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Jüdische Volksstimme · 1914-06-25 · Heft 24 (25.6.1914) · page 5

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 24 (25.6.1914)
Date
1914-06-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 24. ^Jüdische 80lf*{Hmme״ Seite 5. aus anderen Städten im ausgehenden Mittelalter dertriebcne Juden auf. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts, jedoch mutzte er dem häufigen Drängen der Kaifer, schließlich der Forderung des Papstes Pius nachgeben, ihnen einen abgesonderten Wohnplatz im Osten der Stadt als ״Ghetto" anweiscn. Inzwischen war die Zahl der jüdischen Haushaltungen, die zeitweilig bis auf 8 gesunken war, im Laufe des auf die Einsperrung in die Judengasse (1462) folgenden Jahrhunderts (bis 1573) auf rund 250 Haushaltungen gestiegen, trotz der heftigen allgemeinen Verfolgungen (wie diejenige Pfefferkorns, gegen den ihnen der Reformator Reuchlin bcistand). Bald aber ging ihre Zahl durch Erschwerungen mancherlei Art wieder zurück, besonders als der unduldsame Rat die Zuwanderung von Calvinisten und Lutheranern verbot. Bald auch, anfangs 17. Jahr- Hunderts, entlud sich die Unzufriedenheit der Kleinbürger mit der Misswirtschaft des Rates und der Patrizier in dem bekannten Fettmilchschen Aufstand, der sich hauptsächlich gegen die vom Rate beschützten jüdischen Bürger wandte. Nach dem Ueberfall auf die Judengasse (22. August 1614) vertrieben, wurden sie aber bereits zivei Jahre später, nach Bestrafung der Rädelsführer (28. Februar 1016), wieder durch den Rat zurückgeholt. Seitdem prangte der kaiserliche Adler auf den drei Eiugangstorcn zum Zeichen, datz sie unter kaiserlichem Schutze standen. So erfreuten sic sich im weiteren Verlaufe des 17. Jahrhunderts, selbst während des 30jährigen Krieges, verhältnismäßiger Ruhe und wuchsen auch an Zahl auf die frühere Höhe wie vor dem Fettmilchschen Aufstande. In dieser Zeit begannen innere Unruhen ihren Frieden zu stören. Nachdem ihnen die selbständige Ver- Wallung ihrer Angelegenheiten vom Rate zugestanden war, hatten einzelne Familien die Herrschaft an sich gerissen; hieraus entstanden die sog. Kulp-Kannschen Wirren, zu deren Beilegung sogar städtisches Militär aufgeboten werden mußte. Zwar zeigt die infolgedessen cingcführte neue ״Stättigkeit" einen gewissen Fortschritt in freiheitlichem Sinne, indem den Gemeinde- Mitgliedern Anteil an der Verwaltung eingeräumt wurde; dennoch aber weisen die Steuerlisten aus der Mitte des 16. Jahrhunderts einen ziemlich starken Rückgang im Wohlstand der jüdischen Bevölkerung auf, teils wohl infolge der vorgenannten Wirren, doch zum Teil gewiß auch verursacht durch die großen ״Judenbrände" von 1711 und 1721. Eine endgültige Besserung trat aber erst ein, als am Ende des Jahrhunderts durch die Einwirkung der französischen Revolution die alte Judcnstättigkeit, die schon durch den Brand von 1706 ihre praktische Bedeutung zum großen Teil eingebüßt hatte, endgültig beseitigt wurde. Die Bewohner der eingeäscherten Judengasse wohnten, zunächst nur geduldet, unter ihren christlichen Mitbürgern, leisteten aber den Versuchen des Rates, das alte Ghetto wieder aufzubauen, erfolgreich Widerstand. Da kamen ihnen zu Anfang des 19. Jahrhunderts die neuen politischen Zustände zu Hilfe. Die mit dem Rheinbund eingesetzte Regierung des Fürsten Dalberg brachte zunächst die Aufhebung