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Jüdische Volksstimme · 1914-07-23 · Heft 28 (23.7.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 28 (23.7.1914)
Date
1914-07-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Erscheint jeden Donnerstag. Bezugs »reise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 620־ ganzjährig.Kronen 12 — Deutschland, ganzjährig.Mark 12 — Rußland, ganzjährig.Rubel 6•— Balkan, Frankreich.Franks 14•— Wiener Mit der Beilage ״Das jüd. Leben in Galizien" Herausgeber: Max Hickl. -m Nummer 28. Jahrg. XV 2. imif. Geschasts!1elle, Wie»: Rotenturinslcaße 'Jh. 31. Telephon 30ÜÖ/VIH. Äprechjtnnden von Ul—13 Uh: Inserate: die Ospaltige Petitzeile 30 h. Unverlangie redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Brünn—Budapest. Wien, ijjj• Prag—Lemberg. Die P. C. Empfänger werden böNicbrt ersucht, dar flbcnne־ meni$ zu bezahlen. « « « . Rumäniens Dankbarkeit. Im vorigen Jahve, ols Rumönien gegen Bulgarien zufelde zog, da eilten tausende Inden dem Vaterland, das sie stets nur als Fremde betrachtet hatte, zuhilfe. Tie Negierung versprach damals, allen das Bürgerrecht zu gewähren und auch die antisemitischen Blätter konnten äugesichts der patriotischen .Haltung der Juden nichts dagegen schreiben. Seitdem sind viele Monate verflossen, die Regierung beginnt an die Dienste der Inden zu vergessen und da sie vergessen will, lvird ihr dies nur gar zu leicht und rasch gelingen. Die rumänisHm Juden wollen diesmal aber die Regicrungstaktik doch nicht ruhig hinnehmen und haben in einer Eingabe an das Parlament Gleichberechtigung mit den rnmänischeu Staatsbürgern anderer Koiisession gefordert. Alle rumänischen Zeitungen publizieren nun als Antwort hierauf eine Kundgebung des Sekretärs der rumänischen — sit venia verbo - ״>tult11r"-Liga, Professor Bogan Duica, der die Iudcnfrage als Machtfrage erklärt und droht, die rumänische Bevölkerung werde ans den geringsten Versuch der Regierung, sie im Sinne der rumänischen Juden zu lösen, mit Pogroms antworten. Professor Duica glaubt wohl selbst nicht an die Möglichkeit einer solchen Lösung von Seite der Regierung und will scheinbar mit sei- Heilige Trauer.*) Der hochberühmlc, weise Rabbi Eleasar Schemen Rokeach hatte einen Sohn, den er besonders liebte. Diescr Sohn, nainens Aaron, war mit seltenen Vorzügen geschmückt. Sein unendlicher Fleiß int Studium der Thora, die Weite und Tiefe seines Wissens wurden nur vo» seiner wahrhaften Frömmigkeit ilnd seiner demutsvollen Bescheidenheit übcrtroffcn. Es gab für Rabbi Eleasar keine seligeren Stuuden, als wenn er im stillen Studierzimmer gemeinschaftlich mit seinem Sohne in der heiligen Lehre forschte und von der Höhe seiner umfaffendcn Kennt- »isse die scharfsinnigen Fragen des hochbegabten Iünglings zu beantworten hatte. Mit inniger Seelenfreude sah der greise Rabbi auch durch diesen Sohn an sich die Verheißung in Erfüllung gehen: ״Mein Wort wird nicht weichen aus deinem Munde und nicht aus dem Munde deiner Kinder/' Doch in Gottes uncrforschlichem Rate war cs anders beschlossen. Aaron war zu rein und lauter für diese Welt: kaum achtzehn Jahre alt, hauchte er seine edle Seele aus. Rabbi Elcasar befand sich auf einer weiten Reise, als dieser schwere Schlag seinen Familienkreis traf. An einem Freitag Nachmittag kehrte der Rabbi heim. Ein