Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 18 (14.5.1914)
- Date
- 1914-05-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. ״Jüdische Bolksstimme". Nr. 18. Am Lebensabend. Stizzc von Bernhard Horowit! in Kratau. Cfin fkiiK-c. torämdicn. Der Inhalt ist ärmlich. Darin tiocft von früh morgens bis spät in die Nacht cin olrcs Weib. Die Falten auf ihrem Gesichte, der fahlgelbe Teint, der erloschene Glanz in den Äugen sic reden von den .viümmernisscn vergangener Zeiten. Der Mann gcslort'en im frühen Älter, ibre sieben Binder mußte sic selbst ernähren. Sic knmpsle wie eine Löwin. Die Stelle des Paters und der Mutter vertreten ist leine leichte Änfgabe. Und mit ihrem Herzcnsblut erzog sie sie. Tic wußte von tciner Rnbc und Plast. Im Sommer mit Tagesanbruch und im Winter um einige Stunden vor demselben pslegte sie auszusichen. Die Sorge bohrte wie eine platter in ihrem Herzen. Ihr Gedankentompler, ihr Sehnen und Wollen war nach einem Pnntte gerichtet: der Möglichkeit der Erhaltung ihrer Kinder. Es mangelte nickt an Entbchrungeu, der Herr .Hunger ivar oft Gail!11 ihrem Heim. Aber durchgernngen hat sie sich. Nun, sind alle erzogen, selbständig. Tic Töchter bcr- Heiratei, die Söhne teils im Änsland, teils in Amerika. Sie, die Urheberin dieses kleinen Stammes, die so viele Jahre des unsäglichen Leids- und des bitteren Kummers für diesen durchmachte, sic blieb nun als lebendes Monninent dieser großen Arbeit, cin Hort der Erinnern!!- gen an schwere Kämpfe ums Dasein.... Ihre Seele weilt nickt in! Krämerladcn, tvo sic sitzt. Die Ausläufer ihres mütterlichen Instinkts, sic reichen bin. bis ins Ausland oder Amerika, dorthin, wo ihre Kinder um das Dasein kämpfen. Und täglich erwartet sie Bricie, Nachrichten von ihnen. Der Tag, an dem sic mindestens 3 .l Briese von ihren Kindern erhält ist ihr ein I-rcndentag und die tiefen Falten ihres Gesichtes׳ glätten sich cin loenig und der Glanz der Augen erbellt.Ihr Gemüt!ü elektrisch mit dem ihrer Kinder verbunden. Wenns dort zittert, übertragen die Wcllen dieses Zittern bis in ihr Herz. Ter Apparat ist die Pon, die schivarz ans weis; ibr die Gemütsverfassung ihrer Kinder anzeigt. Seit längerer Zeit vermißte sie Schreiben von 2 Kindern. Diese Lücke in ihrer Pos! raubte ihr die Nuhc. Es schien ihr, als ob sie ihre Kinder um sich vcrsammclt sähe, n1׳r 2 fehle׳!. Und ihre Angen wurden tiefer, die Furchen am Gesichte größer, das- Gemüt drückender. Wie magsihnen do j ergeben? Und die vcrsckncdcnitcn schtvärzesten Gedanken beschattclcn ihr Denken und verfinsterte!! ibr den Blick. Des Nachts marterten ihr müdes und abgedientes Gehirn furchtbare Halnnziationcn. Stöhnend drehte sie sich von einer Seite auf die andere und fand keine Nnbe bis der Morgen hcranbrach. Mit sckiverem .Herze!, ging si einige Zeit. Tag um und die erste j Ihr Mann war vor einigen Tagen an einer Lungcnent- 1 zündung gestorben und sic blieb brot- und obdachlos. | Nun, stand sie vor der Leiche wie versteinert und Tränensirömc entquollen ihren Augen...