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Jüdische Volksstimme · 1914-07-02 · Heft 25 (2.7.1914) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 25 (2.7.1914)
Date
1914-07-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 25. XV. Jahrg. Beilage zur ,Wiener Jüd. \ 2. Juli 1914 Seite 9. Vas jüdisch« Leben in Kalmen. Die Erziehung der jüdischen Jugend in Galizien und die Organisation der Schomrim. Tr. Heinrich Sterner, Lemberg. 'n‘v' . . III. Es erschallt das Kommando;schnell werden die Kleider abgelegt; irr einem Nu sind die Schomrim un Wasser; die׳ guten Schwimmer bilden die Vorhut: sie suchen eine nicht tiefe, ungefährliche Stelle für die Kameraden aus, die nicht schwimmen können, grenzen sie ab und nun stürzen auch die Uebrigen ins Wasser; nur die Rettungspatrouillen bleiben am Ufer; aus den besten Schwimmern, aus den tüchtigsten Schomrim bestehen sie; sie überwachen die Ba- Senden; sie dürfen unbedingt die Gefahr nicht übersehen, die ihre Kameraden während des Badens mit einem Unfall bedroht; ab und zu stürzen sich manche von ihnen ins Wasser und zeigen vor wie man einen Ertrinkenden Hilfe leisten soll, ohne in die Gefahr zu geraten von ihm selbst in die Tiefe herabgezogen zu werden. Dem Wasserbad folgt ein Luft- und Sonnenbad; in Adamskleider gehüllt, laufen die Jungen und springen, turnen und spielen; die herzige, innige Lebensfreude erstrahlt in den Augen der glücklichen minder; der Körper wird gehärtet und gestählt; der krumme Rücken stolz emporgerichtet; die Bewegungen des Kindes drücken Mut und Kühnheit aus; sein Auftreten wird vornehm stolz und sicher; es kennt seinen Wert, fühlt seine Kraft, seine Leistungsfähigkeit. Nicht nur den Ertrinkenden kann der Schomer Hilfe leisten; in allen plötzlichen Unglücksfällen kann er den Mann zeigen: er weißt, wie man ein Feuerbrand löscht, mit der Wunde umgeht, den Vergifteten rettet, den Erstickenden, scheinbar toten, dem Leben zurückführt; sogar die scheu gewordenen Pferde versteht er mit starker Hand schnell und sicher zum Stillstehen zu bringen. Auf seinen Wanderungen in der Stadt und in der Umgebung war er oft Zeuge von Ungiückssällen und trotz der brennenden Begierde seine Nächsten vor drohender weiterer Gefahr zu beschützen, die Folgen des bereits erlittenen Unfalls zu lindern, mußte er anfangs mit der schmachvollen Nolle eines müßigen Gaffers sich begnügen. Trotz des besten Willens konnte er die ersehcnte Tat nicht ausführen: entweder das Wissen fehlte ihm, oder die nötigen phvfischen Kräfte. Seiner schtvachen Seiten vollkommen bewußt, bestrebt er sich fleißig sein Wissen in erwünschter Richtung zu vervollkommen, seine phvfischen Kräfte zu vergrößern, seine Gesundheit zu kräftigen; schon die nächste Zukunft wird ihn nicht unvorbereitet überraschen, da wird er schon sicher das Gewünschte vollbringen, das Ersehnte vollführen. Auf ihren Wanderungen kochen die Tchoinrnn das Essen in großen Aluminiumkesseln au׳ den ntusterhaft angelegten Feldküchen selbst ab. Der Mahlzeit folgt ein Plauderstündchen; da erzählen die Jungen den Kameraden, was ihnen auf der Wanderung passierte, oder überhaup: wofür der eine oder andere in der letzten Zei das größte Interesse hatte. Lang u. breit, fröhlich und lustig wird die Geschichte vom Honigduf: und dem kleinen Waldsänger erzählt. Einer der Knaben zieht eine Muschel aus der Tasche heraus und wirft die Frage auf, auf welche Weise die Muschel auf die sandige Anhöhe gekommen ist, wo sie gefunden wurde, und wo sich ihrer noch zu Hunderten befinden, da doch, wie bekannt, nie in den flachen Muscheln hausenden Weichtiere im Meerwasser leben; ein anderer Junge beschäftigt seinen ganzen Zug mit der für ihn so brennenden Frage, wie eigentlich das tiefe Tal und der hohe Berg, durch welche sie ihre heutige Marschroute geführt hat, entstehen konnten; in einem anderen Zug wird soeben ein dreitägiger Ausflug geplant; die Proviantfrage wurde plötzlich undunerhofft zum Streitgegenstände; es handelt sich darum, was gesünder und nahrhafter für den menschlichen