Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 22 (11.6.1914)
- Date
- 1914-06-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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״Jüdische" Bolksstimme". Nr. 22. Seite 10. riiijc, Entziehung פ er Schankkonzessionen usw.) r.r.ri'uf;0ין: ivMlcnDcn die Boykotthetzer mit aufopierndcin Pslichlbewußtsein. Die Juden spüren dere-rs den Anmarsch trauriger, trüber Zeiten und die Augen gehen ihnen langsam aus. Man vernimmt bereits ein Hantieren, ein Sichrühren in den jüdischen Massen. Es sind zwar noch vcrein׳,eile Stimmen, die im großen Lahirgut des Schiveigens sich hörbar machen, einige Verzwcis- Inngeschreie nach Rettung und Hilfe, aber diese verfehlen jetzt ilire Wirkung nicht und das Resnlia: davon ist, die Konferenz über die Boykotttrage, welche am 11. Juni d. I. in Lemberg stattlinden ioll. Dort wird dem verhaltenen Schmerz des jüdischen Voltes össentlich Ausdruck gegeben iverden. dorr wird über die Mittel zur Abhilfe beraten werden. Das erstemal ist es, das; eine solckie .Konferenz von jüdisch-oifirieller Seite ins Leben bernsen wird und obzwar die Verölungen vertraulich sein sollen, würden sie ihre Wirkung nicht verfehlen. Die gesamte jüdische Welt Galiziens horch! mit gespanntem Atem den Referaten über die Abbilsemittel, die dort gehalten werden tollen, z» n. hoffentlich wird sie eine Aera eines besseren Lebens für die Juden bringen, wenn die Konferenz wirklich eine jüdische auf allen Schich- :en des Volkes gegründete, und vom Parteihadcr tiichi zerfressene Organisation schassen und dem sülirer- und ratlosen jüdischen Volke eine starke, zielbewußle Leitung geben sollte, lieber diese Konferenz werden wir separat berichten. B. H. * * r!° Die kviinneadcn Laudtagswahleu in Galizien. Im September d. I. werden die Wahlen in den gali zischen Landtag aus Grund der neuen Wablordnung staltsinden. Die .Konturen der zukünsligen Varleischauierungen sind bereits zum größten Teile sichtbar. In der Stapinkischen Bauernpariei berrscht bekanntlich seil der Assaire Srapinsti-Dlugos: ein Zwiespalt. Es heißt demnach, daß beide Gruppen separat in den Wahllamp! geben werden, um die Bauernmandate zu erobern, liegen diese fletscht die Zähne die kleritale Bischorspartei. die mit der Beacht des rcligioieir Fanaiisnws die Bauern in ihren Bann reißen mochte. Die Allpole» werden wie iiumer mit den antisemitischen Elementen zusammenoeiien und die polnische Demokratie wird anscheinend inen nicht leichten Standpunkt baden in der Wobtkampagne. Am sympatischenen mutet die in Aussicht gestellte Kandidatur des Abg. Vre-״ ׳e an. Er soll in Lemberg in dem allgemeinen We-blkrci-:׳ kandidieren. Sein Gegner soll - - Aba. Diamond sein'. Dies könnte von verbängni-eeoHen Folgen sein, denn es könnte ein dritter «irabricheinlich ein Aniisemits die Irächte dieses Zrreikavrvtes davontragen. Bei der großen Be׳ liebibeit. deren sich Abg. Breiter bei den Juden erfreut, wäre es direkt eine Sünde der Lemberoer Inden, wenn sie nicht allen Einfluß und Blaeb׳ ansbieien würden, um der Kandidatur des Abg. Breiter zum Siege zu verbelseu. — Auch die tionislisebe Partei rüstet sich rum Wahlkampse. allerdings mit - - iebr knappen Ansuck׳ ten aus iraend welchen Erfolg. -- Seinerzeit iverde ich über diese Wahlbeteiligung seitens nn- 1'erer zion. Politiker nochmals mir erlauben das Wort zu ergreifen. B. H. Der Verein ״Esra". Der Verein ״Esra" in Berlin hat im Jabre 1!* 1:i seine Paläsrina-Arbeit fortgesetzt und dabei sür .golonisationszwecke gegen 10.000 Mark ansgegeben. Die Arbeit erstreckte sich aus die Bolonie» Ebedereb. Bue-Jebuda und ganinjeb. Die .Kolonisten dieser unter Mitwirkung des Vereines ״Esra" im Jahre 1 S׳(<; begründeten Aniiedlung haben, obgleich sic früher selbst Arbeiter waren, ihre Jeldcr stets mit Hilfe arabischer Arbeiter bestellt. Die unausbleibliche Jo!ge war ein materieller und moralischer Rückgang. Ihr nach arabischer Art bestellter, gar nicht oder Mangelhast gedüngter Boden brachte immer geringere Ernte, von deren Erträgen neben den hohen Stenern und Gcmeindekosten