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Jüdische Volksstimme · 1914-05-21 · Heft 19 (21.5.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 19 (21.5.1914)
Date
1914-05-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. ״Jk-ische DokkSstlmme/ Nr. IS.!! und ich müßte denn doch einmal fragen: ״ja was ist eigentlich der Zionismus? In solchen (Sedankengängcn bewegen sich die Geister unserer Zionistischen Theoretiker. Wie koniincn nun alle diese Herren zu solcher L ck;!׳. ßsclgeruug? Äus Grund ihrer Erfahrung? Ja hat man den» schon überhaupt vermocht, das völkische Judentum im Golus höher zu entwielein? Oder haben sie alle ihre Schlußfolgcrungen nur der ״Intuition" zu verdanken, vor welcher Gottheit sich heute alles was modern in unseren Reihen sein will, beugt. Man kann sich leicht in theoretischen Hypothesen ergehen, sich des Beweisentheben mit dem billigen und mysteriöscn Hinweise auf die ״göttliche Intuition." Mich lehrt die Entwicklung und die Wirklichkeit des Judentums denn doch andere Schlußfolgcrung ziehen. Jawohl als wir noch dem Chartergedanken nachhingcn, wohl da konnte der Zionismus mit der Golustheorie auskomincn. Im Nahmen des (thartergedaukens hat auch die Golusverneinung ihren Platz. Und nur in solchen Nahmen! Aber schon Herzl schwenkte in der Charterpolitik nach rechts oder links um, noch zu seinen Lebzeiten ging ei, e Umwandlung des Chartergedankes zum .Sousessionsgedankens vor sich, doch runrort die Golustheorie noch heute in den meisten zionistischeu Söpsen. Wohl das letzte Ucberblcibscl der hochflicgcndcn Charterpolitik. Wir brachen aber ganz offen mit dein Charter, und doch nicht so ganz, als das; wir die Golustheorie uicht auch in die Rumpelkammer verrosteter Anschauungen gewarfen hätten. Wie kann man aber aus dem Standpunkte einer schrittweisen cntwickluugsmäßigen Kolonisation Palästina stehend, das Golus ganz verneinen? Wie kann inan, in der vollsten Ucbcrzeugung lebend, das; Palästina in den nächsten 100 Jahren nicht imstande ist, mehr denn eine Million - ich übertreibe bewusst! — Inden zu umfassen und zu ernähren, eine bis au die Fahrlässigkeit gehende Onieha non movere Politik im Golus betreiben? Wie kann mau weiters die heute in Palästina lebenden 100.000 Juden himmelhoch stellen wollen über die Millionen und Abermillioucn der Juden außerhalb Palästinas? Das sind doch Lücken in unserer Theorie, wie sic abgrundtiefer und grausamer uicht sein können. Man muß sich doch angesichts der oft Himmelschreienden Not unserer Brüder in den meisten europäischen und außereuropäischen Ländern fraaen; wie es denn nur möglich, daß gerade wir Zionisten davon nichts sehen wollen, wir, die wir die Einheit und Gleichheit des ganzen jüd. Volkes betonen. Haben aber die Golusthcoretiker Necht, ist wirklich an eine Gesundung und Höherentwicke lung des Judentums im Golus nicht zu denken, nun gut, so halte man sich an die 100.000 palästincnsischen Juden, nationalisiere sie, mache sic zu neuen Menschen und breche den Stab über alle jene Millionen Inden, die eben in den nächsten 100 Jahren nicht werden auswandern können oder wollen! Habe man doch den Mut, solcher Schlußfolgerungen, die wäre die für jene Theorctikcr die einzig mögliche! der Behaglichkeit. Als ihm der Vermittler erösfnete, das; die Zusammenkunft noch für die lausende Woche bestimmt werden könne fühlte er ein angenehmes Nieseln in seinem Blute, welches jedoch eine Beimengung von Schauern hatte. . . Auf der Eisenbahn sitzend lratte er wieder dasselbe augeuehme Gefühl des vorigen Male. Er möchte, das; die Meilen zu .Kilometern würden. Als ihm jedoch ein pessimistischer Gedanke das Vergnügen eig wenig trübte, empfand er Furcht vor dem nahenden Ende seiner Fahrt. . . Als er nach der Verlobung nach Hause fuhr, da sah er um sich mit anderen Augen. Er fühlte sich erst jetzt gleichberechtigt mit anderen Menschen, er hob stolzer den t>lops und seine schielen seit langer Zeit hoffnungslos und mißmutig umhcrirreudcu Augen, erfüllte einen Lebensglanz. Er fühlte sich verjüngt, in die Klette der Menschheit, die bis nun außerhalb seines Bereiches gestanden hatte cingegliedert. . . Nun würde ich, dachte er, nicht mehr zum Ciegenstand