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Jüdische Volksstimme · 1914-07-09 · Heft 26 (9.7.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 26 (9.7.1914)
Date
1914-07-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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י' ־* -w ־־:?;:׳יי- ׳י,־ י - W,' ' Sette L ״jüdische ÄolkSstlmme." Nr. 26. Kulissen gab es Kämpfe und Widerwärtigkeit tcn, Einwände und Hemmnisse, aber Herzls Energie und Eifer überwanden alles — und am 29. Äugust 1S07 fanden sich -um ersten mal seit der Zerstörung Jerusalems jüdische Abgcord- 11ck' aus einem jüdischen Kongreß zusammen, um über die Wiederaufrichtung einer großen jüdischen Gemeinschaft zu beraten. Zum erstenmale lernt Hcrzl die wirklichen Ostjuden, die russischen Juden kennen. Er sieht, wie viel ihm selbst noch fehlt, um ganz Jude, nur Nationaljude zu werden, und arbeitet an seiner Vcrvolllommnung in dieser Richtung — er assimiliert sich gleichsam den Juden . . . Aus dem Judenslaatler wird der Palestinafrcund und Zionist Hcrzl. Enger möchte er die Verbindungen mit .Konstantinopcl knüpfen. Dazu braucht man Geld, viel Geld. Rastlos arbeitet er, um es aufzribringcn. Tie Neichen haben aber verschlossene Taschen — verschlossene Herzen. .Herz! erlahmt nicht. Wieder wendet er sich ans Volk. Und die Gründung der merkwürdigsten Bank der Welt - der jüdischen Kolonial bank — ist gesichert. Mit dem Vertrauensvotum des zweiten Kongresses ausgestatlet wurde der Führer der Monistischen Bewegung von dem als Gast des Sultans im thildiz-,Kiosk weilenden Teutschen Kaiser in Bülows Beisein empfangen und sodaun aus dem Boden Palästinas öffentlich durch Gruß und Ansprache ausgezeichnet. Eine zweite feierliche Audienz fand in Jerusalem am 2. 'November 1898 statt. Das Interesse des deutschen Kaisers für den Zionismus ward geweckt, die Förderung der Bestrebungen Herzls bei der Pforte in Aussicht gestellt. Kein Wunder, daß Herzl auf einem Meeting in London glückgcschlvellt von der baldigen Erfüllung seines Traumes und von dem Charter sprach. Den sollte die eben begründete Bank zu erwerben Helfen. Allein die Mittel der Kolonialbank waren gering. Herzl verlor nicht den Mut. Uncrmüd-!ich arbeitete -er weiter, knüpfte Beziehungen zu dem Großberzog van Baden und dem rumänischeu Königspaar an, befestigte die zionistische Organisation, gab neue Parolen aus, kämpfte mit der Opposition, suchte Finanzmänner zu ge- Winnen, machte Reisen, hielt Versammlungen und Konferenzen ab, wurde gefeiert und an gefeindet. leitete die weiteren Kongresse und sah klar sein Ziel vor sich. Aber der erhoffte Erfolg blieb aus. Auch die literarischen Erzcugnisie dieser Zeit sind der großen Sache weiht, vor allem: das erfolgreiche Stück T-as neue Ghetto, das Feuilleton Menorah und der Roman Altneu-!and . . . Nach dem Londoner Kongreß wirft Herzl mit großer Anstrengung den Ballast von Mißmut, Enttäuschung, Ermattung und Nervosität über Bord und begibt sich, den gleichgiltigen, höhnischen, kalten und allen Gegnern zum Trotz, aber seinem Ideal, seinem Volke zuliebe nach .Konstantinopel mit dem Enttvurf des Charters und ohne Geld. Auf den Sultan macht er den besten Eindruck. Die Verhandlungen lverden ernst und eifrig geführt, einige mal uuterbrochen, immer wieder ausgenommen. Allein ohne Geld ist kein Abschluß zu erzielen. Die Neichen und Satten bleiben taub und kalt — es ist lind dann hätten ihn auch die verstehen müssen, denen sein Wesen so unbcugbar — unzugänglich — erschien, hätten verstehen müssen, das; er nicht anders konnte, hätten einsehen müssen, daß er doch ein Recht hatte, der Idee, der er sein Leben opferte, auch kleinliche Kompromisse zn opfern! — Aber viele haben es nicht eingesehcn, und andere mußten ihnen ihn erst werten, seine Größe ihnen aufzeigcn. — Und es war wahrlich kein Mann prädestinierter zum Führer als Herzl. Instinktiv empfand er jede, auch die kleinste Voraussetzung zur Führerschaft. — Es überrascht einen geradezu, mit welcher Entschicdcnhcit er z. B. von allem Anfänge au jeden Ersatz seiner Auslagen zurückwies, lieber sein ganzes Vermögen opferte. . . . Oh, er wußte instinktiv, daß man an die Ehrenhaftigkeit seincr Gegner nicht die geringsten Ansprüche stellen dars, ihnen