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Jüdische Volksstimme · 1914-06-18 · Heft 23 (18.6.1914) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 23 (18.6.1914)
Date
1914-06-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. ״Jüdische Belttstimme" Nr. 23. Antisemitismus im deutschen ״Wandervogel". Wir haben seinerzeit von der Resolution berichtet, die zu Ostern am Bundestage der Wandervogel-Vereine in Frankfurt a. O. gefaßt wurde, und haben nicht versäumt, die inneren Widersprüche und die Unwahrhaftigkcit derselben aufs schärfste zu kritisieren. Die gesamte jüdische Presse war einig in ihrem Urteil; allgemein brach sich die Erkenntnis Bahn, daß es den maßgebenden Faktoren im .Wandervogel" nur darum zu tun sei. dem Publikum Sand in die Augen zu streuen, die nunmehr vom Bundestag sanktionierten antisemitischen Tendenzen ein wenig zu verschleiern. Die töncnden Sätze jener Entschließung sind das Dokument für eine frivole Wortkunst, welche die echt deutschen Verfasser als pharisäisch bezeichnen würden, wenn sie ihnen irgendwo anders begegnete. Die Parole, welche sich aus dem Verhalten des Bundestages von selbst ergab, lautete: Heraus aus dem .,Wandervogel"! Dem ״Zcntralvercin deutscher Staatsbürgcr jüdischen Glaubens", der noch aus dem vorigen Jahr durch seine Stellungnahme gegen den Zionismus in guter Erinnerung ist, blieb es Vorbehalten, sich einen Standpunkt ganz eigener Art zurecht. zu legen. Er empfichlt nämlich in einem Communiquce, das jüngst durch die Blätter ging, im ״Wandervogel" auszuharren und in den einzelnen Ortsgruppen den Kampf gegen jenen Beschluß auszunchmen. Die Herren haben aber schon jedes Gefühl für Anstand, jeden Anflug von Stolz verloren! Sonst müßten sie empfinden, wie unwürdig es ist, dermaßen zu reagieren; wie man ja auch auf eine Ohrfeige nicht damit antwortet, daß man auseinandcrsctzt, sic sei unbegründet gewesen. Daß aber der Zcntralvcrcin den Anschluß an nationaljüdischc Wandcrgruppcn auf keinen Fall befürworte, hätte er Wirtlich nicht erst ausdrücklich fcststellcn müffen. Nunmehr sicht sich der Vorsitzende des Bundestags, Direktor Dr. Neuendorsf-Mühlheim veranlaßt, im Sprcchsaal des .,Kunstwart" (1. Juniheft 1914) unter der Marke ״Wandervogel und Judentum" das Wort zu ergreifen, um gegenüber der seiner Meinung »ach falschen Auffassung, die durch die Presse.bewußt gefordert worden sei, eine Korrektur zu versuchen. Man kann Herrn Nr. Ncucndorff zubilligen, daß er einen guten Aufsatz schrieb, daß er die Register einer glitzernde» Dialektik zu handhaben versteht. In der Sache aber bleiben seine Ausführungen vollkommen unzureichend, die erhobenen Anwürfc werden durch sie nicht nur nicht lvidcrlcgt, sondern verdichtet. Wir lesen in der Erklärung u. a.: ״Juden gab cs 1 gemeint ist: zu Beginn der Bewegung) verschwindend ivcnig in ihm und die wenigen, die es gab, waren wohlgclittcn. Im allgemeinen hatten die Juden weder viel Verständnis noch viel Neigung für ihn. Und das ist ja im Grunde gar nicht verwunderlich. Im Wander- Vogel erwuchs ganz unbewußt und wie selbstverständlich eine fast fanatisch zu nennende Liebe für deutsches Volkstum heran . . ." Und weiter: ״Wenn man diese