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Jüdische Volksstimme · 1914-06-11 · Heft 22 (11.6.1914) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 22 (11.6.1914)
Date
1914-06-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. ^Jüdische Volk-stimme" Nr. 22. Wochenchroniken aufwog: Der Rabbiner Schick in einer ungarischen Gemeinde errichtete für seine Talmudjünger Handwerkskurse. Vormittags dem frommen Talmudstudiun! obliegend, besuchen dieselben Nachmittags die diversen Handwerkstätten des Ortes, um sich einen redlichen manuellen Beruf anzueignen. Dieser Mann verdient unsere Hochachtung. Er bietet eigentlich eine lebendige Betätigung des taliuudischen Prinzips, daß ״jedermann sein Kind ein ehren- Haftes Handwerk lernen lasse" (Berachoth 63 a), reiht sich würdig den klassischen Vorbildern unscrcr Lehre an, die selbst jeder einzelne ein biederes Handwerk ausübten (F. Franz Delitzs ch: Jüdisches Handwerkerleben zur Zeit Jesu. Erlangen 187!).) und trägt an seinem Teile zur Widerlegung des Vorurteils gegen angebliche jüdische Arbeitsscheu bei. Um wieviel dringender wären solche Arbeiterbildungsstätten für die notleidenden jüdischen Massen Galiziens, deren fronnne Eigenart ja gleichfalls gewahrt bleiben könnte. Ueber die hohe geistige Agilität dieser Massen ist kein Zweifel Vorhänden, wie mich darüber, daß unter ihnen manch geborenes Talent, das in der Stille sich zu bilden keinen Boden findet, brachliegen muß. Andererseits darf leider nicht verhehlt werden, daß dieselben, in unrichtige Bahnen gelenkt, die meisten hcrostratischen Naturen zeitigen. Ganz natürlich. Alle Poesie, die das Judentum des Ghetto ihnen bot,'vermochte ihreu»schwachc »Charakter nicht zu festigen. Das Düster der Not ihres Elternhauses erstickte das Gefühl für den angestammten Glauben. Und diese Zustände haben sich inzwischen, wenn nicht verschlimmert, keineswegs gebessert nnd einen Nährboden für den Abfall offengelassen. Beseitigen wir darum diese Uebel manigfacher Art, indem wir die S ch l u p f w i n k e l derselben verschließen, die gräßliche Not Gal! ziens l i tl de rtt durch Gr ü üdüng w o h l d i s z i p l i n i e r t e r Lehrlingsheime. lieber die Notwendigkeit derselben dürfte darum kein weiteres Wort erforderlich sein. Wieartig aber sdlleit diese Lehrlingsheime realisiert werdest? 1. Durch sie erforderliche» Geldinittel.!2. Durch Planmäßige Erhaltung dörselbeli. 3. Durch die Arbeitsgeiegeitheik für die Iög-!tilge nach deren Entlassung. Die bekannte Forderuilg des Freiherrn v. stellt von drei wichtigeli Dingen für dieFührniig eines .Krieges! Geld, Geld, Geld, sie gill auch für diesen Krieg gegeii den Feind des jüdischen Namens uii3 Ansehens. Es »lilsstc!! sich vor alle»! unsere .Hand- Werker- und Gewerbevercine» an de lei! Spitze befagter Woiilfahrtsverbaird, in den Dienst der Dache stellen, niiseki? Ftitanzgrößeit durch Wort lind Schrift für.dieselbe gewinnen. Aber weil,! irg-iidivo, so heißt es hier: Doppelt gibt, wer rasch gibt, weil die Opsdr der Jeitvcrhältnisse gerade jetzt durch den iinseeligen Boykott Galiziens bis an den Rand des Unglücks gebracht wurden. Es müsste ehemöglichst das erforderliche .Kapital aufgebracht, durch entsprechende Stiftinigen lebensfähig erhalten nnd durch Heranziehnng der Privatwohltätigkeit gestärkt werden. Was weiters die Erhaltung dieser Instiinte betrifft, so müssten dieselben durch das Studium ähnlicher Anstalten an Ort nnd Stelle in Deutschland angebahnt Ulld möglichst genau nach deren Muster unter Wahrung der heimischeu Zustände eingerichtet werden. Lehrkräfte müssten gewonnen werden, die selbstredend die Sache ihres Stammes als ihre heiligste persönliche Angelegenheit betrachten. In dem Lehrplane müssten sich Arbeit. Wissenschaft und Torahkenntnis wohltuend ablösen und. durch Schul- Prämien uiid Preise Eifer niid Ehrgeiz der Internisten angespornt werden. Somit ist bereits die dritte Bedingung gestreift: die A r beit s g e l e g e n h c i t für die Zöglinge nach deren Entlassung. Wir denken uns mit der Direktion der Anstalt eine Arbeits- Vermittlung verbunden, welche in Fühlung bleibt mit den jüdischen Industriellen und Meisiern behufs Beistellnng der