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Jüdische Volksstimme · 1914-05-06 · Heft 17 (6.5.1914) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 17 (6.5.1914)
Date
1914-05-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Rr. 17. XV. Iahrg. 6. Mai!914 Seite S Beilage zw ,Jüv. VoUsstimme. Einige Bemerkungen zur jüd. Jugenderziehung in Galizien. Dr. Bcrnard Hausner. Die Behandlung des Problems der Erziehung der jüdischen Jugend in Galizien ist von vorne herein durch die soziale und religiöse Abschichtung der galizischen JuLenheit bedeutend erschwert. Wir haben cs hier weder mit einer noch einer einheitlichen Erscheinung zu tun, deren Gesichtspunkte beleuchtet werden sollen, sondern mit einer ganzen Reihe von Umständen, sehr oft einander widersprechenden, die jedoch nur aus der gründlichen Kenntnis der Landcsverhältnisse verstanden werden können Im Allgemeinen gilt von Galizien überhaupt und den galizischen Juden schon recht. Der Grundsatz, datz, Galizien das Land der krassesten Widersprüche sei. Ein gut Stück Wahrheit steckt sicherlich in dieser Behauptung, doch nirgends offenbaren sich die Widersprüche deutlicher als in dem Erziehungswescn. Wahr ist, dass der alte Kulturkampf der ״Aufgeklärten" und der ״Frommen" von jener Schärfe, welche er noch in den 70gcr Jahren aufwics vieles, vielleicht alles eingebüht hat, aber die Gegensätze, die damals bestanden, sind nicht verschwunden, die Fahnenträger sind nur lässiger geworden, die Prinzipien bestehen aufrecht. Es ist freilich im Leben schwer festzustcllen, wo Orthodoxie aushört und Fortschritt beginnt, die äusseren Merkmale können in dieser Beziehung keineswegs als verlässliche Gradmesser angeführt werden, aber aus dem Gebiete der Erziehung lässt sich die Grenzlinie genau zeichnen. Ter wirkliche Orthodoxe schickt seine Kinder ausschliesslich in den Chcder, denn er betrachtet die öffentliche Schule noch immer als eine Zwangsmahregel, von der er so gut cs angcht, sich und seine Kinder zu befreien sucht. Erst vor wenigen Jahren drohte eine Aktion der Allianz israelitc in Wien, welche die Griindung einiger Schulen in paar galizischen Städtchen bezweckte wieder in einen Kulturkampf sich auszuwcitcn. Ter Wunderrabbi aus Olesko legte entschieden dagegen Einspruch ein, datz in seinen Sprengel überhaupt eine öffentliche Schule entstehe, wenngleich die Allianz den weitgehendsten religiösen Skruppcln des Rabbiners Rechnung zu tragen sich entschlossen hatte. Die Schule ist gegründet trotz des Widerspruches des Rabbiners, gedeiht aber nicht. Dasselbe ״non possumus", welches der Wunderrabbi von Olesko geltend gemacht hat gegenüber der Neugründung der Allianzc, können freilich die ״Heiligen" den öfsentlichen Landes-, oder Kommunalschulen gegenüber nicht geltend machen, aber dafür bieten sie ihren ganzen Einfluss bei ihren Anhängern auf, um so viel als möglich jüdische Kinder von dem Besuch der Schule abzuhalten. In Beizer, Sokal, Jarorow, Gryber und vielen, vielen anderen Städten und Städtchen ist es einzig und allein die Machtbefugnis deS Rabbi, welche die grosse Masse der jüdischen Bevölkerung von der öffentlichen Schule abschncidet. Aber'selbst in den grossen Städten Galiziens, selbst in Lemberg und Krakau ist die Zahl der Stockorthodoxen, die