Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 25 (2.7.1914)
- Date
- 1914-07-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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״Jüdische BolkSstimme". Nr. 25. Seite 10 Literatur. Verthold Viertel: Dir Spur. Verlag Kurt Wolfs, Leipzig. Geh. M. 0.80. Gcbud. M. 1.50. — Der Dichter Bcrthold Viertel hat sich aus den ärmsten Verhältnissen heraus zu seiner heutigen angesehenen Stellung unter den jüngeren Dichtern emporgearbcitct und die Spur dieses Kampfes ivird wie bei Hebbel, Herder und vielen anderen auch wohl ihm und seinen Werken zeitlcbcns anhastcn. Das billige und hübsche Bändchen,, das im :)!ahmen der Sammlung ״Der jüngste Tag" erschienen ist, bringt eine größere Anzahl seiner Gedichte und aus jeder Zeile merkt man, daß der Dichter alles, was er schreibt, erlebt und erlitten hat. Aus jedem einzelnen Gedicht spricht die nngcstilltc, vielleicht unstillbare Sehnsucht, welche diesen Dichter kcnnzcichnet. Im allgemeinen muß dieses, wenn auch kleine Werk als gelungen bezeichnet Ivcrdcn. Hcrvorzuheben sind: Ter schlafende Knabe, Gebet, Die Schlafende, Unschuld, Gedichte, die sich durch besondere Gemütstiese auszcichncn. Auch der Verlag, welcher jüngeren, noch ringenden Talenten seine Aufmerksamkeit zuzuwcnden scheint, soll nicht unerwähnt bleiben. L. Grünhut. ״Elijah«." Ein dramatisches Gedicht von Ben Jair. Verlag Sänger und Fricdberg, Frankfurt a. M. Preis M. 2.50. — Diese Neuerscheinung können wir umso freudiger begrüßen, als sic einen der ersten Versuche darstcllt, aus dem wirklichen jüdischen Empfinden heraus jüdische Dramen zu schassen. Vom Stand- Punkt der dramatischen Kunst stehen natürlich Otto Ludwig oder Grillparzer mit ihren jüdischen Dramen weit höher. Was uns aber an diesem Drama das Fesselndc erscheint, ist, daß der Verfasser, der sich unbcgrcislichcrwcisc hinter einem Pseudonym verbirgt, gerode das jüdisch-religiöse Moment hcrvorzuheben bcmüht ist und daß sich dadurch das Stück vorteilhaft von den sogenannten Judcnstückcn (״Hinter Mauern", ...Ketten" usw.) abhcbt, welche den heutigen religiösen Verfall darstcllcn und zwischen den resignierenden Altcn und den alle Religion abschüttclndcn Jungen einen Kontrast schassen, welcher jeden rcligiösdenkenden Inden umso schincrzlichcr berühren mutz, als er der Wirklichkcit entspricht. Durch die offen zur Schau gctragene Tendenz, durch'die effektvolle Gegenüberstellung der beiden Hauptcharaktcrc, Elijahu und Achab, und nicht zuletzt durch die hübsche und farbenreiche Sprache ist der Eindruck dieser dramatischen Dichtung ein äußerst sympathischer. ' L. Grünhut. Johannes B. Jensen: Dolores. (Fischers Bibliothck zeitgenössischer Romane, <5. Reihe, Zweiter Band.) Wedckind, Artur Schnitzler, Gras Keyserling, Tolstoj, Alfred Freiherr von Berger, Mahler. Herzl. Dann folgen Schauspieler, Schauspielerinnen, Porträts der Wie-!er Lieblinge oder solcher, die sich die Gunst der Wiencr erwarben. Josef Kainz, dem zwei Skizzen gewidmet sind und mit besonderer Liebe gezeichnet ist. Hartmann, Sonncnthal, der ewig junge. Tic Schablone Lewinsky, Krastl, Lia Rosen, das Phänomen, Suzanne Desprcs, Caruso und als letzter Alexander Strakosch. Wer diese Vortragsmcister nur einmal gesehen und gehört hat. muß zugestehen, daß kaum ein zweiter, ihn so ähnlich, so lebenswahr dargestcllt