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Jüdische Volksstimme · 1914-06-11 · Heft 22 (11.6.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 22 (11.6.1914)
Date
1914-06-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. ״Jüdische SolkSstim«-.' Nr. 22 neuen Leben zu führen; soll tatsächlich über die scn schwer, denen unserer Parteiblätter sDank Millionen und Abermillionen unserer Brüder ihrer Objektivität(?)) nicht zur Verfügung sieder Stab gebrochen sein — wenn auch nur in he», ihre .Klagen vorzubringen, aber wehe ihnen, der Theorie — dann lassen wir doch den Dingen täten sic es in der ״Wochenschrift". Herr Tr. ihren Lauf. Wozu Energien verbrauchen, wozu Heinrich L o c w e aber, der doch sogar der Lei- Menschenleben für eine Idee opfern, die auf tung nahe steht, darf es sich erlauben, in der dem Standpunkte steht: ״Der größte Teil der| ״Wochenschrift" zu publizieren? Die ״Freistatt" Judenheil wird sich assimilieren." Ist das, so und ihr Altjudentum wird von den' offiziellen frage ich, die Ansicht der wcstösterr c i ch i s ch en Zentrale, in deren Parteiorgan diese Sätze Adolf Böhms standen? Dies d as Re s nl t a t 18j ä h r i ger A r b ei t, n at i o!1 a I c r Erziehung, antiassimi- Iatorischer Gesinnung? Wir zogen, wie Drachsnkänlpfer aus, gegen das Ungeheuer der Assimilation, leugneten ihre Möglichkeit, um nach 18 Jahren aus dein Munde eines Theoretikers hören zu müssen, das Schicksal des Judentums ist besiegelt, die Judenfragc ist gelöst, die Lösung lautet: Völkischer Selbstmord der Jude n! Während man sich anderen Orts bemüht, den zündenden völkischen Gedanken in national indolente Juden cinzuflößen, während man anderen Orrs die größten Mühen und Opfer nicht scheut, die Juden einer ettvaigen Assimilation zu entreißen, malt das Parteiorgan Westösterreichs ein Zukunftsbild: N o l st ä n d i g c A s s i in i - l a t i o n der M e h r he i t d e S jüdischen Volkes! Wie kann man es da noch wagen, aus purem Idealismus heraus für den zionistischen Gedanken gegen die Assimilation werbend aufzutreten, wenn man uns das Zukunftsbild entgegenhalten kann: Völkischen Selbstmord der Juden? Ist das Zionismus — Die religiöse Frage schreit im Judcntumc nach einer radikalen Lösung. Schon lvcrden auch in Palästina Stimmen laut, welche gegen sögenannte antireligiöse Anschauungen in Palästina predigen und protestieren. Man hat von Kongrcßtribünen jederzeit erklärt: Die zionistische Partei als solche werde nichts unternehmen, was gegen religiöse Anschauungen auch nur eines Bruchteiles der Juden verstoßen würde. Man hat offiziell von der zionistischen Kongreßtribüne erklärt, Religion sei nach wie vor im Zionismus Privatsache. Man behütete das subtilste Gefühl des ticffühlendcn Menschen, wollte an diesem heiligsten Gefühl nicht rütteln und nicht rühren, und nun kommt das offizielle Zentralorgan der zionistischen Bewegung, die ,׳,Welt", und bringt die ״Feststellung" Dr. Martin B ub e r s, gegen welche ״Feststellung" anderen Orts« von berufener Seite Stellung genommen ivnrde. So muß man sich angesichts solcher Erscheinungen nicht an den Kopf greisen und fragen, ja sind denn die leitenden Kreise so verblendet, daß sic dies alles ohne lveiteres veröffentlichen. Jene Herren der Schriftlcitung, die doch sonst so gerne mit doppeltem Maße gemessen. Jane Herren, die nicht zugeben wollen, daß anderen Partcigenassen recht sei, was ihnen billig ist. Wie denn anders? Die ״Israelitische Wochenschrift" Dr. I. S. B l o ch s ist bekanntlich seit Jahren von den westöstcrvcichischcn Zionistcn boykottiert. Oft ist es ja vielen Partcigeuos- Zionisten heftig bekämpft. Herr Dr. Hugo Bergmann ist ein Rufer im Streite gegen das Älljudcntum, stellt der Schriftleitung der ״Welt" ziemlich nahe, und doch arbeitet er in der ״Freistatt", an der von der ״Welt" so derschulten ״Freistatt" mit. Fern ist es mir, einem Parteigenossen zu verübeln, zu publizieren, was ihm beliebt. Ich bin weit davon entfernt, jemandem zu verübeln, wenn er in oppositionellen Blättern publiziert. Aber dann, meine Herren, gleiches Recht für alle. Was ihnen billig ist. muß uns recht sein. Und trotzdem kenne ich viele Partcigcnosscn, die zwar keinen so offiziellen zionistischen Parteistempel tragen, wie Dr. Hugo B e r g m a n n, und die es doch nicht über sich bringen können, in einem Blatte zu publizieren. daS den offiziellen Zionismus so bekämpft. Doch de gustibuS non cst disputandum. Oder gehört dies etwa auch zum neuen Kurs im Zionismus?