Blick, und er merkte, was geschehen war. *) Aus dem Buche ״Einsames Land". Erzählungen und Stimmungsbilder von Dr. Wilhelm Münz. 2. vermehrte Auflage. Verlag I. Kaufmann in Frankfurt a. M. wer Verösfenttichung nur die rumänischen In- Len von weiteren Schritten in der Frage der Gleichberechtigung obschrecken ׳, wir können Len, sollte er wirklich an die überaus große Indenfreundlichkeit der rumänischen Regierung glauden, versichern, daß dem nicht so ist und sind in der Lage ein Dokument zu veröffentlichen, das gerade aus jenen Tagen zu stammen scheint, in denen die Juden ihren Patriotismus mit ihrem Blute zu besiegeln bereit waren. Wir eutuehmei: dem soeben erschienenen deutschen Jahresbericht der Alliance Isr. Universelle den von dem nimm Nischen Blatte ״Seara" veröffentlichten Gel>eimbeseht einer höheren militärischen Stelle Rumönicns, wahrscheinlich des etri-egs!»inisterinms: ״Es ist demnach Ihre Pflicht, fvlgender Frage besondere Aufmerksamkeit zu schenken: die Kompogn »׳führe!׳ sollen sich nach Leu Auschauungeil aller Mai!!!schäften erkundigen, die nichtrulnänischen Ursprungs sind, besonders inbetreff aller Juden. Einer alten Verordnung gemäß, die Sie erhalten haben, wäre es ratsam, dies e. n ä m l i ch di e I n d e 11, n i ch t z n b e s ö r d e r 11. Andererseits dürfen wir die Leute ni>ch!׳ unzufriedeii machen und müssen deshalb unsere Meinung über sie sehr geheim halten׳, es darf nichts durchsickern, das sie erkennen ließe, daß ihre gute Gesinnung uns verdächtig ist. Zu diesem Zwecke muß jeder Ossizier die vorliegende Ordre geheimhalten und sie niemanden mitteilen. Sie werden d e 11 H a u p t l e u t e >1 m ii ndl > che P e r h a l - t n n g s in a ß regeln geben, die sie s i! r v^ertrauIich a 11 ל u s e h e n habe n. Wenn Sie der Meinung sein sollten, daß 111.1,1 irgend einer Militärperson nichtruinäiiischen Ursprungs Ein leichtes Zittern ging durch seine hohe Gestalt, aber er schwieg. Bleich und bestürzt standen die Scinigen um ihn da. Sie wagten kaum zu ihm emporzublicken: so sehr fühlten sie cs, daß der bebende Vater durch den Tod seines Sohnes bis ins tiefste Herz getroffen sei: so sehr fürchteten sie, daß der betagte Mann durch di.׳ Auf- Wallung seiner Empfindungen, durch den Ausbruch seines namenlosen Schmerzes zu Boden geschmettert werden könnte. Doch Rabbi Elcasar wandte sich zu seinen Augehörigen und sprach mit bcwniidernsiverter Gemütsruhe: ״Der heilige Sabbat kommt heran, wir müssen uns zu seinem Empfange vorbereite»." Hieraus wusch er sich, legte die Gewänder von weißem Atlas an, die er am Sabbat zu tragen pflegte, und ging schweigend in das Gotteshaus. Von der Synagoge kehrte er in seine Wohnung zurück, sprach zur Begrüßung des Sabbats den Segen über den Wein und über die Brote, und sowohl an diesem Abende als auch am anderen Tage kam kein Wort über den Heimgang des Sohnes von seinen Lippen. Zum Sabbatausgang versammelten sich wie gewohnlich die Jünger im Hanse des Rabbi, und »ach Beendigung des Abendgebetes reichte man ihm beim Abschiede vom Sabbat den Becher znin Segen. Mit fester und lauter Stimme sprach er in altherkömmlicher Weise über Wein, Gewürz und Licht die Habdalah: ״Gelobt seist du. Ewiger, unser Gott, Herr der Welt, der geschieden hat zivischen Heiligem und Unheiligem, zwischen Licht und Finsternis, zivischen Israel