der spöttischen Beobachtung meiner Hingebung sein. Dreister' werde ich ihnen in die Augen schauen und lächelte vergnügt zu sich. . . Von nun au zeigte er sich öfters auf offener Straße und wollte einfach jeden in die Augen fallen und dadurch die günstigste Aenderung in seinem Leben jeden ins Bewustsein Was geschieht unterdes; mit dieser Mehrheit des jüdischen Volkes? Soll sie den Hungertod erleiden? Soll sie aufs Aussterbeetat gesetzt sein? Mann jemand solch kühne Stirne besitzen und dies behaupten wollen oder können? — Dies hätte niemand verlangt, könnte mir eingcwcndet werden. Wohl richtig, aber was anderes erwächst aus solcher Theorie bis au ihr Ende durchgedacht? Wozu verschweigen? Wozu die Furcht es herauszusagen? Wenn dein nicht so ist, wenn Zionismus bedeutet: Alles, was jüdisch ist, zu erneuern und höher zu entwickeln, dann endlich: Hand weg von so gefährlicher Theorie, die durch Tatsachen ad absurdum geführt wird. Warum daun die ״Freistatt" — die doch sagt in sämtlichen zionistischen Parteiblätteru angcküudigt wurde — augreifeu; wozu bann Birnbaum dort angreisen, wo er am stärksten ist: nämlich in dem Glauben an die Möglichkeit der Wiedergeburt des jüdischen Volkes auch im Golus. Ter Zionismus ist mehr denn Paläftino- Phile. Der Zionismus will die Schaffung eines Kultur- und wirtschaftlichen Mittelpunktes in Palästina nicht für jene, die sich nicht assimilieren wollen oder können, sondern für jene, welche in den nächsten 100 Jahren nicht werden auswandern können oder wollen! Aber Hand in Hand damit eine Fürsorgepolitik auf allen jüdischen Belangen für die Iurückblcibendcu — und dies ist doch die überwiegende Mehrheit. Das eben ist die Stärke Birnbaums geweseu; darin scheint mir auch die Stärke des ״Alljudeutums" zu liegen, das; sie eben mit der lebeudigcn Wirklichkeit rechnen und den jüdischen Massen hierzulande Erwerbs- und vollkommcucrc Lebensmöglichkeiten bieten wollen, solange eben diese jüdischen Massen in ihren bisherigen Wohnsitzen verbleiben müssen. Aber uicht sreizusprechcu ist das Alljudeutum und der ihm uahestehcudc Birnbaum, daß cs das Ostjudeutum so turmhoch über uns Westjuden stellt. Von der ״maskilischc" Lächerlichkeit und die ״Datschen", wovon die ״Freistatt" und Birnbaums Kongreßartikel strotzt, muß vollkommen abgesehen werden. Es heißt denn doch die Ungerechtigkeit aufs Pidcstal erheben, wenn man in uns Westjuden ein Gefühl der Niedrigkeit und Minderwertigkeit wachrufeu will zugunsten des Ostjudcutums. Gerade wir völkisch fühlenden Wcstjuden, als die vorgeschobensten Posten der Judenheit; gerade wir Westjuden, die wir auf der schärfsten und gefährlichsten Wacht stehen, werden cs uns kraft unseres völkischen Stolzes niemals nehmen lassen mitzuredeu» wenn von jüdischen Angelegenheiten gesprochen wird. Wir völkischen Westjuden, die wir schon an und für sich ein gut Stück Idealismus und einen Guttcil unserer Lebenskraft hergeben muffen, um uns völkisch nennen und zu bekennen, wir werden uns mit aller Kraft daqegen verwahren, als völkisch minderwertig hingestellt zu werden. Wir werden uns keine Vorlcsungcu halten lassen weder über den jüdischen Nationalismus, noch über den Zionismus! Wir rufen. Er wagte sich Gespräche anzuknüpfen, die aber dennoch Niemand besonders interessierten, so das; mau ihm gröstenteils bald den Nücken kehrte. Endlich nahte der Hochzeitstag. Mit überschäumender Freude ging er eines Tages früh morgens hinaus um nötige Einkäufe für die nahende Acnderung in seinem Leben zu besorgen. Er ging von Geschäft zu Geschäft und überall hinterlies; er den Eindruck eines geprellten Jdiotcn. . . Als er hinausgcgangcn war platzte das verhaltene Lachen der Geschäftsleute erst wuchtig hervor. In einem Geschäfte kaufte er Rosen und beim Anblick dieses Bräutigams mit den Rosen platzten wahre Lachsalven. . . Nach Hause mit dem großen Haufen eingekauftcr Sachen und von Schweiß triefend angekoiumcn fand er auf seineu Tisch ein Avis des Briefträgers vor, daß auf der Post ein rccommaudicrtes Schreiben für ihn erliege. Tics erregte bei ihm einige Unruhe und er eilte auf die Post. . . Nachher war er nicht mehr auf der Straße zu sehen, und seine Wohnung war verriegelt. Man