Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 20 (28.5.1914)
- Date
- 1914-05-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3. ״Jüdische Bolk-stimme" Nr. 20. nerung, die er sich in seine Kerkernacht gerettet und die mit wehmütig-versonnenem Lächeln wie ein Bild von jenseits um ihn war, wird entweiht werden vorn grellen Licht des Tages. Er hat ja schon abgeschlosien mit sich, einen Schlußstrich untcr die Rechnung gesetzt. Was Wohl jetzt geschehen wird, kann man nicht sagen. Wenn ein Senat jetzt über ihm zu Gericht sitzen würde, so wäre ein Freispruch besiegelt. Denn die Begründung des stattgegebenen Gesuches schließt sich ja der vortrefflichen Ausführnng des Herrn Dr. Preßburger an und sagt alle die Momente, von denen das Gericht iin Zeitpunkte der ersten Verhandlung keine Kenntnis l>atte, bilden zusammen einen Strafausschließungsgrund und der Senat, der die juristische Seite vor allem im Auge faßte, würde mit der Freisprechung Vorgehen. Die Herren Geschworenen aber, die das menschliche Moment vertreten, die Ergänzung bilden zum Juristen, die das Herz am rechten Fleck haben sollen, können ihn wieder verurteilen. Wir kennen ja schon so einen krassen Widersinn von einem anderen Falle, der sich jenseits des Ozean, glaube ich, ereignete, in dem der Gatte ans Mitleid bedrängt und sinnlos gemacht von den flehentlichen Bitten seiner unheilbar krankcn Gattin, der das Leben ein Martyrium, ein Golgatha lvar, sich bewegeil ließ, ihr die Qual zu verkürzen und sie tötete, lind er wurde für seine Menschlichkeit, die wenigstens den Herren Aerzten erlaubt sein sollte, zum Tode verurteilt. Ja. und so können wir es auch hier erleben. Aber mein ganzes Empfinden sträubte sich dagegen. Allein, was immer sie beschließen über das Schicksal dieses armen Studenten, dem Leben können und werden sie ihn nicht wiedergeben. Denn sein Leben liegt einige Meter tief in der Erde. Und so wird sich bald neben dem Grabe seiner Geliebten ein neuer Hügel erheben und der Nasen getränkt werden von jungen, frischen Blut uild das wird langsam heruntersickern durch die Poren der Erde, als verspäteter Tribut. Und nicht die Lebenden; die Toten haben Recht. Auf zur Kenesijo gedaulo! Gesinnungsgenossen! Der :lins, der vor zwei fahren von Kottowttz aus an alle treuen Löhne des jüdischen Volkes erging, hat mächtigen Widerhall gefunden. ein allen Ländern der Diaspora, wie im heil. La»- de, unter den jüdischen Massen des Ostens und jenseits des Ozeans, in den Zentren der Kultur und in den stillen Räumen des Bcs-ha-midrasch — überall hat der Gcdanke, den ״Agudas Jisroel" verkündet, die Wiederaufrichtting der vom Thorageist belebten jüdischen Einheit wie ei» zündender Funke geivirkt. Ortsgruppen, Gruppenvei bände, Augcndgruppcn — die Zelle», aus denen der neue Organismus zum Leben erstehen soll, haben sich in grosser Zahl gebildet und es gilt nun, aus diesen Zellen den lebendigen Körper der Agudas Iisroel zu gestalten. Die בנם*ד. גדולה 'st cwbcrufen! Am Elnl-Nenmond, i» den Tagen vom Li. bis 3l. Augnst, sollen sich in Frankfurt a. M. die von dem Vertrauen der Gcsnmtbeil getragenen Delegierten der Ortsgruppen zur Hauptversammlung zusammcnsindcn, um unter Führung der Krossen, der Fürsten des ThorageislcS in Israel, zu vollenden, was in Homburg und Kattolvitz begonnen lvard. Brüder! Bedenket die Grösse des Augenblickes! Zum ersten Male in der jüdischen Geschichte, zum ersten Mal seit dem das jüdische Volk in alle Weltteile zersprengt lvard, werden sich seine Söhne zusammcnsindcn, um der thoratrcucn Judenheit die Tribüne eines einheitlichen Willcnsausdruckes zu schaffen, um gemeinsame Arbeit der Thora zu leiste». Sorget, dass alles, lvas wir an geistigen,׳ sittlichen, für Gott und sein Gesetz, für die Thora und das Volk wirtschaftlichen Werten unser Eigen nennen, in diesem Parlament der thoraireucn Judenheit in gesammelter Kraft zum Ausdruck gelange. Sendet die besten Männer zur ״Kenisi gdauloh" — Mänucr, die