jeden, auch den kleinsten, Anlaß nehmen muß! Und von solchen kleinsten Voraussetzungen an, hat er sie alle besesien, die glänzenden Garan-tien des Geistes, des Willens, der Seele, die fließende, überzeugende Rede, die Entschlossenheit, den Mut, das unverrückbare Vertrauen aus seine -Kraft und auch die des Körpers hatte er . . . ״wie ein König aus arabischem Märzum Verzweifeln. Tie Massen verlieren die Geduldkrittelnde Nörgler erleben ihre Unkenru׳ fe. Doch auch der deprimierte Herzl wirft nicht die Flinte ins Korn. Auf dem fünften Kongreß wgt er den Grundstein zum Nationalfond. Dann erlebt er die Genugtuung von der in Lonvon tagenden Koinmission über die Frage der Fremdencinwanderung die Berufung als Sachverpändiger zu erhalten. Fester werden seine Beziehungen zu den maßgebenden Kreisen Englands. Und wieder ergeht an ihn die Einladung des Sultans, der ihn wie einen Fürst empfängt. Leider muß aber Herzl, der eine zusammenhängendc Großkolonisation verlangt, die Gegenvor- Vorschläge der türkischen Regierung als nicht entsprechend zurückweisen.!Nun beginnt er mit der englischen Regierung über eine Landkonzes׳ sion für die Sinai-Halbinsel zu verhandeln. An dem Mangel von Nilwasser zur Bewässerung der Pelusinischen Ebene scheitert das Projekt. Wieder nimmt Herzl den Palästinaplan auf. In der Haltung Rußlands wittert er ein Hindernis zu dessen Verwirklichung.' So versucht er denn, an die russische Regierung heranzutreten, um sie umzustinnnen. Non Plehve eingeladen unternimmt er seine bedeutsame Reise nach Pctersburg und verläßt den Minister mit günstigen Zusagen in der Tasche. Aber die Uneinigkeit in der Partei schwächt sein Ansehen nach außen — der Sultan zögert. Da wagt Herzl einen Schritt, der geeignet wäre, den Sultan zu überrumpeln, zu verblüffen, willfährig zu machen. Englands Anbot einer autonomen jüdischen Siedlung in Uganda bringt Herzl vor den sechsten Kongreß, in der geheimen Hoffnung, dadurch bei der Pforte bessere Chancen zu gewinnen. ״Man konnte dem Sultan gegenüber auf das englische Projekt in die Wagschale der Verhandlungen werfen" . . . Aber die Opposition hat diese Pläne durchkreuzt und durch ihre heftige, leidenschaftliche Kampfweise Herzls Stellung und seine ohnehin durch Ueberarbeitung und Aufregungen angegriffene Gesundheit stark erschüttert. Besonders schmerzlich hat er die Beschlüsse der Charkower Konferenz empfunden, weil sie fast einer, wenn auch von den edelsten Motiven geleiteten Erpressung ähnlich sahen. Hätte Herzl seine russischen Juden besser gekannt, so hätte er es freilich nicht darauf ankommen lassen, diesen Kampf auf Tod und Lebcn auszutvagen. Und viel Weh und Leid wäre ihm erspart geblieben. Zum erstenmal stieß diese starke Individualität auf etwas Stärkeres: den Volkswillen, von Volkssehnsucht genährt und gestählt . . . Das Volk wollte kein!Nachtasyl, kein Uganda, kein Territorium — es wollte nur Ercz Israel, das Land der Ahnen. Und Herzl mußte den Weg nach Canossa gehen. Wie ein Held ging er ihn. Erhobenen Hauptes, gebrocheneu Herzens. Im Innern gab er dem Volke recht — weil er mehr als ein Feldherr und Führer war, weil er sich als Teil des Volkes, als ein Atom empfand. Darin liegt seine Größe. Menschlich näher wird er uns dadurch, daß er sich selbst überwand ... So frei von '.Herrschsucht und Ehrgeiz war er, so treu und ergeben seinem Werke und Volke. So schlicht wie irgend chcnland sah er aus, mit seiner hohen Gestalt, seinem scharsgeschniktcnen, gebräunten Gesicht mit dem dunklen Bart und den träumerischen, schwarzen Augen" . . . Er lvar ein' Großer und er hätte uns — wäre er nicht mitten im Werke vom Tode überrascht worden —zum Ziele geführt!