Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 19 (21.5.1914)
- Date
- 1914-05-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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MM Seite 3. ״Jüdische BolkSstimme" Nr. 19. sorge der Stiftung stehen. Besonders begabte Zöglinge sollen eventuell auch dem höheren Stildiuin zugeführt, hingegen bei allen von Jugend auf das Interesse für die Schönheit und Gewalt der Statur, der Sinn für alles Gute und Schöne geweckt werden. — Tas Testament enthält, eine ganze Reihe von durchdachten Bestimmungen über die Verwaltung der Stiftung, über die Anstellung des Aufsichtspersonales, die pädagogische und sanitäre Beaufsichtigung der Jugend udgl.: der Testator hat nach menschlichem Ermepen alles ins Auge gefasst, damit die von ihm ins Leben gerufene Stiftung den besten Erfolg zeitige. Wie vornehm und vorurteilsfrei der edle Stifter in religiöser Beziehung gedacht hat, ersieht man aus nachstehenden Bestimmungen seiner letzten Willenserklärung. So heißt es dort: die moraiisck)e Erziehung fasse ich dahin auf, daß das Kind seine Pflichten gegen Gott, gegen seinen Nächsten und die bürgerliche Gesellschaft erkenne, und wünsche ich, daß dieses Ziel angestrebt werde, ohne daß die Jugend zur Bigotterie und Frömmelei erzogen, daß sie vielmehr von jeder Aeußernng und Betätigung religiöser und nationaler Intoleranz ferngehalten werde. Dem ersten Curatorium werden angehören: Iran Michaline Mrazek (Schwester des Testators>, Tr. Tobias Aschkenase, Tr. Eugen Tolinski, Frau Tr. Marie Pogouowska und Spitalsdirektor Tr. Josef Starzcwski, außerdem 2 Telegierte des Lembergcr Gemeindcrates. Mit Ausnahlne der vom Gemeinderate zu entsendenden Curatoren erfolgt die Ergänzung der sreiwerdenden Stellen durch Cooptierung seitens des Curatoriums, wobei ich aus jeden Fall wünsche, daß dem Euratorinm jederzeit m i nd c st c n s eine Frau, m i n d e st e n S je ein Jude und ein Ruthene angehörc. Ter Wortlaut der letzgcnannten Bestimmungen und die Ernennung des Herrn Tr. Aschkenase zum Mitgliede des Curatoriums beweist, >rie ernst es dem Verstorbenen um die genauen Interpretierung seines Testamentes zu tun war. Ter Name dieses edlen Christen wird aucb von unseren Glaubensgenossen jederzeit mit Hochachtung genannt werden. Ehre und Ruhm seinem Angedenken! Jwri. Kutturzionistisches. Bon Tr. Arthur Tanßik, Tlmütz. Herr Salonion Schmerler, Olmütz, meint in seiner Entgegnung auf den Artikel, welchen ich unter obiger Ucbcrschrift in Rümmer 1r» der ״Jüdischen Volksstimme" veröffentlicht habe, ich hätte mit meinen — überdies zu tveitlänfig besundencn — Ausführungen über die Notwcndigkeit der obligatorischen Punktierung der hebräischcn Schrift offene Türen eingerannt. Herr Schmerler sagt es zwar nicht mit diesen Worten, sondern durch die Blume eines allerliebsten Geschichtchens, aber darum nicht minder deutlich. ״Taß es keine prinzipiellen Gegner gebe, und daß vielmehr maßgebende Faktoren sich mit der Lösung dieses Problems befassen, muß gewiß nicht erst nachgewiesen werden." Meine Abtzandiunp war — wenn dies auch nicht direkt ausgesprochen wurde — an die Adresse der zionistischen Weltorganisation gerichtet, die für mich die einzige Repräsentation der wahren ״Jüdischen Moderne" ist. Bisher