noch steigende Arbeilslöhne zu bestreiten waren. Die Kolonisten gerieten in immer größere Rot und verarmten schließlich vollständig, lim die Kolonie vor ganzlichem Untergang 11<׳ retten, entschloß Verein ״Esra". auf dem vom jüdischen Ratioualsonds in Kastinjeh erworbenen Boden sechs junge Arbeiterfamilien anzusiedeln und so der Kolonie neue Kräfte und junges, frisches Blut zuznsühren. Tic Rückzahlung des Darlehens von 10.000 Franks soll in 20 Jahren erfolgen. Durch das Eintreten des Vereines ״Esra" für die Einwanderung von Jemeniten ist eine hochwichtige und das gesantte Judentum interessierende Frage ins Rollen gekommen. Der Verein hat auch in diesem Jahre für die cingewanderten Jemeniten einen seinen Mitteln entsprcchendcn Betrag von 2014 Mark überwiesen. Verkehrt nur in Lokalen in denen die ״Jüdische Voltsstimmc" anfliegt". Handelsrechtliche Beschränkung der Juden in Rußland. Petersburg, 8. Juni. (Priv.) Ter Generalgonverneur von Kiew beantragte beim Ministcrrat, die Gründung von Zuckerfabriken künftighin nur solchen Aktiengesellschaften zu gestatten, die in ihrem Statut die ausdrückliche Besinnmung haben, daß Juden nicht ihre Aktionäre sein können. Dieser Antrag wird damit begrünbet, daß die russische Zuckerindnstric angeblich keine jüdischen Kapitalien mehr braucht. Bei der Behandlung des Budgets des Handelsministerinms in der Reichsduma erklärte der Handelsminister, eine Einschränkung der Emisiion von Aktien werde keineswegs beabsichtigt; das Neglement, über das geklagt werde, enthalte nur zwei Artikel: der erste handle von der Erwerbnng von Grund und Boden und schreibe vor. daß in jedem einzelnen Falle bei Erwerbung großer Grundstücke die Bedürfnisfrage aeprüst werden müsse; wenn die angegebene Fläche als notwendig sür das betreffende Unternehmen anerkannt werde, sei deren Erwerb zu erlauben. Der zweite Artikel sehe eine Einschränkung der Errichtung von Verwaltünasrätcn von indnstriellcn und Handclsaesellschastcn vor; sein einziger Zweck sei die Wirksamkeit der bestehenden On'id׳.■׳ über das Grundeigentum Kt Jude». Die Tragweite dieses Reglement sei unmäßig übertrieben lvorden. Die Hauvtansgabe sei zurzeit, den privaten Ilnternebmungsgeist anzuregen und Kapital herbeizuzieben. Die Zcntralausknnstsstcllc der österreichischunge.rischcn ,Kolauialgcscllsck ״ft in Wien erteilt jedermann unentgeltliche Ans. -׳fte in Ein- und Answanderungsanaelegenlienen . 8׳ über Wandcrarbeirs-, Handels- und Server»ebrsverhältnisse. Anfragen und zu richten an: Zentralauskunitsitelle der önerreichesch-nngarischen Kolonialgesellschaft in Wien, 7. Be;., Zieglergasse 02. Enugrautcn-Fiirsvrae der Israelitischen Allianz zu Wien. Während des Monates Mai 1!>1! wurden von der Zentralstelle der Israelititchen Allianz in Wien insgesamt 144 Emigraulen, davon 117 russische und 27 rumänische weiterbesördert und zwar 72 nach den Vereinigten Staaten. 7 nach Argentinien, 00 nach Canada. 11 nach England, 12 nach Frankreich und 0 nach anderen Landern. In ihre Heimat zurückbefördert wurden 10 russische und 17» rnmänische Rückwanderer. Während des Aufenthaltes in Wien wurden im Monate Mai für 7,1 Pertonen zusammen 120 Tage Logis und volle Verpslegnng bezahlt und an 77, Personen insgesamt 228 Speisemarten sür die Israelitische Volksküche ausgegeben. Es fuhren zu ihren Männern 17> Frauen mit 17 Kindern, zu Eltern, resp. Kindern 18 Erwachsene mit 0 Kindcrn, zu Geschwistern 00 Erwachsene mit!> Kindern, zu sonstigen Verwandten 00 Erwachsene mit 0 Kindern, ohne nähere Verwandte 7 Erwachsene. Dem Bernte nach waren unter den Weiterbeförderten 28 Schneider resp. Schneiderinnen, 8 Händler, 7 Tischler, 7, .Handelsangestellte, je 2 Bügler, .Kürschner. Landarbeiter, Schlosser, Schuster, je 1 Schriftsetzer. Bäcker. Drechsler. Dekorateur. Elektrotechniker, Flcischer. Goldarbeiter, .Kragenmacher. Lcdcrarbeitcr, Maurer, Maschinist. Kunstmaler. Perückenmacher. Spengler und Taschner. 