Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 17 (6.5.1914)
- Date
- 1914-05-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. ״Jüdische Bolköstimme". Nr. 17. Der Dornbusch. Eine neue Fabel für kindliche Gemüter von Jung und alt. Unsinn siegt, das hört man weit und breit, fabelhafter wird die Wirklichkeit. Ist der Fabclsinn nicht an der Zeit. Eine kleine Herde von Schafen wird aus die Weide geführt. Voran ein Leithammel mit bimmclnder Glocke. Er trippelt und trottelt bcdächtig einher. Ter Hirt und sein treuer Spitz gehen wachsam hinterdrein. Der Feldweg zur Weide ist schinal und wird noch von einem langen, dichten Dorngebüsch eingeengt. Tic Schase müssen auf dem Hin—und Rückwege das Gebüsch streifen und in dessen scharfen Dornen Flocken von ihrer Wolle zurücklasscn—. ״Warunl, du schadenfroher Strauch, wühlst du mit deinen spitzen Fingern so gierig in; Zottelfell der armen Schäflcin? Willst du roher, unwirscher Patron, dir also Maut einkassieren? Tu hast sa keinen Vorteil von ihrer Wolle, du kannst ja nichts verwenden!" Tie Antwort auf die unwillige Frage piepsen und pfeifen, schlagen und flöten, jubeln und jauchzen, locken und schluchzen, kichern und wispern, zwitschern und trillern in Wald und Wiese, von Lcnzes-nnd Liebesluft geschwellt, Wachtel und Lerche, Fink und Grasmücke Trosscl, Schwarzplattl, Rotkclchcn, Goldamsel und Primadonna Nachtigall in allen Tonarten, auch Spitzbub Spatz, der überall dabei; er schilpt und kreischt am lautesten, ״Ah, die weichen Flocken, der feine Flaum, ׳unsere Nester zu polstern! Wie bald werden dürin unsere kllcincn, herzigen Schrei- Hälse behaglich sich umtun! O, du lieber, guter Dornbusch! . . . Die gefiederten Sänger der Lüfte lassen den Bescheid erklingen, schluchzend süß, ooer auch schrillend und schmetternd. Ter Dornbusch lauscht gespannt. Er spitzt die kleinen Ohren, die frischen, grünen Blättchen. Angeweht vom leisen, linden Frühlingshauche, .heben sie fächelnd sich empor. . . Der sonst so mürrische Geselle vernimmt wohlgclannt in dem vielstimmigen Singen und Klingen den Tank der Vögelcin ringsumher. . . . Frohe Lcnzcsstimmung ist auch dem Dornbusch ins raube Gemüt cingezogen. . . Er hat cs seinen Stacheln zu danken. Ei» Ornithologe. (Hiob :'.ü. 11, als Devise). Brünn, 1914. In! wonnigen April Pom ״wunderschönen Mai", Ihr Dichter, seid nur still! ״Eismänner" ruft herbei. Der Mai. Ter Dornbusch, den Moses so wundervoll verhcrrlicht (2. B. M. 9. 2־.) und Jotham, gar arg verunglimpft hat (Richter 9. 14), mag es sich gefallen lassen, daß hier etwas von ihm der Natur frei nachcrzäblt wurde. Literatur. lieber jüdische Jugenderziehung. Tr. Ticgmund Werner 191.-1!Verein ״Icschurun" Tropvau). Unter diesem Titel erschien kürzlich das am 1. Februar 1911 gehaltene Referat beim mähr.-schlcs. Diftriktstagc in Iglau, in Brackurcform. Der Referent unterzog mit großer Liebe und Sachkenntnis dieses so wichtige Problem, das ich selbst erst in Nr. 19 11. April 1914) der ״Jüdischen Volksstimme" behandelte. Mithin könnte ja nicht viel gesagt werde». Herr Tr. Werner versucht cs ja ganz genau, die Richtlinien zu ziehen, in denen sich die Jugenderziehung erstrecken soll. Er erörtert einige Kragen, um doch zum Kulominationspunkt der modernen Erziehung zu gelangen: Zur Forderung