Organismus ist, Oelsardinen oder Eier; während der Debatte bemerkten allmählich die Jungen, daß sie über¬ Haupt keinen blauen Tuns! davon haben, welche Speisen gesund und welche schädlich sind; die wichtige Frage der Hygiene der Ernährung werde langsam aufgerottt; den Ausführungen des erfahrenen Führers, der seines Amtes wegen, ich mit der AngelegenlM schon seit Monalen beschäftigt hat, folgten die anderen mit großer Aufmerksamkeit. Als nach einer halben Stunde die Schomrim zusammengetrominelt wurden, war ein elfjähriger Junge Gegenstand allgemeiner Achtung; er war oer einzige, der die Quelle des wunderbaren Geruches entdeckt hat. »kein genialer Einfall, nur das Forschen und Denken war es, das ihn auf den richtigen Weg geführt hat. Er beobachtete genau das Treiben der Bienen in der Meinung, daß diese ihin am ehesten den Weg zum Bienenkorb zeigen werden; er bemerkte, daß die Bienen über einem Teil des Feldes, das ganz init gelben Blumen bedeckt war, geschäftig suchen, sich auf die Blumen niederließen, deren Säfte sogen und dann satt in der Richtung zuvi Dorfe hinflogen; der Knabe folgte ihnen, beinerkte aber sofort, daß je weiter er sich voiii gelden Felde entfernte, desto schwächer wurde der angenehme Honigduft, bis er ihn endlich nicht mehr verspüren konnte; er stellt fest, daß seine Fährte falsch ist, denn je näher dem Bienenkorb, desto stärker sollte auch der Honigduft werden, wenn der Bienenkorb wirklich die Ursache des Geruches sein sollte; er kehrte daher sofort zu den gelben Blumen zurück und beobachtete weiter das Treiben der Bienen: er wußte. Saß die Bienen den Last der Blumen in ihrem Innern in Honig verarbeiten, der eben den fragliche,: Geruch verbreitet; bekommt der von den Bienen gesammelte Saft den angenehmen Duft von der Biene oder von den Blumen, stellte sich der kleine Forscher die Frage; er pflückte sofort einen krauß gelber, so gern durch die Bienen besuchter Blumen, entfernte sich bis zur Stelle, wo früher kein Geruch zu verspüren war. roch nach den Blumen und schrie freudig auf: Tie Quelle des Duftes hat er gefunden, die Blumen waren es, die gelben, welche einen Teil des Feldes bedeckten, die nach Honig dufteten. Nur wußte er nicht wie die Pflanze heißt; ein mitgebrachter Pflanzenatlas wurde sofort aufgeschlagen und ein anderer Schomer verkündete den Cameraden, daß die Pflanze den Namen Buchweizen trägt, daß sie dieselbe ist, deren Früchte die Jungen so oft verzehren ohne die leiseste Atmung des süßen Duftes ihrer gelben Blüten. Ein kurzer Pfiff: die Schomrim zerstreuen sich und marschieren weiter in der vorigen Rich tnng; hie und da blickt mancher auf die Landkarte, auf den Kompaß um zu kontrollieren, ob der Zug von der im vorhinein festgesetzten Marschroute unbewußt nicht abgewichen bat. — Plötzlich bleibt der Zug stehen: Ter Führer hat nicht gepfiffen, er hat nur ein Handzeichen zum Stillstehen gegeben; geräuschlos sammeln sich die Schomrim um den Führer: auf einem niedrigen Zweige hat dieser einen kleinen Vogel bemerkt, Der sich hin und her wiegend, ganz begeistert sein herrliches Lied trillerte; keiner von den Jungen wußte ihn zu nennen. Ta beka,uen zwei Schoinrin« den Befehl, von entgegengefevter Seite an den Vogel heranzuschleichen: sie sollten später sein Gefieder ganz genau beschreiben; einer der Jungen war sogar über den Gesang so entzückt, daß er schnell seinen pbotographischen Taschenapparat ausstellte um das nun!- tere Vöglcin zu verewigen; der Vogel jedoch, der wahrscheinlich von der freundlichen Absicht der Knaben keine Ahnung hatte, flog, vom vcrdächtigen Geräusch verscheucht, plötzlich und unverhofft davon. lieber Wiesen und Hügel zieht der Zug weiter! Zwei Knaben haben sich geeinigt schon während der nächsten Woche in denselben Wald zu gehen, um den reizenden kleinen Sänger nä- ,her kennen zu lernen; schon bei der nächsten Ge- .kegenheit werden sie imstande sein den Kaineraden sein Jncognito zu entdecken. — Einer der Burschen fand auf einer sandigen Anhöhe eine flache Muschel und steckte sie in die Tasche. Am