haben nämlich soweit mir bekannt, die fützrenden zionistischen Zeitungen — vor allem unser Zentralorgan ״Tie Welt" gegenstäisdliches Problem nicht behandelt; letztere Zeitung hat vielmehr — ich darf es bei dieser Gelegenheit verraten — den Abdruck meines Artikels ohne jede Motivierung abgelehnt. Tiefer Umstand, weit mehr aber die Tatsache, daß alle von der zionistischen Hauptleitung ausgelienden hebräischen Enunziationen (Flugschriften, Trnckformulare. Urkundenpapiere usw.) i» punktloser Schrift gedruckt werden, ist wohl kein Beweis für die Richtigkeit der obzitiertcn Behauptung des Herrn Schmerler. Etwa anzunehmen, in den Reihen der zionistischen Parteileitung gebe cs gegen die allgemeine Einführung der Punktierten hebräischen Schrift keine prinzipiellen Gegner, selbe lasse sich diesfalls lediglich vom Kostenstandpunkte bestimmen, da die Punkticrungszeichen den ״Druck um fast das doppelte verteuern würden", ließe unseren Führern die Fähigkeit absprechen, ein jüdisches Kulturproblem in seiner ganzen Bedeutung und Tragweite zu erfassen. Und daß namentlich, unser gegenwärtiges Aktionskomite diese Fähigkeit in l>ervorragendem Maße besitzt, hat es durch seine Teilungnahine zum hebräischen Sprachenkampfe in Paläslina glänzend bewiesen. Folglich müssen die Gründe für die ablehnende oder doch zumindest völlig passive Haltung der zionistischen Parteileitung gegenüber der behandelten Frage denn doch tiefer liegen, als Herr Schmerler vermeint. Ich glaube daher es ganz getrost dein Urteile der tiefer denkenden Leser überlassen zu können, ob ich mit Unrecht — wie Herr Schmerler sich ausdrückt: — ״irgendwo mächtige Gegner sehe, die .. sich mit Händen und Füßen gegen die Jnterpunktierung tvehren". DaS zweitvorangehende Wort macht eine Berichtigung nötig, die allerdings metzr formeller Natur ist. Nicht vou ״Interpunktion" und ״Interpunktierungszeichen" habe ich gesprochen, denn mit diesen Ausdrücken bezeichnet »ran gemeiniglich Satzscheidung und deren Zeichen, nicht der Vokalzeichen. Weiters scheint Herr Schmerler übersehen zu haben, daß die von mir behandelte Schriftpunktierung nicht nur die eindeutige Vokabelzeichnung betrifft, sondern auch die graphische Veranschaulichung der Unterschiedlichkeit gewisser Konsonanten, was bekanntlich für das Lesen und WortrerständniS gleichfalls überaus wichtig ist. Schon dieser .Konsonantenunterscheidnng wegen dürste die Verwendung der sögenannten ״Tonzeichen" zu Punkkiernngszwecken nicht zu dem angestrebten Ziele führen. Im übrigen liegt es mir ferne durch diese Nebenbemerkung den auf die Schristvervollkominnung abzielenden Bemüliungen unserer großen Hebraisten vorzugreifen. Interessant erscheint mir an den Ausführungen des Herrn Schmerler noch folgendes: Mehrfach Genannter stimmt mir um mit seine» Worten zu sprechen ״was den Kernpunkt der Frage anbelangt, selbstverständlich rückbaltlos" zu, meint aber gelegentlich der Illustrierung, wie sich die Tonzeichen als Vokalzeichen verwenden ließen: ״Tas Tegol unter dem .