- In den Winkeln standen die Kleinen und schauten diescr tragischen Szene zu und glauben wollten sie es nicht, daß sie, ihre Mutter nicht mehr ist . . . Am Schiff fahrend, befand er sich wie in einem Delirium. Seine Kinder weilten bei seinem Bruder. Nach der schrecklichen Tat besann er sich gleich, welch' ein Los seiner harre, wenn er der rächenden und süh- »csorderndcn Hand der Justiz nicht blitzschnell Weiche! würde. Uüberhaupt wußte er, daß seine kleinen schütz- und wehrlosen Kinder zu Grunde gehen würden, denn Iver würde sie ernähren und ihnen den Vater ersetzen? Er erklärte daher dem Bruder, was uorgcfallen und bat ihn sic vorläufig unter seine Obhut zu nehmen, sobald er nur etwas verdienen werde. werde er sic zu sich hinübcrnchmcn. Und er hatte noch gerade Zeit die Eisenbahn zu erreichen, bevor die Tat stadtbekannt lourdc. Nun schaukelte er sich am fahrenden Palast und eine starke Beklemmung fühlend ging er aufs Deck. Vor . sich sah er ein weites unendliches Meer und oben am Himnuel lachte die Sonne. Ihr Ebenbild badete in den McercSwellen und schien ihm so herzhaft zuzulachcn... Die Wellen gingen turmhoch und fielen dann tief herunter und diese Wellengänge beruhigten sein Gemüt. Er fühlte sich von ihnen gehätschelt, gewiegt, gelicbkoft, zum Einschlummern süß eingclulli . .. Irgend ferne, eine reine Kolonisationspartci bleiben, eine Philantropische mit nntionolem Mäntelchen! Ist das Zionismus?- Angesichts solcher Erscheinungen: In der Theorie die größte Verworrenheit; in der Praxis die größte Untätigkeit, in der Landespolitik die allergrößte Ruhe — der ״Jüdische Nationalvereinhat noch immer feine ordentliche Hauptversaminlung nicht einberuscn. der politische Parteitag steht noch immer nicht an der Tagesordnung —kann man nicht umhin, so man es-, ehrlich und ernst lnit der zionistischen Idee meint, so mail aus ideellen Gründen dieser Partei angehört und nicht um des Geldes,, der Ehrenstcllen, der Mandate wegen, zu fragen: Was ist eigentlich Zionismus? —- Bald werden von verschiedenen Tribünen Gedenkreden gehalten werden zum 10jährigen Sterbetag Theodor H e r z l s. Und sein hehrster Kampf gegen die Assimilation wird in den Kot gezerrt — in der Theorie —. Während man jetzt schon die Federn schärst, um recht stimmungsvolle Herzlartikel zu schreiben, lesen wir: Das jüdische Volk wird sich assinlilicren und da soll einen nicht Simsongrimm erfaßen? — -- TaS soll inan ruhigen Gemütes׳ lesen ohne erröten zu müssen?- $111 Februar—März wies ich in mehreren Artikeln der ״Jüd. Volksstimme" auf die Geuhr der palästinensischen Arbeiter hin. Von bc- 'reundcter Seite wurde gegen mich der Vorwurf erhoben: ״ich verdrehe die Tatsachen, so wie ich sic brauche." Ich konnte diesem Vorwurf nicht anders entgegnen, als mit dem Hinweis auf die Entivicklung. Und siehe da. Am 15. Mai 1914 erschien in der ״Selbstwehr" in Prag ein Artikcl Dr. Daniel P a s m a n i k s ״Die palästinensische Arbeiterfrage", der verhüllt zum Ausdrucke bringt: ein vollständiges Fiasko der sozialen Lösung in Palästina. Gerade Dr. Daniel PaSmanik, der Theoretiker des Poale Zionismus, wies in seiner ״Jiddischen Broschüre" für Theorie und Praxis des Poale Zionismus" (1907) auf die abnormale ökonomische und soziale Struktur des Judentums im sogenannten GoluS hin, und eben dieser Dr. Daniel Pas- 111 anik muß nun jetzt konstatieren, daß das GoluS in Palästina nicht aushöre. Wie denn auch? Hat man auch nur versucht die Juden, zu neu Juden zu machen? Solange die Juden nicht umgcwcrtet werden, wird der GoluS vor Palästina nicht halt machen. Da hilft nicht einmal die hebräische Sprache. Es geht auch nicht anders. Wer im Golus Bourgeois war, bleibt cs auch in Palästina. Denn so gewaltig ist denn doch die Athmosphäre in Palästina nicht, daß sie aus einem Bourgeois einen Genossenschaftler erzeugen sollte. Es geht nun einmal nicht. Entweder steht die zionistische Bewegung —und ein Kongrcsbeschluß bindet sie vorläufig