Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1914-06-05 · Heft 21 (5.6.1914) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 21 (5.6.1914)
Date
1914-06-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2621806-2621897-2621918--2825-2623956
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2. ״Jüdische Bottsstimme.' Nr. 21. vorhanden sein, die Buber vor uns auszndeckeii sich nicht scheuen sollte, nicht zögern sollte. Tenn es ist uns nicht genug zu hören, das; man ihn ״in letzter Zeit, wie schon früher"', ״in offen!'nt er und privater Rede", ״übelwollend" und nicht übelwollend in seinen religiösen Anschannngen ״mißversteht". besonders in seiner Anschauung vom Urchristentum ״mißversteht". Gerne möchten wir über dieses Mißverstehen und die ihn Mißverstehenden Näheres erfahren uut> zwar von Buber selber. Tenn entweder hält Buber die iüsentlichcu und privaten Acußerungcn über ihn für ein leichtfertiges, wertloses Gerede, so hat er recht, sich daran gar 1 ich: zu kehren: oder er nimmt dieses Reden über ihn sür ernst, dann muß er ihn: mit ernster Gegenrede stehen. Wir sind nicht mit H׳m der Ansicht, daß dawider ״polemisieren etwas Müßiges und Unfruchtbares" sei: wir erblicke,׳ vielmehr in der Polemik die reife Frucht ernster Rede und Gegenrede. Zur Klärung derartiger Mißverständnisse, wie sie bei den unter uns chaotisch wogenden Borstellungen vom Urchristentum und Christus nur natürlich sind, halte ich Feststellungen in der Art Bubers für etwas sehr Unzulängliches, wenn sie nicht glcichcrzeit zu Problemstellungen gemacht werden, und sich als nicht letztes Ergebnis und Formulierung der Untersuchung erweisen können. Tie Flucht Bubers in die Ocfsentlichkeit, um in ihr (׳״r><M׳7 ״'■+><׳ s «ioTcr Bedrängnis heraus ein Bekenntnis seiner religiösen Anschau׳ nng abznlegen: feine leidenschaftliche Abwehr des zwischen den Zeilen dieser ״Feststellung" lauernden Vorwurfes, als würde seine Anschauung von, Judentum. von starker Shinpathie getragen sein zum Christentum: dieser öffentliche Protest Bubers hat sicherlich was Ergreifendes. Und man versteht es, das; er in der ungeheueren Erregung, in die er durch jenen Vorwurf getrieben wurde in der Form des Protestes sich überstürzt hat. Tiejenigcn nämlich, die Buber hier als die ihn Mißverstehenden bezeichnet, werden, so glaube ich Voraussagen zu dürfen, seinen Standpunkt zu Urchristentum und Christus auch jetzt noch mißbilligen und mißverstehen — trotz her neuen ober neu erscheinenden Deutung des Urchristentums als ״einer radikaljüdischen Bewegung, der wir einkt einen anderen Namen geben werden", und׳ trotz seiner scharfen und grundsätzlichen Unterscheidung ״zwischen Jesus von Nazareth als Objekt und Subjekt der Religiosität." Sie werden Buber auch weiterhin ״mißverstehen", — oder verstehen und ablehnen, weil es ihnen nicht ankonnnt auf den Sinn und die Deutung, vielmehr auf die grundsätzliche Nichteinbcziehung des Christentums und Christus in den Zusammen- Hang des religiösen Problems in, Judentum. Indem aber Buber, aufgebracht über dieses ״Mißverstehen" seines grundsüdifchcn Stand- Punktes, denselben über allen Zweifel erheb«״׳ wollte, schoß er in der Präzisierung des jüdischen Standpunktes gegenüber dem christlichen weit über das Ziel hinaus, als er mit einer weder im nationalen, noch im religiösen Judentum beteil wäre dieser Zweifel unmöglich, wenn er also vorkam, so beweist cs, wie sehr die Personen der Ansträgcrinncn den Leuten gleichgültig wareu. Da mich jedoch weder die Form der Brotlaibe, noch deren Gewicht angingen, so konnte ich mit umso größerer Aufmerksamkeit die Austrägerinnen beachten. — Gebäck aus der Stadt — Semmeln, Brot! — nehmen Sie? Per den, Fenster standen zwei Frauen,׳ jede mi. einem großen Korb in der Hand. Obwohl es ein wermcr Junitag war. waren ihre Köpfe init dicken wollenen Tüchern umgewickelt, wie bei Menschen, die hochgradig Zahnschmerzen leiden. Aus den unverhüllten Öffnungen blickten nur die Augen mit einem Teil der Stirne und der Nas.