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Jüdische Volksstimme · 1914-07-16 · Heft 27 (16.7.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 27 (16.7.1914)
Date
1914-07-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Erscheint jeden Donnerstag. Nummer 27. Jahrg. XV-3 ♦♦ 1k f ■ W» »» AAA AAA HVf י fflV Ar Vttl>r ק♦♦*## fff'*'♦ K-& Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 620־ ganzjährig. Kronen 12•— Deutschland, ganzjährig.Mark 12 — Rußland, ganzjährig.Rubel 6•— Balkan. Frankreich.Franks 14 — Mit der Beilage ״Das jiid. Leben in Galizien" Herausgeber: Max Hickl. m Geschäftsstelle, Wien:!., Rotenturmjtrahe Nr. 31. Telephon 3009/VIIi• Sprechstunden von 10—12 Uhr Inserate: die öspaltige Petitzeile 30 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. ־a ־8 -Ä Brünn—Budapest. Wien, A ^^»?5674 Prag—Lemberg. Vom religiösen Problem des Judentums. *) iii. Unsere nationale Bewegung im Zeichen religiösen Wiedererwachens. — Herzl und Birnbaum. Unsere nationale Bewegung muß, wenn sie sich durchsetzen soll, jede schöpferische Kraft, die im Judentum waltet, in ihren Kreis ziehen: sie mutz getragen fein von der Gesamtheit seiner Kräfte. Liegt aber die Bedeutung des Westjuden- ' tums") in seinem unmittelbaren Anschluß, in feiner Anschlußfähigkeit an die allgemeine europäische Kultur und in der aktiven Teilnahme daran, so steht auch der Wert dieses Judentums fest für die nationale Bewegung, — vorausgesetzt, daß sie stark genug ist, es mit ihren nativnalen Impulsen zu durchdringen: dann nämlich wird der westliche Jude befähigt sein, jeden neuen Inhalt der allgemeinen Kultur mit seiner nationaljüdischen Eigenart zu formen und umzufonnen. Ich halte es für notwendig hier schon darauf hinzuweisen, daß die jetzt so geläufige Unterscheidung von Ost- und Westjudentum *) Vergl. ״Jüd. Volksstimme" Nr. 21. 23. — Druckfehlerbcrichtignng. In Nr. 23, S. 1, Sp. 2, Abs. 2 statt: ״der trotz der Berührung" mutz es heißen: ״oder trotz der Berührung"; S. 1, Sp. 3, Abs. 2 statt: ״vollziehen mußte daß" soll es heißen: das"; S. 2, Sp. 1, Abs. 1 statt: ״Eine Erlösung der Weltkraft blotzer Materie!" soll es heißen: ״Eine Erlösung der Welt Kraft bloßer Materie!"; S. 2, Sp. 1, Abs. 5 soll cs heißen: ״als Persönlichkeit" nicht ״als Persönlichkeitr!1". **) Vgl. den Schluß des vorhergehenden Aufsatzes. eine ungeheure Spannweite bekundet in dem Borstellungsinhalt, der ihr zugrunde liegt. Mathias Acher war es, der diese Unterscheidung wohl als Erster vorgenommen und jedenfalls wie kein Anderer mit immer erneuertem Antrieb, mit immer tiefer eindringender Schärfe sie verfochten und durch allen scheinbaren oder wirklichen Wandel seiner Anschauungen hindurch bis auf den heutigen Tag festgehalten hat. Die Wetterwendischkeit Achers, die ihm von Freund und Gegner oft genug vorgehalten wurde, erfährt durch diesen einen, sicherlich bedeutsamen Zug, einen sehr zu bedenkenden Widerspruch. In der Tat berühren wir damit den tiefen, in sich einigen Grund dieser nach Außen hin mit so Vielem und so Vielen entzweiten Persönlichkeit, die sich in immer reicheren, immer reiferen Formulierungen ihrer Auffassung des Judentums entfaltet; in welchen Formulierungen der Gesichtspunkt von Ost- und Westjudentum stets den Angel- und Mittelpunkt bildet: das ״regulative Prinzip" gleichsam, nach welchem Acher hier Licht und dort Schatten verteilt; hier seiner innigen Neigung und dort seiner verletzenden Abneigung Ausdruck gibt: hier Worte glühender Liebe findet und dort — soll man sagen Worte des Hasses? Man!)alte sich doch lieber an die Liebe Birnbaums zum Ostjudentum, — so wird man! seine trotzige Beziehung zum Westjudentum besser verstehen, dem er gegenübertritt mit Unmut, mit Erbitterung, ja mit Groll, nur weil er es nicht auch so stark, nicht auch so innig — lieben kann wie das Ostjudentum: denn warum ist es nicht wie dieses — Volljudentum? Alle Gegnerschaft Achers gegenüber deni Westjndentum geht aus diesem eineu Grunde. Aber man sehe nur zu: diese Gegnerschaft verdichtet sich zu einer Kritik und Analyse des Judentums, von der man heute, nach einein Rückblick und Ueberblick über den Gang der Bewegung wohl sagen darf: daß ihr eine geradezu hiswrifche Bedeutung znkommt, indem sie mit der so natürlich scheinenden Tifferenzierung in Ost- und Westjudentum das bis dahin kompakte und starre jüdische Problem mit lebendigem Hauch durchdrang und es — seit lange — zum erstenmal für die Vielen sichtbar, für die Wenigen, d. h. für die Einzelnen fruchtbar gemacht hat. Kraft dieser so einfachen Unterscheidüng hat uns Mathias Acher wie mit einem Zauterschlag den Zugang erschlossen zur jüdischen Seele, mehr: zur jüdischen Volksseele. Wunderbar lebt in diesem Menschen von unserem Volk ein sehnsuchtstiefes Urbild: ihm sucht er Verwirklichung vom Anbeginn seiner ersten jungen Verkündung: ein Knabe noch fast will er den jüdischen Himmel stürmen im übermütigen Sturmschritt feiner Zeit, mit den weltlichen Waffen dieser Zeit. Und in der Vollkraft und Reife der Jahre — feierte man schon am Ende den alten Birnbaum? — steht er vor demselben jüdischen Himniel und neigt sein Haupt in Demut vor dem alten, am Ende auch noch jungen jüdischen Gott. Wie Birnbaum aus der äußeren Bewegnng, die er selber geschaffen und mitgeschaffen, imuier mehr in die inneve Linie derselben gerüth: wie er auf die Führerschaft verzichten mußte und verzichten konnte, weil ihm die andere zugedacht war auf dem Wege zur Vergeistignng und Vertiefung der ״jüdischen Moderne" und der national-jüdischen Bewegung: wie verschieden seine Bestimmung war von der Rolle, die Theodor Herzl zugefallen war - - darin spiegelt sich nicht bloß das hier wie dort ergreifende Geschick zweier so gnindverschiedener Individualitäten: vielmehr auf den ganzen Gang und die ganze Art der nationalen, im be- Kleines Feuilleton. Streiche Herschel Estrompolers, des jüdischen Till Eulenspiegels. Einmal herrschte in Estrompla unter den' Juden große Aufregung: Ein Bauer, der einzige, der Häcksel zu verkaufen hatte, wollte diese damals sehr gesuchte Ware den Juden nicht un-; ter dem Doppelten des sonst üblichen Preises verkaufen. Daß die Juden darüber von Stunde zu Stunde erbitterter wurden, läßt sich Wohl denken. Plötzlich ging ein Ruf der Freude durch die Menge: Herschel war da. Sofort umringten sie ihn, um ihm den Vorfall zu erzählen. ״Siehst du den Bauer dort?" rief einer, ״dem mußt du einen Streich spielen." Herschel ließ sich's nicht zweimal sagen. Er ging auf den Bauer zu und fragte ihn, ob er Häcksel habe und was er dafür verlange. ״Juden zahlen das