nach vollkommenen Charakteren und der Heranbildung harmonischer Persönlichkeiten. Es soll ganz unumwunden zugcstandcn werden, daß dies- Referat in möglichst viele Häuser dringend sicherlich der Sache nur Nutzen bringen kann. Es läßt sich nun einmal am Elaborate selbst nicht viel kritisicrcn. Im Gegenteil es ist ganz besonders ycrvorzuheben, daß Gg. Tr. Werner auch gegen die Golusthcoric austritt, ivodurch sich die Brochüre an Ernst von vielen anderen Arbeite» über dies Gebiet abhcbt. Da dies Nefcrat von einem alten Parteigenossen, wie cs Tr. Siegmund Werner (Iglau) ist, stammt, mag cs mehr Erfolg haben, als viel andere Reden und Artikel. Es zeugt von den richtigen Erfassen der Sachlage und vom logischcn Durchdenken des Stoffes wenn man ungeschcut einen Satz, wie folgend schreibt: ״Ich bin weit davon entfernt, das Galuth, wie so manche Gesinnungsgenossen, überhaupt im ganzen zu negieren. Sonst würde dieses Referat ja völlig zwecklos sein" (pag. 11). Auszusetzcn Ivärc an dem Referate eigentlich nur der Teil, der fehlt: nämliche die politische und soziologische Erziehung? die erscheint mir so wichtig, daß sic überall betont werden müßte. Doch kann man dieses Fehlen entschuldigen, wenn man bedenkt, daß ja ein Referat an einen gcwissc» Rahmen gebunden ist. Was sonst über ethische, moralischc und körperliche Erziehung gesagt wurde, muß unterstützt werden, und cs wäre zu wünschen, daß die Brochüre großen Absatz fände, damit namentlich die Thesen, die ich nicht anführcn mag, weil ja die Brochüre leicht zu erwerben ist — so rasch, wie möglich erfüllt werden. Gustav Kohn. Nikolaus Weiter» Hochofen. Verlag, Paul Schrocll, Esch (Alz.) Ein Büchlein Psalmen nennt der Autor diese poetische Würdigung des Lebens und Treibens in den Eisenwerken. Und er läßt auch, wie der Psalmdichtcr, jeden Eindruck von außen zu einem Preislied werden, zu einem Prcislicd auf Kraft und Gesundheit. Trotz des stark lyrischen Einschlages, der den fühlenden Dichter verrät, atmet die Dichtung eine kräftige Realität. Die Sprache, nickt allzusehr getragen, ist geschmeidig genug, um bald ein treffendes Gemälde der Arbeit im Walzwerke zu geben, oder den wunderbaren Anblick beim Ausfluß des milchweißen, geschmolzenen Eisens aus dem Hochofen zu schildern, bald wieder schönen Vergleichen und tieferen Betrachtungen dichterischen Ausdruck zu verleiben oder das markige Arbeiterlebcn zu besingen. Weiter, der uns als begabter Dichter schon öfters entgcgcngetretcu ist, wird mit seinem Psalmcnbüchlcin gar manches Herz, das des Lebenskampf der Natur und der gesunden Empfindung entfremdet hat, trösten und stärken. Vier Tragödien ftes Sophokles. Die Bibliothek der Gcsamtlitcratur des In- und Auslandes (Verlag Otto Hendel, Halle a. S.), aus die wir schon des öfteren, zuletzt gelegentlich der deutschen Ausgabe von Carlvlcs Werken, hingcwiescn haben, hat vier Dramen des Sophokles in deutscher llebersetzung herausgegcbcn: den ״König Ocdipus", die ״Antigone", den ״Philoklctes" und den ״Atias". (Preis geh. je 25׳ Pf., gcb. (JO Pf.) — Das Interesse an den griechischen Tragikern nimmt in den letzten Jahren umsomehr zu, je mehr man erkennt, daß die Griechen nicht jenes lustige, bloß schönhcitsdursiige Volk waren, für die. man sic-lange gehalten hat, daß vielmehr auch