Arbeitskräfte. Tics im Umrisse der Gründungsplan für Lehrlingsheime, der gewiß ergänzungsbedürftig, aber von dem leitenden Gedanken durchdrungen ist, daß diese Lehrlingsheime zugleich Ehrendenkmäler des gesamten Judentums zu bilden geeignet wären. Ebenso dringend aber benötigen wir M ä dch e n h e i rn e. Die in ihrem überwiegenden Teile bedauernswerte jüdische weibliche Jugend Galiziens inuß ebenso dem Elende entrissen werden, damit nicht wie gegenwärtig der Mädchenraub systematisch betrieben, die Eltern unter dem Auge der sonst wachsamen Oeffentlichkeit ihres letzten teuren Besitzes, des eigenen Kindes beraubt und Fälle wie Araten. Weiß, Rochnie 11. s. w. geduldet werden. In Galizien wird das Indentum eines seiner besten, unverfälschten, nrwüchsigenTeile beraubt: darum sollte dem auch soweit cs die Mädchen betrifft, im Rahmen des folgenden Planes rechtzeitig vorgebeugt werden: Niemandem gegenüber findet das Wort von dem Müssiggang, der aller Laster Anfang, solche Berechtigung als dem weiblichen Geschlecht gegenüber. Eine traurige Illustration gewinnt dies Wort gerade gegenwärtig in der jüdischen weiblichen Jugend Galiziens. Hier grassieren Zustände, die man — zur Ehre des galizischen Judentums je! es gesagt — gerade dort ani wenigsten gewohnt war. Wer noch die besseren Tage der galizischen Juden kannte, der muß zu geben, daß sie über ein mustergültig reines Fa milicnlcben verfügten. Frömmigkeit, Gelehrsamkeit war dort die Garantie für häuslichen Sinn und sittsames Leben, Vorzüge, die ja stets unsere frommen Familien auszeichneten. Das galizisch-jüdischc Haus war gleichsam das sögenannte Einfamilienhaus. Und war es auch noch so schlicht und bescheiden, von ihm galt das Wort: ״Wie schön sind deine Zelte, o Jakob, Teine Wohnungen, o Israel!" nnd zwar im Sinne unserer Weisen, daß nämlich die Türe des einen Heimes nicht den Ausblick in das andere gestattetc. (Midrasch Jelamdenu Balak). Sie waren Heimstätten des Friedens und der Eintracht, getragen von heiliger sittlicher Kraft. Es ist dort anders geworden, Heute enthalten — es muß gesagt werden, wenn sich auch die Feder dagegen sträubt, die Kenntnis der .Krankheit ist ihre halbe Heilung - manche jüdischen Zentren GalizieltS nicht selten S ch l u p f w i n k «l morcllischer Schäden (siehe den Mädchenhandel in Galizieti), Das sind Uebelstäirdc, die auf einen bedrohlichen, moralischen Niedergang schließen lassen. Und der findet leider seinen Nährboden in dem fruchtbaren wirtschaftlichen Notstand Galiziens. Dort wirkt die gegenwärtige geschüftliche Krise nirgends so verlierend, als in jüdischeu Kreisen: Hausierverbot, Propinationseinschrästkung, Spiritussteuer raubte ihnen noch den letzten ökonomischen Halt. Und wo die Armut zur Türe einkehrt, dort geht bekanntlich Ehre littv Gewissen zum Fenster hinaus. Das ganze Heer voll Lufwristenzen, die von diesen wirtschaftlichen Erperimenten unmittelbar betroffen werden, bietet eine willkommene Beute dem Laster, das bekanntlich __ keiner Schulung niid keines Lehrkurses bedarf. Hier kann nur eines noch rechtzeitig Abhilfe schassen, den S ch l u p f w inrel des Lasters verschließen, den Müssiggang gänzlich bannen durch Errichtnng von Mädchenheimen, worin die weibl. Ingend Galiziens etwas Nützliches für das Leben lerne, das sie auf eigene Füße stelle und nnabhängig mache von dem planmäßigen Boykott, der ihnen den Nest gibt. Wie schön wäre das Loos dieser Mädchen, wenn sie in Mädchenheimen eine nützliche Handfertigkeit sich erwerben könnten, wie es ihrer die manigfachste Gelegenheit jetzt gibt! Ta könnte die jüdische Industrie ihr Arbeitsgebiet ebenso human wie praktisch fruktifizieren. indem sie durch Förderung und Unterstützung solcher Mädchenheime in deren Zöglingen sich geeigneter, treuer Arbeitskräfte versichern würde. Es ist weiterS kein Geheimnis mehr, daß zu den Listen der Ueberläufer gerade die östlichen Provinzen ein großes Kontingent stellen. Kein Wunder. Not bricht nicht nur Eisen, sondern auch Grundsätze. Und nicht jedes Mädchen ist mit den Prinzipien einer Teborah, Hannaß nnd Judith ausgestattet. Wer weiß aber, wie viele dieser Opfer der sozialen Not bis zum letzten?lugenblick gegen die Lockung des Perrates