aller Sonderrechte, wenn auch noch nicht volle Gleichberechtigung, gegen den 20fachen Betrag des bisherigen Schutzgeldcs als Ablösung. Bald aber erfolgt der unvermeidliche Rückschlag: Was die christlichen Volksgenossen, an deren Seite als treue Patrioten kämpfend sie kräftig mitgeholfen hatten zur Befreiung des Vaterlandes, dieses heißcrsehnte Ziel erreichen ließ, das brachte ihnen die alten Beschränkungen wieder zurück, um deren endgültige Beseitigung sie von neuem noch über 3 Jahrzehnte lang kämpfen sollten. Erst das Jahr 1848 brachte die allgemeine Juden-Emanzipation, die hier in Frankfurt aber erst mit Einführung der Gewcrbefreiheit (1864) endgültig in Kraft getreten ist. Nach diesem mit vielem Beifall aufgenommcnen Vorträgen schloß Herr Professor Guttmann-Breslau mit herzlichen Tankesworten insbesondere an den Frankfurter Oberbürgermeister, der den Verhandlungen bis zum Schlüße beiwohnte, und dem Vorstand der Frankfurter Gemeinde die Versammlung. Der zlvcite Tag der Mitgliederversammlung war weniger anstrengender Arbeit gewidmet. Um halb 10 Uhr begaben sich die Teilnehmer der Versammlung nach Worms, wo sie zuerst namens der dortigen Gemcinde vom Stadtrat Mayer bcgrritzt wurden und sodann unter Führung des Rabbiners Tr. Holzer und Lehrer S. Rothschild die zahlreichen Schenswürdigkciien der Wormser Gemeinde, namentlich die Synagoge, die Raschikapclle, das Fraucnbad, die Judengassc sowie die Ausstellung altjüdischer Kultusgegcnstände besichtigten. Tic Versammlung wurde dann im Rathause der Stadt Worms von den städtischen Behörden empfangen, an deren Spitze der Oberbürgermeister Köhler, Präsidcnt der hessischen Kammer, die Versammlung willkommen hieß in Worms, dem klassischen Boden jüdischer Geschichte. Namens der Versammlung dankte Herr Rabbiner Dr. Nobel, Frankfurt a. M., für den freundlichen Empfang. Unter Führung des städtischen Archi- Vars Herrn Professor Dr. Weckerling wurden dann die auf die Wormser Juden bezüglichen Urkunden» welche m übersichtlicher Weise im Saale Aufstellung gefunden haben, in Augenschein genommen, auh dem städtischeu Archiv selbst ein kurzer Besuch abgestattct. Inzwischen war im Festhause der Stadt ein Frühstück hergerichtet worden, welches nach stündigem Wandern die Teilnehmer zu geselligem Zusammensein vereinigte. Auch hier wurde wieder manch schönes Wort gesprochen, bis die Zeit mahnte, aufzubrechen, um dem alten jüdischeu Friedhöfe noch den in Aussicht genommenen Bcsuch abzustatten. Lange verweilten hier noch die Teilnehme! bei den stummen Zeugen einer großen Vergangenheit: mancher mochte dabei wohl des Hinweises eines der Festredner gedenken, daß eine ununterbrochcne Kette von Arbeit und Idealismus von der Bergangenheit über die Gegenwart in eine ferne Zukunft führe. Dann zerstreute sich die Versammlung, die bei allen Teilnehmern einen großen Eindruck hinterließ und die nach allgemeiner Ucberzeugung den Höhepunkt in der bisherigen Existenz der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums darstcllte. Noch zu erwähnen sin!) die eindrucksvollen Nusstellungen, welche in einem Nebensaale der Frankfurt- Loge von verschiedenen Seiten veranstaltet worden waren. Die Frankfurter Numismatische Gesellschaft zeigte den Teilnehmern der Versammlung in einer bisher nicht erreichten Vollständigkeit jüdische Münzen aus der ältesten Zeit der israelitischen Geschichte bis