Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 20 (28.5.1914)
- Date
- 1914-05-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seik 2. ״Jüdische BolkSstimme." Gewissen mit Schlagworten nicdcrzuhaltcn. Jedoch das wirkliche jüdische Fühlen regt sich wieder und schon sehen wir bei Abertausenden, die wir fürs Judentum verloren glaubten, eine mächtige Regung des religiösen Gefühls, eine tiefe Schnflicht nach jüdischem Pflichtbcwußtscin, jüdischer Lebensbetätigung. Zeiget ihnen, wo das wahre Judentum ist; dort, wo es immer war und immer sein muß: in der Religion. Leopold Grünhut. Zum Liebesdrama in Baden. Von jur. Ignaz Roscnfeld, Wien. In kurzer Zeit wird vor den Geschworenen in Wiener-Neustadt wiedcrmn der Vorhang aufgerollt über ein Drama, dessen unglücklicher Held ein junger jüdischer Student ist, der Jurist PH. Reiß aus Czernowitz. Die Gefängnistore, die sich im Vorjahre hinter ihm geschlossen haben, werden sich wieder auftun und die breite, sensationslüsterne Ocfseiltlichkeit, die nur für die Lebenden Interesse hat, sich hindrängen zum Gerichtssaal, dem Gang und endgiltigen Abschluß der Tragödie nlit schauersicher Teilnahme zu folgen. Denn der Verurteilte ist tot fürs Publikum. Was er verbrochen hat? Die hohe Staatsbehörde sagt, er hat einen gemeinen Mord begangen. Nach dieser Nomenklatur hat sie ihn cingcrciht unter all die schwcren Verbrecher, die aus gieriger, frivoler Lust, aus niedriger Habgier oder aus anderen abschcm lichev Motiven gefvevclt haben. Die hohe Staatsbehördc kennt leider keilte Nuancierungen des Mordes, weiß nicht, sträubt sich dagegen, daß gerade in diesem Verbreche» die abschreckendsten und idealsten Zwecke zusantmenfließcn. Sie kennt nur die Tat, die nichts anderes ist, als die letzte Auslösung eines dumpfen Willens, wenn ihn llicht Gewohnheit tötet, oft eilt sinnloser, unbewußter Effekt, ein Ohnmachtsausdruck. Aber die hohe Staatsbehörde lügt. Lügt, konsequent, wehrt sich gcgeit tieferes Einfühlen, sucht blind die Altklage, die schwer wiegt, und findet sie überall. Sie, die staatliche Wahrerin des objektiven Rechts, die das Für zumindest so stark erlvägcn soll, wie das Gegen, kennt prinzipiell nur die Anklage. In dieser Paradoxe liegt die schreckliche Ironie der Gerechtigkeit. Und so ist cs gcschchell., daß die Herren Geschworencn von Wiener-Neustadt den jungen Studenten zum Tode durch den Strang vcrurteilt haben. Er ist aus Czernowih hiehcr gekommen, um die Rechte zu studieren. In seiner Heimat war cs ihm zu enge. Wien war für ihn in den lockenden Zauber der Freiheit gehüllt, frei׳ Gedanke an Wien hat in dein Herzen des Zwanzigjährigen die Hochflut von Frohmut, Sehnsucht, Verhcißung und Erfüllung ausgclöst, Wien war für ihn eine hcrße Symphonie des schäumenden Lebens. So konlmt er hiehcr, mit Träumen beladen, mit Hoffnungen erfüllt. Eine Kreatur ist von prächtigem Wuchs, von gottähnlichcm Geiste, die Aviere mißgestaltig oder blöde. Eine baar jeder guten Eigenschaft, die andere begabt mit tausend Vorzügen: ein Carusso singt und die Menschheit ist enthusiasmiert, hullägt ihm gleichsam einem Gotte.... Hier noch ein krasseres Beispiel: diese Erde da! Erde nur, nicht? Und welche Säsiitzc birgt sic in ihrem Schoße: das unübertreffliche Eisen Mineralmoor - - das sollte man mit Recht ״schwarze Diainantcn" heißen! — die Mineralwässer, Herr Gott! Aus jeder Ader fließt ein anderes, hcilkräftigcrcs. Und von allen Ecken und Enden der Welt, strömen Menschen fycrbei, Genesung, ja Leben zu saugen aus diesen ewig brodelnden, prickelnden Quellen. Weßwcgen erkürte gerade die Vorsehung Franzensbad hiezu? richtete hier gerade das Terrain so eben ein, daß der Spaziergang dem Hcrzleidendcn zum Heile werde, was? — Und tausend Schritte von dannen wieder ein Boden, der gut genug ist, dumme Kartoffeln anzubaueu" Dies sprechend erhob sich der Aeltere von seinem Platze, der Junge folgte ihm nach. Zu preisen dich Franzcnsbad, deinen wundertätigen Quellen zu danken kanc ich hierher, allein ein Zagen bemächtigt sich meiner: Bedarf Franzensbad meines Lobes noch? Und da kreuzt seine blumige Straße, wiej das intmer geschieht, ein blondlockiges