pietät einer nal)cgestandenen Person gegenüber, di« bescheiden, ohne religiöse und natiouale Phrase, im Dienste des muselmanischen Großherru stehend, dazu beigetvagen hat, das Los der Stammesgenossen in Arabien nach Kräften besser zu gestalten. Dr. Bernhard Beck war mit einer Schar junger Aerzte anfangs der siebziger Jahre des vorigen Jahrhundertes zur Reorganisation des türkischen Militärsanitätswesens nach dem Orient gegangen und hatte als Stabsarzt in mehrercn Garnisonen, unter anderem als Chefarzt des Garnisonsspitals von St. Jean d'Acre, in hervorragender Weise gewirkt. Als unbestechlicher Europäer und als Jude angeseindet, schied Dr. Beck nach zweijähriger Tätigkeit ans dem türkischen Heeresverbande und ließ sich in Bagdad nieder, woselbst er zur Würde eines Oberphysikus gelangte. Aehulich wie in Marokko noch heute, besauden sich die Bagdadcr Juden in gedrückten Verhältnissen, aus denen zu befreien Dr. Beck den besten Weg suchte und fand. Er gab mit Unterstützung der Alliance Jsraelite seinen armen Volksgenossen eine Schule und wies ihnen damit di« Bahn zur geistigen und politischen Befreiung. Im Anschlüsse an diese kurze Legende folgen die Briefe in deutscher Uebersetzung aus dem französischen Original. Ein Brief Theodor Herzls, der natürlich mit der Bagdader Schule in feinem Zusammenhange steht, erinnert an die freundschaftlichen Beziehungen, die di« beiden Männer im Leben einst verbanden. Entfernte Verwandtschaft und geistige Bestrebungen ließen di« Beiden, welche Alter und politische Anschauungen im Abstand hielten, zu einem ephemeren Werk« — eiu Lustspiel ״Kampagniearbeit" — zusammentreten. Im Leben nach und nach sich entfremdend mußte der Acltere trauernd an die Bahre des Anderen treten, den: er die Anregung zur frühlichen Führung der Feder gab, und dessen hehres Lebenswerk er mit warmem Interesse verfolgte, selbst einer, der zur Judenemanzipation einen Baustein zugetvagen hatte. Folgen di« Briefe: ״Alliance Jsraelite Universelle, Comite central, rue de Trcvise 87, Paris, den 21. Februar 1877. Nr. 274. Herr Doktor! Ter Direktor unserer Schule iit Bagdad, Herr Garat, hat uns von denr lebhaften Interesse berichtet, tvelchcs Sie für den Fortschritt der Israeliten bekunden und wovon Sie wiederholt wertvoll« Proben abgelegt haben, Nachdem Sie vor zweieinhalb Jahren der Schule ein Geschenk von 220 Francs geinacht und für die Kosten der Erziehung von zwei armen Kindern gesorgt haben, haben Sie uns geholfen, die Bedeutung des Schulwerkes ciuzuschützen, indem Sie sich bereit erklärt haben, nach Ihren Kräften und Ihren Mitteln dazu beizutragen. Das Ceutralkoinitve ist von diesen Beweisen der Sympathie für sein Werk tief gerührt und ermächtigt uns, Ihnen all seinen Dank auszudrücken. Genehmigen Sie, Herr Doktor, die Versichcrung unserer höchsten Verehrung. Gez. Ad. Cremieux m. p. Isidor Leeb m. p. Herrn Dr. Beck, Bagdad." Das zweite Schreiben trägt die eigenhändigen Züge des Senators und Jnstizministcrs von Frankreich, Adolf Cremieux: Am Kouvert: ״Herrn Dr. Beck, Praterstrahe Nr. 28, Wien (Oesterreich)."