hinauf zu modernen ältesten Zeit der israelitischen Geschichte bis hinauf zu modernen jüdischen Mcdalien; der Verlag I. Kaufmann-Frankfurt a. M. führte in mehrere» Abteilungen seinen eigenen wissenschaftlichen Verlag sowie die gesamten Werke der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums vor. Ti bekannte Kunstfirma Horovitz bot eine reichhaltige Ausstcllung jüdischer Kultusgegenstände von den einfachsten bis zu den vollendetsten Formen. Auch darauf sei noch kurz hingewiesen, das; die führenden Frankfurter Zeitungen der Gesellschaft größere Begrüßungsartikel gewidmet haben. So liegt eine Tagung hinter der Gesellschaft, auf die sie und alle die zu ihrem Gelingen bcigctragen haben, mit Stolz und Genugtuung zurückblicken können und die Erfolg verheißend ist für ihr ferneres Gedeihen und Wirken. Ein Zwischenfall bei einer Promotion an der Prager deutschen Universität und die jüdischnationalen Studenten. Vergangene Woche wurde au der Prager deutschen Universität ein Herr Gabriel Kraus zum Doktor Juris promoviert. Herr Kraus, der während seiner ganzen Studienzeit im sozialdemokratischen Lager stand, nahm die Gelegenheit wahr, für die Freiheit der Wissenschaft eine Lanze zu brechen und reflektierte auf die stereotype Promotionsrede des Rektors Prof. v. Zeynek, im Leben für das Deutschtum weiter zu kämpfen, mit einigen, wohl scharfen, aber dessenungeachtct nicht ganz unbegründeten Sätzen, in denen er hervorhob, die Prager deutsche Universität nationalisiere die internationale Wissenschaft. Daß er auch die Lehrweise der Universität angriff und m herben Worten das verfehlte System charakterisierte, mag Wohl nicht höflich und vollständig begründet gewesen sein; dennoch war in seiner Rede nicht nur ein Körnchen, sondern ein ganz großes Korn Wahrheit enthalten. Inwieweit er mit letzterem Recht hatte, wollen wir dahingestellt lassen, jedenfalls nur erwähnen, daß die Prager Universität, die einst Weltruf besaß — noch nicht solange ist's her — auf eine tiefe Stufe gesunken ist und sogar in Oesterreich nicht unter die ersten gerechnet wird. Wir wollen uns. wie gesagt, damit nicht befassen, viel interessanter ist für uns die Behauptung, die Prager deutsche Universität nationalisiere, ja schrecke dabei vor Terror nicht zurück. Die Jüdischnationalen wissen aus eigener bitterer Erfahrung, wie weit dieser Nationalismus geht. Nu den andern Universitäten, sogar an der Prager tschechischen, ist die jüdische Nationalität anerkannt, nur die deutsche Universität in Prag sträubt sich hartnäckig dagegen und will das jüdisch-nationale Bekenntnis nicht annehmen. Seit Jahren verlangen die Prager jüdisch-nationalen Studenten die Anerkennung, früher war es die Barinia. welche an der Spitze dieser Aktion stand, in den letzten Jahren ist's die jüdische Lesehalle, vergebens. Doch wird auch hier über kurz oder lang Wandel geschaffen werden. Wenn unsere St!.