hat, wie Salten. Tcn zweiten Teil beschließt: Ter Alfred Grünfcld. Im dritten Teil: Die Metternich. Ferdinand der Bulgare. Roosevclt. Johann Orth, der unglückliche und Weltflüchtige Habsburger. Der alte Hagenbeck. Bildnis einer singenden Frau. Schönt Funkelnde Jmprcffionen. Farbcn — oft blumenreiche Sprache. Kurze Sätze. Prägnant, sowie es sonst Salten gewohnt war. In der letztcn Zeit verlor er sich oft in seinen Feuilletons. Nun will er zeigen, daß er doch noch der alte ist. der meistern kann, so er nur will. In seiner knappen Wiedergäbe künstlerischer Schöpfungen einzig in seiner Art. Wäre Salten Maler, würde er mit eben so wenig Pinselstrichen seine Bilder hinzeichnen, wie er es in seinen Sätzen tut. Trotz der Knappheit stets die richtige Stimmung. Mit einem Worte: Impressionist; oft blendender Impressionist. Tolstoj als Russe, durchtränkt von russischer Psyche. Der Pilger, der seinen Lebensabend fern von seinem Hause beschließen will. Grandios. Und dann Herzl. Theodor Herzl: ״Wir müssen cs, wenn wir die sonderbare Doppclstellung. die Herzl seit damals (1895, Judenstaat) einnahm, begreifen wollen, nur von der künstlerischen Seite betrachten. Ein Schriftsteller, begabt mit einer des Aufschwungs fähigen Phantasie: mit einem reichen, den Tragödien des Lebens zugelvendcten Gemüt, ein Mann, dem die Zeitungsschrcibcrci den Ehrgeiz nicht und nicht den hohen Trieb der Seele zu stillen vermag, sinnt dem Schicksal des Judenvolkcs nach, dem er selbst entstammt ist. dessen Leiden ihn gelegentlich ergreifen, dessen Fehler ihn cmpören, dessen Stellung ihn beschämt. — — — Das Wort von dem Lande, das da verheißen ward, wacht auf mit dem gewaltigen, vom Echo der Jahrhunderte dröhnenden Donncrhall. Es ist erst nur ein Atelierträum, ein fünfter Akt, den ein Dichter zum ewigen Judcndrama findet, eine künstlerische Wirkung, die sich ein Künstler aussinnt. Wie dieses Volk, gesammelt aus den fernsten Erdcnwinkcln hcrbcipilgert, wie die Nachfahren derer, die einst ihre Harfen hingen an die Weiden Babylons, die Heimat betreten, und wie der binivtzn-Rütiiitza, Rabbiner FischmLNN-Jaffa, Rabbiner Le Vries-Harlcin, Rabbiner Dr. Lewy-Charlottenburg. Redakteur Berlin-Charloticnburg, Farbstem-Warschan, Tr. Rappaport- Leinberg, Hermann Struck-Berlin, Rüben Colin-Antwerpen, Cb. Kaban-Charkow-Berlin, Moritz 2. Wolfs-Hamburg, Iurowicz-Berlin, Zalmarzt Rotbfchild-Lübeck sowie als Gäste einigc Mitglieder der Hamburger Ortsgruppe. 2er Vorsitzende Tr. Frmick erstattete den Generalbericht. Rabbiner Rubinsohn berichtete über die Tätigkeit in Rußlmrd. Redakteur Berlin über seine Ägitationsreise in Amerika, Rabbiner Fischinaiin über. Palästina, sowie T-r. Nappapor: über den Misrachi in Galizien. Aus den überaus interessanten Berhandlungen ist besondcrs bervorzubcben, das; die Anbängerschast des Misrachi seit den; Kongreß von etwa 5000 aus zirka 12.000־ gestiegen ist, in erster Linie durch die überaus verdienstvolle Tätigkeit der Herren Rabbiner Rubinsohn und Redakteur Berlin. In der Tebatte wurden sämtli che die Organisation betreffenden Fragen erörtert und die Stellung des Zenträlbureaus zu sämtlichen Angelegenbeiten gutgeheisten. Eine Reihe von Beschlüssen geben die Tirektivc für die nächste Arbeitspcriode. Ta die Sammlungen für den Kolonialfonds eine ansehnliche Höhe erreicht haben, wurde eine Kommission