Jungen gefragt hätte, ob sic Antisemiten wären, hätten sic die Frage wahrscheinlich erstaunt angesehen. Hätten vielleicht nicht einmal gewußt, was Antisemiten eigcntlich seien, wenn sic auch im Tiefsten fühlten, daß ausgeprägte jüdische Art ihrer eigenen ganz und gar fremd loäre." Durch diese, seine eigenen Worte wird aufs eindcutigstc die Auffassung bestätigt, die Dr. Neuendorff gerade zu widerlegen unternimmt. Befreien wir diese Sätze vom schmückenden Beiwerk, so bleibt doch nichts anderes übrig als: Die Juden sind uns fremd und gehöre» deshalb nicht in unfern deutschen ״Wandervogel"! Nun sind wir natürlich als Jüdischnationalc weit entfcrnt, gleich gewiesen dcutschtiimcliiden Organen darin ctlvas absonderlich Vcrurteilenswcrtcs zu erblicken. Wir haben schon seinerzeit betont, daß cs uns verstandlich gclvescn wäre, ivenn man dies in Frankfurt offen und ehrlich kundgcgcbcn hätte. Aber cs muß gcbrandmarkt werden, daß man mit sophistischen Gedankenschnörkcln ivcgdisputicrcn möchte, waS für jeden, der ilnvcrdcrbt empfindet, klar zu Tage liegt. Grz. Glossen zum Thema: Alljudentum und Zionismus. (Tiskussionsartikel.) Tie Alljuden und ihre Freistatt leben van den Denksehlern des Zionismus. Hauptsächlich aber von seinem wichtigsten Denkfehler, dem der Regierung des Goluth. — So meint Herr Gustav Kohn, einer der ernsten und gründlichsten Publizisten in der zionistischen Bewegung, in Nr. 10 der ״Jüd. Volksstimme". Wie dem aber in Wirklichkeit? Ist die Negierung des Goluth wirklich nur ein Lapsus im Denkmechanismus der zionistischeu Theoretiker oder ist sie ei.n Grundgedanke des Zionismus, ohne den das ganze Gebäude hinfüUig oder zumindest recht wackelig wird? Mit den Juden in aller Welt steht es recht schlimm. In Westeuropa stehen sie, tvotz foriiteller Gleichberechtigung, politisch >md sozial auherhalb der herrschenden Gesellschaft. Trotz ihrer Assimiliertheit können sie doch nicht in der sie umgebenden Bevölkerung aufgehen. Immer wieder erregen sie bei den ״Gastgebern" Anstoß und der Haß gegen sie nimmt jedesmal neue Formen an und findet in den verschiedensten Gestalten Ausdruck. In Osteuropa sind die Juden politisch unterdrückt, gesellschaftlich verachtet und im Wirtschaftsleben verlieren sie von Tag zu Tag an Boden. Mit ihrer politischen Gleichberechtigung droht ihnen übrigens dasselbe Schicksal, wie es die Westjuden erreicht hat. Auch in Nmerika hat ihr Leben, trotz vollständiger Gleichbercchtigung, keineswegs die Formen angeuommen, die das Leben ״normaler" Völker zeigt, und auch dort hört der .Haß der llnigebung gegen sie nicht auf. All diese Verhältnisie müssen den Untergang, zumindest einen schrecklichen Niedergang der gesamten Judenschaft herbeiführen, den, nur die Sammlung der Juden in einem Lande und ihre Rückkehr zum ״normalen" Lebcn Vorbeugen kann. Dies ist der Gcdankengang des Zionismus uicht nur im Munde seiner Agitatoren und Persammlungsredncr (die nebenbei den Goluth noch schwärzer Malens, auch bei den Theoretikern, von Heß und Pinski bis Achad haam und Herzl. ist diese Gedankenfolge das Gerippe, an das sich alle Folgerungen schließen. Demgemäß handelt auch die zionistische Bewegung, indem sie die Lage der Juden