Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 18 (14.5.1914)
- Date
- 1914-05-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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WFWWHWM Nr. 18. Säte 2 «Jüdische BolkSstimme. BerjüdLschung. Brünn, Mai 1914. , Artür Grün. Von der Macht der Außenwelt umstrickt, die Augen für altes völkisch-schöne geblendet, wurzellos in unserem wahren Empfinden, losgerissen von allem Erhabenen, auf das wir uns hätten stützen können, so haben wir den Aampt für unsere Renaissance begonnen. Den Kampf. Denn all unser Streben nach wahrem, jüdischen Inhalt, der uns geraubt ward, war nur ein Wollen, das wir in die staunend aufhorchendc Welt riefen, war ein Suchen. In diesem Wollen haben wir Zufriedeitheit gefunden, in ihm nationales Leben zu erblicken geglaubt. Nun, da der Zionismus Evolution gcworden, können wir auch Zeit finden, an uns zu arbeiten, in unseren Herzen die Kälte schwinden zu lassen und das Blut in unseren Adern zu neuer Wärme zu bringen. Wir suchen: Verjüdischung! Hart empfinden wir alle den Raub, den das Geschick an uns vollführt hat. Es hat uns das Köstlichste geraubt, das seit den Aindesjahren ein Jeder aus andern Völkern empfindet, das Volkstum. Nur wie glimmende Funken flackert es in unseren Seelen, jüdisches Empfinden, von unseren Ahnen .ererbt. Nun, soll das Flackern zu lohender Flamme entfacht werden. Wir wollen einen Strich durch unsere Vergangenheit ziehen und Wege nach jüdischer Vollkommenheit finden... Wollen wir das Volk aus seiner Wurzellosigkcit befreien, es einen und für das nationale Ideal begeistern, daß es den Weg nach Erez Jsrael leicht findet, dann heißt es vor allem, an sich selbst zu arbeiten, seinem ganzen Wesen Farbe zu geben, sich zu vcrjüdischen. Es ist dies ein schweres Verlangen für den, der draußen in: Leben steht, der sein Augenmerk nur dem Erwerb zuwenden kann, weil ihn der Daseinskampf dazu zwingt. Anders bei der Ju-. beginnt die Geschichte seiner Ahnen zu lernen und sich an ihr zü erbauen. Das Makkabäerfest hat einen Aufschwung bekommen, der die Augen der Väter feuchtet, Pessach ist von einem Text zur wirklich nationalen Feier geworden. Und mit' dem Empfinden für die jüdische' Geschichte kam ..aus den jungen Herzen der Drang nach hebräischer Sprache, Allenthalben begijmen Kreise von jungen Juden die Sprache unserer Vergangenheit und unserer sonnigen Zukunft zu lernen, nicht etwa, wie man eine ״zweite Landessprache" lernt, nicht mit den Zeichen erzwungenen Pflichtgcfühls, sondern aus Liebe für das hohe Ideal und aus Drang nach Vervollkommnung der Persönlichkeit. Es beginnt sich die Meinung zu perbreiten, daß nur derjenige wahrer Zionist ist, der Hebräisch lernt, daß jene andern, die nur die Gesinnung äußern, es nicht sind. Nun, so weit braucht man nicht zu gehen; denn Zionismus ist Wille und diesen kann man Jenen wohl nicht ableugnen. Also auch sie sind, meiner Meinung nach, Zionisten. Aber das muß eingestanden werden: Diejenigen, die Hebräisch aus wirklichem Drang lernen und in den Geist der Sprache eindringen wollen, sind in ihrer Arbeit an sich selbst weiter fortgeschritten, sie sind potenzierte Zionisten. Diese werden leicht die Wege finden, das Judentum der ganzen Welt zu einen, cs aus der Atomisierung