- Wenn ich von Herzls Leben und Fühlen in seinen eigenen schlichten und doch so ergreifenden Worten lesen will, so blättere ich immer nach und lese seine ״Menorah". ״Es war ein Mann, der hatte die No׳t, ein Jude zu sein, tief in seiner Seele umpsünden. Seine äußeren Umstände waren nicht unbefriedigt. Er hatte sein genügendes Auskommen und auch einen glücklichen Beruf, indem er das schaffen durfte, wozu ihn sein Herz hinzog. Er war nämlich ein Künstler. Um seine jüdische Herkunft und den Glauben seiner Väter hatte er sich schon lange nicht mehr geküminert, als der alte Haß unter einem modischen Schlagworte sich wiederzeigtc. Mit vielen anderen glaubte auch unser Mann, daß die Strömung sich bald verlaufen werde. Aber es wurde nicht besier, sondern stets ärger, und die Angriffe schmerzten ihn immer von neuem, obwohl sie ihn nicht unmittelbar betrafen; so daß nach und nach seine Seele eine einzige blutige Wunde war. ein Mann. aus diesem trotz .Knechtschaft und Not.Spaltung und Bedrückung großer, nnvcrwüstlichen, idealdcnkenden, unpraktisch verträumten und in Sehnsucht verbohrtem Volke. Aber war es wirklich unpraktisch, das Volk, als es Uganda von sich wie einen Fremdkörper stieß? Diese Frage wird wohl die Geschichte zu entscheiden haben. Herzl ging an ihr vielleicht rascher zugrunde. Noch raffte er sich zur früheren Größe auf, die Kelle in der Hand, unerbiltlich für sich, opferbereit für das Volkswohl, ein rastloser, emsiger Baumeister, der keine Zeit zu verlieren hat, der seinen Bau je eher, unter Tach bringen!>!nß, Noch ward ihm die Ehre zuteil von dem italienischen König überaus Wohlwollend und vom Papst freundlich empfangen zn werden. Eine Versöhnung zwischen ihm und der Opposition kommt 1904 in einer Sitzung des Großen A. C. zustande — aber eineu neuen Kampf nötigt ihm der Tod auf. Träneu verhindern mich, da ich Herzl persönlich kenneu lernen durfte, von seinem letzten Kampfe, dem er allzufrüh unterliegen mußte, zu schreiden . . . Nur Tatsachen, trockene gedrängte Tatsachen wollte ich bringen,wie ich sie aus dem vortrefflichen Büchlein Fricdemanns herauslas. Und schließen möchte ich mit den Worten aus Samuel Meiscls Westöstlichen Miszellen: ״Herzl starb und sein Ruhm ist für ewige Zeiten gesichert. Sein Lebensabschluß war wie das Finale eines Herzlischeu Feuilletons. Er setzte hinter sein Leben ein Fragezeichen, das die verschiedensten Deutungen zuläßt." Dr. Marek Scherlag. Juden! Agitieret für die ״Jüdische Volksstimme". Herzl und der Wiener Kultus- Vorstand. Persönliche Erinnerungen von Dr. Egon- Zweig. Menschsein l^eißt Kämpfer fein:-.. Herzl, Du rastloser Kämpfer, Du großer Mann, Dein Sinn stand gewiß nur darnach. Deine Waffe nach außen gegen die fremden Dränger Deines Volkes zu kehren. Aber es blieb Dir, gleich den Makkabäern, nicht erspart. Dich auch, der hämischen Widersacher im Lager der eigenen Volksgemeinde erwehren zu müssen. .Hei, ״Mauschel" hat Deine Faust zu spüren gekri-egt! Ta und dort, vor allem hier in Wien. Wie lang cs dem Meister am Herzen, zunächst die Wiener Judenschast und ihren Vorstand für die Volkssache zn gewinnen, Wien, wo er, seine Jünglings- und besten Mannesjahre verbrachte, wo seine Sechsten lebten, Wien, diese Hauptstadt eines Nationalitätenstaates, wo bic drittgrößte Judenschast Europas in ihrer innigen Berührung von Ost und West berufen schien, die Führung der national-jüdischen Bewegung zu übernehmen. Aber sie haben ihm das- Leben recht schwer gemacht, die hochmögenden Herren vom Wiener Kahal — seit Erscheinen Es geschah ihm nun, daß er durch diese inneren, und verschwiegenen Leiden auf deren Quelle., also auf sein Judentum hingelenkt wurde, und was er in guten Tagen vielleicht nie vermocht, hätte, weil er davon schon so ferne war: er bcgann cs mit einer großen Innigkeit zu liebem. Auch von dieser wunderlichen Zuneigung gab er sich nicht gleich deutliche Rechenschaft, bis sie cndlich so mächtig war, daß sie aus dunklen Gefühlen zu einem klaren Gedanken ertvuchs, den er 'dann auch aussprach. Es war der Gedanke, daß es aus der Judennot nur einen Ausweg gebe, und zwar die Rückkehr zum Judentum . . . er dachte, daß die sittliche Not so empfindlich wäre, weil den neuen Juden jenes Gegengewicht ab- Händen gekommen sei, das unsere starken Väter in ihrem Innern besaßen . . Und diese!׳ Jude will seine Kinder zu Juden erziehen und da das nächste Makkabäerfest herankommt, kauft auch er eine Menorah. ״Und unser Mann, der ja ein Künstler war, dachte bei sich, ob es denn nicht möglich wäre, die erstarrte Form der Menorah wieder zu beleben, ihre Wurzeln zn tränken, wie die eines Baumes . . . Und so ging er her und entwarf mit seiner geübten Hand eine Zeichnung für die Menorah ... Er hielt sich an die steife, überlieferte Forn! nicht für ge-

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