in den Diaspora-Ländern nur mit Rücksicht aus ihre Schattenseiten imd ibre Zuspitzung gegen Palästina hin betrachtet. Diese Betrachtungsweise ist nicht ein taktisches Ergebnis, sondern konseauente Inkraftsetzung der Grundthcorie. Freilich ist mit dein Cbartcraedanken und dem Ausgeben des Planes der ״Eilpost-Hebersiedlung" aller Juden nach Palästina die ganze Kette hinfällig. Denn, sobald die Sammlung der Juden ihre Rettung vor dem rav'den Untergana bilden soll, aeht sie, in Anbetracht der langen Tauer d״r Besiedlung Palästinas. viel zu lanasam vor nch und muß der bintergang nach früher cintrcffen. (In dieser Hinsicht und die Tcrritorialii'ten kanseauenterJ Wenn die Inden die Vollendung des Jahr- Hunderte dauernden Besiedlnnaswerkes aber erbarr״n kund nach überdies die ungeheueren Kräfte dain liefernd können, sa müßte es um ׳<׳'׳ dach nicht so (רדיי bestellt ־!׳in. Und da s'-mt der Gedanke naße, ab fv*nn diese »nternanadrob״״- den An'eichcn für Jaßrbundcrte hinaus Gelh״,n haben u״d ab nicht während dieser Jahr- Hunderte die Laae der Juden 1׳m, seihst <׳iue Blendung rn Gnte׳n nchnien kannte ad,״- diese Weudnna willkürlich nch herbeisnhrcn ließe. Dieser Gedanke ist eine Hauptstütze der Alljl:den. Ganz anders der Zionismus, wie ihn unter Bielen, besonders die Poale-Zion und auch Herr Gustav Kohn begründen. Mit der Bejahung des Goluth, dem Aufgeben der Katastrophentheorie und des drohenden Niederganges kann dem Zionismus nur die Bedeutung einer Kvlonisationsdewegung imperialistischer oder sozial-philantrophischer Art eingeräumt werden. Für ein gesundes Volk bedeutet Kolonisation ein Erpcriment, dessen Gelingen oder Mißliegen von verschiedenen Machtsaktoren und Zufällen abhängt, für ein schwaches Volk noch überdies ein gefährliches Erpcriment. Jedenfalls kann eine so rein akademische Frage nicht die Grundlage für eine Volksbewegung bieten. Einzelne versuchen eine Gesundung des Goluth zugleich mit der Stärkung der Kolonisation und auch als eine Folge dieser Kolonisation nachzuweisen. Demnach müßte Palästina eine Rückwirkung aus die Lage der Juden in aller Welt ausübcn, müßte denn auch in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht mit allen Ländern, in denen Juden wohnen, in engen Bezic- Hungen stehen, was weder der Fall ist noch sein kann. Ich resummiere also: Entweder eine Verneinung des Goluth ruit Zion oder eine Bejahung oh,re Zion höchstens mit Zion als bedeutungslosem Kolonisationsgebiet. Nur so läßt sich die Parole ״Hie Zion!" ״Hie Alljuden!" erklären. * * * Am wenigsten hat die zionistische Bewegung als politische Partei Existenzberechtigung. Was ly.it die Kolonisation Palästinas mit der Landespolitik zu tun? Die Verhunzung dieser ganz verschiedenen Gebiete und die Forderung. daß ein jeder jüdische Politiker aus das Baseler Prograunn schwöre, ist eine der größten Schädigungen, die die jüdische Politik je erfahren hat. Die zionistische Partei als größte Organisation in, jüdischen Volke hätte nicht jeden, der nicht auf allen Gebieten mit ihr übereinstiinmt. außerhalb der iiatioiial-jüdischei, Politik stellen diirfen. Hat sie es getan, so wird es sich gewiß räche״. * * ♦ Zun, angeblichen Mißbrauche der