׳'.. Klosetts, Badeeinrichtungen, Waschbecken, etc. einrichtet solid und billigst Firma K. Zofka, Brünn, Jakobsgasse Telephon 810. — Kostenvoranschläge gratis. — Reparaturen schnell und billig. Literatur. in . . j t^ß7 1 t 7ויא ‘ Irckiel Hrilperin: Lieder. Spiclgcsänge für die Ansänger im Kindergarten. Noten von M. Schncor. Wir hatten kürzlich erst Gelegenheit!siche ״Jüdische Volksstimme"!;in, Nr. bei Besprechung des Teser hamischatim von Eh. A. Kaplan über die verändA'tc Stel- Inng zu sprechen, die das Hebräische heute, als Sprache der Spiele und Lieder, in der Erziehung jüdischer Kinder cinnchmcn kann. Diesmal liegt unS wiederum cin Büchlein vor, das zu gleichen Ucberlcgungen Anlaß gebei! könnte. Es sind ganz leichte Verse, wie sic eben für einen dreijährigen Kerl passen, in ebenso leichte Nkllodien gebracht. Das Buch ist wiederum im Verlag ״Moriah" in Sdessu erschienen. Preis 80 Kopeken. Die Ansstattnng ist schön׳, zu bedauern ist nur die Prinzipienlosigkcil beim Schreiben der Noten. Es gebt nicht an, den Tcrt von rechts nach links und die Noten von lints nach rechts zu schreiben. Mit :klccht schreiben andere hebräische Liederbücher die Noten auch von rechts nach links. Iminaiiuet Kants Kritik der praktischen Vernunft. l>. Auslage. Herausgcgebcn und mit Enleitung, sowie einem Personen- und Sachregister versehen von Prof. Dr. Karl Vorländer. Leipzig, Felix Meine. Philosophische Bibliothek, Band 28. Preis geh. 2.80 Mark, gcb. M. 3.-10. Wir haben an dieser Stelle bereits einmal (siehe ״Iüd. Volksstimme" 1013, Nr. 48! auf ein von Vorländer hcransgegcbcnes Kantbnch und aus die Mcincrschc Philosophische Bibliothek schon des öfteren aufmerksam gemacht. Tie Vorländerschen Kaniausgabcn zeichnen sich von den sonstig.n vor allem durch ihre sachlichen Bei- .. . .״ ״ , . , gaben aus. Insbesondere führt eine klar geschriebene!!e n, ihren Laden, --w ging es! , •, so- ... , . ״ ״״ , , | Einleitung den Le,er, namcniltch den pkulo!oph1,chen rag verurich. Woche um Woche ... , . . ....... _ זווזז יי ־ ni”. rtitrr, hpitr 1 Wenn auch der Versager im Vorworte nicht erwähnt hätte, daß er ״Chamberlaius Grundlagen" als Vorlage benützt hatte, erkennt man cs doch sofort nach der Lektüre seines Kapitels über die Juden, seine Aufsassung des Germanentums, seine Ueberschwenglichkeit i:n Tarslellcn der sien der ex ungicc leoncn! Es wäre sicherlich nicht zum Schaden hcs Werkes geworden, hätte Bohle nicht an Chamberlain und dessen Schule allein geschöpft. Die Äusfaffung des Judentums, des jüdischen Geisles hätte der Verfasser aus objektiveren und befferen Kennern des Judentums schöpfen können; ganz zu. schweigen von den Jrrtümcrn über die jüdische Mystik, über die er gerade bei Dr. Martin Bubcr sicherlich manches Lesenswerte, Nützliche und Interessante gefunden hätte. Die ganze zum Teil gcrmanomanisch anmutcndc Auffassung hätte sofort einer ivcitgehendcrcn umfassenderen Platz gemacht. Doch kann man immerhin auch diesen seinen Stand- Punkt verzeihen und sich an der manchmal grandiosen Behandlung der Toleranz, gute und des Fricdcnsgchanlens — bei deren Lektüre mau unwillkürlich an Walt Whitmann gemahnt wird — ergötzen.... Gustav Kohn. Krankheiten der Nerven, des Magens, varnies etc. werden mit Erfolg D= KUtl)<Ut$ Sanatorium in Gfscftnowitz Kuriert. — Prospekte gratis. ,, . , . .! Aninngei, an!s be!1c in die betreuende Sckrnt ein. So Porponen des bcranrcLUcrckcnocn -Lodes:... . . . . , . ״ ״ . ״ . vcbanoclt Vorländer diesmal crncns die EntneüunqSnabmen den alten verbranck-en Körper ganz lnn. ^>e; b״ Mr״if bfr praftifd,cn Vernunft, dieses eilsti Al.e rul'Ite es und dockte dennoch nur an da-.