Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 26 (9.7.1914)
- Date
- 1914-07-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint jeden Donnerstag. rener m- Stummer 26. Jahrg. XV3. IMMk. Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 620׳ ganzjährig •.binnen 12•— Deutschland, ganz!ahrrg.Mart 12 — Rußland, ganzjährig.Rubel 6 — Balkan, Frankreich.Franks 14 — Mit der Beilage ״Das jüd. Leben in Galizien" Herausgeber: Max Hickl. Geschäftsstelle, Wien: Notenturinstrahe Nr. 31. Telephon 30U9/V11I■ Sprechstunden 0011 10—12 Uhr Inserate: die Ospaltige Petitzeile 30 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizusügen. ■ •:■■j Brünn—Budapest. Wie» 9- 3״li 1914 15. Tamus 56 5674 Prag—Lemberg. Theodor Herzl. Es gibt Männer, zu deren Charakterisierung es nicht vieler Worte bedarf. Die Aufzähluug ihrer Taten, die Anführung von Tatsachen genügt, um ein Bild ihrer Individualität! zu überliefern. Ein solcher Manu war Herzl, dem Adolf Friedmann in feiner Biographie ein schlichtes Denkmal setzt. .Herzl wurde am 2. Mai 18(>0 als To ha des von Spaniolen aüstammenden Jakob Herzl und der gemütreichen Jeannette Herzl, geb. Diamant, in Budapest geboren, wo er die Volksschule und das Gymnasium besuchte. Im Eltern- Haus genoß er eine sorgfältige, allgemein gefärbte Erziehung. lernte nur wenig hebräisch, vergaß es bald gründlich. Jung fühlte er sich schon als einen Kul-tureuropäer. dem das Judentum eng und im Ghettogeist befangen erscheint. Dennoch legte er schon als Knabe jüdisches Ehrgefühl an den Tag, indem er infolge einer seinem religiösen Empfinden zugefügten Kränkung die Realschule verließ und ins Gymnasium übertrat. Im Jahre 1878 zogen seine Eltern nach dem Tode ihrer Tochter Paul ine mit ihrem Sohne ״Dori" nach Wien, wo er Jus studierte und sich in erster Linie literarischen Versuchen widmete, träumte er doch insgeheini davon, ein berühmter deutscher Schriftsteller zu werden. Zusammen mit Hermann Bahr gehörte er einer studentischen Verbindung an, trat aber aus. als die Albia den Beschluß faßte, jüdische Mitglieder nicht mehr aufzuuehmen. Wieder ein Zeichen seines jüdischen Ehrgefühls! Als Rechtspraktikant in Salzburg dachte er zwar daran, den ruhigen Beruf eines Staatsbeamten zu ergreifen, aber angesichts der Hin dernisse und der Schwierigkeiten, die sich ihm als Juden entgegenzustellen drohten, wandte er sich ganz der Literatur zu. Seit 1881 schrieb und Feuilleton. Herzl als Mensch. Nicht dem Zionisten Herzl sollen diese Worte gelten, sondern dem Menschen, ist doch bei Herzl der Zionismus der Ausfluß seines Menschentums gewesen, aus diesem geboren, von ihm diktiert und versteht man den Zionisten Herzl doch nie besser, als wenn man den Men scheu in ihm voll begriffen hat. Und daß dem nicht so war, ist der Grund dafür, daß auch diesem Großen bitteres Unrecht nicht erspart geblieben ist, daß selbst die, denen . seine ganze Schöpferkraft zu opfern, sein Wahlspruch war, seinem Schaffen wehrend in den traten .. Ueberschaut man Herzls Leben und Wirken, so ist ganz besonders ein Charakteristikon, das seine Person zur Persönlichkeit erhöht. — Tie Eigenschaften, die Herzl besaß, hätten — wären sie im Durchschnittsmaße vorhanden gewesen — ihn kaum so groß machen können: Das, was ihn auszeichnete und ihm stets unter unseres Volkes Größten einen Ehrenplatz sichern wird, ist die Durchgebildete Harmonie, die auserlesene Form, in der er diese Eigenschaften besaß, ist ihre Vollkommenheit, ist die unbedingte Uebung, veröffentlichte er zahlreiche Feuilletons, Reisebilder, Essays und Theaterstücke, die ihm Geld und Ansehen eintrugen und beivirtten, das; im Jahre 18!