zu befreien und die ersehnte Brücke zwischen allen versprengten Volksteile zu schlagen, noch ״vor der Rückkehr ins Judenland." Kulturzionistisches*) (Eine Entgegnung.) Herr Dr. Arthur Tautzig aus Olmüh sieht in der obligatorischen Einführung der punktierten Schreibweise für Hebräisch ein unfehlbares Mittel zur Verbesserung der — jüdischen Nasse. Herr Dr. Tautzig ist also Nekidothist. (Für Entdeckung und Benennung dieser neuen Spezialität wahre ich mir sämtliche Urheberrechte). Ergo gcnd, beini Studenten. Er, der die Zeit hat und tritt er den fiktiven Gegnern der Interpunktion enerdem es auch Lebensbedürfnis ist, sein Innengisch entgegen. Und dabei; bekommen gleich von vornleben zu studieren, zu begreifen und auf seinenherein, schon in den ersten Zeilen der Einleitung gar Wert zu prüfen, er, der die Wege kennt, der Inhaltslosigkeit der Seele zu entrinnen, der die Mittel weiß, zmnS chönen und Echten zu ge׳ die Jiddischisten einige Seitönhiebe. Natürlich nur so cn passant. Gleichsam als gelegentliche Nasenstüber. — Zwar ist dieses neueste, ixcht sonderbare und problema׳ langen, er hat als wahrhaft vom zionistischen' tische ginssevcrbefferungsmittel das Herr Dr. Tautzig der Gedanken Durchdrungener die erste Aufgabe, an! staunenden jüdischen Mitwelt verkünde^ den Jiddisich die Wiederauflebung des Judentums durchschisten höchst gleichgültig und schnuppe und ist es daher zuführen. unerfindlich, weshalb Herr Dr. Tautzig grundlos gegen Ist bis jetzt die ganze Studentenarbeit im!Jiddisch loSzicht, aber was tuts? Papier ist geduldig Zeichen der Propaganda und Agitation gcstan-' und so ohne weiteres kann man sich doch die günstige den, hat der Student seilt Judentum durch nichts' Gelegenheit nicht entgehen lassen, den Jiddischisten eine mel,r betont, als durch sein Rufen in die Welt: kleine Standpauke zu halten! ״Ich bin Jude und will nichts anderes fein," J Gemach Herr Doktor! So klar ist die Sache denn so ist er jetzt einen Schritt weiter gegangen, und. doch nicht. Erst recht nicht wenn Sie behaupten: cs ist ein heldenhafter, ein jüdischer Schritt: Er ״Ist der Zionismus voll verwirklicht, dann hat der beinüht sich sein Volkstum nicht allein zu beto- - nen, sondern sich auch darin zu vertiefen, sein *) Siche ״Jüd. Volksstimme" Nr. 15, vom?2. April Volk in allen seinen Teilen kennen zu lernen. Er! 1914. festigen. Daß sie aber noch nicht verheiratet sind, ist nur deine Schuld Mein. Du bist die Mutter im Hause, und du mußt wissen, wie heutzutage mit Menschen umzugehen. Kotnmen die Jungens ins Haus, ist es Sache der Mutter, bei ihnen einen günstigen Eindruck hervorzurufcn. Sie muß ihnen allerlei Angenehmes bieten können; seien cs Worte für den Geist, oder auch nur Süßigkeiten für den Gaumen. So wird das Geld bald vergessen. Die Freier, sind nun so. Wo kein Geld ist, müssen sie eben umgarnt werden. Und dazu fehlt dir jedoch die Eignung." Solche und ähnliche Gespräche wurden zwischen den Eltern oft geführt, allein an der Sache selbst wurde nichts geändert.. Die Sorge hatte dem Vater indessen immer näher an den Leib gerückt. An wen hätte er sich wenden sollen? Konnte er seine Kinder den Ersten, Besten an den Hals hängen? Seine Kinder, die im ganzen Städtchen ihresgleichen suchten? Oder hätte er