ihre Kinder aus prinzipiellen Gründen nicht in die öffentliche Schule, sondern in den Cheder schickten viel größer als man oberflächlich annchmen möchte. Es soll jedoch nicht verschwiegen werden, datz die Orthodoxesten, selbst mit der Zuführung ihrer Töchter den öffentlichen Schulen es bei weitem nicht so genau nehmen, wie mit den Söhnen. Ter Grund hiefür mag in der Tradition liegen, die den Eltern durchaus keine Aufgabe auserlegt ihre Töchter in die Geheimnisse der Tora einzuführen, ja sogar zum Teile ernstes Studium der Tora den Töchtern verbietet. Was verschlägts daher, wenn die Tochter zum Zeitvertreib die öffentliche Schule besucht und obendrein noch etwas erlernt, was jedoch für den Sohn ganz überflüssig ist, denn sein Metier ist das weite Gebiet der heiligen Tora. Diese aber kann nur im Chcder und Bet-Hamidrasch richtig gepflegt werden. Soweit der Gcdankengang einer Gruppe. Ihren Antipoden bildet eine nicht gering einzuschätzende Gruppe der radikalen Fortschrittsmänner, jener, welche nur noch äußerlich am Judentum hängen, innerlich aber mit ihm und mit sich selbst zerfallen sind. Alles was an Judentum, Tradition und Bergangenheit noch so leise erinnert wird unter den summarischen Begriff Ghetw gezogen, dessen letzte Spur zu verwischen doch heilige Aufgabe jedes redlichen Fortschrittsmannes sein niutz. Wie sollte man angesichts eines ähnlichen Gedankenganges dieser Gruppe es wagen ihr zuzumuten, daß diese mit dem Cheder welche Berührung suchen wird. In der Tat suchen auch Kinder, welche aus diesen Kreisen stammen ausnahmslos christliche öfsentliche, oder private Bildungsanstaltcn auf — und es ge- Hört durchaus nicht zu seltenen Ausnahmen, dass jüüische Kinder mit Vorsatz von Ihren Eltern in rein katholisch—confessionclle Lehranstalten gegeben werden. Was die öffentlichen Staats-, Landes- oder Kommunal- Lehranstalten betrifft so sorgt das Gesetz für die Erteilung eines gewissen Ausmaßes von Religionsuntericht, und dieser ist es, dem die wichtige Aufgabe zufällt den Schüler mit dem Judentum etwas vertrauter zu machen. Und gerade dieser letzte Umstand ist für einen gewissen Teil dieser Gruppe Grund genug gewesen, um eine bedeutende Schmälerung des Religionsunterrichtsausmasses zu verlangen. Es ist nicht lange her, datz Aehnliches geschah und es ereignete sich nicht am Westminsterstrcet in London, oder am Rivoli in Paris, so»- dern in Lemberg im Jahre 1WV. Ueber den Religionsunterricht nota bene, den jüdischen — dieses Stiefkind unserer gesetzlichen Bestimmungen und der vollsiändigen Apathie der galizischen EultuSgemeindcn iverdcn wir des längeren uns zu äußern haben. Ist ja derselbe für viele tausende jüdischer Kinder an den öffentlichen Schulen die einzige Ouelle, aus der sich ganze Geschlechter 'Auskunft über Judenthum und jüdisches Leben zu holen haben. Man sollte nun glauben, datz unsere Eultusgemeinden, denen eine Beeinflussung dieses Unterrichtcs durch die Staatsgrundgesetze gewährt wurde eine Ausbauung und Förderung desselben anstreben iverdcn in gut verstandenen eigenem Interesse, doch das dolce far niente feiert nirgends solche traurige Triumphe, wie gerade auf diesem Gebiete der Cultusgemcindebefugnisse. Durch die Berufung jedoch d׳eses Punktes würden wir uns schon auf dem Boden sachlicher