Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 23 (18.6.1914)
- Date
- 1914-06-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Gelte 2. Nr. 23. »,Jüdische LolkSstimme.* Von hier aus möchte man den Marxismus! mit samt seiner :׳:aterialistischen Geschichtsauf-j jassung als eine aus den Kops gestellte Wetterwjung bezeichnen. — nämlich au| den Kopf solch eines :::overuradikalen Juden, in welchem die Idee, eine die Gesammtheit der Menschen umfasscnoe, die Well von ihren qualvollsten Nöten erlöse:: sollende Idee sozialer Gerechtigkeit sich bilden tonnte, unter gleichzeitiger Negierung des Glaubens an Gott, an Göttliches im Menscheu, ja unter Negierung des Geistigen selber. Eine Erlösung der Wclttrast bloßer Materie! Ja, wenn die Welt aus bloßer Materie bestünde! Eine Zusammenfassung des Menschcndascins, dieses so unergründlich reichen Wundergebildes, in den einen armseligen und unseligen Blickpunkt des ökonomischen Kampfes um dieses Dase.a! Was der marxistischen Theorie ihre praktische Berechtigung oivt, ist ״der Menschheit ganzer Jan׳.n:er", woran die leidet; aber was dieser Theorie den Stempel der Halbheit, der dialektischeu Einseitigteil aufdrückt, ist das Fehlen in ihr der Seele, der seelischen Wäriuc, des seelischen Lebens. Hunger tut weh; aber satt sein ist nicht die Erlösung, nach der wir uns sehnen. Auch mit der Perfektion der Technik ist es nicht getan. Tie kunstreichen Erfilldungen des Menschenverstandes umgeben und nmrahmen ::ich: etwa bloß unser Leben als natürlich schö- 1:es Ornament, sonder:: oft und oft beengen sie es und beklemmen es. Und was sie etwa an Nutzwert für unser Dasein abwerfen, das entziehe:: sic ihn: an Zeit und Energie für eine edlere, unserem Wesen gemäßere Betätigung. Das ist es sa vor allen:, was denjenigen, die darunter leiden, den Notschrei entrang: Heraus aus den Aeußerlichkciten! Tie Wendung kan:, und man sammelte sich dort, wo :::an an: wenigsten den Aeußerlichkeitcn zu begegnen erwartete: im Religiösen. Daß nun das radikaiinoderne Judentum hier wegblieb, iahen wir schon; verwunderlicher ist es, daß auch aus de:׳: :dealistisch gerichteten liberalen Flügel des philosophischen und theologischen Judc!:tu:ns keine einzige Persönlichkeit im religiösen Chorus der Gegenwart sich irgendwie bedeutungsvoll vernehmen ließ. Und die einzigc Ausnahme, die es erfordert, daß ihrer hier gedacht werde, bestätigt nur jene sestgestellte Tatsuche. Denn freilich hat das Judentum der Gege:.wart einen Mann in seiner Mitte, der wie kann: ein zweiter berufen wäre der Religion des Judentums vor den: Forum dieser Zeit das Wort zu red«׳::. Der Name Hermann Coh e n s wird jetzt wohl allenthalben in jüdischen Kreisen genannt, und n:it Recht genannt. Als Persönlichkeiten u. als Denker ist Hermann Co- Heu ein Stolz des Judentums. Es soll ihm unvergessen bleiben, daß er auf dem religiösen Weltkongreß in Berlin als der einzige in Betracht kommende Vertreter des modernen Judentuins mit seiner Rede: ״Ucber die Bedeutung des Judentums für den religiösen Fortschritt" niiltvvll eintrat für die Ehre der Religion und für die Ehre des Judentums. Die Rede Cohens, Babylonien geführt wurden, rief der Prophet Jeremias im Namen Gottes zu: ״Bauet dort Häuser und richtet eö euch bequem ein, pflanzet Gärten und genießet deren Früchte usw. Fördert das Heil und Wohl des Staates, wohin ich euch versetzt und flehet für ihn zum Ewigen, denn in feinem Heil und Wohl wird auch euer Wohl sein." lind ein Ausspruch unserer Weisen lautet: ״Bete für das Wohl der Regierung, d. h. für das Wohl des Landcsfürstcn und seiner Räte, denn so nicht die Furcht vor der Regierung wäre, hätten die Menschen keinen Bestand." (Spr. der Väter.) Ein anderer ihrer Ausfprüchc lautet: ״Die Herrschaft der Könige auf Erden ist ein Abglanz der Herrschaft Gottes im Himmel." Es kann also nicht geleugnet werden, daß die Juden sich zu allen Zeiten als Patrioten ausgezeichnet haben und daß sic unter allen Umständen bereit waren selbst für das Heil und Wohl jenes Landes, in welchem sic nur als Fremde betrachtet wurden, mit Gut und Blut cinzustchcn. Von der Stunde an, als die jungen Söhne Israels dem Heere cingerciht wurden, haben sic auf dem