- vdM , ״ ״ £Q״plimfc;, bc,! ft5ni״§ljcrflct spftilofopficii, lucitcr >>u&cn ""trat. S.eie.n alten Nürnberger Buche nun der beiden Kinder. M,t der Abnahme der ph.m'chei, ^,rkung a״s die Zcitgenosse»; ferner erhalten wir ®י "'tneh.nen wir das folgende intcrcflante Cin jüdisches Gymnasium in Wien vor 300 Jahren. Samuel Friedrich Brenz, cin verkommenes Subjekt, das 1010 zu F-enchtivangeii in Bayern zum Christentum überging, schrieb eine in Gift und Galle getränkte Schmähschrift gegen seine früheren Glaubensgenossen, in welcher er unter anderem auch die Unwisienheit der deutschen Juden geißclie. Gegen diese, den köstlichen Namen ',.Jüdischer Äbgcstreifter Tchlangcnbalg" sührcndc Schrift verfaßte cin sonst schlichter Jude, Salman Zebi Hirsch ans Aushauscn, die wirksame Verteidigung»- schrift ״Ter jüdische Theriak" (Hanau 1015). die, vereint mit dem ״Schlangcnbalg", in einer lateinischen liebersctzung in Nürnberg 1081 neuerdings aufgelegt wurde. Tic lateinische Uebcrsetzung stammt von Johann Wülfer, einem ebenso gelehrten als gerechten Christen, der zu dem ״Theriak" zugleich ״Bemerkungen" (animadversioncsi schrieb, in denen er warm für die Sache der Kräfte vergrößerten sich ihre seelischen Qualen und ihre | ... ... ' , w ..... ,,,״ ״ .״" e populäre E-inuhrnng ״!den Gedankengang des Verziveislnug. Ibr einziger Wunsch ivar, noch vor ihrem ' . , .... . 0, , ... , .. . .. , - erstes, nm im Anschluß darai/seine Bedeutung für die .^.ode eine beglückende Nachricht von ihren beiden Kins dern zu erhalten cnwart und seine Stellung innerhalb des Kantischen ,J?“ .... ..! Tvsicms zu skizzieren. Wir haben kürzlich hier Vorländer Eines e aaes eeicknen der Briertrager uno legte! ,״ ... . . .. .... ״. ... . .... '. . , . .... als Hinoriter der Philorovhic charaktcr1!1crt, als wir von einen Brie! mir den Anck vor ibr hin. Hochwimcr ivars . a. .,... . . ״ . ״. v ... .. ... ü'iier Gc,ch1chic der Plnloiophie!prachcn. Seine Eindrangen. Eingemummt und verhüllt bis über die Augen' ,, . ., , . ״״._ - - . . .. . ...... -, .... ,, - lcitnngen gaben eine Probe ,owohl scines Wipcns wie sag das Mütterchen rm Laden. Die Kalke!chnttelte re - .. . nd ,vronbenlen bedegten ihre Hände, aber sie!aß den-i n noch wie ein Solda! ans der Warte. Die Verlürperung des Pilichtbennißtseius, die Versinnbildlichnng der Lebensdisziplin. Tie nahm den Brics. schaute aus die Adresse und die Handschrift ivar ihr sehr fremd. Sie nahm die Brille, nachdem sie sich zuvor von dem sie einhüllenden und eiiicngenden Plaid und Kopftuch befreit batte und öffnete den Brief. Am Kopse des Briefes eine große mehrreihige Firmaanfschrisi. Sie beginnt zu lesen und als sie ans de» Namen ihres Kindes stoßt und nachher das Wort Katastrophe liest, dann ist ibr klar, daß dieser Brief von einer Tchissabrts-Gcsellschaft stamm! und ihr den Tod ihres Sohne» ,inzeigt. Machtlos siel sic ans ihren Sinh! zurück inid der Brief entfiel ihren Händen. Tie verfiel in ein Delirium und vor ihren Angen sab sie das schäumende, wütende, brandende Meer, wie e-: verderbenslüstern und rachesttmanbend tobte und sich rasend gebärdete. Es schollen wie mit tansend Glocken die Verziveislnngsruse ihres Kindes in ihren Ebren... Sie sab es, wie die schivarzcn kochenden Wellen ibr Teuere» verschlangen,!vie seine im Todesstarre berangenen Auge» zu ibr seiner Mutter flehend hcraufschanten.Sie sah cs, so deutlich, so plastisch, daß ihr die Sinne vergingen und ihr Denkvermögen ins Nichts zerfloß. 