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Jüdische Volksstimme · 1914-07-16 · Heft 27 (16.7.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 27 (16.7.1914)
Date
1914-07-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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״Jüdische »oNSstimme.« sonderen der zionistischen Bewegung fallen von hier ans erst Sie rechten Schlaglichter. Jetzt, wo das Leben des Einen, so jah abgebrochen, nun aber auch abgeschlossen vor uns liegt; und der Weg des Änderen eine neue entscheidende Wendüng nimmt, ist cs nicht eben schwer Prophete zu sein nach rückwärts, b. h. historisch zu sehen: wer aber hätte in der beginnenden Phase der Bewegung in diesen beiden Männern so tiefgchende Gegensätze gewahren mögen, die sich iin Verlauf der Bewegung, fast möchte man sagen, in zwei grundsätzlich verschiedene Richtungen auseinanderlcgen sollten? Und mit welchen Worten wären diese beiden Richtungen schlagender zu kennzeichnen als mit: Ost- und Westjudcntum? Wie einst Herzl und Birnbaum, so stehcn sich jetzt noch diese beiden Richtungen rivalisierend gegenüber, — und stehen wir nicht alle noch im Banne beider, schlvankenL zwischen Ost- und Westjudentum, bald dem einen, bald dem anderen zuneigend, jetzt diesem, jetzt dem enderen den Vorrang gebend? Denn noch ist die Entscheidung nicht gefallen; soll sie aber fallen, so kann es nur in dein Sinne geschehen, daß sie beide ״zu immer stärkeren Geburten sich rei- ' zend", einmal auf eine Grundkraft stoßen, in der sic ausgchen. in eins sich zusammenschließen. Diese Grundkraft aber wird keine andere sein als die religiöse Urkraft des Judentums. Von ihr war lange in der Welt nichts mehr zu merkcn; nicht in der allgemeinen Kulturwelt, in welcher, wie wir sahen, das moderne, das Westliche Judentum religiös sich versagte; aber auch nichts zu merken in der eigenen Welt, in der nationaljüdischen Bewegung; und namentlich nichts bei der Entstehung derselben. Es genügt ja davan zu erinnern, daß bei der besonderen Konstellation, die über den Anfängen der Belvegung. zumal der zionistischen gewaltet und auf ihren weiteren Gang bestimmend gewirkt hat, von Religion und religiösen Motiven auch nicht die Siebe sein konnte: es sei denn, daß man die Augenblicksstimmung in Anschlag bringt, die der zionistischen Organisation vorausging; Stimmungen und Augenblicke voller Spannung und Erwartung, wo dann freilich heimlich und intim, lvenn man sich tvahlverwandt zusammenfand, flüsternd davon die Rede ging, cs müsse lm Judentum zmn Durchbruch einer religiösen Bewegung kommen: denn was wäre ein das Judentum aufbewcgender Geist — ohne den Geist des Judentums, — ohne die Religion? Aber die Bewegung kam nicht; oder vielmehr statt der religiösen kam die nationale Bcwegung, und die kam aus dem Geist des Westjudentums: so ward wcstjüdisch ihre Form, Westjüdisch ihre ganze Struktur.' Und das Ostjudentum? Wo war das Ostjudentum? Es stand zum Greifen nahe der Bewcgung, und griff nur selber mit der stärksten Macht, die ihm eignet, ganz und gar nicht ein: cs stand mit seiner Religion pasiiv zur Bewcgung: ein Schauspiel ohne gleichen; ein Volk mit dem stärksten Glauben, jeder Einzelne mit seinein Gott, von seinem Gott bewegt; und zusammen als Volk, — als Volk? — mit seinem beiden getragen