׳ hervor. Ein Paar hatte das Weiße von einem Adcrnnctz gerötet etwas Trübes in der braunen Jrisfarbe und im Blicke einen tiefgcgrabcnen Nim. unter jedem Auge und schwere welke Lider, die unablässig zwinkerten. Das zweite Anger.paar batte Anmut. Diese Unmut war sehr weich, sehr zart vib einer Zartheit, darin etwas vom Weibe und etwas vorn Kinde war seine ganze Schüchternheit und Keusche scheue Lust zu gefallen. Ein gutes, und schlichterncs Kind war in diesen Augen das eben hatte ich zunächst bemerkt und dann erst das herrliche Schwarz der großen Iris, das von bläulichen gründeten, auch nicht mit Bubers sonstigen Anschannngen zu vereinbarenden Einseitigkeit und Vehemenz, unter völliger Außerachtlassung der Möglichkeit und Notwendigkeit des Kulturzusammenhangcs der Völker auch in religiöser Bezichung und Wechselwirkung, ohne jeden zwingenden Anlaß diese seine ״dritte Fcststellnng" der Welt verkündete. Trotzdem oder — gerade deshalb erfährt die Erklärung Bubers in ihrer Bedeutung für uns einen Abbruch. Wir brauchen jetzt dieses gesteigerte Pathos: wir brauchen jetzt diese durchbrechende Leidenfchaftlichkeit, um die in uns nahezu erstarrten religiösen Kräfte wieder in Fluß zu bringen, wieder mobil zu machen. Einmal muß ja doch die große religiöse Auseinandersetzung kommen, wenn es uns Ernst damit ist, daß die große religiöse Bewegung komme. Einen Anlaß wie ihn uns Buber mit dieser seiner Erklärung gibt, sollen wir nicht vorbei gel)en lassen, ohne den Versuch zu wagen, diejenigen in die Schranken zu rufen, denen Vas religiöse Problem seelisch nahegeht: deren Fühlen und Denken auf den religiösen Ton als aus den Grundton ihres Lebens gestimmt ist. Mitten ich die Worte Bubers las, sah ich tinen ungeheueren Steiiiblock von der Höhe rotlen, stürzen und auf der Stätte, da wir uns zu sammeln pflegen, riesengroß sich türmen. Wir wichen erschreckt zurück und srugen einer den anderen: ״was soll der Stein uns, ungctüm und unbehauen? Wie schaffen wir ihn fort von der Stätte, da wir uns zum Werk sammeln, zun! gemeinsamen?" Und einer sagte zum andern: ״Siehe, dies ist der Stein des Anstoßes. Wir bringen ihn nicht Voucher Stelle: denn unsere Hände sind zu schwach, als daß wir ihn von dannen schaffen." Aber da traten welche aus unseren Reihen, Buber war darunter. Acher war darunter, und noch Andere, die einen Nan!en haben unter uns, man sah auch einige darunter, die noch keinen?kamen haben, und sie sprachen: ״Kleinmütige, so habt ihr nicht gehört, daß geschrieben steht: ״Siche, ich will den Stein des Anstoßes zum Eckstein der Welt machen!" Tretet herzu, legt die Hände an!" Kaum war das Wort gesprochen, siche, da standen wir mit gestreckten Händen, und sahen den Stein sich von der Stätte lösen, heben und sich tragen. Jetzt wandelte er sich vor unseren Augen, und hatte die Gestalt, der Bundeslade, die vor uns und über uns sich mächtig weitete, sich hob und sich trug, in großem Glanz crsttahlend. Und wir fielen ans unser Angesicht und riefen: ״Herr, tue mit uns nach deinem Willen!" Aber eine große Kraft kan! in uns, und wir standen auf und sammelten uns znm Werke Uns war der Glaube lange genug ein Stein des Anstoßes: nur waren unsere Hände zu schwach ihn von dannen zu schaffen. Nun, hören wir, daß in dem Felsen wun- Schatten gesättigte Weiße und die Schönheit der langen Wimpern. Einige Dorfwcibcr traten an die Körbe Frisches Brot, frische Semmeln! pries das Mädchen an.?koch beendetem Feilschen entfernten sich die Jüdinnen. Ich blickte ihnen nach. Trübselige Silhouetten! Graue, elende Röcke: schwarz umwundene Köpfe: schier zerbrochene Gestalten. Des Korbes Last an der Rechten zwingt sie den Rumpf nach links zu biegen und die Linke auszustreckcn. Barfuß schritten sie mühsam mit den Fersen den Sand answirbelnd. So sah ich sie täglich und zulvcilen begann ich mit ihnen ein Ckspräch. Aber mir tun ja die Zähne überhaupt nicht Meine Zumutung, daß sic ein Geschwulst habe, hatte sie belustigt. Indem sie das Tüchlein unter das Kinn hinabschob, enthüllte sic ihre zarten Wangen, das Gesicht war das eines schmächtigen Mädchens anmutig, aber ohne die kernige Frische der Gesundhcit. Auch die Lippen sprachen deutlich von Blutmangel. Häßlich bin ich in diesem Tuch — fuhr sie in lieblicher Beschämung fort — und immer derbare Kräfte schlummern, die zu lvecke» sind mit reinen Händen, so den Stein berühren. — Wohlan, und tretet herzu, ihr, die Reinen. Wir wollen euch folgen. Gam Achad. Proßnitzer Brief. So hätte» sic sich wieder einmal ׳gefunden» um init vereinte» Kräften den bösen zionistische» Feind zu bezwinge:!.