Felde Ehre mit derselben Bravour und Begcistcrung für Thron und Vaterland gekämpft wie ihre nichtjüdischcn Kameraden. Von dem ersten jüdischen Soldaten, der der öfterreichischcn Armee cingerciht wurde, wird folgendes, nichtunintcrcssante Histörchen erzählt: Es gab eine Zeit in Oesterreich, in der eine große Frage alle Gemügehalten vor einer Versammlung berühmter und gefeierter Männer, Theologen und Laien, zu- :::eist Christen, mar nach den: übeveinstimmenden Zeugnis derer, die sie hörten, ein Ereignis des Kongreßes. Innerhalb des Judentums ging sie zunächst, ohne sichtliche Wirkung vorüber; sie tan: hier noch ::inner un: einige Jahre zu früh. Heute stehe:: die Dinge doch schon anders: Man wird angeslchts der innner intensiver werdcnden religiösen Bewegung gezwungen irgendwie zur Relig'.vu Stellung zu nehmen. Und da es dein Zeitgeist nicht mehr nützt, weder den: inaterialistischen, noch den: :nonistischen, sich dagegen zu ste:n11׳.en; da die Parole der einen, die Religion sei ״Privatsache" sich ebenso selber ad absurdun: geführt hat, wie die als Wissenschaft sich geberdende Ansicht, daß die Religio:: abgetan und überwunden sei, so ist die Hilf- und Ratlosigkeit dieses selben Zeitgeistes gegenüber dem Reuen gar groß, aber nirgends größer als in den Reihen jener modernradikalen Juden, die den: Phänomen der Religion völlig fremd und verblüfft gegev-überftehen, und — losgelöst von allen: religiösen Mutterboden — gleichsam in der Luft fechten. Und so ׳::öchre ich es hier aussprechen: In dein Maße als unsere denkende jüdische Jugend ernsthaftec den Grundproblemen des Judentums sich znwenden wird, kann und wird sie an Herum.:::: Cohen — unbeschadet ihren Neigungen für Henri Bergson') nicht vorübergehen, ohne un: seine Bundesgenossenschaft zu werben, — oder auch über den: einen u:ll> anderen gar wesentlichen Stück in dem gewaltigen Gedankenban dieses Mannes die Waffen mit ihn: zu kreuzen. Wer in einen: Alter, da er die siebzig überschritten, mit einer so unverwüstlichen Kraft des Gedankens und der Uebcrzcugung sich, wie Cohen, an die?!usemandersetzung wagt zwischen Judentun: und Cbristentum, wie noch neuerdings in seinem Vortrag über: ״Die religiösen Bewegungen der Gegenwart"*) **); wer das Judentun: nicht etwa bloß in geistreicher u:ck> nebenläufiger Art streift und poinicrt, vielmehr in philosophischer Begründung seiner welthistorischen Bedeutung es als einen organischen Teil in das Gefüge ׳einer Philosophie verarbeitet, der verdient es wohl als Jude und als Denker gekannt und ,:?würdigt zu werden. Eine intimere Bekanntschaft ׳nit seiner Gedankenwelt fehlt bislang noch unter uns, aber sie darf nicht lange :::ehr fehlen. Denn in den:, worin wir mit ihm gehen werden und worin wir ihn: widersprechen :nögen in beiden: i׳t er ein ganzer Mann. Daß ich aber diesen Widerspruch gleich hier berühre, hat seinen wohl erwogenen Grund. Denn ich bin der Ansicht, :::ehr, ich bin der Ueberzeugung. daß Hermann Cohen trotz aller Verehrung für die Religion des Judentums: mit seiner grund¬ *) Einer der kedeutcndssten französischen Philosophen der Gegenwart, der selber Jude ist. **) Schriften, herausgegeben von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Leipzig, Buchhandlung Gustav Fock. 191t. ter bewegte, die Frage war die Emanzipation der Juden. Kaiser Josef ft. hatte für die Protestanten Ungarns ein Tolcranzpatcnt erlaffen. Der Monarch, der eine so schwerwiegende Tatsache vollbracht, konnte, das fühlte man allgemein, die Judcnfrage nicht vertragen, mit jedem Tage erwartete man eine Allerhöchste Entschcidung. Jeder glaubte den Gedanken des Kaisers erraten zu können, daher debattierte allenthalben über diese Angelegenheit. Am hitzigsten wurde die Frage im ״HLgclmannischen Kasfcchause" nächst der Schlagbrückc in der Lcopoldstadt erörtert, woselbst viele Juden zusammcnzukommen pflegten. Das ״Wienerische Diarium", ein Zeitungsblatt, das dazumal zweimal in der Woche erschien, wurde daselbst vorgelesen und der Freimut, mit welchem cs die Toleranzfrage erörterte, macht dort einen angenehmen Eindruck. Es war kein Geheimnis, daß Herr von Sonncnfcls, ein erlauchter Staatsmann, der von jüdischen Eltern abstammte, ins ״Diorium" schrieb, und man glaubte allgemein, daß dieser ausgezeichnete Rcchtslehrer an der Wiener Fakultät, der mit der Abfaffung des Juden- und Tolcranzgesctzcs betraut war, dem Publikum in diesem Blatte Andeutungcn über den Geist des zu crtvartenden Patentes machen wolle. (Schluß folgt.) sätzlichen Auffassung der Religion, aller Religion als Ethik, und mit seiner Wertung der Religion mitlediglich ethischen Maßstäben, einen verhäugnisvolleu Irrtum begeht, der zwar den: edlen Motiv entspringt, den uralten soliden Gehalt der Religion des Judentums in eine neru: Logik des philosophischen Geistes hinüber zu retten, — bei welchem 'Rettungsversuch es aber der Religion im Grunde schlimn: ergeht, indem sie dabei um ihre tieftte Eigenart kommt, um die Selbständigkeit ihrer Form und damit un: ihr ewig reiches quellendes Leben. Haben wir denn aber Hermann Cohen hier angerufcn, un: .hin. zu widersprechen? am Ende — un: ihn anzuzreifen? ihn zu ehren, riefen wir ihn; ihn auch als Gegner zu ehren. Denn Widerivruch und Angriff bedarf Cohen gegenüber eines größeren Na:n::es, und doch wiederun: eines lediglich?11 diesen: Anlaß geeigneten und unigrcnzten Raumes: hier in den: raschen Strcifzug durch die allgemeine religiöse Bewegung ist der Ort nicht dazu. Nur fehlen durfte sein Name hier nicht: denn dieser Name verkörpert ein Stück geistiger Macht, die noch in: Judentun: waltet: in: Judentun: des Westens. Mit dieser Macht aber ist in unserer nationalen Beweguv.g zu rechnen. Gam. Achad. Juden Brünns! Nur noch wenige Tage trennen uns von dem Hcerschautage der jüdischen Turnerschaft in Brun::. Zum erstenmal wird auch das jüdische Drum: mit eigenen Augen sich überzeugen könneu, welch eine kraftvolle Organisation nationalcr Wille in der jüdischen Turnerschaft geschaffen hat, und es ist zweifellos, daß der Eii:- krnci, den der mvbefangene Beobachter von dieser Manifestation jüdischen Lebenswillen cmpsangen wird, ein nachhaltiger sein wird. Warum aber dieser Enüiruck konnnen muß, Las ist uns allen kein Rätsel mehr. Wir konnten u:w können ja nur allzuoft bei den anderen Nationeu, die gleich u:it uns Oesterreich bewohnen, beobachten, daß nichts so sehr den nationale:: Stolz, erhöhtes Nationalbewußtsein erzeugt, als der rhthmische Schritt junger, sehniger Gcstalteu auf den: Turnplätze, als die spielende lieber- Windung der schwierigsten Uebungsgruppen durch diese ihres Volkswertes sich bewußte organisierte Jugendkraft. Lange hat uns Juden etwas Gleichwertiges gefehlt und neidvoll:nutzten wir zusehen, wie rings un: uns die Nationen bestrebt waren, durch ihre turnerischen Organisationen den Volkskörper zu stärken, während unserer Jugend hochsiens unter Entäußerung ihres nationalen Ich vergönnt war, sich durch körperliche Uebung jene Kräfte zu schaffen, die sie zur Führung des i:u- :::er schwierigeren Lebenskampfes benötigte. Nun aber ist diese schmachvolle Zeit vorüber, wir haben wieder eine Organisation, in der ein jeder Jude, der freisinnigste wie der orthodoxeste, in ge:::einsamer Uebung mit seinem Stanimes- und Volksgenossen, ohne Befiirchtung antisemitischer Anrempelung, ohne Angst vor den: nationalen Hinauswurf, sich der Pflege seines durch Leiden zermürbten Körpers, aber anch seiner nationalen Eigenart hingeben kann. Darüber muß sich aber jedes jüdische Herz freuen. Mag der Verstand des einzelnen Juden durch verschiedene Trupschlüsic verleitet dem Gcdanken einer rein jüdischen Turnerorganisation weniger sympathisch gegenüberstehen, die so oft geleugnete Liebe zu seinem jüdischen Volk durchbricht die durch nichts begründeten veralteten Grundsätze und in Hellem Jubel muß auch dieser Zweifel ausbrechen, wenn er die frohen Bataillovc der jüdischen Zukunft in turnerischer Ordnung, gerade und aufrecht an sich vorüberziehcn sieht. Es wird auch diesem Zweifel sofort zur Gewißheit werden, wo Judas Entwicklung und Zukunst liegt. Darum auf, Ihr Juden Brünns, zum Feste unsererJugend! Kommt und sehet ein neu Geschlecht, berufen und gewillt ein freies, aufrechtes Judentum hier und allerwegen zu schaffen. Der 21. Juni 191t sei auch Euer Ehrentag! Jüdische Kaufleute, Reisende! meidet Lokale in denen die ״Jüdische Bolksstimme" nicht aufliegt.