wurde und getragen wird. Auch Glauben unbewegt, unbewegend: es waren jü-'jetzt noch. Diejenigen, die spotten und sagen, dische Wtassen, kern jüdisches Volk noch: und die!Birnbaum habe sich mit seiner letzten Wendung oiese Mapen weckten, ausriefen, ausrüttelten׳ auf's Altenteil zurückgezogen, die mögen nur, Theodor Herzl und Naitzan Birnbaum — sie! wenn sie sich darin gefallen, weiter spotten, stunden beide im Westjudentum, in diesem ei->Wir anderen erhoffen anderes. Die Religion ist n e n Ziele einig, in auem klebrigen getrennt u. I nicht das Ruhekissen des Geistes; vielmehr stets gcschieoen wie Menschen von zwei verschiedenen I bewegter, zutiefst bewegender Geist. Davon ha- Weilen. Von Een psychologischen Motiven ihrer Iben wir jetzt den Anfang und die Anzeichen in- /ü-__rJL.ri. -1_r.i_ _- _r. _xi’ju it.rtvTvVTf*! iitifrtrrtv r»/־»ftnn.rtTnv» »ftf'Vrumifnn Gegnerschaft abgesehen, und auch namentlich abgesehen von der Unmöglichkeit, daß diese zwei Herrenmenschen sich in eine geteilte Führerschaft in der Bewegung je fügen sollten, so war für Birnbaum die innere Spaltung in dem Augenblick besiegelt, als sich um Herzl die ersten Schaaren sammelten in eiirer von ihnr gefügten Organisation. Die Gegnerschaft Birnbauvis zu Hcrzl ist nicht zunr wenigsten eine von ihm dantals vielleicht nur instinktiv gefühlte Gegnerschüft zum Westjudentum, — bis er nicht bloß mit dem Gefühl, sondern auch mit feinem Intellekt zum Ostjudentum überging: in's Volk ging. Zu Herzl kam das Volk, Birnbaum ging in's Volk. Herzl umschmeichelten die Massen und tranken sich in Rausch, wenn er ihnen den Becher voll Phantasien kredenzte; vor Birnbann: hatten diese selben Massen jenes bange Gefühl, wie man es vor den Propheten haben mochte: denn wer konnte wissen, ob sie segnen oder fluchen werden? Herzl schuf mit äußeren, oft allzuäutzerlichen Mitteln die Basis für die Entfaltung einer mannigfaltigen, oft genug wiederum rein äußerlichen, aber vom Durchschnitt geforderten und gerne geübten nationalen Tätigkeit und Geschäftigkeit; aber selbst das Aeußcrlichste wußte er mit einem schönen Schein zu umgeben; er war ein Meister der Lebensstimmung, die ihn im Verweilen beim ״schönen Augenblick" über die größten Schwierigkeiten hinwegsehen ließ — bis er in den letzten, bitteren Zeiten es erfahren mußte, daß mit bloßen Stimmungen die Ausgaben einer Bewegung nicht zu lösen sind, auch wenn sie von einem edlen len und einem edlen Herzen getragen ist. Aber nationale Männer dürfen nicht nach ihren Erfolgen und Mißerfolgen allein beurteilt werden. Für die nationale Bewegung war Herzl eine hiswrische Notwendigkeit, als derjenige, der ihr den Zug und die Wirksamkeit verlieh in's Allgemeine, in's Weite, der sic mit einer neuen Hoffnung, mit einem neuen Glauben erfüllte an den Wiederaufbau ihrer nationalen Gemeinschüft; und der mit seinem Leben und mit seinein Tode ein Beispiel dafür ist, daß das judischr Volk auf dem Wege zur Verwirklichung seiner Ziele den Wert einer führenden Persönlichkeit wieder zu schätzen weiß. Und Birnbaum? Es ist ein Zeichen des Ernstes und des Neifwcrdens unserer jüdischen Jugend, daß sie beide Männer zu ehren weiß, wenn auch einen jeden von ihnen in einer besonderen Art. Die nationale Bewegung konnte oder wollte die beiden nicht gleichzeitig tragen, aber