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Jüdische Volksstimme · 1914-06-05 · Heft 21 (5.6.1914) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 21 (5.6.1914)
Date
1914-06-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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S ► t P I ► h t ► * n ► r > L V L. fr« > ► P ► t s r Seite 3. ,^Jüdische BolkSstimme" Nr. 21. sichtspunkte herangezogen werden mutzte, wenn die AuSspräche überhaupt einen Wert haben sollte. — In richtiger Einschätzung dieser Sachlage, wurde auch von unscrc» Gegnern zu dieser Vcrscnnmlung buchsräblich alles ausgebote» — auch der starke Arm sehltc nicht — und so war denn zur gegebenen Stunde der grotze Saal der- Deutschen Hauses von einer etwa (>00 Perso neu zählenden Menge bis auf den letzten Platz gefüllt. — Ein hcitzer Bode», eine bis zur Siedehitze gesteigerte Stimmung und die verhaltene Glut, die aus den Augen so mancher, vornehmlich dem gegnerischen Linzer augchörendcn Persammlungsteiluchmcr blitzte, deutete uns an, datz mau selbst vor gewaltsamen Ausschreitllngen nicht sichergestellt sei und es tvar für die ganze Athmosphärc bezeichnend, datz schon vor der Persammlung Gerüchte zirkulierten, datz cs zu Demoustrationc» gegen Rabbiner Dr. Goldschmied kommen tvürdc, der als einer der Referenten in unserer Ankündigung figurierte. — Es war daher ein Gebot weiser Voraussicht, datz der Vorsitzende Gg. Dr. Gus!av Zweig, der übrigens die Versammlung mit allseits anerkannter Cl'jcftiüitiit leitete, durch Umfrage an die Versammlung sich die Bürgschaften dafür cinholte, datz tvenigstens in diesem Punkte die Ruhe und Würde der Tagung nicht gestört werde. Der erste Referent Gg. Tr. Viktor Altar, der seine Rede hebräisch begann, verstand cs durch seine überans gediegenen Ausführungen die Zuhörer durch volle V1 Stunden in seinen Bann zu zwingen: die zahlreichen christlichen Versammlungsteilnehmer, denen hier sicherlich neue Erkenntnisse lvnrde», lauschten ihm-nicht minder in gespanntester Aufmerksamkeit. Begeisternd und begeistert legte er ein blühendes Bekenntnis für die hebräische Sprache ab, die an einer Schicksalsivende des jüdischen Volles zum rechten Augenblick einen wunderbaren Vcrjüngungsprozetz durchmache und aus eincin langjährigen Schlafe, zur Wirklichkeit und zum Leben erwache, jene hebräische Sprache, ivelche das kostbare Gesas; ist, in dem die jüdische Seele erst ihren vollkommenslen Ausdruck und ihre höchste Intensität gefunden habe. Zum Kapitel ״Freie Schule" übergehend, bemerkte der Redner, datz der Zionismus durchaus keine Gegnerschaft gegen die Freie Schule auserlege, datz aber die Zionisten der beitchenden österreichischen Lsrganisatiou aus taktischen Gründen nicht bcitretcn können, da die Ansicht gute Sache, dadurch, datz sich Juden in den Vordergrund drängen, nur koinpromitiert werde. Uns Zionisten erscheine cs geboten schon insbesondere aus dem Grunde dieser Organisation fern zu bleiben, weil in ihr die letzte Drutzburg der liberal-assimilatorischen Kreise erblickt werden müsse. — Man kenne daher gerechterivcisc eine lverktätige Mithilfe von uns keines- Wegs verlangen, zumal hier in Protznitz am allerweuigslcn, ivo man gegen das uns heilige Gut des Hebräischeu zu Felde rücke. Der bis zum Parorysmus lächerliche Vorwurf unseres angeblichen Klerikalismus wucde vom :liedncr trefflich abgcivährt. Unsere Religion vor allem sei nicht besonders geeignet, irgend welchen Klerikalismus in Hochblüte zu