>1 die ״Neue Freie Presse" ihm, der seit 188t) mit der Bankierstochter Julie 'A'a־ schauer verljeiratet war. die Korrespondentenstelle in Paris anbot. Ta entstanden seine besten Feuilletons, die er gesammelt unter dem Titel: ״Palais Bourbon" herausgab. Ju Paris nahm er auch Einblick in die politische Werkslätte und lernte so manchen Diplomaten kennen. Frankreich erschien ihm als das Land der Gleichheit und Brüderlichkeit, bis der Dreyfußprozeß die aufgepeitschten Volksinstinkte in der nackten Häßlichkeit offenbarte und Herzls Ehrgefühl aufs Empfindlichste verletzte. Er, der sich vor dem in Wien von Lueger erfolgreich propagierten Antisemitismus als vor einer kulturlosen, barbarischen Erscheinung in seine Schriftstellerei stolz zurückzog, fühlte sich in Paris durch den spontanen Ausbruch des Judenhasses tief erschüttert. Aufgewühlt sann er über Mittel nach, die dem Antisemitismus ein Ziel setzen sollten. Und er gelangte zur Ueberzeugung, daß nur die unhaltbare Lage der Juden als die Hauptnrsache der feindlichen Strömung zu ändern ist . . . Ohne von den Schriften eines Heß, Pinsker und Smolensky eine Ahnung zu haben, ging nun dieser Westjnde daran, die Jndenfrage zu lösen. Man stelle sich aber sein Beginnen nicht etwa als Ausfluß einer absichtlichen, rein verstandesmäßigen Planfassung vor! Herzl war ein Dichter, phantasiebegabt und gottbegnadet. Nun lvar in seinem Herzen ein himmlischer Funke zu einer Flamme entfacht. Wie im Rausche ging er umher — ein Nietzsche, der Zaralhustras Lied singt — und schuf seines Judenstaates erstes Kapitel. Für den Ersten hielt er sich, der die hehre Botschaft vom Jndenstaate dem Judenvolke brachte, für den Ersten vielleicht, der in den Ghettogestalten und Golm pflanzen ein Volk entdeckre. Wie eine Osfenbarung erfaßte er sein Wert, daher sein selbiibe wußtes begeistertes Missionsgefühl, das später Massen hinriß. Mit seiner gewaltigen Idee der Wiederbelebung der Judenheit im eignen Lau de gedachte er angesehene einflußreiche jüdi'ckie und nichtjüdlsche Persönlichkeiten zu gennuueu. die sie verwirklichen sollten. Einer der Ersieu, an die er sich wandte, war Baron Hirsch. Im Jahre fand nach einem interessanten Briefwechsel die erste Zusammenkunft des >R׳ld juden und des Geistesjuden statt. Sie iührte;11 keiner vollen Verständigung, also zu keinem Resultat. Und war leider die letzte. Bald dar auf starb plötzlich der hochherzige, aber schlecht beratene Baron. Der erste Schlag wars, den das Schicksal dem edelu hochstrebenden Herzl versetzte, lind nicht der letzte. Indessen galt es mit dem Plan an das Volt selbst herauzntreten. Noch hatte er die Hoffnung auf die Hilfe einzelner!Großen nicht aufgegeben, als er feinen Jndenstaat in die Welt hinausschickte, llnd das Buch schlug ein und wirkte nachhaltig. Vielleicht lväre die Wirtung verpufft, wenn nicht hinter dem Werte eine so!nächtige einzigartige Persönlichleit tvie Herzl gestanden wäre und wenn nicht einige Männer, Vereine und Verbindnngen ilm ans seiner stillen Stndierstnbe in das grelle Licht der öffentlichen Betätigung förmlich heransge rissen hätten. Er begann seine Tätigkeit, wie Friede mann richtig berichtet, indem er das Terrain in Konstantinopel erforschte. Mit glänzenden Hoffnungen geht er daran, eine öffentlich.