das geistige Erbe der Vergangenheit in sich tragen, Männer, die mit jüdischem Auge das Lebe» erkennen und seine Not, und die gewillt und befähigt sind, schöpferische Arbeit fürs Leben zu leisten. Nutzet die kurzen Wochen, die zur ״Kenisi gdauloh" führen! Tretet in den Ortsgruppen Woche für Woche zur Vorbereitung der Gesamt-Anliegen zusammen, belebet den Geist der Zusammengehörigkeit, der gegenseitigen Verantwortung, der Opferfreude. Spornet jeden Einzelnen zur Werbearbeit an und rufet die noch abseits Stehenden, die Gleichgültigen und Kleinmütigen zu den Fahnen. Unter Schosarklängen wird die ״Kcnisi gdauloh" zusammcntreten. In Euerer Hand, in Euerem unbesiegbaren Willen liegt cs, dass diese Klänge sich als Nachhall des Sinai- Schofars bewähren, dass schon die erste ״Kcnisi gdauloh" der Agodas Jisroel die Wiedergeburt der jüdischen Gesamtheit aus dem Geiste der Thora sichert. Frankfurt a. M.» am IN. Jjar 5(>71. Das provisorische Komite der Agudas Iisroel. KAFFEEGESCHAEFT Rosenbaum Liechtenstelng. 1 BRÜNNj Liecbtensteing. 1. ftabhx Jizchok Eisik Halevi (s. A.) Ein Fürst ist gefallen, ein Geistessürst von fast einzigartigcr Grösse! Rabbi Eisek Halevi ist der Fürst, der da gefallen, der seltene Meister des ״Doroth Horischoniinü, und weinen muss um diesen Grossen, diesen Geisteshcrocn ganz Israel, die ganze Judenheit, und mit ihr auch das Judentum, denn Halevis Heimgang bcdeutet einen unermesslichen, ja schier unersetzlichen Verlust für alle beide. Noch 11! seiner Heimatstadt Wilna, als er dem Kaufmaunstandc angchörte, und Geschäfte im grossen Stil betrieb, galt Halevi als einer der grossen Russlands, als grosser ״boki" 1Bielwiffcr> und grosser ״charis"!Scharfsinniger), und schon damals galt er als bedeutender Forscher und Historiker. Schon seine erste Arbeit: ob die letzten Amoroim bei ihrem ordnenden Abschlüsse des Talmud Bawli den Talmud Iernschalmi vor Augen hattcn, die Tr. Kantor, gegemvärtig Rabbiner zu Riga, in seiner Monatsschrift ״Ben-Ami" veröffentlichte, ebenso seine Randbemerkungen zum dritten Bande der Grätzschcn Geschichte Israels in hebräischer Uebersetzung von Saul Rabinowitz riefen grosses Aufsehen hervor. Jedoch in seiner ganzen Grösse ofcnbarte er sich, als er dem Handel Valet sagte und mit seiner Ucbersicdlung nach unserem Frankfurt sich ganz seinen Studien zuzuwcndcn in die Lage versetzt lvurde, denn jetzt konnte er sein grosses, unvergängliches Werk ״Doroth Horischonim" zum Abschluss bringen. In kurzer Spanne Zeit folgte Teil auf Teil, so im Jahre 1807 der erste Band über die Zeit der ״Rabonon Jaburroi" und der der ״Gaonim"; der zweite über den Zeitabschnitt der Amoroim im Jahre 1001 und endlich der dritte Band von den Hasmonäern bis der Zerstörung des ziveiten Tempels. Nicht im Rahmen eines kurzen Artikels kann die Bedeutung dieses epochalen Werkes festgehalten lverdcn, lvir beschränken uns nur darauf, zu konstatieren, dass das ״Doroth Horischonim" eine Umwälzung in der jüd. Geschichtswissenschaft — besonders in den Anschauungen über die Saburäcr — hervorgcrnfcn hat. Halevi gehörte auch zu den wenigen Gelehrten, die bei all ihrer Vergeistigung und Versunkenheit in abstraktcn Sphären auch lvcltklug und praktisch sind, und da Halevi dies in ausserordentlichem Masse geivesen ist, so ivar sein Einfluss auf die russische Orthodoxie enorm׳, er war cs, der die russische Gaoniin für die Sache der ״Agudath Jisroel" geivann, und sein Heimgang bedeutet für die Agudoh einen herben Verlust. Hamburg ist die Stadt, der der Scchus zuteil ivnrde, den großen Meister zu Lebzeiten, sowie »ach seinem Heimgang in ihrem Bet-Hakelvoro!h, zu bewahren; ein Scchus Halevi gegenüber hat auch unser Frankfurt, in dem er zuerst wohnte, und das reichlichen Anteil an seiner Entfaltung nahm, doch die gesamte jüdische Welt hat den ungewöhnlichen grossen Sechus, das grosse Erbe des großen Halevi für immerdar anzutreten und zu bewahren! Sensationelle Enthüllungen zum Beilis-Prozeß. Vera