ankämpfen, bis sie endlich erliegen, durch ihre Schwäche aber eigentlich mehr einen Vor- Wurf gegen die maßgebenden Faktoren als gegen sich selbst erheben! Solch ein ständiger Vor- Wurf besteht zum Beispiel in einem galizischen Orte. In C h r z a n o w (Zabierzow) gibt es eine Klostcrschule, welcher durch eine hochgestellte adelige Dame jährlich so und so viele jüdische Mädchen zugeführt werden, die teils ehelich geloren aber verarmt, teils unehelich, von ihr aufgegriffen werden. Und die vielen bekannt und unbekannt gebliebenen gewaltsamen Mädchenaufen, die zu einem gemütlichen Sport der Krakauer Felizianerinnen sich herausgebildet ha-;eil, sie sind sicherlich auch auf das Konto des Müssiggangcs zu schreiben. Er ebnet manchem arbeitsungewohnten Mädchen den Weg in jenen Schlupfwinkel des Verrates. Wäre nicht durch einen Dienstboten- oder .Kochkurs in so einem Mädchenhei»! diesem Uebel abgeholfen? Wären solche arme Geschöpfe, die licht- und luftberaubten ״Kinder des Ghetto", nicht froh, in ein warmes Nest schlüpfen zu können, wo sie für eineu gesicherten Erwerb erzogen würden? Und wie wäre dadurch auch manche jüdische Hausfrau von der ״Dienstbotenplage" befreit, die gerade jetzt so peinliche Dimensionen annimmt, seitdem die Landwirtschaft wiederum ein sicheres Brot lietet und die arischen Mädchen vom Dienste im jüdischen Hanse hinweg zu sich lockt. Die jüdischeu Hausfrauen werden zweifellos schon aus eigener Erfahrung dieser Frage sympathisch gegenüberstehen und ihr Möglichstes darzutun. um brave jüdische Dienstboten heranbilden zu lassen. Aber was vor allem nottut, das ist Arbeitsgelegenheit und Tiensterziehung. Die jüdischen Mädchen müssen vorerst von dem Vorurteil oder Wahrurteil der Trägheit, Unbeholfenheit und Bequemlichkeit befreit werden, erst dann können sie den Wettbewerb mit ihren anderen Rivalinneu erfolgreich aufnehmen. Diese Arbeitsgewöhnung kann ihnen naturgemäß nur ein eigenes Mädchenheim bieten, wo sic diesziplinmäßig lernen, für Unterkunft Arbeit nnd für Arbeit Unterkunft eiiizntauschen. Was uns nottut. das sind Mädchenheime, wie sie heute gleichfalls in Deutschland, namentlich in Frankfurt n. M., so segensreich prosperieren und über welche Frau Camilla Burstyn im deutschen Großlogenblatt so eingehend referierte. Was sie hier so Schönes über den Gegenstand mitteilte, gipfelt in folgendem Schlußsatz ihres Berichtes: ״Den Müttern und Frauen unserer Kaufleute und Industriellen eröffnet sich hier (in den Mädchen- Heimen) eine schöne, befriedigende Ausgabe. Auch in den kleineren nnd mittleren Städten sollten jüdische Mädchen, die der Haushalt nickt braucht, kaufmännisch nnd gewerblich beschäftigt werden. Dadurch würde dem Massenznzng nach der Großstadt gesteuert, bliebe eine Anzahl jnnger Mädchen wenigstens eine Zeitlang in gesünderen nnd ihren Verhältnissen angemessenerem Milien. Fände sich so eine Anzahl weiblicher Auaestellter an einem, wenn auch kleinem Orte zusammen, da müsste es das Bestreben sein, für die Errichtung gemeinsamer Wohnstätten, für Mädchenheime, zn sorgen, die selbst im be'ckvidensten Rahmen segensreiche soziale Wirkung zur Folge haben würden." Die großartigen Stiftungen eines David Ritter v. G n t t »1 a n n. eines S p i tz k o P s nsw. für Kindersvitäler, sie sind vom edelsten Geiste des Erbarmens mit den körverliche n Leiden armer Kinder diktiert, um diese den Klanen des Todes zu entreißen: vielleicht finden »ich ebenso edeldenkende Menschen, welche unsere galizi'sche Fügend durch Gründung n. Sickerung von Lehrling s- und M ä d ch e n h e i!!! e n mit den Mitteln für den schweren Kampf des Lebe n s ansrüsten. KAFFEEGESCHAEFT Rosenbaum Liechtensteing. 1 B^ÜNN, Liecntf nstring. 1. Kurse für religiöse Fortbildu g israel. Frauen und Mädchen. Aufruf! Die Frau, die Seele des Hauses, — die Mutter, die Bildnerin der Kindcsseelc, —■ sie. die Trägerin unscrcr Zukunst, kennt und pslcgt gerade in unseren jüdischen Kreisen besonders eingehend die modernste Kult»r. Unsere jüdischen Frauen stehen iin Bordertressen aller möglichen fortschrittlichen Bewegungen und soziale» Unternehmungen. Aur die r ü ck s ch r i t t-

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