und den heidnischen Nationen, zwischen dem siebenten kJ n D e n n i c m a l s) eine Befor׳ de innig oder injeiiD eine Anslellnng geben solle, jo hoben Sie einen wohtbegriindeten und vertraulichen Lvnderberichl einzureichen." Was Die Iudeki von der Regierung >11 er märten hoben. Die ihr Versprechen, Den Inden, die om Kriege mitgenommen hoben. Dos Bürgerrecht zu verleihen, uichr Hollen wirD, ist soii sicher. Desseuuugeochtet hohen unsere Stommesgenossen in Rumänien Die Pflicht-gegen sich uuD olle IuDen, in ihrem schweren Konipse ons1:,׳ horren und sich weder von Den Drohungen der rninänischen Hooligons »och von der voraussichtlichen Erfolglosigkeit ihrer Beniilbungen von dem Streben noch Erlangung der Gleichberechki gmig obholten zu lassen. Die Juden Und ein am keschej oref, ein Volk mir einem horten Rocken, des müssen Misere Brüder in Rltinöiiien eiligedenk sein, sie werden noch inonche!! Schlag aus ׳,!!holten hoben, ober dennoch ollen Feinden ,,um Trotz tos Ziel erreichen. Wieweit Die Regi-erung Rumöniens Durch diese grausame Bedrücknng der Iiiden noch kommen wird, knnn man am besten ans dem Bericht des deutschen Generalkonsnls über die Fabriken in Jassy entnehmen. So berichtet er über eine Bomiiwollsobrik. daß sie bei einem Dnrchschnit'.'bedarf von /dt! Arbeitern nur 240־ Arbeiter, davon die »leisten Weiber und Kinder beschäftigt und daß die Arbeiterbeschossnng neuerdings Durch Die gesteigerte In- Denouswondernng erschwert!ei. Rumänien wove nicht dos erste Land, daß seine Indenveriol giiiigen. wenn auch noch jetzt nicht, so doch in Znkunft, bereuen wird. Tage und de» sechs Werktagen. Gelobt sei!! d». Elviger, der unterscheide! zivischen Heiligem und Unheiligein!" Kaum Halle er aber den Segen vollendet und von! Weine getrunken, als es ivie eine finstere Wolke iiber sein friedliches Antlitz zog und der Ravbi, von tiessiec Trauer umdüstert. auf die Erde sich setzte und mit tränencrilickter Stimme zu jammern begann: ״Mein Sohn, mein Sohn, mein geliebter Sohn, mein Gen. sse, inein Lehrer, di, Leuchte der Thora, w.irum hajl du :nich so früh verlassen! - - Mein Lohn, mein Sohn, ach, der Herr hat geschieden zivischen die, dem Heiligen, und uns, den Unheiligen! -du l׳ijt im Lichte, wir sind in der Finsiernis. Tl> ivaij! rein, und deine Seele >var rein: ivebe uns, daß du Fra,inner. Weiser, nicht mehr unter nnü weilst!" In die herzerschütternde »läge des Meiiiers mischte sich das Schluchze» der Jünger. Draußen aber vvr dem Hanse Halle sich in ahnungsvoller Bangigkeit ein großer Teil der Gemeinde versammelt. War derselben die Seelcngröße und der Heldenmut des Rabbi, der durch kein Wort der Betrübnis die :!iuhc »nd den Frieden und die göttliche Weibe des Sabbats verktzen ivollte, geradezu als übermenschlich erschienen: so!rieb sie jetzl der Zug des Her zenS in die Nähe des Rabbinerliauses, um an der he!ii gen Trauer ihres Führers »nd Lehrers ,,'tiileit zil »ehmen und ihm ihr Mitgefühl zu betunden. Als nun die Klagelante, lei'e ersterbend und ver hallend aus dem Hause ans die Straße drangen, erb>>:> sich draußen in der siillcii Itzachk ein lantes Weine» und Wehklagen . . . TaS Volk trauerte mit Rabbi Elcasar Schemen Rokeach um den srühvollcndeten Sohn. Soeben erschienen: ״Hickls Wiener jüd. Volkskalender".

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