sie mutz es sich schon gefallen lassen, daß sie in Wirklichkeit von nerhalb unserer nationalen Bewegung selbst; und zwar hier und dort: im Westjudentum und? nein, gen Osten. Gam Achad. Aus der Agudas-Jisroel- Bewegung. Frankfurt a. M., 6. Juli. Die Vorbereitungen für die Kenesijoch gcdauloh sind im vollem Gange. Tie Ortsgruppe und die Jugendgruppe haben bereits mir der Bildung einer großen Vorbereitungskommission begonnen, deren Mitglieder sich in verschiedene Sektioeinteiltcn. An der Spitze einer jeden Sektion wird Obmann stehen, während die Obmänner gemeinsam über alle erforderlichen Maßnahmen im Einvernehmen mit den Vertretern des provisorischen Komitccs beraten werden. Für die Verhandlungen der Kencssioh gcdauloh sind die Räume des ״Kaufmännischen Vereines" reserviert. Die Plenarsitzungen der Delegierten werden im großen Saale stattfinden. Die Nebensäle sind für Büros, Kommiffionssitzungen, Büffets, Schreibzimmer für Journalisten usw. bestimmt. Die Galerie des Saales und während der Eröffnungssitzung auch ein Teil des Saales werden für Gäste reserviert. Zur Bedienung der Presse wird ein eigenes Pressebuerrichtet, das täglich Berichte über den Gang der Verhandlungen veröffentlichen tvird. Altona, 1. Juli. Am Sonntag fand eine Vcrsammlung der hiesigen Agudas Jisroel-Ortsgruppe statt zur Wahl der Delegierten für die Keneffijoh gedauloh. Herr Obcrrabbiner Dr. Lerner begrüßte die Versammlung und teilte unter dem Beifall der Versammlung mit, daß die Hauptversammlung laut Be-- schlutz des Provisorischen Komitees nach Frankfurt am Main einberufcn wurde. Hierauf hielt Herr Rabbiner Dr. Dukcsz ein ausgezeichnetes Referat über das Thema: ״Was erwarten wir von der Keneffijoh gedauloh?" Er schilderte die mannigfachen Gesamtheitsaufgaben, welche die Agadus Jisroel zu lösen haben wird und über deren Durchführung die Keneffijoh gcdauloh beraten soll. Den zu wählenden Delegierten gab der Redner die Worte, die einst das jüdische Volk an Esra richtete, als Geleitwort mit: ״Ziehe hinauf, denn dir obliegt die Ausführung, wir aber wollen dir zur Seite stehen. Sei stark und vollbringe!" Nachdem Herr Aron Auerbach-Hamburg einen Ucbcrblick über die Bewe- > gung der Agudas Jisroel gab, schritt man zu den Wahlen. Es wurden gewählt: die Herren Obcrrabbiner Dr. ׳M. Lerner und Julius Holländer als Delegierte und die Herren Rabbiner E. Dukesz und Julius Möller als Ersatzmänner. Luzern, 1. Juli. Ilnscrcr Ortsgruppe wurde am vergangenen Schabbos eine große Freude zuteil. Der rettete dann in Mailand Karl Albert aus großer Gefahr. Als dann im Jahre 1849 der Krieg von neuem begann, überschritt die Hebräcrkompagnie mit der 8. Kompagnie, unter Führung König Albcrts, den Ticino und kämpfte überaus tapfer bei der ״Ssorzesca". Zwei Tage später tat sic bei der ״Bicocca" wahre Wunder von Tapferkeit. Inmitten der Kompagnie wurde der General Perronc getötet und der heldenhafte Major Lyons durch eine Kanoncnkugcl schwer verwundet und ans dem Sattel geschleudert. Unter dem Rufe: ״Für unfern Major!" stürzte sich die jüdische Kompagnie auf den Feind, den sic mit solchem Ungestüm angriff, daß er in tvildcr Flucht das Schlachtfeld verließ. Als die Juden dann erfuhren, daß in ihrer Nähe ein Jnfantericrcgimcnt von Savona von der feindlichen Uebermacht hart bedrängt werde, und