Tscheberjak die Mörderin Justschinskis. — Ein neuer Prozess. Moskau, 21׳. Mai. Wie bekannt, hat Burzew im ״Russkojc Swlvo" angckündigt, er werde Enthüllungen über den!virklichcn Mörder des Knaben Justschinski veröffentlichen. Nunmehr erklärt er in dem Blatte, dass die eigentliche Mörderin Wera Tscheberjak sei und führt hicfür folgende Beweise an: In dem Prozesse gegen Beilis war das Ausfallendste, dass die Zeugin Adele Nawitsch verschwunden sei. Diese Zeugin hat in der Voruntersuchung angegeben, sie habe bei einem Besuch bei der Tscheberjak in deren Wohnung den Leichnam Justschinskis, welcher in ein Tuch eingewickelt war, gesehen, kurz darauf ist die Raivitsch mit ihrer ganzen Familie verschivunden. Burzew erklärt, er habe ihre Spur verfolgt und konstatiert, dass die Familie Rawitsch nach Amerika geflohen sei und dass sie zu dieser Flucht oon der Tscheberjak überredet worden war. Tic Tscheberjak drohte ihr mit der Rache der echt-russischen Leute und gab ihr auf die Reise 200 Rubel mit. Burzew entsendete nach Amerika einen VertrauenSinann, der die Rawitsch aufsuchtc und von ihr nähere Auskünfte über ihre Aussage verlangte. Die Rawitsch bestätigte neuer dings, sie habe den Leichnam des Knaben in der Wohnung der Wera Tscheberjak gesehen und lieferte auch dem VertrauenSinann lvichtige Dokumente, unter denen sich die Korrespondenz mit der Tscheberjak befand, ans. Ans diesen Dokumenten gebe hervor, dass die Tscheberjak an dem Morde Justschinskis zumindest beteiligt war. Das russische Justizministerium hat sich dieses Material erbeten und, ivie verlautet, ivird der Prozess wieder ausgenommen, lvobei jedoch die Tscheberjak als Angeklagte vor Gericht stehen wird. NIEDERLÄNDISCHE Labensversicherungs - Gesellschaft, Wien I., Aspernplatz 1 im eigenen Palais, Vc191che!tes Kapital citka 122׳ Millionen. 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Der gottbegnadete redegewaltige Prophet Jesajas, der unablässig bestrebt ttiiD bcntiiljt umr das Herz seines tief gebeugten hart heimgejuchten Volkes anfzurichten und es in dem Glauben ran den gerechten, befreienden und erlösenden Gott zu bestärken, läßt Israel seinem lstmmlischeu Vater znrnfen: ״Ki ato uwinn", Tn alleiit bist unser Pater; denif Abraham lveiß nichts von uns, lind Jakob kennt uns nicht, nur Du 0, Ewiger! bist unser Pater, wirst von jeher unser Erretter und Erlöser genannt!" lJes. >1 .!:׳ <»> Diese Worte sucht der Midrasch durch folgendes Gleichnis zu erklären: ״Ein früh verwaistes Mädchen wurde von einem edleit zartfühlenden Manne adoptiert und mir wahrhaft väterlicher Liebe aufgezogen, so daß das Kind nie merkte, daß es den rechten Pater allzufrüh verloren hatte. Der Adoptivvater batte nicht nur für ihre Er ziehung find Ausbildung, sondern auch für ihre Verheiratung reichlich gesorgt. Als ihr Hochzeitstag herannahte, kam der Gemeindeschreiber nn! Ehepakten anszufertigen. Ta frag er die Braut nach ihrem Rainen, den sie ihm angab. und wie heißt der Pater? Da schwieg sie. Warum antwortest Tn nicht, fragte der A-doptivvaler. Ich kenne keinen anderen Pater als Dich, entgegnete sie; denn nicht der, dem das Kind geboren wurde, sondern der welcher es erzogen und versorgt hat, ist der rechte Vater. So spricht auch Israel zu Gott: Du allein bist unser Pater, Befreier und Erlöser, denn Abraham weiß nichts von uns und Jakob kennt uns nicht, die sind längst heinigegangen. Du aber ewig lebender Gott, bist allein unser Schutz und Beistand. Run so lange man in den Gemeinden Jeschuruns es als die erste und heiligste Pflicht erachtete für die Erhaltung die der Verbreitung der Kenntnis der Thora gewidmete Institution die gröste Opfer zu bringen; so lange jeder jüd. Pater seinem Kinde die Worte die einst König David an seinen Sohn Salomo richtete ״Ta es elohe owiho weowdehu", einschürfte: vorerst erkenfte den Gott deines Paters, lerne fleißig ft. eifrig die Thora, dringe ein in ihren Geist, dann diene ihnt mit ganzem Herzen und mit