Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 21 (5.6.1914)
- Date
- 1914-06-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint jeden Donnerstag. Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6׳: ganzMrig.Kronen 12• Deutschland, ganzjährig.Mark 12 Rußland, ganzjährig.Rubel 6׳ Balkan, Frankreich.Franks 14׳- Wiener Nummer 21. Jahrg. XV|3 vmt Mit der Beilage ״Daß jüd. Leben in Galizien" Herausgeber: Max Hickl. Buchhändlerische Vertretung: Ott» Klemm, Leipzig. Geschäftsstelle, Wien: s., Rotenturmstraße Nr. 31. Telephon 3009/VIIi. Sprechstunden von 10—12 Uhr Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono» riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Brünn—Budapest. Wien, Prag—Lemberg. Vom religiösen Problem des Judentums. I. C*i11 ernstes Wort zu Martin Bubers ״Eine Feststellung" überjchriebenen Erklärung in der Welt v. 22. Mai d. I. Sagen wir es denn sogleich: diese Erklärung Martin Bubers ist durch ihren konfliktschweren Inhalt, durch die ganz ungewöhnliche Heftigkeit der Form und nicht zuletzt durch die Publieität an diesem Orte eine äußerst symptomatische .Kundgebung, von der anzunehmen ist, daß sie in der nur eben wieder einsetzenden religiösen Bewegung im Judentum als ein starker Stoß wirken wird zur Ausrollung des religiösen Problcms in seinem großen Ernst und — wer wollte es läugnen — auch in den großen Gefahren, die cs — wie alle Religion, die Ernst macht — in sich birgt. Die Schriftleitung der ״Welt" war sich, so scheint es, der Verantwortung, die sie mit der Publizierung auf sich nahm, ganz und gar nicht bewußt. Wäre dies aber der Fall gewesen, so durste die ״Welt", das Zentralorgan des zi'onistischen Judentums, eine Erklärung in dieser Form nicht zum Abdruck bringen. Wollte sie aber der Person Bubers entgegenkommen und seiner ״Feststellung" in ihren Spalten Raum geben, so mußte sie die so auffällige Leidenschaft¬ Feuilleton. Simches Kind. Übersetzt von Amalie Scherlag. Ans dem ״Ghettobuch" bei Georg Müller, München. Es war eine kleine stille Station — ein Winkel, der trotz der Nähe einer großen Stadt lvie mit Brettern vernagelt war, — ein Loch, in das selten nur ein Fremder kam. Schon allein die Häuser, hier eigentlich hölzerne Hütten, sahen außen und innen unwohnlich aus. Die nackten Wände und die koniischeu Möbeln starrten einem so gleichgültig, ja unfreundlich entgegen, daß einem die Lust verging, sich auch nur einige Tage hier auszuhalten. Ich weiß nicht, ob die Hütte unweit von dem Dörfchen N., wo ich mich im Sommer einige Zeit aufgehalten hatte, ihr damaliges Aussehen bcibchalten hat, denn sie war schon damals ganz baufällig. Vor dem Häuschen befand sich ein kleiner Garten, ohne Blumen, ja sogar ohne Nasen, ohne Unkraut, ein graues, kauni von dem vorjährigen Blättern gereinigtes Stück Erde. lichkeit der Form, wie sic namentlich im dritten Absatz der ״Feststellung" zuni Ausdruck kommt, mit einem, wenn schon nicht mildernden, so doch irgendwie die Öffentlichkeit aufklärenden Kommentar versehen. Wie will die ״Welt" eine solche Unterlassung rechtfertigen? Wir lassen die Frage offen: auf die eine Antwort wohl bald wird gegeben werden müssen und wenden uns zur Erklärung Bubers. Die lautet wörtlich und vollständig: ״Es sind in der letzten Zeit in öffentlicher und privater Rede und Schrift nicht bloß, wie schon früher, von übelwollender, sondern auch von bona fide mißversteliender Seite Äußerun gen über meine Anschauung vom ״Urchristentum" getan worden, daß es mir angezeigt erscheint — nicht etwa gegen sie zu polemisieren (das dünkt mich müssig und unfruchtbar), sondern in äußerster Deutlichkeit und Eindeutig-- feit festzustellen, was der Feststellung, wenn es bei uns ein größeres Maß reinen Willens und echten Verständnisses gäbe, — nicht bedürfen müßte. Wenn ich hierbei das Pronomen wir gebrauche, so meine ich damit selbstverständlich nicht irgendeine Partei oder Parteigruppe, sondern lediglich mit mir einige Freunde, deren Stellungnahme ich wie die meine kenne, und