Doppelte des gewohnlichen Preises", war die Antwort. Herschel machte ein saures Gesicht, runzelte die Stirn und erklärte sich schließlich — von den Umständen gezwungen — bereit, einige Säcke Häcksel zu kaufen. Der Bauer rieb sich die Hände vor Freude, weil es ihm doch gelungen war, einem Inden die Ware um den teuren Preis anzuhängen. Herschel aber forderte ihn auf, ihm mit einer Anzahl Säcken zu folgen, er wollte ihn führen. So machten sich beide auf den Weg. Als sie in die Nähe des jüdischen Bades kamen, forderte Herschel den Bauer aus, ein wenig zu warten, er wolle nachsehen, ob in der Scheune noch Platz sei. Dann nahm er einen Sack unter den Arm und ging hinein. Drinnen streute er rasch den Häcksel auf das Wasser, bis die ganze Oberfläche bedeckt war und eilte hinaus, um den Bauer hineinzurufen. ״Da streu den Häcksel auf! rief er ihm zu, als sie beide drinnen waren. Als einige Säcke geleert waren, hieß er ihn den Häcksel fest zusammenstampfen, damit sie mehr Platz bekämen. Der Bauer holte kräftig mit den Stie- ׳ feln aus — ein Plumps, und Herrscht war über alle Berge. Aus der ״guten alten" Zeit. In der die Jahre 1001—1470 umfassenden Schweizer-Chronik des Landmanns Aegidius Tschudi wird das in französischer Sprache abgefaßte Verzeichnis der Zollverträge mitgeteilt, die nach einem zwischen dem Grafen Konrad von Freyburg und der kleinen Stadt Murten in den Jahren 1380 getroffenen Abkommen für die Benützung der über das Flüßchen Thiele (Zil) führenden Brücke zu erheben lvaren. Es hatten danach alle Personen zu Pferde zwei Denier (ein Pfennig) zu entrichten, wobei Edelleute und Priestcr ausgenommen waren. Weiter heißt eS in der Liste: ״Es zahlt jeder Fußgänger einen Denier, jedes Maultier fünfzehn Denier, jeder Esel dreißig Denier, jeder Jude dreißig Denier." Warum man die Juden so ״hochschätzte", weiß jeder mit dem Leben der Bergangenheit einigermaßen Vertraute, dagegen sind wir nicht imstande, die Gründe für die Gleichstellung zwischen Esel und Juden anzugeben. Bei dieser Gelegenheit sei übrigens noch ein anderes hübsches Beispiel für die hohe Einschätzung der Juden angeführt: Zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts mußte in Preußen jeder, der sich seine Hausmusik nicht selbst besorgte, sondern dazu Leute brauchte, die die Musik ״gkwerbsmäßig bctrieben", also Klavierspieler, Sänger »sw., eine» Erlaubnisschein, ״Musikzettel" genannt, lösen. Für diesen wurde eine Tarc entrichtet, und zwar hatten lpro Tag) zu bezahlen: Generäle, Staatsminister, Personen vom hohen Ad l einen Taler und echt Groscb•», Bankiers,. Engroshändler, Fabriksunternehmer vier Taler und Juden fünf Taler. Jüdische Krieger. Bon kriegerischen Leistungen jüdischer Soldaten in Jtalier, erzählt der Oberst Dovn.ra in der ״Grand Jtalia": Im Jahre 1843 wurden die Freiwilligen an» Piemont meist den Bersaglieri zngetcilt; man teilte sie in drei Kompagnien: die Studenten bildeten die 3. Kompagnie des 4. Bataillons, die Juden die 7. Kompagnie und die anderen Freiwilligen die 4. Kompagnie. Tie sogenannte Hcbräerkompagnie zeichnete sich, luie Oberst Dovcra berichtet, ganz besonders aus. Sie war aus der Katastrophe, in welche das piemontische Heer hineingeraten war, unversehrt hervorgegangen ui.d

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