daß feine Fahne bedroht sei, loandtcn sic sich mit großem Elan dem neuen Feinde zu. Hauptmann Cattanco, der Führer der Kompagnic, wurde schwer verwundet, daß er wenige Tage darauf starb: der Leutnant Ritter Radicati, der an seine Stelle trat, wurde getötet; von der ganzen Kompagnic kehrten nur etwa 40 Bcrsaglicri unter der Führung des Unterleutnants Dr. Modena heim; aber die Fahne ivurdc gerettet. Eine Fabel aus dem Talmud. Ein Dorshund ging einst mit seinem Herrn, dem Verwalter, auf ein benachbartes Gut, und bemerkte in der Küche des Gutsherrn, daß dort große Anstalten auf eine, am anderen Tage anzustcllende Hochzeits- Mahlzeit gemacht lourdcn. Er faßte nun den festen Entschluß, am andern Morgen zur Hochzeit sich cinzufinden, und trat bald darauf mit seinem Herrn den Heimweg an. Nun traf sich.s aber, daß auch bei seinem Herrn am andern Tage viele Gäste geladen waren und große Anstalten in der Küche getroffen wurden; der Hund merkt sich's und nahm sich vor, um nicht eine von beiden Mahlzeiten zu verlieren, schnell hinüber nach dem Nachbargutc zu wandern, um dort vom Ucberfluße zu genießen und dann schnell nach Hause zur heimatlichen Küche zu kehren. Allein er hatte nicht die Weite des Weges bcrechnet, und kam kurz nach der Mahlzeit an: kein Gast war mehr zugegen, alles, Küche und Keller, verschloffen und keine Spur von irgend einem fetten Bissen für ihn zu sehen. Als er sich bei den Hausbewohnern durch Bellen bcmcrklich machen wollte, dachten sie, er sei seinem Herrn vorsätzlich entlausen. Prügelten ihn tüchtig durch und jagten ihn zur Tür hinaus. Im schnellsten Laufe eilte er knurrend nach Hause, hoffend, daß ihm dort sicherlich sein Teil aufbctvahrt sein werde; allein zu seinem größten Schrekkcn brach die Nacht herein und erst um Mitternacht traf er vor dem verschlosicncn Hause seines Herrn ein, Ivo alles fest schlief und niemand seinen Ruf um Einlaß hörte. DcS Morgens wurde seine Abwesenheit mit einer tüchtigen Tracht Prügel bestraft, und von Hunger, Durst und Schlägen entkräftet, sank er ermüdet und halb tot zur Erde. Wenn nicht eine alte Hausmagd sich seiner erbarmt und ihm einige Knochen vorgcworfen hätte, wäre er sicher umgekommen. Wer ungenügsam nach vielen und fremden Gütern hascht, wird selten was erlangen, sondern verliert gewöhnlich noch dasjenige, was er besitzt. Als interrffanter Beweis für die leichte Affimilationsfähigkeit der Juden mag die Meldung aus London dienen, wonach unter den im Jahre 1913 in England naturalisierten 1700 Ausländcrn sich 600 ruffische Juden befanden. Aber auch unter den als Oesterreichcr, Ungarn, Deutsche und Türken vcrzeichnctcn neuen englischen Staatsbürgern gibt cs schr viele Juden, so daß Eingeweihte behaupten, daß im Jahre 1913 zumindest zwei Drittel der Naturalisicrten Juden waren. Das ist um so bedeutsamer, als ja bekannt ist, daß gerade in England die Bedingungen, an welche die Naturalisation geknüpft ist, sehr streng sind, und daß die Aufnahme eines Ausländers in den englischen Staaisverband von der Ablegung einer schweren Prüfung in englischer Sprache abhängig ist. Unsere Leser werden dringend gebeten, bei Einkäufcn nur jene Firmen zu berücksichtigen, die in der ״Jüdischen Bolksstimme" inserieren. > 2 s s 4 % ר g * - > 3

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