noch daran — auf dem sozialistischen Programme Franz Oppenheimers, dann i st es ihre Pflicht u n d S ch u l d i g k e i t, aus P a l ä st i n a n soz i aIcs Neuland zu bilden. Oder aber sic ist eine Bourgeoispartei, dann muß auf die jüdischen Massen verzichten, und mag ferne schien er kreischende Wutausbrüche, tolle Redensarten zu vernehmen. Ein Abbild seiner Gattin hockte dort, dort in der Ferne, ganz weit und iinmcr näher, näher kam cs mit gricsendcm Ausdruck und verzerrten Zügen ... Er wehrte mit den Händen um dieses graufige Zerrbild zu verscheuchen, und dessenungeachtet bcslügclte cs seinen Gang und immer schneller bewegte cs sich. Kalter Schweiß druchnäßte ihn, als das Bild ganz nahe bei ihm sich in Dunst auflöstc und scharfe Brise ihn! den Schweiß von der Stirne wegküßte. Er fühlte sich erleichtert und wieder bereitete das Wellenspicl ihm Vergnügen. Er begann sich schöne Zukunftsbildcr auszumalcn, wie er in dem neuen Lande durch Fleiß und Aufrichtigkeit sich zu einer besseren Position cmporringt, die Bitternisse vergangener Zeiten in die Rumpelkammer alter toter Erinnerungen wirft und einzeln seine früh verwaisten Kinder zu sich hinübernimmt ... Er stand so träumend und in״ Gedanken versunken, alS das Schiff in den Hafen e'mfuhr. Es ertönte daS Signal zum Aussteigen, als ihm Detektive entgegentrat und ihn im Namen des Gesetzes und der Gerechtigkeit für verhaftet erklärte . . . Lehrlings- und Mädchenheime. Eine sozialwirtschaftliche Anregung. — Von Dr. Simon M andl. Tie Wiener jüdischen Lokalblätter meldeten vor kurzem von der Gründung eincS neuen israelitischen ״Wohlfahrtsverbandes sämtlicher humanitärer Vereine der galizischen Juden in Wien". Hierin gibt sich ein großzügiger Gedanke zu erkennen. Er macht seinem Urheber alle Ehre. Und wer die Initiative zu dieser Gründung ergriffen, der stellte sich das Zeugnis eines Förderers des Volkswohles aus. Denn Einigkeit macht stark. Und Großes könnte tatsächlich zur Linderung der galizischen Judennot durch die Konsolidicrung aller in Betracht kommenden Vereine geleistet werden. Hiezu wäre dem Unternehmer von Herzen Glück und Erfolg zu gönnen. Allein diese Frage erinnert an ein bekam!- tcs jüdisches Wort: ״Nicht die Maus, sondern der Schlupfwinkel derselben ist der Dieb." (Gitin 45a.) Vorerst müssten die Schlupfwinkel des galizischen Judenelcnds verstopft werden, sodann wäre cs von selbst besiegt. Und worin diese ihren Grund haben? Wir glauben in dem notorischen Mangel an jeglicher Arbeitsgelegenheit. Die auf Jahrzehnte zurückgreisendc Zuscunmendrängung der Juden Galiziens auf das Handclsgcbict. von welchen nur eine geringe Prozentnorm jüdischer Pachtungen von Acker und Boden eine Ausnahme bildet, der mystische Hang zur Beschaulichkeit, der ganze Zentren 61aliziens in seinen Bann gezogen, die systematisch betriebene Abschlicßung derselben von jeglichem Weltverkehr, von den Erfordernissen des pulsicrcnden Lebens haben das ihrige zu diesem Wehe beigetragen. Nicht etwa dasselbe gänzlich zu bannen, sondern es einigermaßen zu beheben, machen sich die folgenden Zeilen anheischig, die sich in ein Wort zusammenfassen laßen, welches niemals seine Wirkung verfehlt, es lautet: Arbeitsamkeit. Wer einmal einen rechtschaffenen Erwerb gelernt hat, der ist niemals verloren. Das ehrliche Handwerk ernährt noch immer seinen Mann. Es hat, wenn auch nicht immer, seinen goldenen, aber jedenfalls seinen soliden Boden. Allein das Handwerk muß, wie jeder andere lebensfähige Erwerb seine Pflanz- und Pflegestätten haben. Und darum wäre unser Vorschlag an den genannten neugegründeten Wohlfahrtsverband: die Gründung von jüdischen L e h r l i n g s h e im e n ins Auge zu faßen. In diesen sollen die Zöglinge nebst der Treue für die Religion der Väter auch ein gediegenes Handwerk erlernen. In Deutschland blühen solche Institute seit Jahrzehnten, unter anderen in Diez, Ems und Marburg a. L. Diese Pflanzstätten der jüdischen Arbeit stehen in engem Kontakt mit Arbeitgebern und Arbeitsuchenden und bieten beiden Gelcgenheit, ihre Ansprüche zu befriedigen. Ebenso durchzog vor einigen Wochen die jüdischen Blätter eine interessante Meldung, die wohl ganze

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