zichten. — Am allerwenigstcu aber könne er gerade uns Zionisten gemacht iverden; denn der Zionismus sei eine Volksbewegung, die geradezu eine Verweltlichung des Judentums anstrebe und sich als fundamentalen Grundsatz zll eigen gemacht habe, datz die Stellung des Einzelnen zur Religion, Privatsachc sei. — Und gerade diejenigen, die heute mit dem Borwurf des Klerikalismus uns gegenvielleicht aus Krysrall, das außerordentlich So» sie und Obhut bedurfte, damit es nicht zerbreche. Bis zum elften Lebensjahre durfte Esrerchen siar keine Arbeit anrühren. Aber bald begann sie sich dagegen anfzulehnen. ״Wie sieht das nur aus, wenn so ein gros;es Mädchen wie ich. der Mutter nicht aushilft. Ich wachse zniit Gespött der Leute heran, und wird dann einer mich heiraten mögen, wenn man erfährt, daß ich zu nichts bin. Ich werde dich überzeugen, daß ich einen Korb voll Brot von unserer Wohnung bis zur Ziegelei tragen werde und nichts wird mir geschehen." ״Tu das nicht. Ester, ich bitt dich sehr." ״Inst tu ich's", versetzte sie mit einem zornigen Blick aus die Mutter und ergriff den Korb. In die Ziegelei war es nicht sehr weit. Tas Mädchen trug bis dorthin die Last, der Mutter zuvorkommend, und verbarg sebr geschickt ihre große Erschöpfung. ״Auch nur eine Kunst!" rief sie die Tränen zurückhaltend. ״Wenn du willst, trag ichs nach weiter." Tic Mutter wollte natürlich davon nichts wissen. Später aber kaufte sie selbst ein kleines Körbchen für Ester und nahm sie mit sich nur im Bereich des Städtchens mit, schickte sic jedoch heim, sobald sie weiter in die umliegenden Torist JRncn da nie etwas passiert? fragte ich sie. über flunkern, waren es, die vor über einem Jahrzehnt beim ersten Auftreten des Zionismus in unserer Stadt sich mit allen Mitteln gegen die aufkommcnde Volksbeivegitiig jtränbte», unter dem Vorwand, datz lvir Juden lediglich als Konfession anznsehen seien. — Für diesen völligen Mangel an Logik würden unsere Wiedersacher schwerlich eine Erklärung finden. — Hierauf kam Gg. Rabb. Dr. Goldschmied zu Wort, um die Anschuldigungen, die in der Resolution gegen ihn zum Ausdruck kamen, zu entkräften. In ruhiger, sachlicher Art beivies er, datz der Lehrplan der Wiener und der meisten mährischen Mittelschulen weit über den Rahmen dessen hinansgchc» was an der hiesigen Realschule verlangt iverde. Er appellierte an die Versammelten, sie mögen doch endlich einmal einsehe», datz er als Lehrer und Rabbiner moralisch verpflichtet sei, der Jugend jenes Mindcslmatz von hebräischen Kenntnissen beiznbringen, die nötig sind, um dem Gottesdienst cinigermatzen folgen zu können. Auch sei es für die Knltlisgemeinde ein Gebot dringender Pflicht, soferne sie sich nicht ihr eigenes Grab schaufeln!volle, dafür zu sorgen, datz die Heranwachsende Generation soviel an jüdischem Geiste in sich aufnchine, .11111 dereinst die Gemeinde als reise Männer in gut jüdischem Sinne würdig zu vertreten. In ähnlichem Sinne äntzerte sich der letzte Referent Gg. Dr. Gustav Ztveig, der dem in der :Ilesolntion der ״Freien Schule" gelegenen Vorschlag ans Reduktion des Hebräisch-llnterricht. s, vom Standpunkte einer ihrer Ausgaben gewachsene» Kultusvcrtretung für indiskntabl erklärte. -- In der darauffolgenden Diskussion ergriff als Erster der Hrtsgruppenobmann der ״Freien Schule", Herr Tr. Brüll, das Wort, um zur Kenntnis zu bringen, datz alle voransgegangencn Ausführungen weder ihn, noch seine Parteigenossen bestimmen könntcn, eine Gesinnungsänderung in