1111b als nach einer Weile eine jnngc sehr betrübt giisschanende Frau in den Laden trat nm ihre Mutter zu »marinen, so fand sie eine leblose Masic vor sich .... ״Weltanschauung, Begriffe, Jvccn". Philosophische Gedickte eines Ingenieurs. Von .Hermann Bohle. Dresden, Belletristische Vcrlagsanstalr, ״Tic Sonne". Preis Mk. 2.—. Ein in Kapstadt tüchtiger Ingenieur und Ilniv.-Profesior trägt uns in Dichtung seine Philosopbic vor, die entschieden etwas Originelles hat. Im ersten Teil ״Weltanschauung" wird dargctan, wie sich die Erschaffung der Erde, und der lebenden Wesen einem uiibesangenen Beobachter darslcllt. Der zivcitc Teil ״Begrisse" behandelt den Anteil der verschiedenen Nationen nnd .Kirchen an unserer Zivilisation und unserem knlturellen Leben'. In des Verfassers ״Ideen" wird versucht, den. Scköpfer so binznstcllcn, daß er sich mit dem ״Vater" des Gekreuzigten deckt, und daß er nur cin Gott der Liebe, welcher der Nacke nicht fähig ist, sein kann. ״Das böcksie Gut de» Menschen ist Frieden und Glückscligkeit": die ״Ideen" zeigen, wie cin solches Gut zu eriverben ist, ohne daß man mit anderen Religionen ziisainmenslößt. Hier zeigt der Vcrfasicr einen gesunden Optimismus und erreicht auch einen hoben dichterischen Schwung. Das Werk kann allen Menschen, die nicht nur materielle sondern auch geistige Interesse» habe», empfohlen iverden. Auf 130 Seiten, in Gedichtform die gesamte Entwickln'.rgsgcsckachte de» Kosmos und der Menschheit gedrängt darznsiellen, erfordert bereits schöpferische Etcsialtnngski'e.st. Datum. Salman Iebi Hirsch bemerkt, daß cs in Polen, Böhmen und Italien Gott sei Tank, mit den jüdischen Studien besser bestellt sei als in Deutschland. Dazu Wülfer: ״Mich bat cs immer wundcrgcnommcn, daß gerade unsere Deutschen, nicht zu reden vom Studium der Wissenschaften aller Art, von denen sic nur eine geringe, richtiger gar keine Ahnung haben, sich mit Wissen nicht beschäftigen, sondern daß cin großer Teil von ihnen selbst ihr Gesetz kaum auch nur mäßig studiere.... Wie dem auch sei; die Lage der Juden in Deutschland ist eine elende; die meisten lebe» in großer Armut; im , Hause schtvercr Mangel — draußen nichts als Schulden.Dennoch aber finden sich unter ihnen heute noch Gönner der Musen (musarnin patronis, wenn auch nur selten, die eher ihr Leben, als ihre Studien lassen möchten, und ich hö>-tc neulich von einem Juden, daß cin bei seinen Stammcsgenosscn sehr angesehener Mann zu Wien iVicniiaci ans c-genc Kosten etwas wie cin Gymnasinm (gymnasilim qnoddam) errichtet habe, in wclchcm eine bestimmte Zahl von ׳Schülern, die ansschlicßlick dem Studium obliegen, verpflegt werden, erhalten von so vielen Geldmitteln, daß aus deren Einkünften da» alliäbrliche lsteld stammt, welches für jenes Alnmncum oder Seminarium hinrcicht. Achnlich auch zu Prag im Jahre 1ö02 christl. Rcchn. durch Mordcchai Mensel.".Sodann rühmt er noch die gelehrten Beslrcbuiigen in Polen und Palästina. Mit all dem zeigt sich Wülfer in jüdischen Verhältnisscn sehr gut unterrichtet. Da er seine christlichen Lescr zu einer günstigeren Meinung betreffs der Juden bestimmen will, so durste er ihnen nichts Erfundenes oder Saaenhaftes auftischcn, sondern mußte bestrebt sein, auf etwas Sicheres und Tatsächliches hinzuweisen. Tie besseren Studien in Polen, Böhmen und Italien, im scchSzebntcn Jahrhundert auch in Palästina, sind.