׳ D!s kussionslribüne ins Leben;n rufen. Um der Schwierigkeiten, die il,m den Weg verlegten. Herr zu werden, gründete er dies erste ziomui sche Zeutralorgau ״Die Well" und verkünde.e urbi et orbi in der Nummer vom Fnni lv!!i sein Programm, dem er treu blieb. Himer den die sich bei jeder von ihnen Nachweisen läßt; nicht anders konnte sich sein Selbstbewußtsein zum Volksbewußtsein steigern, seine Selbstlosigkeit zur Selbstaufopferung, nicht anders konnte sein liebendes Herz in allmächtigem Gefühl sein ganzes Volk umfassen; — diese Vollko 111־ menheit seiner von einem durchdringenden Intellekt und einem eisernen Willen betreuten Eigenschaften l)at ihn zur Größe geweiht . . . Und der .Herzl,. der draußen im brandenden Leben für sein Volk kämpfte und litt, der Herzl, Ser mit den Mächtigsten dieser Welt sprach, er ist in jeder seiner Handlungen, in jeder seiner Regungen derselbe Herzl, den seine Familie vergötterte und sein Wirken in seiner Familie ist das Miniaturbild seines Schaffens im Leben draußen. Derselbe .Herzl, der durch Selbstbewußt sein und Sehnsucht nach innerer Einheit zur Erkenntnis seines wahren Judentums kommt und nun Frau und Kinder in diesem Sinne erzieht, derselbe Herzl, dem die Liebe zu Frau und Kindern ein Leben bedeutet, diese Liebe, die den totkranken Mann fürs tägliche Brot sich aufreiben, ihn, am Sterbebette noch mit wehzuckenden Lippen scherzen läßt — nur um die Seinen nicht zu beunruhigen — dem sein Leben so gar nichts bedeutet, wenn es gilt, den Seinen zu helfen, derselbe Mann ist es, der draußen ein Volk zum Selbstbewußtsein erzieht, seine große Selmincht durch ein großes Ziel iiillt, derselbe Mann iä es, den die Liebe, das Mitleid mit feinem Volke sein Leben und Vermögen ihm opfern läßt, ihn zwingt, mit seiner letzten Kraft Oie ganze Nacht an einer Bittschrift für seine russischen Brüder zu schreiben, indes des Todes Fittiche ihn schon streifen! — Hätte man diese treibenden Momente Selbstbewußtsein und Liebe eben voll ver standen, so hätte man ihm nie einen Vorwurs daraus machen können, daß er mit beiden Händen zugreifen wollte, als man ihm ein Land anbot׳, das wohl nicht Palästina war, aber doch indes helfen konnte, helfen konnte einer Menge seiner Brüder, die er »och vor kaum 1t Tagen, da er aus Rußland fuhr, von seinem Wagen mit Bajonetten und Säbelhieben hatte wegtreiben sehen, deren Schmerzensschrei ihm noch in den Ohren gellten! Wenn man ihn so voll verstanden hätte, hätte man es ihm nie so übel nehmen dürfen, wenn er jede gute Botschaft, die er hatte, reulos mit lautem Jubel kündete und dadurch vielleicht manche zu übertriebenen Hosfniingen anregte. Oh. er wollte ihnen doch so gerne etwas Gutes, Hoffnungsvolles sagen, ihnen, die so viel Böses, Hoffnungsloses hören mußten! Demnächst erscheint ״Hickls Wiener Jüdischer Volkskalender."