ihre besten Köpfe von den ewigen Problemen des Daseins crschütert werden. Es gehört zu den reizvollsten Ausgaben, die religiöse Entwicklung der Griechen an der Hand der griechischen Tragiker zu studicrcn. Unter'ihnen ist Sophokles der Abgeklärteste, Frömmste. Er gab der Tragödie die Abrundung, die״ ihr der slürmisckc Acschvlos, sein Vorgänger, nicht geben konnte. Heute beruht der Ruhm des Sophokles auf den Ocdipus und der Antigone von denen besonders die letztere sich der jüdischen Ethik überaus annähcrt. Indem der Dichter da eine grausame Sitte der Vorzeit im Lichte höherer Sittlichkeit als unmenschlich erweist, erhebt er den Einzclsall zu einem Beispiel des ewigen Widerstreites zwischen göttlichen und menschlichen Rechtc. ״Vor allem erfordert das wahre Glück besonnenen Sinn. Begegne stets dem Gotte mit Scheu ...." In diescn Worten der Antigone spricht der ganze Sophokles zu uns. Johann Gottlirb Fichte: TranSsiendentale Logik. Neu herausgegcbcn von Fritz Medicus. Baud 132 b der ״Philosophischen Bibliothek". Verlag von Felix Meiner, Leipzig. 298 SS. M. 4.—. Aus Fichte ist i» diesen Blättern schon oft und oft hingcwiescn worden und seine populären Schriften wie ״die Reden an die deutsche Nation" oder ״Die Bestimmung des Menschen" oder die ״Anweisung zum seligen Leben" können nicht eindringlich genug allen denen empfohlen werden, welche nach einer Vertiefung ihrer Lebensauffassung und Wcltanschauung streben. Alle diese Schriften erschienen in der Philosophischen Bibliothek des Verlages Meiner. Die vorliegende transßendcntalc Logik gehört zu Fichtcs schwierigen Schriften, die nur dem Fachmann zugänglich sind. Für ihn werden insbesondere die Aussührungen des achten Vortrages sehr belehrend sein, wo Fichte sein Verhältnis zu Kant, klar auseinandcrscht: Kant geht von der Mannigfaltigkeit zur Einheit, Fichte sucht die Ableitung der Mannigfaltigkeit aus der vorausgcsetzten Einheit. Kants ״synthetische Einheit der Appcrzcption" ist nur ein Nachbild von Fichtes analytischer Einheit. Fichtcs tiefe Auffassung von der Philosophie, das sic uns erst die Welt verstehen lehre, daß sic so den Geist umschaffc und erneuere, ihm ein neues Organ und damit eine neue Welt gäbe, kommt in diesem Buche zu starkem, begeistertem Ausdruck. ״An geöffneter Tür; von Clara Sndermann, Felix Lehmann Verlag, Berlin W. Ein Band, meisterhaft geschriebcncr Novellen, deren jede einzelne die Begabung der Autorin bezeugt, ihr hervorragendes Geschicks,Seelcnstimmungen zu schildern und zu schaffen. Speziell die erste ״An geöffneter Tür" löst im Leser geradezu einen Ucbcrschwang des Mitleids aus. Eine Lungenkranke wird aus dem Sanatorium als geheilt entlassen, als wirklich geheilt, so unglaublich er sie selbst dünkt, und versucht, sich als Gesunde ins Leben zu finden und tut das so unbeholfen, so unbeholfen! Sie sucht in ihrer Erinnerung nach jenen Tag, wo auch sic noch gesund war, um daraus zu lernen, und beobachtet die gesunden Mit- Menschen, cs ihnen gleichzutun, und lebt sich hinein in eine tötliche Angst, sie könnte ihn vielleicht schlecht hüten, den langersehnten Schatz, und ihn verlieren, — wieder krank werden! Und sehnt sich zurück noch dem Sanatorium, wo ihr andere diese quälende Sorge um das bischen Leben und die Verantwortung dafür übernommen