- deuten mit der nötigen Energie stets von neuem ihre Forderung ausstellen, wenn sie nicht auf halbem Wege erlahmen, dann ist Aussicht vor- Händen, die Anerkennung zu erlangen. Denn der Einfluß der getauften Professoren im Köllegium nimmt immer mehr ab und bei einem ehrlichen Arier kann man viel eher auf ein Verstehen des jüdisch-nationalen Standpunktes rechnen, als bei den Getauften, der die Inden soviel als möglich chikaniert, um seine eigene Abknnft vergessen zu machen. Darum können die Jüdischnationalen die bisherige Taktik des atademischen Senats nicht gutheißen und müsst׳!, bei aller Ehrfurcht vor deutscher Kultur solange abseits stehen, solange man sie zu einem falschen Bekenntnis zwingt. Die ״Bohemia" brachte in Ergänzung des Berichtes am nächsten Tage eine Biographie des ״Herostratus" und wußte von ihm zu erzählen, ״er habe seinen Idealismus erst im Zionismus und dann in den Ideen der Sozialdemokratie zu ״sättigen" gesucht. Die ״Bohemia" erkennt ganz gut, wer ein Recht daraus hätte, mit der bisherigen Richtung 1111)1! frieden zu sein, dennoch war Herr Dr. Kraus unseres Wissens kein Anhänger, sondern stets ein Gegner des Zionismus: daher prallen auch alle Anspielungen auf Takt. Dankbarkeit usw.. die so verblümt an die Adresse der zionistischen Studenten gerichtet sind, wirkungslos ab. Gewiß könnte es einmal geschehen, daß ein zioni stischer Student, lvenn auch taktvoller, seiner llnznsriedenheit Ansdruck gäbe, aber unsere Studenten sind nt gut diszipliniert und erzogen, als daß sie sich einer soläien Art, ihre Rechte zu verteidigen, befleißen würden. Den Universttätsbehörden heiligt der Zweck jedes Mittel, welches die Zahl der Deutschen in Prag ver mehrt, die jüdisch-nationalen Studenten wollen nur ans reinliche Weise ihr Ziel erreichen. Josef HanuS, Brünn Rudotfegassa Nr. 25. sämtliche Damenmodewaren. Bänder, Spitzen, Seiden stoffen, Posamenten und ZugehOr für Damenschneider rinnen. Krünner Hacftricftten. Schauturnen der jüdischen Turnerschast Westösterreichs. Sonntag, den 21. Juni 11)1-1 fand in Brünn im Schreibwalde, Jahnwiese, das zweite Kreisschauturnen der jüdischen Turnerschast Westösterreichs statt. Ueber :'>000 Personen hatten sich eingesnnden, um dem Schauturnen beizuwohnen. Ersreulich zu konstatieren ist es, das auch die jüd. Bevölkerung aus den mähr. Gemeinden in stattlicher Anzahl nach Brünn kam um die jüd. Turner und Turnerinnen zu sehen und kennen zu lernen. Es war zum ersten mal in Brünn, daß eine derartige jüd. nationale Feier veranstaltet wurde. Unter den Klängen der Hatikwah fand der Aufmarsch der Turner und Turnerinnen (zirka 800 Personen) statt. Lebhafte Hedatrnse begrüßten die wackere Jungmannschaft. Namens der Leitung des zweiten Kreises sprach Herr Kien, Wien, der unter lebhaftem Beifall das Programm der jüd. Turnerschast entwickelte. Hierauf wurde die Einweihung der Fahne des jüd. Turnvereines Makabi vorgenommen. — Die Hebungen wurden ans das exakteste durchgeführt. Es war eine Freude, unsere Turner und Turnerinnen an der Arbeit zu sehen. Fürwahr, die Leistungen standen in jeder Beziehung *lauf der Höhe und können nnsere Turner ruhig den andersnationalen Turnern gleichgestellt werden. Hervorragendes leisteten die Budapester Turner, aber auch die anderen Turnvereine hielten sich wacker. Allgemeinen Beifall fanden auch die Anfsühningcn der Zoglinge sowie der Mädchcnscktion des Brünner Turnvereines. Am Abend fand zu Ehren der Festgäste ein Festkommers statt. Alles in allem genoiiimcn kann Oie Vera»- staltung als eine gelungene bezeichnet werden. Folgende jüd. Tnrnvercine haben dem Kreisturnen beigewohnt: Jüd. T. V. Bielitz. Jüd. T. P. Boskowitz. Makkabi Brünn. P. e a. k. Budapest. Jüd. T. V. Dombran-Lrlan. Mak kabi Graz. Jüd. T. V. Göding. Jüd. T. V. Jgbin. Jüd. T. V. Lundenbuvg. Jüd. T. V. Linz.

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