Bezeich- »,mg Maskilim: Es bedingt keineswegs eine Verkennung der Bedeutung und historischen Bercchtigung der Haskolah-(ÄusklärungS-iPeriode, wem, ״11,״ ihr guten Willen aber fast nur schlechte Folgen und Ergebnisse, sowie Verstandnislosigkeit für die Eigenartigkeit eines jeden Volkes, besonders aber des ihrigen, iiachsagt. Die Haskoloh wie überall, auch bei uns durch die Berührung mit fremden Kulturen vernrsacht, mußte hier inehr Schattenseiten als anderswo zeigen, weil unsere Kultur von den anderen, mit denen sie damals nach langer Abgeschlossenheit wieder Beziehungen knüpfte, viel zu verschieden und ihnen viel zu wesensfremd war, als daß der Uebergang und die Anpassung ״׳׳ diesen leicht gefallen wäre. Und wir begreifen die Maskilim (Aufklärers ganz aut. Verkennen aber doch nicht, daß sie ihre», eigenen Volke entwurzelt, nirgends Fuß satten konnten. Daher ihre Verachtung allem jüdischen gegennber, daher ihre Mißachtung der jüdischen Gegenwart. Was n:f‘ -anz ״wie bei den aiidercn" war. bewarfen iie mit Kot, auch wenn es ihrem Volke das Heilinste >var. Für ibre öde Gleichmachereiiiicht und ihren altr1,istisch-kosmopolitischen Bestrebunaen. die gar nichts von denen der heutigen Attimilatoren verschieden waren, war jede Eigenart verwerflich, ״msoeher die jüdische. Maskilim sind alia auch all be jüdischen Jntelliaenten. die dem Volke m,d seiner Einenart fremd, alles au ihm ״ach fremden, Mnüßabe messen und es ,.normalen Völkern" aleichmaeben, will sagen jede eigenartige Reaima und Variation unterdrücken wolle״, auch wenn sie es mit den besten Absichten hm. A. David. KAFFEEGESCHÄEFT Rosenbaum Liechtensteing. 1 BRÜNNy Liecntensteing. 1. <?ana11, >. Juni. Gestern hat die Agudas Jisrocl £rgauifatiDii bei uns ihren Einzug gehalten. Bor ei- »er zahlreichen Zuhörerschaft sprach Herr Provinzialrabbiner Tr. B a 1» b c r g e r über die Aufgabe» der Agudas Jisrocl und regte in seiner Gemeinde di: Gründung einer Inge n d- und M ä d ch e » g r » pp e a». Vertreter der Frankfurter Zentrale der Jugendorganisation erläuterten die Ziele der Jugendgruvpe» und ebenso Frl. Stud.-Mcd. Frieda Prager die der Mädchcngruppcn. A» die Borträge knüpfte sich eine anregende Diskussion, die zur Gründung einer Ingend- und Mädchengruppe führte, der sofort alle Anj wesenden bcitraten. In die provisorischen Vorstände Aus der Agudas-Jisroel Bewegung. Frankfurt a. M., S. Juni. Tie Einberufung der Kencsijoh ge da» loh der Agndas Jisrocl-£rganifation, die vor wenigen Tagen durch das Proviforische Koinitee bekannt gegeben wurde, ist in allen £rtsgruppen freudig begrüßt worden. Allenthalben mach! sich eine rege ,!ätigkcit bemerkbar. Die Lokalkomitees in den Hrten, wo organisierte Hrtsgruppe» »och nicht bestehen,sind nunmehr bemüht, ihre Mitgtiederzahl zu mehren und alle Gcsetzcstreue» für die Idee des Znsanimciischliisses unter dem Banner der AgudaS Jisrvel zu gewinnen. Die zahlreich aus alle» Ländern einlaufcndcn Nachrichten kündigen für die nächsten Wochen bis zum Beginne der Delegierteiuoahlen eine fruchtbare Propaganda an. In vielen HrtSgruppen werden die Vorbereitungen zu den Wahlen schon jetzt getrossen.

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