Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1914-05-14 · Heft 18 (14.5.1914) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 18 (14.5.1914)
Date
1914-05-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2621806-2621897-2621915--2797-2623925
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 18. XV./3 Jahro Beilage zur,Wiener Jüv. VoUsstumne'. 14. Mai 1914 Seite 0 Lag beomer in Jerusalem. Boa Hans Ermy in Berlin. Wir saßen alle um den Tisch herum, waren gerade mit einem Gesellschaftsspiele fertig geworden und berieten eifrig, was nun drankonrmen sollte, als meine Schwester hereintrat. Sogleich bestürmten wir sie mit der Bitte, uns doch ein schönes Spiel zu zeigen. Aber keines von den Spielen, die sie nannte, gefiel uns. Ta sagte sie: ,,Wenn ihr gar nicht wißt, was ihr ansangen! sollt, so will ich euch ein wenig die Zeit verkürzen und euch etwas von Palästina erzählen!" »Ja, ja," riefen wir alle, ״erzähle, erzähle!" Tcinr meine Schwester war lange Zeit in Erez- Jisroel gewesen und plauderte gar oft und schön von ihrer großen Reise. »Jetzt ist gerade die Omerzeit", begann meine Schwester, und in ein paar Tagen Lagbeomer. Hier in Deutschland wird dieser Tag schlicht und still gefeiert, als ein Freudentag, zur Erinnerung daran, daß Gott die Seuche, die unter den Schülern des weisen Rabbi Akiba ausgebrochen war, aufhören ließ. Ganz anders feiert man Lag-beomer in Palästina und in feiner Hauptstadt Jerusalem. Ta ist cs ein Jubeltag, an ihm erinnert man sich in Freude und Heller Lust an Sinwn Ha-Zaddik, Simon, den Gerechten, der einstmals das heilige Land vor Krieg und großer Not durch sein entschlossenes, mutiges Sprechen vor Alerander dem Großen, bewahrte. In früher Morgenstunde pilgert man zum Grabe Simon Ha-Zaddiks, das ungefähr eine halbe Stunde Wegs von Jerusalem in einen Felsen gehauen liegt, um zu beten, Gott zu danken und zu preisen für jene große Errettung und um den Mann, der sie bewirkt hatte, daduxch zu ehren, daß man zu seinem Gedächtnis ein kleines Lichtlein entzündet. Nachdem man beim Grabe gewesen, geht man in einen Olivenhain, der sich vor diesem Felsen befindet. Da bleibt man bis zur Abenddämmerung. Dieser Hain ist rings von Hügeln eingeschlossen, und es ist ein interessantes und prächtiges Bild, wen man von einer dieser Anhöhen aus die Menge und ihr Treiben sieht. Ta. aus der einen Seite spielen Geiger lustige Weisen auf. Chassidische Mädchen tanzen dazu ihre besonders schönen Tänze. Tie Kinder ׳ laufen und springen, spielen dies und das oder singen hebräische Lieder. Eine große Freude aber ist es für Knaben und Mädchen, wenn sie aus einem Esel oder gar auf einem Pferde durch den Hain spazieren reiten und wie glänzen freudig ihre Gesichter. Doch — dort in jener Ecke was drängt sich denn da? Kinder und Erwachsene stellen sich auf die Zehenspitzen. Was gibt es denn so besonderes zu sehen? Ein Kasperl -Theater, ein ganz winziges. Zum ersten Male zeigt man es hier in Palästina. Und es macht allen vielen Spaß. Hin und her gehen Händler mit Erfrischungen, Zuckerwarcn und Früchten. Um den Araber, der Scherbct (eine Art Limonade) und Garös (eine Art Selter) seilbietet, stehen gar viele, denn die Hitze und das Tollen hat sie durstig gemacht. Ueberall herrscht Freude, Lachen. Jubel. Festlich geputzt sind alle — wie das schön aussieht. — Jeder nach Art seiner Heimat gekleidet. Und welche Landestracht sicht man da nicht? Ter Frauen Gewänder sind meist bunt. Viele tragen noch reichen Schmuck, Ringe, Armbändcr, Ohrgehänge. Tie Männer haben ihre seidenen schwarzen oder särbigen Kaftane angelegt. Auf dem Kopfe den roten Fez. Um die Lag-beomerzeit ist es in Palästina sehr heiß. Goldig glüht die Sonne auf das Tummein von