von Fachleuten und Kausleutcn gebilde:, die mit den maßgebenden Kreisen in Palästina zwecks Inangriffnahme der kolonisatori׳ schcn Arbeiten in Verbindung treten soll. Ter Jugendorganisation ist die gröstteAusmerksamkeil zu schenken. In der gemeinsamen Beratung mir dem Tachkemonikomitee wurde nach dem Bericht des Herrn Rüben Cohn beschlossen, das; dem Misrachi der maßgebende Einfluß aus die Schule zusteht: die Baupläne wurden genehmigl; die Anstellung eines TirektorS ist in naher Aussicht. Tie Bildung von Lokalkomitccs soll beschleunigt und denselben eine intensive Tätigkeir zur Pflicht gemacht werden, lieber Finanzcn berichtete Herr Rechtsanwalt Tr. Möller. Für die Propaganda des Misrachi wurden erhebliche Summen, von mehreren Herren se 1000 Mark gezeichnet. Es wurde von mehreren Seiten der Wunsch ausgesprochen, baldigst einen Telegievicntag cinzubcrufcn. Tie arbeitsreiche Tagung erössnete vcrhcistunasvolle Ausblicke für die Zukunft des Misrachi. Tie Sitzung wurde am Monntag abend, 0 llbr, vom Vorsitzenden, Herrn Tr. Franck, mit Tank für das Erscheinen der Teilnehmer aus weiter Ferne geschlossen. Wieder ein grauenvoller Mord in Galizien. Tie mordlüstcrn Räuber scheinen die armen jüdischen Landpächtcr zu ihren Mordabjekten ausgcwäbNzn haben. In Jariezcw Nowy, einem Torfe in Galizien, befiel vorige Woche ein Räuber die jüdische Familie Chain! Scharr, inmitten des Schlafes. Dem Scharr, der sich dem Ränder cntgegcnstclltc, durchschnitt der Räuber mit einem Messer den Leib und cntiloh. Dieser hatte noch so viel Macht, ihm nachzuspringen; da vollendete er draußen sein Werk, indem er ihn völlig zu Tode erstach. Die Polizei grübelt mit Spürhunden dem Täter nach und >vic cs scheint, ist sic bcre!:ö ans seiner Spur. Richtigstellung. In der vorigen Nummer der ״Jüd. Bolksstimme" ist am Ansange des Artikels ״Klcinstadtlcbcn" von Herrn Bernhard Horoivitz ein unlicbsamcr Druckfehler enlstaiide!!, indem irrtümlich zwischen die Worte ״das Siädichcn ansgcbreüet" dos Wort Krakau cingeschodcn lvnrde, welches im Manuskript tvohl war, aber wo andcrs gehörte, ivas wir hicmit richtigstcllcn. Dir Redaktion. Dr; Rudolf KaMcky fttw. CtHer der l.cMrft. Afctriiaag der Dmdokranktnmttit »obat: Gelte Jerdinand$0asst and 3obatMt$0a$$t (•»«« kkw*) ordiniert flgllcb 90a 2 Ms 4 Qbr nach■,?etmsareebet t)r- SOS. ג Kein jüdischer Student verkehrt in einem Lokale in dem die ״Iüd. Bolksstimmc" nicht aufliegt. S. Fischer, Verlag. Berlin, Pappband t Mark, in Leineu Mark 1.25. — Ein neuer Band der kleinen und ausgezeichneten Fischcrschcn Bibliothek bietet dem Leser sechs Novellen von Johannes V. Jensen, dem umsasscndstcn der heutigen Erzähler. Die sechs Geschichten stammen aus verschiedenen Zeiten der Entwicklung Jenscnns; von den ersten witzig-scharfen Schildcrnngen seiner Heimat: Himmerland( dem alten Land der Zimbcrn, eine Bauerngegend von ungebrochener Art) bis zu den Abenteuern, die seine Reisen und Wänderungcn ihm pflücken ließen. Ucbcrall bewährt sich Jenscns Meisterschaft; er ist kein-Landschafter, kein Erotikcr, ist kein Hcimatkünstlcr und kein Internationaler, sondern rr ist das alles zusammen, voller Phantasie und Verstand und durch die Unmittelbarkeit und Frischc seines Stils immer unterhaltend. L. Grünhut. Berühmte Judrngcmrintzen des oSmanischen Neichrs. Bon Rabbiner W. Reich, Baden bei