armen, ungebildeten Handwcrkslcuten seine Kinder anvertrauen sollen? Seine Mädchen hatten schon ein besseres Los verdient. Nur Geduld! — Ganze Nächte durchwachte der Schleifer in beständigem Trachten und Sinnen. Jedesmal kam eine neue Sorgenfalte auf seiner Stirne zum Vorschein. Wohl hatte ihm auch die Hoffnung täglich neue gläußende Gebilde voracgaukclt, hatten seine Aussichten günstigere . Formen angenonnnen; allein wie leere Schatten sind sie Me entschwunden, dem bekümmerten Vater nur peinvolle Enttäuschung zurücklassend. Alle junge Leute, die er im Stillen für seine Kinder auserkoren, hielten cs mit dem schnöden Mamon. Und Einer erklärte sogar offenherzig dem Schleifer: ״Das Eingehen einer Ehe ohne Heiratsgut", — sagte der Junge — ״ist gleich dem Einziehen in eine unbeheizte Wohnung im Winter. Wenn auch die Wohnung geräumig und sauber, die Einrichtungsstücke ta dcllos und sogar die Feuerwerke vollkommen in takt sind, so fehlt doch die Beheizung, welche die angenehme Wärme und mit ihr auch die traute!Behaglichkeit in der Wohsiung verbreitet. Nur feste Entschlossenheit und herzhafte Ueberwin׳ düng vermögen cs, eine Beheizung und die lieb liche Wärme in der Wohnung, sowie das. festigende Hei catsgut in der Ehe vollends entbehr- ן!ich zu machen". — Diese Ausführung fand der Schleifer zwar zutreffend. Mein damit ward ihm keine Hilfe. Und er mußte doch an die Zukunft seiner Töchter denken. Zwischen Zagen und Hoffnung, unter Sorgen und heimlichen Kummer sind sohin Monate vergangen bis der Schleifer eines Tages, sein erbittcrtes Herz zu beleben, sein zerknirrschtes Gemüt für eine Weile zu erfrischen in ein Gasthaus cinkehrtc. Hier sollte jedoch die spöttische. Bemerkung eines Bekannten, der ausgelassene Spott eines Uebelgesinnten, eine sonderbare Wendung in dem sorgenvollen Dasein des betrübten Vaters herbeiführen. Mit unverhüllter Schadenfreude richtete ein Nachbar an den Schleifer die Frage: ob er schon den Haupttreffer bejüdische Goluth sein Ende gefunden, damit aber c; der Jargon seine Lcbcnsbcdingungen cingebützt." Ist das׳ auch wirklich so gewiss? Arthur Nuppin der sich mit dem Zionismus doch auch ziemlich eingehend besaht hat, erklärt in seinem Buche: ״Die Juden.der Gegenwart"- Palästina könne bestenfalls höchstens zwei Millionen Juden aufnehmen. Und auch diese Maximalzahl nicht in absehbarer Zeit. Wenn Nuppin von der Einwanderung nach Palästina in den nächsten drei Jahrzehnten spricht, so hält er die Infiltration von 2000, 3000, 5000 oder höchstgcgrisien 10.000 Juden pro Jahr für wahrscheinlich. Das macht nach Adam Riese insgesamt 300.H0 Juden für -in Menschenalter aus. Abgesehen davon, daß diese Ziffer an sich schon den Stempel, der Unwahrscheinlichkeit trägt, bleibt die Frage: können diese 300.000 Juden wirklich eine Lösung der Judennot bedeuten? Und tvenn schon in fernster Zeit sämtliche 2 Millionen Juden in Palästina ansässig und somit der Zionismus mit oder ohne öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte^,voll verwirklicht" sein wird, was sollen dann die ״übrigen" Juden ansangen, nämlich die 11 Millionen Juden, die bis zur Vollvcrwirklichung an Zahl zumindest sich verdoppeln werden? Doch nicht gar, wie es Herr Dr. Tautzig wohl möchte, ohne Jiddisch bleiben? Und wie sagen