׳ Tie Affim'ilantcii deutsch-jüdischer und sozialistisch-jüdischcr Observanz, welche unter resoluter Beiseiteschiebung aller unterschiedlichen Sonderinteresse.: in geschloffener Phalanx ihr ״Auf in den Kampf" riefen, um die jüd.-nat. Organisationen dieser Stadt, deren «Erfolge ihnen so durchaus den Schlaf ihrer Nachte raubten, mit einem entscheidenden Schlage zu zerschincttern. — .,.Klerikalismus", dieses Schlagwort, das man seit Jahren hier im Munde führte, schüchtern und zaghast zunächst, dann immer lauter und mnchtiger, vis cs zu einem brausenden Chorus anschivoll, haden unsere übclloollcndcn Gegner aus der schier unerschöpslicheu Vorratskammer ihre Scheinargumente hervorgcholt, um gegen uns das Cndgülti'ge zu sagen und in Form eines inappclablcn Urteils feierlichst zu verkünden: Daß wir Reaktionäre seien! Difficile est, 53tiram non xribere! Ter willkommene Anlaß zur Betätigung solch' löblichen Gesinnung ivar ihnen der Bestand der hiesigen Ortsgruppe des Vereines ״Freie Schule". Dieser gehören sic in bewunderungswerter Einmütigkeit an, welche bis in die jüngste Zeit zu keiner entsprechenden Tätigkeit kommen konnte und sich nunmehr zur befreienden Tat aufzuraffcn hatte. Am 1». c. wurde in einer öffentlichen Bcreinsversammluiig nach einem au'■ uns nicht unsympathischen Referate des Herrn Tr. Bernhard aus Wien, zum zweiten Punkt der Tagesordnuiig: ״Lokale Angelegenheitcil" eine Resolution cingebracht und beschloffen, nach deren Inhalt die Vertretung der Israelitischen Kultusgemciiidc ersucht wird, sie möge veranlassen, daß der hebräische Unterricht an den hiesigen Schulen ״mit!Rücksicht auf die damit verbundcue Beeinträchtigung der anderen Disziplinen u. im Interesse der geistigen und körperlichen Entwicklung der Heranwachsenden Jugend (!) weitgehendst" eiligeschränkt .... und im Geiste der modernen Schulrcform auf ein möglichst geringes, tvährcnd der Unterrichisstuiidcii zu erlernendes Maß von hebräischen Kenntnissen reduziert werde. — Es war dem Kenner der hiesigen Verhältnisse klar, daß durch dieses Kesseltreiben unser verehrter Gg. Rabbiner Dr. Goldschmied und in weiterer Linie wir, als dessen ..klerikaler Heerbann" getroffen werden sollten. Leider war es uns unmöglich, in die der Beschlußfassung vorausgehende Debatte cinzugreifen, da der Rcgierungsvertreter unserem Sprecher als einem Aichtmitgliede des Vereines ״Freie Schule" das Wort versagte. Nunmehr wurde aber unsere öffentliche Stellungnähme jener Resolution und dem Geiste, aus dem sie geboren wurde, ein Gebot zlviligcndcr Pflicht. Und so berief denn auch der ״Jüdische Volksvcrcin" aus den 2ij. c. eine allgemein zugängliche Volksversammlung ein, die den Zweck einer gründlichen 'Auseinandersetzung haben sollte. Die Devise lautete zwar ״Religions- und Hcbräisch-Untcrricht", doch Ivar es naheliegend, daß der ganze Umkreis der hier in Betracht kommenden Gekominen mir die Leute mit einem Mittel gegen Zahnweh." ״Warum entstellst du dich also zuflciß?" ״So, aus Gewohnheit. Weiß ich's dem! übrigens? Die Mutter könnte es Ihnen erklä- Ich wendete n!ich fragend an die Alte, doch die begann statt zu antworten, schneller zu blinzcin, in den Augen den Ausdruck der Verlegenheit verbergend. Ich drängte nicht. Später kam es von selbst, daß mir Frau Simche bisweilen ziemlich willig, ohne Fragen, von sich, ihrer Tochter und ihrer Not erzählte. Diese ihre Not hatte sich empfindlicher eingestellt in dem Augenblick, da Simche in einem schwarzen Wagen auf den Friedhof überführt worden ist. Der war ein von Mißerfolg im Handel' und einer langen Krankheit sehr abgcplagtcr Mann gewesen, so zart und schwächlich, daß er nur ganz behutsam aufzntreten pflegte, als trüge er in sich ein überaus zerbrechliches und kostbares Gefäß. Endlich mußte es trotz aller Fürsorge brechen, was Simche derart kränkte, daß er starb, Nach dem Tode des Manncs blieb der Frau ihr eigener Krug der Gesundhcit, ganz und unangegriffen. Was wahr ist, für das ganze Vermögen, wie sie hinzufügte. In ihrem Töchterchen aber steckte ein sehr zartes Gcfäßchen, sehr zerbrechlich, vielleicht aus Glas,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.