ד und das Sch'wa unter dem 2 könnte entfallen, was jeder, der mit der Grammatik auch nur einigermaßen vertraut ist, bestätigen wird". Also wieder wird außer der ganz gewöhnlichen Lesefertigkeit ein Spezialwissen — nämlich eine gewisse Kenntnis der Grammatik - gefordert. Darin erblicke ich im Entgegenhaste zu der ״selbstverständlichen rückhaltslosen Zustimmung znm Kernpunkte der Frage" (Schriftvollkommenheit'j eine Jnkonsequcnz. Daß Herr Schmerler es auch für richtig be funden hat, mich persönlich zu apostrophieren, wundert mich; denn vom Standpunkte sachliche Kritik wird Derartiges besser vermieden. KAFFEEGESCHAEFT Rosenbaum Liechtensteing. 1 BRÜNN; Liecntensteing. 1. Das Judentum in der Musik. Von!»ichard Wagner. Auch rin Iubiläumsartikel von Tr. Hanns Fischt. Ter große Dichter, Tonsetzrr und .Ullnslrrformer, dessen 100. Gnrtstag das deutsche Palt gewiß nach Gebär in diesen Wochen feierte, bat auch daS Judentum mit einer Abhandlung beehrt, die soivohl ivcgcn der markanten Persönlichkeit des PerfasserS als auch ivege» des Aeitablaufs, die Schrift erschien im Jahre IHüfl, heule erhöhtes Interesse beanspruchen kann. Unter den Juden von IßöO erregte das Pamphlet, gegen jüdische Ztunst im besonderen, gegen das Judentum in seiner Gesamtheit, begreifliche Entrüstung, spätere Generationen zählten den Meister zur :!leihe höhcrstchcnder Antisemiten, iver weiß, ob nicht auch — man bedenke die Masse jüdischer .Nritikcr - Wagners Künstlcrschaft aus dem Ausfluge auf politisches Gebiet Schaden genommen hat. Jedenfalls ist mit dem gehässigen Tone der Kampfschrift Wagner aus seiner Künnlecstellung hcrausgctreten und hat neben seiner Kunst auch seine Personlickkeit erponicrt. An Angriffen hat es auch nicht gefehlt. Por allem wurde die einen Judenfresser aufs tiefste treffende Behauptung ausgestellt, Wagner wäre nach Name» und Aussehen jüdischer Abstammung. Bei Lebzelten gesellten sich jüdische Stimmen mit Behagen dem Chor der Wagnerfeinde zu. Freilich tvaren es keine Inden. die zu Paris dem Neuling fast den Garaus gemacht hätten, die Mißsiiininung gegen den rücksichtslosen Porkämpfcr für seine eigene Kunstauschanung wurde aber stark von jüdischer Seite, die im damaligen Tenlschland nicht ohne Einfluß ivar, genährt. Auch das Verhalten der so ungermanisch profiifreuudlichc» Erben des Meisters fand weniger Nachsicht. TaS ist :»echt des Kampfes. Mildere Beurteiler wird der Perfaser bei den objektiven, nationale Telbnpolitik übenden. Neujuden finden, deren Entivickeli'ng Wagner nicht mehr erlebt halte, so daß er keine Möglichkeit fand, seine Ansichten über das Judentum einer :»evision zu unterziehen. Bekanntlich hat Wagner die Terte seiner Hpern selbst gedichtet, solvie zahlreiche Abhandlungen mnsikkritischen Inhaltes verfaßt, ferner ivar er als einer der Vorkämpfer des ״Iungdeutschlands" Laubes literarisch tätig. Ein Artikel über ״hebräischen Kniislgeschmak", der in der ״Neuen;',citschrift sür Mnsik" erschienen ivar, veranlaßten den Angriff auf Judentum und jüdische Kunst. Tie Einleitung resümiert die üblichen Argumente, nimmt den nationale» :»assenstandpunkt ein und spricht das ans, lvas bei antisemitischen Winkelblättchcn und Wirtshallsreden Scheidemünze ist. Interessant ist, daß schon 1H50 von der Notwendigkeit der Emanzipation vom Truck des Judentums lei» Jude konnte damals nicht einmal Kielfedernspider werden, und vou Prüfung der Kräfte zu diesen Befreiungskämpfe die :»ede ist. Hsfen ivird bekannt, daß die Iudenemanzipation nur