Sie doch Herr Dr. so schön:. ״Ohne eigene Sprache gibt es kein echtes nationales Volkstum." Also mütztcu die ״Judcnreste", die im Goluth zurückbleiben unbedingt ihr Volkstum aufgeben? Oder glauden Sie im Ernst an die Ausgeburt Welten- und lebcnsfremder Träumer, ׳Hebräisch könnte einmal die Rationalsprachc des Galuth werden? Oder glauben Sie, dass cs an den Palästinenser zwei Millionen dann genug sein wird? Und die armen ״übrigen" Jammermenschen, die wegen Raummangel in Palästina gezwungen wären, ewig im Galuth zu verbleiben, würden dann für etwaige Kräftigung ihrxs Volkstums schon übergenug an der Tatsache haben, dass 15°/״ ihrer Volksgenossen hebräisch sprechen? Fraglich, sehr ftaglich sogar, Herr Doktor! Auch wenn der Zionismus also voll verwirklicht ist hat der Goluth noch lange kein Ende gefunden sondern be- ׳ steht unverändert fort. Und mit dieser Tatsache haben wir Jiddischisten uns endgiltig abgefunden. Daher unser Kampf für bessere Lebensbedingungen. hier in, der Diaspora. Und wenn, alle Zeichen nicht trügen, so werden wir hier im verachteten und verschmähten Goluth auch in Zukunft als Volk leben, leben und nicht vegeticren. Uebcc das Wie, werde ich mich näher in einer längeren Artikelserie auslassen. Nicht aber in einer Einkeitung Herr Doktor, die an Jrrtümern und Gedankenrudimenten überreich ist. ■ ■ Also nur nicht allzuschars ins Zeug gehen, Herr Dr. Denn so sehr Sie über die Jiddischisten her sind: mir ist ein jiddischsprechender Jude lieber als hundert platonische Hebräischschwärmer mit dem Zionsideal im Herzen, die schon mutlos und kopfscheu werden. Wenn ״ein sonst hervorragender Lehrer ihnen erklärt, dah sie sich früher oder später mit dem nichtpunktierten Hebräsich würden befreunden müssen."" * Nichts für ungut! A. E. Reiner. hoben und seine Tochter verlobt habe? ״Wollte Gott, es wäre wahr. Aber Sie hatten blos einen Traum", erwiderte schüchtern der betroffene Schleifer, der sich wegen dieser herausfordernden Verhöhnung durch einen Fremden, Unberufenen, tief gekränkt fühlte. Trotzdem aber der Schleifer diese Beinerkung als verletzenden Spott empfunden, und es ihm zweifellos war, daß ein derartiges Glück bei. ihm ausgeschloßen sei, leuchtete es ihm dennoch verheißungsvoll ein. Wie eine ahnungsvolle Botschaft klang ihm das vielsagende Wort: ״Haupttreffer". Er vermochte sich dieses rätselhafte Gefühl, diesen neuen Leitstern seiner Hoffnung selbst nicht -zu erklären, - . Nicht ohne Verdruß wurde sodann in der Schleiferfamilie die böswillige Kränkung seitens des schadenfrohen Nachbars einer Auseinandersetzung unterzogen. Tief erbittert erhob die leidvolle Mutter ihren Blick flehend gegen den Himmel, und stieß einen inbrünstigen Seufzer hervor. Hierauf drückte sie die Augenlider krampf- Haft zusammen, wie wenn sie dadurch den inneren Schmerz unterdrücken wollte. Und voll Verzweiflung schrie sie dann auf: ״Salz streut er uns noch auf unsere blutenden Wunden? — So ist es: Der Tugendhafte mutz bei -seinem schweren Lebenskampfe noch den stechenden Schmerz des Spottes ertragen, während der Bösewicht Wohlgemut, über Alles höhneyd, durch die Welt schreitet. UeberM kommt er ohne Mühe fort, und hat an dem Mißgeschicke der. Mitmenschen seine Schadenfreude. Unser himmlische Vater lohnt