Mädel, das sein Schicksal wurde. Und auf den Kopf dieses Mädels hat er all sein Hoffen übertragen, in das unberührte Herz dieses Kindes seine schönsten Träume gegossen, in ihr Wurzel gefaßt für kraftvolle Zukunft. Er hat sie geliebt. Das war keine Liebelei eines unreifen Studenten, der in spielcrischcr Oberflächlichkeit ein ״Verhältnis" anknüpft und beendet, das war keine leichtsinnige Tändelei, wie sie heute leider zu dem Prestige eines Studenten gehört und in dem er sich selbst überglänzt, das war starke, opferfrohe Liebe, die starken Mut und echten Glauben hatte an gemeiusamc Zukunft, die die beiden jungen Menschen aneinander schloß mit untrennbarer Ge- Walt, einer war das Schicksal, das Glück dem andern, in ihrer Liebe gingen sie restlos auf. Mag sein, daß er oft ein spöttisch-bemitleidendes Lächeln irgend eines nwdern-burschikoscn Kollegen zu ertragen hatte über sein ehrliches Gefühl. Mein Gott, man treibt ja heute soviel Schaeher gerade mit den heiligsten Gefühlen, man hat sich ja gewöhnt, den Gradmesser so herabzusctzen, daß einem das Verstehen verloren gegangen ist und man nur ein mitleidiges, erhabenes Lächeln mehr findet für die Tiefe einer Seele. So vergeht die Zeit. Da schreibt der junge Student aus überströmend glücklichen Herzen nach Hause und erzählt den Eltern von seiner großen Liebe, von der Gnade dieses Glückes, das ihm so unverantwortlich gut ist, erzählt mit dem drängenden Bedürfnis nach Mitteilsamkeit von seinen: schönen, blonden Lieb und bittet sie um den Segen. Und jetzt geschah der Unsinn, den unzählige Eltern im einfältigen Stolze begehen und viele tausende noch begehen werden. Sic ziehen gekränkt, ja empört ihre Hand zurück und verwandein den erflehten Segen in Fluch. So haben sie cs auch hier getan. Gewiß! Die Armut dieses lieben Mädels hat ihren Illusionen Abbruch getan, mit den stolzen Hoffnungen sich nicht vertragen, die sie lächelnd in ihrer Brust genährt, den himmelsstürmenden Vorstellungen ins Gesicht geschlagen, in die sic das Zukuuftsglück ihres Sohnes gekleidet, die großen Opfer in den Staub getreten, mit denen sein Studienwcg bedeckt war. Und die Hoffnung, die den Stolz zum Gevatter hat, nicht bloß Liebe kämpft um ihre- Existenz mit Mitteln, die lieblos hart und so ungerecht sind. Solche Hoffnung kann nicht bewußt verzichten. Und so zerschmetterte die unbeugsame Härte der Eltern: den Glückbau der beiden. Er begriff das nicht, der arme Junge. Er wehrte sich dagegen. Es half nichts und unsichtbar entstand eine Mauer zwischen ihm und seinen Eltern in Czernowitz. Aber trotzdem seine Liebe Opfer bringen konnte zur offenen Empörung, zum Bruch mit der Vergangenheit fehlte ihr der Mut . Kein Wunder. In der jüdischen Seele steckt ja von Natur aus viel Fatalismus und gerade im Osten blüht ja die blaue Blllme des Wunders. Es wäre eine Verletzung der heiligsten Pflichten des Kindes lvenn er mit starrnackigem Trotz sich auf einen neuen Weg werfen wollte. Die Eltern würden ihn betrauern, wie einM Toten, und für den Lebenden der schreckliche Vorwurf, entstehen sein Totengräber gewesen zu sein. Nein, ohne Segens- Wunsch der Eltern konnte das religiös empfindende Herz des armen Jungen keine Entschlüsse faßen, das wäre ja Sünde. Denn die Eltern haben Rechte auf sein Leben. Ob das wahr ist? — Ich glaube nicht. Und so hat sich alles verkehrt in ihm, das glückstrahlende Auge getrübt und von dem fleckenlosen Himmel, der voll süß tönender Geigen über ihn hing, sich Schatten um Schatten gesenkt auf seine junge Seele, auf sein Glück. Die Eltern glaubten vielleicht cs wäre alles Tändelei, wie es so Sitte ist beim Studenten. Oh, Ihr habt Euch bitter geirrt, Ihr konntet Eueren Sohn nicht. Er sollte leichtsinnig sein und er war ernst. In diesen Tagen seiner seelischen Depression, seiner Verztveiflung war niemand da, der ihn aufrichten hätte können. Er brütete über der Schwere seines Schicksals, er zermürbte seinen Gedanken nach Lösung, nach Rettung, er wurde > überreizt, er wurde krank, und niemand war da. der zugesprungen wäre und ihm kräftig unter die Arme gegriffen hätte. Seinem Mädel ging es ja auch so. Nr.20. Und so entstand