theoretisch gemeint ivar, ebenso ivie der echte deutsche auch die Freiheit des Volkes als nicht sehr hellsehendes Geiitesspiel bezeichnet. Nach dieser ersi-ivissenschaftlichen Einleitung, ivird cntivickelt, daß der Jude trotz seines Bemühens niemals ein echter Tentscher sein, niemals deutsch empfinden oder deutsch schaffen, nicht einmal ordentlich deutsch reden lernen könne. Tem deutschen £ live füllt ״ein zischender, schillernder, summender und murksender Lantausdrnck" der jüdischen Sprechweise anf.die nur ein ״Gelabber" von kalter Gleichgültigkeit ist. Ter Jude spricht die deutsche Sprache immer als Fremder, er ist nicht fähig, in ihr zu Herz und Gemüt zu reden. Tie Ausdrucksiveise eines Sonnenthal oder Strakoich ivar also ein widerliches ״Gelabber" gegenüber den Flütentönen eines Tabnkkräniers vou der ״Waterkant" oder de» gemütlichen Leuten eines Wiener Schwerfnbr Werkskutschers. Gerade die ausgesprochene Absicht des Verfassers, dem Judentum nicht in religiöser oder politischer so» der« nur i>: künstlerisch-äsietischer:»ichtnng an den Leib zu gehen, verleiht dem antisemitischen :»agoul Wagners besonders scharfe Würze. Verjüdung der modernen .1»,um, künstlerische 1111fähigkeit der Juden, die künstlerische Unfähigkeit seiner musikalischen Kniistepoche durch die Möglichkeit jüdischen Einflusses sind die Beiveisthemen der Streitschrift. Wenn man mit der damaligen Musikgeschichte ein wenig vertrant ist. merkt man bald das alte Snsteiu. Ein Iuoe hat es dem Meister angetan, und das ganze Volk muß das Bad nusgießen. Taß Wagner den Jude» Meherbeer vorher um seine Protektion angeschnorrt und dessen Empfehlungen wohl ausgenüvt halte, daß er diesem seinen Ausstieg verdankte, um ihn dann, als küniilerall 'Ansangerelend übertvunden tvaren. anzurämpcln ebenso wie Heine, ohne bei letzterem dichterische Anlehen fite seine ״or> ginellen" Werke zu verschmähen, ist eine Manier, die Judenfressern nie ferne lag. Man erzählt von einem österreichischen Prinzen, er sei in einem :»othschildschen Park einmal nicht liineinge lassen tvvrden und habe sich sodann mit seiner ganzen Familie dem Antisemitismus zugeivendet. Ter Wulschrei Wagners hat ähnlichen Ursprung. Terselbe Meherbeer ist sein '7 vier, von dem der inanzwcifelbarc .Varl Maria bon Weber sagt: ״Er, der ein so großes, tiefes, deutsches Falent und Geinnl be sivt!" Aber auch die Tote» sind von dein Giilpfeil nicht geschilpt. ״Was so der Vornehme der Inden, Minu'i zu machet׳, entsprießt, muß daher notwendig die Eigenschaft der Kälte, der Gleichgültigkeit, bis zur Trivialität und Lä chcrlichkeit an sich haben, und ivir müssen die Periode des Judentums in der modernen Musik geichirhrlich als die der vollendeten Unprodnkliviläi, der vorkommenden Stnbilität bezeichnen." Und daß ivird am klarsten, »11 fett gedruckt leurh tet unS der Namen entgegen, der dem chcisilichen und jüdischen Musiker, gleich heilig ist: Felix Mendelssohn. Bartholdh. Terselbe, dem alljährlich Goethe nufmunternde Verse ins Stammbuch schrieb, der isjiilnifl in England als größter Meister der Tonkunst gepriesen wurde, den Schuhinann und Hans von Bülotv Mozart an die Seile stellten. Nach Wagner hat uns aber Mendelssohn gezeigt, daß ein Jude auch nicht ein einziges Mal die riefe, Herz 3 ■n 1'.