haben. Und quält und peinigt sich, gesund zu bleiben, wo sie es nie war, und erliegt dieser Aufregung. Help, Buddha, sein Evangelium und seine AuSlegung. Zur Feier der 2509jährigen Erleuchtung des indischcn Weisen gibt ein aufstrebender Verlag ein sehr schön ausgestattctes Licfcrungswerk heraus, das ich angelegentlich empfehle. Es ist nach der chinesischen freien Ucbcrsctzung des ältesten Lcgendcn-EvangeliumS des nördlichen Buddhismus gearbeitet, und zwar in sehr glücklicher Anlehnung an die feierliche Sprache der Bibcl. Es sollte eine Art Hausbuch werden für alle, die Freude haben an solchen erhabenen. Erzählungen in gehobcncr Sprache. Zahlreiche Anmerkungen, in denen auch Parallele aus der Bibel gegeben werden und die alle Ausdrücke gut erklären, folgen jedem Kapitel. Ein bibliographischer Anhang und ein sorgfältig gcarbeitetcs Wort- und Sachregister wird den Schluß bilden. Die Namen sind in Paliform wiedergegcben als in der Sprache, in der Buddha selbst gesprochen. Dies scheint mir freilich insofern ein Nachteil, als wir an andere Formen gewöhnt sind. Dem Verfasser aber gebührt Dank für seine Mühe und Hingebung. Möchte er ein wirkliches Volksbuch schaffen, das auch -amcntlich versöhnend wirken kann! Denn; ■: . Unduldsamkeit und pfäffischer Hochmut versuchen so gerne ״das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen". Buddha aber sagt: ״Wer sich der Erkenntnis freut, soll davon den anderen Menschen geben," und Christus: ״Nehmet das Wasser des Lebens umsonst!" Dr. Grävcll. Heinrich Federer. Jungfer Therese. Eine Erzählung aus Lachweiler. G. Grote, Berlin. Wir kennen seine ״Lachwciler Geschichten" und erkennen sie wieder. Es sind wieder die Naturmenschen, bald naiv, bald gerieben. Es ist wieder dasselbe Milieu. Und wenn diesmal die Pfarrcrsköchin Therese den jugendlichen Kaplan durch ihren biederen Charakter und ihre unerschütterliche Gläubigkeit von Rcformaiioncn abhält, denen er vielleicht nicht gewachsen wäre und die er nicht verantwortcn könnte, so kommt darin die Verehrung der natürlichen und geraden Denkungsart wieder zum Ausdruck. Die Schilderungen der gewaltigen Alpenschönheit, die sichere Charakterzcichnung der Personen, die wahren, ungekünstelten Vorgänge in der Psyche des Kaplans und der cinsackcn, gläubigen Lachwciler, das alles verleiht dem Buche einen bleibenden Wert im Herzen der Leser. Krankkeilen der Nerven. Ser Magens. Darmes eie. verüen mit Lttoig D= KUtl)<l1t$ Sanatorium in Tisednowitr Kuriert. — Prospekte gratis «Berichte. Jüdische Mittelschulen. Wie ein Privattclcgramm aus Petersburg meldet, fand im russischen Ministerium für Volksaufklärung eine Konferenz verschiedener Ncssortoertreter zur Beratung der jüdischen Schulsragc statt. Dabei wurde beschlossen, die Gründung besonderer jüdischer Mittelschulen in den Ansiedlungsorten der Juden, die über 100.000 Einwohner und eine starke jüdische Bevölkerung haben zuzulasscn. Durch solche jüdische Mittelschulen, d. h. also Gymnasien und Realschulen, würden die russischcn Mittelschulen entlastet werden. Der Unterricht muß in russischer Sprache erfolgen. Andersgläubigen Schülern ist der Eintritt in die jüdischen Schulen nicht gestattet. Halas. Die Installation des ncugewählten Rabbiners Dr. Dohany gestaltete sich zu einem waren Tri-