Wien. Preis 1 Mark. Verlag I. Kaufmann, Frankfurt a. M. — Rabbiner Reich, welcher — nebstbei bemerkt — zu de« besten Redner!! des heutigen österreichischen Rabbincrsiaiides zählt, sagt in seinem Vorwort zu seiner, dem Andenken des verstorbenen David Ritter bon Gutmann gelvidmelcn Broschüre, dieselbe sei ״eine kleine Abstattung einer großen Schuld der Dankbarkeit, die die Judcnheit im gegenwärtigen Wendepunkt des Osmancntums, imvclchcm es aus der europäischen Völker- | samilic scheidet, demselben als Wegzehrung mitgibt!" > Der Autor macht uns mit dem Werdegang der drei größten jüdischen Gemeinden der bisherigen curopäischcn Türkei. Saloniki, Koiistantinopel und Adrianopel bekannt. Bie Broschüre, ivelchc 80 Seiten zählt und zahlreiche interessante Quellenschriften anführt, ist als überaus fesselnde und anregende Lektüre zu cmpfehlen. L. Grünhut. Gestalte» und Erscheinungen. Bon Felix Salten. Zweite Auslage. S. Fischer. Verlag, 1918. — Nach dem ״österreichischen Antlitz" veröffentlicht nun Salten eine zweite Sammlung Essays, die sich fast ausschließlich mit österreichischen Köpscn beschäftigt. Diese neue 1 Sammlung besteht aus drei Teilen und enthält trefsliche, wenn auch mcisrcns kurze biographische Skizzen. Im ersten Teile Literalen: Andersen, Boccaccio, Frank Jubel unermeßlich ist, wenn sic von den Höhen die Stadt vor sich liegen sehen. Gegrüßt seist du, Jerusalem!-(142) Man lese nach. Gustav Kohn. lahrzestkerzen. Havdolohkerzen Tempelkerzen zu deziehen durch das Spezialgeschäft Pmirll kl« Dl. DÜ. Olga Jarosch Brünn, Adlergasse 2. John Spargo: Karl Marx, Leben und Werk. Bei Felix Meiner, Leipzig 1918. — Ich möchte nicht, daß man diese Anmerkungen als Besprechung werte. Denn cs gebricht mir an einem Erfordernis, welches beim Rezensenten eines sozialpolitischen Werkes wohl nicht fehlen sollte, da cs ihn befähigt, kühl abzuwägen: Das Erfordernis, daß er bereits zum Werke eine gewisse Distanz gewonnen habe. Ich aber bin erfüllt von diesem Buch. Ties haben gleichermaßen der Stoff und seine Darstellung bewirkt. Ein bcdcutcndes Werk über einen sehr bedeutenden Menschcn. Tcn zweiten Teil dieses Satzes glaubhaft zu machcn, bedarf es heute nicht mehr einer ausführlichen Begründung; Marrens Größe ist allgemein anerkannt. Treffend wird er in Vergleich neben Charles Darwin oeftcllt. (S. 315 ff.) Marx und Darwin waren nicht nur Zeitgenossen, sondern ihre beiderseitige Bedcutung bildet eine Parallele: Darwin erforschte die Gesetze der organischen und Marx die der gescllschastlichen Entwicklung. Darwin deutete das Dasein des Menschen und Marx scine sozialen Einrichtungen. Dar- Win hat die biologische, Marx die soziologische Evolutionsthcoric begründet. Sein größtes Verdienst ist die Erkenntnis, daß die ökonomischen Bedingungen im Geschichtsverlauf den bestimmenden Ausschlag geben, die Entdeckung oder wenigstens Wiedcrentdeckung der materialistischcn Geschichtsauffassung. Dies verschafft ihm einen ehrenvollen Platz unter den größten Denkern aller Zeiten. Er tvar ein Begeisterter; aus den ein schöncs Wort zutrisft, das ich jüngst daS und das sich mir tief ins Gedächtnis prägte: ״Wo ein Begeisterter steht, dort ist der Gipfel der Welt!" Daß aber auch der erste Teil jenes Satzes zu Recht besteht, daß das Werk des Biographen wirklich bcdcutcnd ist, Ivird jeder freudig erkennen, der dem Genius