Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 20 (28.5.1914)
- Date
- 1914-05-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint jeden Donnerstag. Wiener Nnmmer 20. Jahrg. XV|3 Mische NxlksßiMk. Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungar», halbjährig . Kronen 6 20 ganzjährig.Kronen 12 — Deutschland, ganzjährig.Mark 12 — Rußland, ganzjährig.Rubel 6•— Balkan, Frankreich.Franks 14 — Mit der Beilage ״Daß jüd. Leben in Galizien" Herausgeber: Max Hickl. Buchhändlerische Vertretung: Ott» Klemm, Leipzig. Geschäftsstelle, Wien:!., Rotenturmstratze Nr. 31. Telephon 3009/VIIi. Stzrcchjtundcn von 10—12 Uhr Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Brünn—Budapest. Wien, 2»-^ >,^ Prag—Lemberg. Zum Wochenfest. Wir begrüßen unser Wochensest in eirrem Augenblick, wo sich die Natur fast bis zum Höhe- Punkt ihrer Frühjahrspracht entwickelt hat. Das gesamte Pflanzenreich, von den kompliziertesten (Geweben bis herab zrr den einzellig«: Algen und Pilzen, treibt, von der eisigen Erstarrung des Winters kaum befreit, in irnmer gesteigerter Lebensfrische seiner Kulmination entgegen. Und dieser Impuls pflanzt sich ans die ganze übrige organische Welt fort. Aber nicht nur diese scheint neu belebt und verjüngt, sondern auch der menschliche Geist, welcher physikalischen Einflüssen zumeist unzugänglich ist, wird durch den Frühling gestärkt und gehoben. Das Offenbarungsfest, der Geburtstag des Jltdentums und somit des Monotheismus, muß uns umso ernster stimmen, als wir, auf der Scheide der Zeiten stehend, den im Sinne des Judentums richtigen Weg suchen. Unser heutiges religiöses Leben ist vor Allem durch den Mangel jeder .Konzentration gekennzeichnet. Es gibt heute soviel Judentümer als es Juden gibt. Diese diverseil, nach eigener Facon zurechtgelegten Indentümcr sind vom wirklichen Judentum, welches doch nur eines sein kann, meilenweit entfernt. Wir müssen sie jedoch achten und lieben um des wirklichen Judentums willen, dessen Namen sie sich beilegen. Die Idee des Judentums ruht auf der jewelligen Judenheit wie der prächtige Regenbogen auf dem immer weiter eilenden Wasserfall. Das unräumliche Farbenspiel bleibt unverändert flehen, während seine Träger, die Wassertropsen, von Augenblick zu Augenblick wechseln. Konnten wir die Größe des Judentums ermessen, so müßte sich unser religiöses Verant- Wortungsgefühl ins Schrankenlose steigern. Einer unserer größten deutschen Dramatiker, Otto Heuikketon. Franzensbad. Ein belauschtes Zwiegespräch. Von Oberkantor Armin W i l k o w i t s ch, Eger. Ter junge Lenz hatte seinen Zauberstab geschwungcn und ein märchenhaft schönes Bild ergoß sich über die im Banne des Eises lange schlummernden Erde. Frühling! Frühling! jauchzte es aus tausend Kehlen und ich schüttelte den langen, schweren Traum ab von meinen Lider» und walle, wie alljährlich zur selben Frist, nach Franzensbad. Gleichsam einer jungfräulichen Braut, geschmückt mit smaragdgrüner Myrthe, geziert mit taufrischen Tulpen und schneeweißen Lilien, offenbarte sich meinem Ange die morgenjunge Landschaft dieses edcnschönen Kurortes. Wie einein mir teuern und lieben Wesen entgegen, pilgertc ich dahin, um Franzeusbad in: schmucken Frühlingskleide zu bewundern und seine für die leidende Menschheit Heil und Trost bringenden Quellen von neuen: zu Preisen.... Ermüdet vom längeren Marsche und betäubt vom würzigen Frühlingsduft, erreichte ich — von: Feldwege aus — die Salingburg und ließ Ludwig, legt in seinen ״Makkabäern" dem Mattathias das bedeutsame Wort iu den Mund: ״Des Menschen ist der erste Schritt; der zweite nur halb, der dritte nur so, wie im Schiff auf hoher See des Eigners ist; drum, wenn den ersten Schritt du tun willst, denke, daß du in dem ersten schon den dritten tust!" Dieser Ausspruch Paßt auf N'ichts besser als auf bas religiöse Moment in: Judentum. Die eine oder andere Vorschrift des Schulchan Aruch mag uns heute vielleicht als kleinlich oder übertrieben erscheinen. Wir wissen jedoch nicht, ob wir nicht durch Außerachtlassung dieser Vorschrift andere wichtige Gebote gefährden und anderen Anlaß geben zu Mißverständnissen, die wir nicht mehr gut machen können. Greifen wir das Beispiel des ״Nessach- Weines" heraus: unsere Weisen haben den Genuß desselben in der richtig en Erkenntnis untersagt, daß Nichts die Geuuiter sc rasch einander näherbringt als der Wein. Wäre nicht schon so inancher Jude dem Judentum erhalten geblieben, wenn er sich an diese scheinbar geringfügige Verordnung gel-alten hätte! Es gehört überhaupt zu den charakteristischen Fehlern unserer Zeit, daß die meisten srominei: Juden in dem gänzlichen Abfall der Anderen einen Freibrief zur bequemeren Handhabung des Religiousgesetzes erblicken. Wir dürfen uns nicht leichthin der ״.Kleinigkeiten" erledigen. Diese vermeiutlichcn .Kleinigkeiten bilden zusainmen die