Kritik stellen, wohingegen wir in erster Reihe vorerst auf die einzelnen innerhalb der galizischen Judenheit bestehenden besonderen Gruppen und deren Erziehuugsinstrumente Hinweisen wollen. Ztvischen der Gruppe der strcngen Orthodoxen und der radikalen Fortschrittsmänner liegen 2 andere, die jedoch schwer von einander gcschieden werden können. Tie Bürger und die Nationaljuden respektive Zionisten. Ter Unterschied dürfte hier beiläufig derselbe sein, wie Pharisäer und Volk zur Zeit des Bestandes des jüdischen Reiches. Tie Pharisäer wussten genau, was sie wollten und anstrebten, das Volk leistete ihnen instinktiv Gefolgschaft, weil der sich in klarer Form fassende Wille der Pharisäer das ausdrückte, was mit den Lcbensempfindungen des Volkes sich deckte, was beim Volke unterhalb der Schwelle des Bewusstseins lag. Im allgemeinen empfindet der Grundstock des jüdischen Bürgertums national, cs ist sich aber dessen nicht bewusst, ja es lehnt oft aus Opportunität eine offene Stellungnahme zu einem klaren Programm ab. Die Erziehungsmethode, der sich jedoch unsere Bürgerlichen bedienen lässt keinen Zweifel über ihr Verhältnis zum Judcntumc zu. Fast alle bürgerlichen Kreise, insoferne sic nicht zu den oben angeführten Gruppen zählen schicken ihre Kinder in öffentliche Schulen, begnügen sich aber nicht mit dem an den Schulen erteilten Religionsunterrichte, sondern helfen durch Privatunterricht nach. Hiebei kommen zwei Methoden in Betracht. Wohlhabendere Familien bedienen sich der Nachhilfe der Hauslehrer, für die ärmeren Kreise gibt cs eine stattliche Anzahl von hebräischen Schulen, welche von Vereinen errichtet worden sind. Einzelne dieser Schulen erfreuen sich einer sehr guten Frequenz und weisen sehr erfreuliche Resultate auf wie z. B. die Schule in Stanislau, Rohathn, Howdenka und Czorttov Das Verdienst diese Schulen eingesührt und das Bürgerrecht ihnen verschafft zu haben ist der bedeutendste Aktivposten in dem Budget des galizischen Zionismus. Mit der Auszählung der angeführten Schularten, in welchen die jüdische Jugend Galiziens Lehre und Erzichung genießt kann noch keineswegs abgeschlossen werden wenn wir Anspruch auf Vollständigkeit erheben wollten. Eine ganz stattliche Anzahl, wenn ich nicht irre cirka 30 an der Zahl, Baron Hirschschulen, Kindergärten und speziell jüdische confcssionelle Fachschulen darf keines- Wegs übergangen werden. Mit der Schulfrage im engsten Zusammenhänge stehen jene Organisationen, welche sich zur Aufgabe gemacht haben das Schulwesen in irgend welcher Form immer zu fördern und zu unterstützen u. auch solche, welche mit der Schule in keinem Zusammenhange stehen, aber die culturelle Entwickelung und Erziehung der jüdischen Jugend und der Massen direkt oder indirekt beeinflussen. (Fortsetzung folgt.) Gegen verdorbenen Magen, Darmträgheit und Gicht. ״Sternhofer Bitterwasser“ Mild, doch zuverläßlich. Sternhof. PostSokolnitz bei Brünn. Der Uhrmacher von Wiedenitz. ^Skizze von Dr. M. Hornik, Krakau.» Heute gibt eS wohl fünf ihrer. Aber kein Wiedeuitzer wird an einen anderen als an Schulim denken, wenn schlechtweg vom Uhrmacher gesprochen wird. Die anderen sind ja auch erst in jüngster Zeit eingeivanderle Fremde. Schulim hingegen ist ein echter Wiedeniver. lind dann reicht ja die