irgend einem Punkte cintrctcn zu lassen. Besonders bemerkensivert tvar sein interessanter Vergleich das Judentum mit einer im ״Meere versunkenen Glocke" (!) Nun sollte das schwersie Geschütz gegen uns auffahren. Professor Pollach ans Brünn, den die Sozialdemokraten als Sukkurs herbeigeholt hatten, unternahm cs in einstündigem Portrage — denn doch etwas zu lange für einen blotzen Debattcr-Zionismns und Zionisten in Grund und Boden zu reden. Darauf schien cS Professor Pollach faktisch angelegt zu haben. Mit denselben Mitteln wie alle jüd. Vertreter der Sozialdemokratie, die sich um jeden Preis um den ihnen so unbequemen Judenpunkt herunidrückcn, mit der gleichen, typisch tviederkehrcnden Taktik lvollte Redner uns zu Leib rücken und schleppte in umständlicher und weitläufiger Weise das Rüst zeug einer lviffcnschaftlichen und pscndoivissenschaftlichen Argumentation unter besonderer Berücksichtigung der sattsam bekannten materialistische» Geschichtsauffassung mit viel Schwcitz und Mühe herbei, um das Nichtvorhandensein einer jüdischen Nation zu beweisen. Uns Zionisten und jeden einsichtigen Zuhörer, der sich ein kritisches Urteil und einen richtigen Blick zu wahren versteht, mützte diese Art des Abseitig-Redens anöden. Professor Pollach, der übrigens in formaler Hinsicht ein äntzcrst gewandter Redner ist, kam uns wie jene griechischen Sophisten vor, die imstande lvaren, vor einer bestimmten Voraussetzung oder Be- Häuptling ausgehend alles zu beivcise» oder zu wideriegen, je nachdem, ob ihnen der Beweis oder die Widerfer geben sollte. Freilich brückte auch dieses Körbchen Die Kleine zuweilen so setzr, daß sie weinte, aber niemand sab es. Einige Iabre verstrichen. Siniches Tochter batte sich vollends emanzipiert, das beißt, daß sie überall binging, wie ibre Mutter, auch bis ins letzte Törscheii. wo man ihr nur Brot abkanfte, daß ibr Körbchen nicht kleiner war als der Korb ihrer Mutter und daß jetzt sie verstohlen aus dem Korb der Mutter einige Laib in den ihren herübernahm, um der Alten zu erleichtern. Zu viel lichte Seiten hatte diese neue Lage der Tinge, als daß Simches Witwe zu klagen Grund gehabt hätte. Vornehmlich freute sie der Anblick des Kindes, daS nun der Last des Brotkorbes gewachsen war. Und war doch mal ein so schwächlich Tiug -- seht nur. was für starke Aushilfskraft aus ihr geworden. Ferner erfüllte die ständige Gegenwart der Tochter aus diesen Wanderungen die Mutier mit einem angenehtnell Gefühl einer stillen intimen Freude. Wenn in der bleichen Abenddämmerung Mer als erste ausstand und an der Bettkante ein Weilchen bloß im Hemdchen saß. fühlte die Mutter, wie von ihrem Kinde eine duftige Frische ausströmte, die Frische der jungen Jahre und Oes jungfräulichen Körpers. Schön ist mein Kind, dachte sie dabei Aber schon flüsterte die giftige Sorge: Was sol lcgung zur Ausgabe gestellt wurde. Leider war es uns bei der vorgerückten Stunde und der sichtliche» Uebcrmüdung der Versammlungsteilnehmer nicht gegönnt, Professor Pollach erschöpfend entgcgenzutretcn. Man bätie nicht unterlassen ihn zu erinnern, datz ein Führer der deutsch-österreichischen Sozialdemokraten, der allerdings Arier ist, der Abgeordnete Pernerstorscr, in öffentlichen Versammlungen wiederholt erklärte, datz cS ihm nicht bei׳ K« .!1!!