Jung und Alt. Tic Schulen sind frei, wenigstens zum Teil. Vielfach haben auch die Geschäfte geschlagen und die Arbeit ruht in den Werkstätten. So feiert der Jude in Jerusalem Lagbeomer. Ein Fest ist er ihm. ein hochsröhlicher Festtag, gefeiert im belebenden Strahle der Gottessonne. Das Palästinische Verlagswesen., In diesen Blättern ist schon einmal auf öa0! im Verlage von Ernst Reinhardt in München erschienene Werk von Tr. .kurt Nawratzki ״Tie jüdische Kolonisation Palästinas" hingewiesen! worden, das in ausführlicher Tarstellung das jüdische Palästinawerk würdigt. — (r>;U 23.1 10 Mark.) Wir entnehmen diesem Werke einige interessante Angaben über das Buchwesen in! Erez Israel. Tie Truckereien in Palästina haben! sich in letzter Zeit sehr vervollkommnet. In Je-! rusalem eristiert die genossenschaftliche Druckerei Achduth. die sich bemüht, ihre Arbeiten ständig zu verbessern. Auch in Jassa eristiert seit einigen Jahren eine Druckerei, die infolge des sich dort entwickelnden Verlagswesens schon sehr gute Arbeiten geliefert bat. Ter Verlag kobeleth, der vom Lchrerverbande begründet wurde, bar es sich zur Ausgabe gestellt, dem Mangel an hebräischeu Schulbüchern abzuhelfen. Tos hebräische Gymnasium in Jaffa besitzt hiezu einen eigenen Fond. Aber auch für die Erwachsenen suchen verschiedcne Verleger das Knlturbedürfnis zu befriedigen. Ter Verlag Leam gibt kleine populärwissenschaftliche Bücher heraus, von denen jedes mindestens einen Druckbogen umfaßt und zum Preise von 10 Cts. verkauft wird. Im ersten Jahre der Herausgabe (1010) erschienen 10 Nummern. von denen insgesamt 1l.r>00 Eremvlare abgesetzt wurden. Bis jetzt sind 07 Nummern erschienen. Ein dritter Verlag, Jeseth, hat sich dem Gebiete der Belletristik zugewendet und bietet ausschließlich Uebersetzungen aus fremden Sprachen ins Hebräische. Das erste Buch, das da herauskam, bot Ucbersetzungen aus Goethe (Werthers Leiden), Hauptmanu (Michael Kramer). Einerson, Leanontofs, Turgeniefs, Tolstoi. Pjörnson und andere. Tiefes Buch erzielte im ersten Jahre einen Absatz von 100 Eremplaren in Palästina selbst. Bei Berücksichtianng des noch klein-׳!! Le scrkreises ist dies ein Resultat, das ein schön-׳׳ Zeugnis für die Stärke kultureller Bedürfnisse in Palästina ablegt. Mädchen müßten -im Alter von drei Jahren anfangen, hebräisch zu lernen: sie würden daun niemals der Gefahr ausgesetzr sein, ihre Religion wechseln zu wollen." Hier warf der Interviewer ein, warum Meyerbeer bei einer solchen 'Anschauuugsweise gestattet habe, daß seine Töchter üch taufen ließen. ״Warum! Ich glaubte damals, baß ein Vater nicht das Recht habe, die Religion seiner minder von Geburt an zu bestimmen, und ich ließ daher meinen mindern die Freiheit, die Religion nach ihrem Ermessen zu wählen. Heute aber glaube ich, daß der Vater die Pflicht hat, seine minder in seiner Religion zu erziehen." Glauben Sie. daß das Studium der hebräischen Sprache allein genüge, ein jüdisches Teut'en anzuregen? ״Sicherlich. Tenn, (>km sag! mir nichts. Ter Herr iu ebenso christlich, wie jüdiich: auch der Ewige. Aber der Schein Hewaje sagt mir etwas, besonders wenn ich weiß, daß dies ein geheimnisvolles War! ist, welches die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft vereinigt. Gegen verdorbenen Magen, Darmträgheit und Gicht. ״Sternhofer Bitterwasser“ Mild, doch zuveriäßiich. Sternhof. PostSokolnitz bei Brünn. Giacomo Meyerbeer u. jüdische Musik. Nr. 1:', des Jahrganges 1SB4 der ״Archives isr." enthält ein interessantes Interview, das Aerauder Weilt im ^ommer ISO:: in Baden- Baden mit Meyerbeer hatte. Es seien hier die interessantesten Momente der Unterhaltung mitgeteilt. Herr Weilt erzählte dem Komponisten, man werfe ihm vor, daß er