Forni, die uns den kostbaren Inhalt durch zwei Jahrtausende lvechselnder Bedrückung von außen und Bedrohung von innen unversehrt erhalten hat. Diesen Zaun, der die jüdische Eigenart schühend umgibt, will uns nicht nur vor Einsällen, sondern auch vor Ausfällen bewahren. Den wahrhaft Religiösen werden die zahlreichen Vorschriften und Verordnungenzu tvelchen das Indentun: seine Anhänger verpflichtet, niemals zumich auf eine Bank nieder. Ein Schnellzug, der soeben den Franzensbader Bahnhof verließ und die Richtung nach Eger nahm, sauste vorüber und die Passagiere schwenken aus den Fenstern der Abteile übermütig ihre Tücher zum Scheidegruß .... Zlvei Kurgäste, aus schmalen Glasröhrchen Mineralwasser saugend, nahmen auf die mir nächststehende Bank Platz; der Aeltere, etwa ein Fünfziger, mit faltenreichen: Mantel und Pelerine und breitem Schlapphut, der Jüngere ein kaum zwanzigjähriges Bürschlein, trug gutsitzenden dunkeln Jakettanzug, moderne, in violette!: Farben schillernde Kravatte, auf der nach aufwärts geschwungenen slawischen Nase einen in Gold gefaßten Kneifer. Sie sprachen russisch und wie ich wahrnahn:, rechneten sie ganz be-- stimmt nicht, daß ihr Idiom von mir verstanden sein könnte. Vielleicht, weil ich aus einer deutschen Zeitung las. Ter Junge Hub an: ״Ach welch ein saftiges, schönes Grün ziert diese prächtige Ebene! Das Schauen tut förmlich dein Auge Ivohl und stundenlang könnte ich diese herrliche Landschaft betrachten, ohne hiebei zu ermüden." Ter Aeltere: Ja, auch ich finde die Landschaft schön, überhaupt ist es Wunders«»:, daß zu dieser Jahreszeit — wir stehen doch kaun: in der Mitte des Maien — die Vegetation hier soweit sortgeschritten ist. In Rußland dürften die Schneestürme wahrscheinlich noch eine Zeitlang ihre viel sein; denn auch in ihnen wird er die Gelegenheit begrüßen, um Gott seine Liebe und Tankbarkeil zu beweisen, auch iu ihnen wird er den Pulsschlag der jüdischen Geschichte fühlen und sie als Bestandteile einer großartigen, tausendjährigen Symbolik bewundern lernen. Tie Religion allein vermag uns zn klarer, heiterer Besinnung führen in einer Zeit, in, der sich die Gemütswerte iminer mehr zerklüften, je größere Fortschritte Wissenschaft und Technik machen. Was können dem Gelehrten die Ergebnisse seiner mühevollen Forschung, dem Künstler die Resultate seines Talents sagen, wenn er in dein Menschen ein aufrechtgehendes, hochentwickeltes Tier sieht und davon überzeugt ist, daß alle Religion nur Machwerk dieses aufrechtge henden Tieres ist. Nur die Religion, welche dem Menschen Menschtum. Willensfreiheit und Veranlwortungsgefühl lehrt, kaun uns den Maßstab bieten, um die Leistungen der Wissenschaft, die Schönheiten der Natur, den Reiz der Kunst richtig zu bewerten und zu genießen. Tie Religion allein lös. uns die Welträtsel, inden: sie uns davon überzeugt, daß dieselben durch den Menscheu wohl gedeutet, aber nicht gelöst werden könneu und daß es ein Etwas gibt, an das der Verstand der Menschen aller Zeiten zusammenge nommen nicht herankam. Die Moral, mittels welcher man heute vielfach die Religion ersetzen will, ist nichts Anderes, als der Rest der verdrängten Religion, dessen ureigenstes Produkt sie darstellt. . Das Gotteswort von! Reich der Priester hat noch niem-ils derartige Gültigkeit gehabt als heute. Jedem einzelnen Juden ist ein »»über sehbares Tätigkeitsgebiet in seinen Pflichten ׳: selbst. Familie, Judentum und Menschtum gegenüber zugewiesen. Tie Assimilation har es verstanden, die größere Hälfte der Jndenheit von der Erkenntnis dieser Pflichten abzulenken und die Herrschaft behaupten. Ein anderes Klima eben, trotzden:. daß Franzensbad noch genug nördlich liegt. Ter Junge: ״Freilich ein anderes Klima! Wisset Ihr, väterlicher Freund, hier atmet man viel freier. Tie Freiheit des Willens und des Geistes erfüllt ringsum die Luft! Nicht wie bei uns in Rußland, daß man auf Schritt und Tritt von Späheraugen verfolgt und belästigt wird. Sagt, Väterchen, Ihr seid doch ein erfahrener Herr, warum entfesselt man nicht unseren Willen, erlöst unseren Geist nicht von der morschen Bürokratenherrschaft Unbill?״ " Der Aeltere: ״Junge, Junge. Ihr seid ein Schwärmer! Hier im Auslände geht es noch mir solchen Ansichten, allein in Rußland könnten Euch solche Reden das feine Hitzköpfchen kosten! Nimmt Euch nur in Acht. In Rußland herrscht eben ein anderer Geist! Er muß dort auch Herrscheu׳ er wird auch nicht sobald seine Herrschaft aufgeben können, noch wollen!" Der Junge: ״Und warum muß denn Rußland fortan so regiert werden? Gedeihen die konskitulionellen Reiche Europas etwa minderer? Und wurde die Herrschaft der Knute je einem Staate zum Segen? Der Aeltere: ״Eines schickt sich für alle nicht! Dies de: Ausspruch eines deutschen Dichter Heroen! Merket auf: Selbst die Vorsehung erschuf nicht alle Dinge und Wesen einem Muster!