׳z einer jüdischen Nation zu leugnen und datz es keine Macht gebe, die imstande iväre gegenüber dem Bekenntnis von Hunderttausenden von Juden zum jüdischen Volke etwas ausznrichlen. Nuch kurzem Rejüniee des Vorsitzenden lvnrde die Versammlung geschlossen. Wietvohl lvir ziffermätzig in der Minderheit waren -- es gab. ivie schon erwähn^ auch eine grötzere Anzahl von Nichtjuden in der Ver sammlung — konnten lvir den Eindruck mit nach Hause nehmen, datz die allgemeine Stimmung sich mehr uns zuneigte, in der richtigen Erkenntnis, datz es uns um eine heilige Sache zu tun ist, iväkrcnd die anderen in beklagenswerter Blindheit sich selbst den Boden unter ihren Fützen abgraben tvollen. Der ״Freie» Schule" aber sei der aufrichtige :!tat erteilt, sich ein anderes Kampsseid auSzusuchen. ES givl deren auch in Protzniy genug. In unserem Falle hat sie gründlich daneben gehaut. KAFFEEGESCHAEFT Rosenbaum Liechtenstein^. 1 B^ÜNNy Liecntensteing. 1. Prager Brief. Sehr geehrter Herr Redakteur! Mit einer Freundlichkeit, der ich lvohl anmerke, daß sie ein wenig mühsam zusammengerafft ist, mahnen sie mich an die Erfüllung meiner Berichterstatterpflicht. Aber Sie tun mir llnrecht: denn Sie schreiben meiner Nachlässigkeit zu, was doch nur bas Ergebnis von Umständen ist, die außerhalb meiner Person liegen. Und ziehen gar nicht in Betracht, daß der Reporter ein Ariitseliger ist. der davon lebt, was andere tun, sprechen, singen, turnen: ein Armseliger, der im Gefühl seiner Bedeutung stolz sich diah'. wenn die Ereignisse hinstürmen, der jedoch ins Wesenlose zusammenschrumpst , wenn nichts ״los" ist. Und jetzt haben wir ״tote Saison". Prag ist gewiß ein jüdisches Zentrum und hat mannigfache Formen des Gemeinschaftslebens entwickelt. Trotzdem vermag man mich hier nicht die Intensität der Arbeit, aufrecht zu erhallen, wie sie etwa im Herbst besteht. Trotzdem bleibt meine beklagenswerte Tifserenzierung unüberbrückt, die boshafte Leute in die Formel kleiden, Winterzionismus - Sommerzionisinns. Wenn aber schoil jemand den Mtil aufbringt, einer landläufigen Argumentation Trotz zu bieten, büßt er es mit einer Niederlage. Tas nnißle jüngst der jildische Turnverein erfahren. Tein Beispiel der übrigen Turnvereine folgend, legte die Schönheit einem Mädchen, bas bei Tagesau bruch hinanstrikt aus Waldpsade, auf Wege durch stumme Felder die öde und was schlimmer von verdächtigen Menschen aus der Vorstadt heimgejucht sind. Ter Vorskadtvagabund, der sich jeden Augenblick in einen Räuber verwandeln kann, war stets das Schreckgespenst der Wittwe. Vor den Bauern in den Törsern, vor den Arbeilern aus der Ziegelei hatte sie keine Angst, nur vor den llngewissen Gestalten, die so schwer zu durchschauen waren, wie ihre Beschäftigungen, vor den scbeuen, Individuen״ die von ferne nach Schnaps riechen und;lim Anbandeln geneigt sind. Einem solchen aus ödem Felde ein junges hübsches Gesicht zeigen, war >11 gefährlich. Tas war der Grund, das Mutter t.nd Tochter aus ihrer täglichen Wanderung immer gan׳. gleich gekleidet, ihre Köpfe ewig in Tücher fest eingeitiummt waren. Sie trugen sich beide grau und elend, so das man die junge von der alten kaum unterscheiden konnte. Am liebsten bö'ke w Witwe ihre und der Tochter Kleider mit 2^’זייי ien'taub bestreut um auf dem ara>׳en f;'׳־t׳'״ ganz unsichtbar zu werden. Ich habe ke״׳e ׳'׳ große Angst, sagte mir eiumall Ester. M׳nch1׳<״l gehe ich allein: Freitag haben wir daheim 1-1׳■״׳.-! mehr zu tun. müssen also früher init dem mistragen fertig werden, darum oebt die in die eine Richtung und ich in Oie andere. Und ן; וי; י יו¬ ן- 11•';!? ׳ 1;:! i!

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