jene unbekannten Gefährten von heute und übermorgen, die ich weiß, ohne sie zu kennen. Festgestellt sei also: erstens, daß die radikaljüdische Bewegung, Die Bäume wuchsen schief, trugen höchstens einige Blätter, so daß sie wie Strohwische aussahen. Wie die Bäume, so die Menschen. In den einen und den andern wurzelte eine tiefe Trauer der unbewußten Gefangenschaft. Weder von den einen noch von den andern würde man ein Wort das mit den Inhalt ihres Schmerzes zusammenhing, herausbringen, aber sie sprachen es unbewußt aus — die erste mit den unwillkürlich angenommenen Formen und erstarrten Gebärden, die anderen mit den umschatteten Augen der Schwerfälligkeit des Ganges und dem Ton der Sprache. Doch die Natur, die großallumfassende Mutter, vermag auch aus dem Herzen der beliebten Wesen eineu Teil der Traurigkeit hervorzuzaubern. Das wiederholte ich mir vor einigen Jahren in N. beim Anblick eines jungen Mädchens, dessen Leden jeglicher Freude zu entraten schien. Das war eine Jüdin von sechzehn oder achtzehn Jahren. Gemeinsam mit ihrer Mutter beschäftigte sie sich mit Gebäckaustragen in N. und einigen umliegenden Dörfern, wo außer Landbauern, Arbeiter aus der benachbarten Ziegelei und einer Vorstadifabrik wohnten. Eines jener göttlichen Geschöpfe, die man täglich sehen kann, ohne sie dennoch zu bemerken. Ich bin überzeugt, daß viele Leute, die täglich Semmeln aus ihrem die Urchristentum genannt wird und der wir einst einen anderen, zulänglicheren Namen geben werden, uns nicht wichtig ist, weil, sondern trotzdem sie im Ehristentmn mündete, in dem die jüdischen Elemente nicht entfaltet, sondern entstellt worden sind: zweitens, daß der zentrale Mensch dieser Bewcgmtg, Jesus von Nazareth, uns als Objekt der Religiosität auf immer unüberwindlich fern und fremd ist, aber wertvoll und wesentlich als Subjekt der Religiosität, als einer, der die tiefe jüdische Religiosität gelebt hat. wie Sokrates die griechische und Buddya die indische: drittens, daß es keinen Frieden und keinen Wafsenstillstand gibt zwischen uns reinen, gan zen Juden und der weltbetzerrschenden christlichen Kirche und daß wir ihrer Usurpation jüdischen Urbesitzes entgegen unseren ewigen Anspruch, die wahre Ekklesia, die Gemeinde Gottes zu sein, unerschütterlich aufrechterhalten." (Marlin Buber.» Und nun fragen wir: Welcher Anlaß konnte für Buber so akut sein, daß er ihn zwang, von seiner üblichen Art, die wir an ihm kennen, das Religiöse in zartester, mystisch hüllender Form zu behandeln und zu behüten, plötzlich abzugehen, und seiner religiösen Anschauung diese strenge und scharfe Grenze zu setzen in der Form eines önentlichen Bekenntnisses? Hier muß eine stärkste äußere Nötigung vorliegen, hier muß eine innerste seeli'che Nor Körbchen entnahmen, weder den Klang ihrer Stimme, noch ihre Gesichtszüge kannten. Hätten sie sie getroffen ohne Körbchen, anders gekleidet, nicht in dem alltäglichen, verblichenen, nuten ausgefransten Rocke und zumal ohne das schwärze wollene Tuch, das sie sonst um den Kopf gebunden trug, so hätten viele nicht gewußt, daß sie an ihrer Brotausträgerin vorübergehen. Man kannte sie, wie man eine Sache kennt. Jeder begreift wohl, daß Oer Korb mit Semmeln allein von Haus zu Haus nicht fliegen kann. Selbstverständlich muß ihn jemand tragen. Aber aufrichtig gesagt interessierte die Leute nur der Inhalt des Korbes. Es gab ständige Gebäcksabnehmer. die nicht einmal wußten, wie Mutter und Tochter hießen. Jüdinnen. Tie alte und die junge Jüdin. ״Ich habe gestern kein Brot gebacken, ich muß es bei der Jüdin nehmen", sagte inan, oder: ״Habt ihr nicht wo die Jüdinnen mit Lein Brot gesehen?" Gingen sie einmal nicht zusammen durchs Dorf, so fragte man sich: ״Bei welcher Jüdin habt ihr heut Brot genommen?" ״Bei der jungen, nein, bei der alten. Doch nein, gewiß bei der jungen. Übrigens weiß ich's nicht bestimmt." Zwar waren sie gleich gekleidet, aber, freilich bei einer etwas gespannten Aufmerksam- Demnächst erscheint: ״Ws Wiener Wischer KMcknher".