Kunst der anderen an die seiuige gar nicht heran. Ihm gegenüber sind doch alle -- ivie sagen die Wicdenitzer? -- richtige ..Uhrenverderber". Mir gefiel Schulim seit jeher. Damals schon, als ich täglich an seiner Auslage vorbei zum ״Podhajecr" ins Cheder ging. An der Morgensonne funkelten unzählige harmonisch aneinander gereihte Gold- und Silberuhren in entzückender Pracht und zwischen ihnen hindurch sah ich Schulim, wie er in seiner saubereil Sammtkappe schaffend vor seinem Tischlein saß. Er war immer ein einfacher, braver Jllde, kein ״Tatsch", obwohl er blankgepuvte Schuhe lind einen Steifhnt trug. JnS Bethaus pflegte er täglich zll iommen. Wohl betete er immer bei ״Reb Labales", unter den Talmudarislokraten sozusagen. Doch halte er seinen bescheidenen Platz an der Ecke zivischcn der Hst- und Südwand, von dem er sich lvährend des Beteus nie entfcmtc. Wenn er zu früh kam. nahm er ein Sefer aus dem Schrank und las. An den Streitigkeiten der ״arroganten" Sadaguraer mit den anderen Cha ssidim nahm er keinen Anteil. Und wenn man die To!a las, hörte!schulim ruhig zu, er wartete nie auf einen ״Kibnd". lrine Aiiah bekam er auch nur höchst selten. Selbsiverstündlich keine besonders auszeichncnde. Doch nur ein Uhrmacher. Vor die Thera gerufen, sagte er ruhig die segenSsprüche» hörte er bescheiden die Vorlesung ilnd entfernte sich. Ich lveiss nicht, ob alle Chederburschen Schulim den Uhrmacher mit denselben Augen ivie ich sahen, ob sein reinliches, schmuckes Wesen ihnen allen ausfiel - mir gefiel er ausnehmend. Nun sind seit jener Zeit zlvei Jahrzehnte in die Tiefe der Bergangcnheit hinabgerutscht. Nur zwei Jahrzehnte. Solange wir jung find, faffcn wir bloS die Zustünde in ihrer Ewigkeit. Die Erscheinung überrascht uns, die Veränderung erscheint uns unglaublich, unwesentlich. Erst wenn wir ihr zu unterliegen anfangeu, glauben wir. Wieder, war ich in Wiedenitz. Es ivar ein Chanukaabcnd. Auf dem elektrisch beleuchteten Tco- -wir sah ich eine regelrechte Promenade. Das Wiedenitz von damals ist nicht mehr zu finden. Chaiuikah spürte man nicht mehr auf den Strassen. Höchstens noch daran das der städtische Schabesgoi in seinen ruthenischen Kostüm durch die Hellen Strassen eine Laterne trug und ״Chanukageld" schnorrte. Ich musste mein Augenglas richten. Ta Wiedenitz^eincn Optiker noch nicht hat, so begab ich mich zu Schulim. Er wohnt nicht mehr dort, wo er einst gewohnt. Jetzt hat er auch nur eine ganz winzige wenn auch recht zierlich geordnete Ausläge. Schulim ist noch ziemlich frisch und arbcitsfroh. Sei» halbgraues Haar und einige verräterische Gesichtsfalten erzählen viel von Leid und schwerer Not. Er selbst sprach nicht davon. Schulim ging nie gebeugt und und auch jetzt sah ich, datz er sich seine seelische Gradheit bewahrt hat. Eine ganz enge Werkstätte hat er. Und hier sitzt er bei einem kleinen Tischchen, auf dem neben Schrauben und Werkzeuge» auch der Rambam liegt. ״Wenn nicht jetzt — wann dennn?". daran erinnern ihn seine vielen Uhren rings. . . Klosetts. Badeeinrichtungen, Waschbecken, etc. einrichtet solid und billigst Firma K. 20fka, Brünn, Jakobsgasse Telephon 810. — Kostenvoranschläge gratis. — Reparaturen schnell und billig. Ceppicbe, Uorbänge u. 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