00 (meist Fraucn> konnten einen bestimmten Berns nicht angeben. * * * Tic preußische Negierung schützt die ausländischen Juden. Im Herbst des vorigen Jahres ging durch die meistcn jüdischen Blätter die Nachricht von einem merkwürdig unjüdischcn Verhalten einer jüdischen Gemeinde in Deutschland. Die liberale Repräsentanz der jüdischeu Gemeinde in Duisburg (Nheinprovinz) beschloß, um ihre unumschränkte Herrschaft in der Gemeinde aufrecht erhalten zu können, den in Duisburg lebenden ausländischen Juden — meistens Galizier — das aktivc und passive Wahlrecht für die Gemeindevertretung zu nehmen. Während nach dem preußischen Gesetz alle Angehörigen der Gemeinde, ob In- oder Ausländer, gleiches Recht haben, machten die liberalen jüdischen Gcmcindehäuptcr diesen Unterschied und baten die preußische Regierung um die Genehmigung ihres Beschlusscs. Um dies zu erreichen, behauptete» sic. die in Duisburg ansässigen Galizier gehörten der von den rechtgläubigen Juden als ketzerisch angesehenen Sekte der ״Chassidäcr" an. Ties geschah zu der Zeit, als in Kiew die Verhandlung gegen Mendel Beilis schwebte! Das Vorgehen der Duisburger Jüdischen Gemeinde rief die Proteste aller Jüdischgcsinnten hervor, was aber diese Herren nicht hinderte, mit ihren Eingaben bis an da preußische Ministerium des Innern zu ge- Heu. Zum Glück hat das Ministerium mehr Sinn für Gerechtigkeit als eine jüdisch-liberale Gemeinde-Clique und hat vor einigen Tagen den Antrag des Duisburger Gemeinde abgcloicsen. In seinem Erlaß weist es auf das preußische Gesetz hin, welches allen in einer Gemcinde wohnenden Juden ohne Unterschied der Staatsangchörigkcit alle Rechte und Pflichten der Gemeinde- Mitglieder cinräumt. Es erklärt, daß kein Anlaß vor- Händen sei, Gemeindemitglieder, die durch viele Jahre hindurch ibrcu Pflichten gegen die Gemeinde nachgekommen seien, um die Ausübung ihrer Rechte zu bringen. Hoffentlich Iverden sich die liberalen Juden in Deutschland, die so viel von Solidarität reden, aber auf ibre ausländischen Brüder als auf minderwertige Mcnscben hcrabschen, diese Lektion zu Herzen nehmen. Das erfreuliche Ergebnis ist mit Verdienst des hauptsächlich von Ziom'sien gegründeten Reichsoerciues Deutscher Juden, der dafür gesorgt hat, daß die jüdische Ocsfcntlichkcit über die wahren Beweggründe jenes Beschlusscs aufgeklärt wird und daß auch die Regierung aus die Gefahren eines solchen Vorgehens biugcwicsen wird. Kriestasten Wir hatten vor kurzem Gelegensten, die Verinnninelnng der Plakate des deutschen Gauinrnsesres zu sligniatisieren. Gegenüber den 'Verstümmelungen der Plakate vom jüdischen Turnfeste nelnucn wir selbstverständlich den glcicheu Standpunkt ein. Aber cs fällt uns nicht ein, uns darüber zu kränken, daß dem Bilde des jüdischen Turners eine lange Rase oder ein Lchläsenlöckchcn nachgeinalt wird. Vermischtes. Friedrich Wilhelm IV. und der jiddische Hotelier. Als Friedrich IV. im Jahre 1810 auf seiner Reise nach Königsberg i. P. durch Laudsbcrg kam, dessen erstcr Gaslhausbcsitzcr jüdischen Glauben? war, äußerte ein Mitglied des Magistrats dem Monarchen gegenüber, daß mau Anordnung getroffen habe, Sr. Majesrät eine andere Wohnung cinzuräumen, aber der Köuig cntgcgncie: ..Es ist mein Wille, da zu wohnen, wo auch mein seliger Vater gewohnt hat. Ich denke zwar nicht daran, öcn jüdischen Gaslhofbesitzcr zum Christen zu machen, fürchte aber auch nicht, von ihm zum Inden gemacht zu werden!" * * * Ter Talmud über die Brille. Tcr bekannte Augenarzt Professor Dr. I. Hirschbcrg hielt einen Vortrag über die Geschichte der Ersindüng der Brillen. Tr. Hirschbcrg konstarierte u. a.. daß im Talmud keine Angaben über Brille» Vorkommen. Wie nun Herr Lbcrrabbincr I. Horowitz, Also-Kubin, scststcllt. ist diese Behauptung nicht stichhaltig^-Jm-Talmud. Traktat Kelim XXX. 2, werden verschiedene Glasgcrätschasteii aufgczählt, unter diesen auch ein Apparat .,Spekular". Spckular ist laut Erklärung der Kommentare ein Sehglas, welches eine optische Tauschung bcrvorbringt. Maimonides kommentiert wie folgt: ״Spckular wird aus Glas, Berylium oder Edelstein verfertig!, isl durchsichtig, wodurch man den Gegxnstand nicht an der wirklichen Stelle und nicht in derselben Größe erblickt, wie er wirklich ist." Nach Rä-