Ufer eines Flusses oder eines Teiches, auf einer grünen Wiese nahe bei dem Walde wird in warmen Jahreszeiten halt gemacht; hier ist der Sammelpunkt aller Züge; pünktlich sind alle au, Platze. Das Kommando über alle Züge übernimmt ein erfahrener Schomer. gewöhnlich ein Altersgenosse der Koinmandierren. Tie Jungen schlagen die mitgenommenen Zelte auf; der Regen kann sie nicht mehr überraschen; aus Reis und kleinen Zweigen werden elastische Matratzen gebaut, das Feldbett eines Schomer: ganz ruhig kann er darauf seine müden Glieder ausruhen, die Feuchtigkeit, die vom Boden zieht, kann ihm setzt nichts Böses antun. keine dtraukheit herbeiführen; sicher schützt ihn sein lunige-S Feldbett vor derartigen schädlichen Einflüssen. (Fortsetzung solgt.t Legen verdorbenen Magen, Darmträgheit und Gicht. ״Sternhofer Bitterwasser“ Mild, doch zuverläBlich. Sternhof. Post Sokolnitz bei Brünn. Berichte. Das 7llj(if)r. Jubiläum von M. D. Braudstätter. Wer in der »euer», hebräischen Literatur!Vit Beginn der ״HaSkalah" vis aus die Gegenwart euvaS bcivandert ist, der kennt den Namen Braiidilülter und vor seinem Geiste sieht er einen kernigen Hnskalahthpus aus den 7Nger Jahre». Damals, als die hebräische Sprache, sozusagen noch in den Windeln lag. damals, >vo ein kerniger, reiner, von übermäßigem Pathos freier und klarer 3til zu den »nfiositälen gehörte, dainals als smolenskh, der damalige Held der hebr. -schristslellerkunst mit seinem schonen Hebräiüü die verivitterte Athmosphäce zu reinige» begann, zu dieser Zeit erschien auch Branüstätter ans der Bühne des hebräischen Lchrirtstellertums. Tie hebräische spräche ivar gefesselt, in einen engen Ureis von AnSdrude» und Begriffen eingeklemmt, von ihren Verehrern mit schivulstigcn, schtverfälligcn und doppelsinnigen AnsdruckSweisen beladen und gehemmt und sie schien eine Sprache nur für Belbücher, Nellgionskoderen 1t. drgl. geeignet zu sein, nicht aber eine AusdrudSnille zu ineten, um mit dieser die täglichen Erscheinungen und die an uns vorüberhnschenden Lebensbilder zu kopieren. Tie tvar die .,tote" Tprache. Zu den ersten, ivelche darangingen, diesem verkrüppelten, vom staub der Jahrtausende der Verivüslungen und Verlievnngen lad und düster geivordencn einstigen spracbkoloß neuen Lebensodcii! einzuhnnchcn und ihm eine frische, vom Tan des Lebens angehauchte Jarbe zu geben gehörte unbestreitbar —- M. T. Brandsiätter. Er »ahm das Leben - natürlich das jüdische Leben, tvelches ihn umgnb lind hauchte es dem spracbkoloß ein. dai; der Niese sich zu reden und all' seine Glieder zu verläugern begann, um zu zeigen, das; er lebt und ans das Leben auch Anspruch erhebt. Durch die reiche samre seiner Darstellungen geißelte er in ansdrudsvoller Weise die damaligen üble» Zuslände und mit seinem Tpott, gab er dem, >vaS abseits des Lebens stand und gegen den slrom desselben ankämpfte, die richtige Jorm des Lächerlichen und kopfschütteln Erregenden . . . >ä',cbaren in Galizien und daselbst ununterbrochen >voh- »cnd. hat er dem hebräisch lesenden Publikum die galizisch-jüdische» Zustände vor Auge» geführt. Daher kann Galizien mit stolz auf dieses sein Produkt blideu. Denn Talente, wirkliche Talente, gibt es in Galizien sehr wenig. Ueberkaupt solche Schriftsteller, ivelche. tvie Brandskätter. materiell vollkommen unabhängig - B. ist ein reicher und angesehener Kaufmann in Tarnow — und die nnr aus innerem impulsiven Drängen die szeder in die Hand nehmen, verdienen besondere Wertschähuug. Vernharss Horowiv. Jüdische Handelsannestellte, Beamte verkehret nur in Lokalen in denen die ״Jüdische Volksstimme" anfliegt. Sitzung des Misrachi-Zentralkomitees. Am Souutag, den 7. und Montag. Den ■s. Juni, fand in Hamburg in, Logenbeiu, eine Sitzung des Zentralkomitees der Zionistischen Föderation ״Misrachi" statt. Außer den Mitgliedern des Zentralbureaus: Herrn Tr. L. Franck, Rechtsanwalt David und Rechtsauwalt Dr. Möller waren zu der Sitzung erschienen die Herren Rabbiner Reines-Lida, Rabbiner .Ru-

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