nichts für die Synagoge komponiert habe, woraus Meyerbeer erwiederte: ״Tas wundert mich nicht. Seit:',0 Jahren Wersen mir die deutschen Christen vor, daß ich nur Judennnisik mache: da müssen mir uotwendigerweise die Juden zum Vorwurf machen, daß ich keine Judenmusik komponiere." Meyerbeer erzählte dann, daß er den Plan zu einer Oper ״Moses" im .köpfe getragen, ihn aber hauptsächlich deshalb wieder aufgegeben habe, weil er des Hebräischen unkundig sei. ״Um Jude zu sein, ja, um nur etwas Jude zil sein, muß man" — fuhr er fort — ״hebräisch verstehen, wie man französisch verstehen muß, um Franzose zu sein. Tenn das Judentum ist nicht nur eine Religion, sondern auch eine Nationalität. Tie Nationalitat bleibt uns schon darum, weil man sie uns immer vorwirft, selbst dann, wenn die Religion schon verschwunden ist. Wenn ich einen Sohn hätte und wenn ich diesen hätte in der jüdischen Religion erziehen wollen, ich hätte ihn hebräisch lernen lassen. Das Wenige, das mir vom Judentum geblieben ist, verdanke ich einigen biblischeit Worten, einigen Erinnerungen an das Hebräische. Nicht nur die Jungen, sondern auch die Die Sprache der Vögel in Talmud und Kabbalah. Tie Vogelsprache und das Rauschen der Bäume dienten wohl noch in jeder Mystik dazu, das Göttliche in der 'Natur zu erkeuneu oder ,11<י befragen. Tie natürliche Grundlage dieser Vorstellung bildet ivohl die Erfahrung, daß ein aufmerksamer Naturbeobachter aus den Lauten der Naturphänomene gewisse Schlüsse z. B. auf bevorstehenden Witterungswechsel usw. ziehen kann. Ter viel im Freien lebende Orientale ist ein guter Naturlieobachter imd so werden wir uns nicht darüber wundern, daß in der jüdischen Mystik die genannten Tatsachen ins Geheimnis volle verklärt und ins llebernaiürliche gesteigert sich wiederspiegeln. Erich Bischof, von dessen Werke ״Elemente des.kabbalah" wir den ersten Teil, der die theoretische .'kabbalah behandelt, bereits angezeigt haben, hat vor kurzem einen zweiten Teil der die praktische .kabbalah bebau delt, lierausgegeben und uns dadurch interessante Einblicke in altjüdiiches Zauberwesen gewährt. (Verlag von Herniann Barsdorf in Berlin. W. :!>>. Preis Mk. 0. i. Hier kommt Bischofs auch auf die Vogelsprache zu reden. Schon im Talmud findet sich die Auichau ung, daß jeden Tag eine Hiniinelsstimme ausgehe, welche gewisse allgemeine Umrisse der götr licheu Schickung verkündet. Tie Vögel nun. die in der Luft Oer Welt fliegen, tragen ans jener Höhe die Hiinmelssrimme hernieder und deuten durch Flug oder Schrei symbolisch das Bevor stehende an. Hiebei gelten einzelne Vögel vornehmlich als Vorboten liiigünskiger Ereignisse: so die ״Unglücksraben, so einen links Herkoninienden Vogel. Tas böse Prinzip heißt ja ge radezu der ״Linke" (Sammaeli. Wie Ser römische Ausper aus dem Fluge, der ״Augur" aber aus der Stimme der Vögel wahrsagte, so siebt neben der rabbinisch-kabbalistischen Vogelflug deutuug die .kenntnis der Vogelsprache, der mantischen Bedeutung des Vogelschreies, aus dem z. B. schon ein Talmudlelirer. namens Jlisch, die Warnung heraushörte: ״Jlisch. fliehe!" Im Traktat Snkkah 28 a wird dem Rabbi Jochanan bei! Sakkai .kennrnis der Sprache der Palmen zugeschrieben, ebenso sagt Chajim Vital seinem Meister Isaak Lurja Verständnis des Gesanges der Vögel nach. Doch darf dies nicht so anfgefaßl werden, als schrieben die .kabbalisten den Dingen Einfluß auf das menschliche Schicksal zu, vielmehr sind alle diese Erscheinungen von Gott gegebene und für den Begnadeten richtig deutbare Anzeichen seines göttlichen Ratschlusses! Wir bitten um sofortige Bezahlung a־־ Msimementz-üeilages Demnächst erscheint: ״HW Meiler Wischer Msküleilder".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.