sprach davon das; der Pechvogel das Weite gesucht habe, allerdiugs ohne zu wissen wohin. vcrtvahrcn uns gegen T-r. Birnbaum und ganz besonders gegen die ״Freistatt" als ״Maskilim" oder ״Datsche" spöttisch und Hönisch hingestellt zu werden; wir verwahren uns aber auch gegen alle Zionisten, ob Westjuden, Ostjuden oder Spantölen, die uns auch nur ein J-Tüpfchcn an unserer Gesinnung wegdeuteln wollen. Gemach meine Herren! Wir Westjuden beginnen mit einem ganz besonderen Stolze auf unser Judentum zu -pochen; wir lassen uns an unserer Gesinnung weder deuteln noch deuten. Von Niemand! Und allen jenen, die doch solches versuchen, rufen wir ein kräftiges: Quod non! zu! Da können wir schon ganz berechtigt fragen: wer gab oder gibt denn den Herren, so sich um die ״Freistatt" scharen, das Recht dazu: an uns zu bemängeln; an uns zu deuten? Jener ״Freistatt", deren ganzcs Lebensdasein heute in den Fehlern der zionistischen Theorie gelegen ist. Jenen Herrn, die als Ersatz der Golustheorie die ״Maskilim"-thcorie aufstellten; denn das scheint doch bislang der fixeste Pol ihrer Theorie zu sein!- Und doch könnte eine Brücke geschlagen werden zwischen uns und diesen unseren Kritikern. Sagen wir uns doch endlich einmal los von jener unseligen Golustheorie; die doch auf die Dauer kaum im Stande sein wird, das A und O der zionistischen Grundanschauungen zu sein. Ermannen wir uns doch endlich! Besinnen wir uns doch auf uns selbst! Wir sind denn doch alle, alle Juden. Ob vom Westen; Osten, Ob vom Süden oder Norden. Ob nun mal die Wiege unserer Ahnen im glühend heißen Spanien unter Palmen stand oder gar im hyperboräischen Norden von eisigen Sturmwinden umbraust. Mit Liebe wollen wir doch alle Juden umfassen, wir sind ja doch Brüder! Genug des Haders und des Kampfes. Ziehe doch endlich, endlich die Liebe ein in unsere Reihen, von der unsere Psalmisten, unsere Propheten, unsere Weisen sangen und sagten, jene Liebe, die vom Führer des ״Misrachi" von der Kongreßtribüne verkündet wurde: ״Weohawto lereacho koiuaucho!" Zur Allliebe der Juden! Zur Allliebc der Menschheit überhaupt. Verbannen wir aus unseren Reihen: Haß, Verachtung, Unduldsamkeit — unter der wir genug zu leiden hatten jahrhundcrte lang. Es vcrschwinde die Zwietracht! Eintracht und Friede möge cinziehen in die sehnsuchtsvollen und liebedürftigen Herzen und Geister — und die Morgenröte des neuen Judentums erscheint am Firmament und überstrahlt mit ihrem milden rötlichen Glanze all die Leiden und all die Schinerzcn, die wir dulden und ertragen. Die Morgenröte des neuen, des befferen Judentums! Wann wird sie kommen?- Brief aus Lemberg. Ein originelles Testaments Wir leben in Zeiten, in denen man jede Betätigung ungekünstelter, vom Herzen kommender Vorurteilslosigkeit gegenüber Andersgläubigen und Andersgearteten als miraculum anstaunt. Und deshalb soll auch in einem rein jüdischen Interessen dienenden Blatte eines hier vor Kurzem verstorbenen Christen gedacht werden, der zeitlebens unbemerkt seinen ehrlichen Weg gegangen, um dann die reichen Früchte seiner Lebensarbeit unter Zugrundelegung einer origiucllen Idee der Nachwelt zu sichern. Jedes Wort seines mustcrgiltig abgefaßten Testamentes spricht einerseits von einer echt empfundenen Liebe zu den Mitmenschen, anderseits von tiefem socialen Verständnis für die Gebrechen des Alltagslebens. Bronislaus Mrazck, so hieß der schlichte Mann, der sein bedeutendes Vermögen zur Errichtung einer Stiftung bestimmt hat, aus deren Erträgnis verlassene uneheliche Kinder, ohne Unterschied des Glaubens und der Nationalität, zu gesunden, braven Menschen zu nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft erzogen werden sollen. Zu diesem Zwecke soll ein großes Erziehungsiustitut errichtet werden, in dem diese armen Wesen, die ohne ihr Verschulden mit cinein Stigma behaftet, ins Leben treten, um I nur zu bald physischen und moralischem Siechtun: anheimzufallen, Aufnahme finden werden. Die Kinder sollen-im Institute bis zu ihrem 14. Lebensjahre verweilen, jedoch auch später, wenn sie einem praktischen Berufe zugeführt worden sind, unter der materiellen und moralischen Für-

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