in einer dunklen Stunde in ihrem Schattenhcrzen die Todes-Schnsucht. Sie mußten vereint sein, das wollte ihr Schicksal, das war Bestimmung. Aber das Leben hatte die Hand zurückgezogen, wollte sie nicht zusammenschließen und so sollte der Tod ihnen zu Hilfe kommen. Sie bat ihn darum. Nicht im Tone klangoser, inüdcr Resignation, sondern voll heißer Leidenschaft. Man hat ja die Briefe gelesen, die sie flehentlich an ihn schrieb. Das Leben ohne ihn war für sie graues Elend, der Tod mit ihn: so schön. Und der unglückliche Junge hat vielleicht auch daran gedacht zu sterben, ganz allein zu sterben, nicht sie, das blühende Leben zu verderben. Aber sie konnte so rührend bitten und er hatte sie so lieb und dann der Glaube an das gute Jenseits und das Grauen vor der Welt.... Und er gab nach mit schwerem Herzen. Es war keine Leidenschaft in ihm, wie in ihr; cs war Todcsöde, es war Müdigkeit, Ohnmacht in ihm. So kauften sie einen Revolver und gingen in den einsamen Teil des Parkes. Da blitzte ein Funke von Verstand in ihm auf. Er zog den Revolver, aber er zögerte. Beugte sich über den vcrzückt lächelnden Mund seines blonden Mädels u. küßte cs noch einmal. Und jetzt packt ihm die ganze Gewalt des Schmerzes und aus deren dumpfen schwülen Gefühl wird aufzuckende Vcrzwcifmng... ״So schieß doch, sagt sein Mädel, da erbebt sein Finger, er drückt auf den Hahn und der Revolver enlädt sich. Er hat schlecht getroffen, er hat ja nicht gezielt. Aber sein Mädel stürtzt zu Boden die Hand nach ihm ausgcstreckt und stöhnte, da tat sie ihm leid, weil er sie leiden sah und seine Verzweiflung stieg zur Ekstase, nur sie nicht leiden lassen, nur sie nicht leiden lassen, wühlte es in ihm und hämmerte an seine Schläfen und so schoß er dann blind zu. Und sie litt nicht mehr. Wie oft er geschossen, ist ja egal. Aus der Zahl der Schüsse, die im Zustande der Nerzweiflung, der momentanen Unzurechnungsfähigkeit abgcfeuert werden, auf wohlbedachte, Planmäßigkeit zu schießen, ist ein Fehler, der von der Staatsbehörde bewußt begangen wird. Gewiß, darnach kam die Ernüchterung über ihn, ganz langsam ist sic vorgedruugen, hak ihm grauen- Haftes, schreckliches Verstehen gegeben, und er hat keine Kraft gehabt sich zu töten. Das war keine Feigheit, nicht an Mut, sondern an Kraft hat cs" dem arinen Menschen gefehlt. Nach den Momenten der größten Anspannung tritt ja immer der Zustand von Müdigkeit, von Schlaffheit ein, von allinähiigem Begreifen. Und aus dieser Ruhe auf Gleichgiltigkeit, auf Vollbewußtsein im Zeit- :unkte der Tat zu schließen ist ein schrecklicher, wahnsinniger Trugschluß, ein himmelschreiendes Unrecht. Er stellte sich der Behörde und die Geschworeuen zu W.-Neustadt, Männer aus dem Volke mit gesundem Verstände und Herzen, haben un- Verständlichertveise einen Schuldspruch gefällt. Und die Ocffentlichkeit fühlte das hätte nicht sein sollen, es fühlten das gewiß auch seine Richter, aber, mein Gott.... Aber dank der hohen Gnade des erlauchten Monarchen wurde er zu zehn Jahren schweren Kerkers begnadigt. So schlossen sich die Kerkertore hinter ihn: und in seine Zelle folgten gewiß unzählige Träneu Mitleids. Was wohl die klugen Eltern jetzt sagten —? Er war abgetan, tot. Da nahm sich einer der hervorragendsten Wiener Juristen, Herr Dr. Richard Prcßburger, des unglücklichen Studenten an. Er fühlte, es ist ein Unrecht geschehen, das ja die Gerechtigkeit oft begeht. Sie hat ja die Augen verbunden. Und er strengte die Wiederaufnahme des Prozesses an. Und diesen: Gesuch wurde Folge gegeben. In der Begründung wird ausdrücklich angeführt, daß er ein willenloses Werkzeug war in der Hand seiner Geliebten, daß er unter unwiderstehlichem Zwange gehandelt habe, was ein StrafausschließungSgrund sei. Und so wird der junge Student in einigen Wochen wieder vor die Geschworenen treten. Mit fahlen Wangen, verloschenen Augen, müde von der Welt, die er nicht gekannt, zerbrochen von: Leben, das ihm nur Vision war. Apathisch wird er wieder über sich alles ergehen laßen, sein geheimstes Leben wird aufgeschlagen und durchrüttelt, mit kalter, roher, verständnisloser Hand zerpflückt werden. Die stille Erin-