Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 17 (6.5.1914)
- Date
- 1914-05-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17. ,HWifche Volttstkmme" Veite & Ob uns nicht so mancher Kleinstaat um dar Budget unserer Gemeinde, das einen Umsatz von mehr als 13.000.V00 aufweist, beneidet? Stehen doch noch überdies cca. 20.000.000 K Stiftungsgclder zur Verfügung der Gemeinde. Den Herrn vom Vorstande aber fehlt jedes Verständnis für Sozialpolitik, darum werden diese achtziffrigen Summen fast ganz nutzlos verwendet. Trotz der ungeheueren Summen, die für Wohltätigkeitswesen verwendet werden, wird das Elend nicht um das mindestc verkleinert. Dagegen trägt die Art dieser Wohltätigkcit sehr viel zur moralischen Knechtung und Unterdrückung des Selbstbewußtseins der Judenschaft. Was könnte nicht die Millionengemeinde mit ihrem Millionenbudgct leisten. Was jetzt aber geschieht ist in aller Anerkennung des guten Willens nur ein Flickwcrk. Ada. CARL BUCHTA Brünn Großer Platz Nr. 20 Klavler-Etab llssement Orößtes und reichhaltigstes Lager von Klavieren- Planinos und Harmoniums des In- Auslandes sowohl zum Verkaufe als auch leihweise zu den kulantesten Bedingungen. Beeideter Sachverständiger. Kulturzionistisches. An einem Purimabend war es. Wir saßen bei Großpapas Tisch und waren, wie es für jeden Juden am Purim Mizweh ist, guter Dmge. Wir sangen, dem Alter nach, hintereinander ״Schoschanat Jakow", jever natürlich mit einem anderen Nigun und füllten die Zwischenpausen mit gelehrig-witzigen Diskussionen aus. Da stellte Großpapa folgende Frage zur Erörterung: ״Ich bin, sagt ein Vater zu seinem Kinde, wohl dein Vater, du aber bist nicht mein Sohn". Es wurde hierüber eine lange scholastische Debatte gefüh jeder stützte sein sophistisches Kartenhaus auf dem Walde der rabbmischen Literatur entlehnten Balken, bis endlich Großmütterchen, sich natürlich vorher über die Anmaßung in ein so gelehriges Tl!ema einzugreifen, mehrmals entschuldigend, sagte: ״Verzeihet Kinder die närrische Frage einer Irdene, vielleicht war das Kind gar ein Mädel?" Daß hierauf die Gesichter meiner gelehrigen Tischgenostcn etwas länger aussahen, wird mir gewiß jedermann glauben. Die Ursachen, warum die Jnterpunktionszeichen in den hebräischen Büchern nicht mitgedruckt werden, über welche Herr Dr. Arthur Taußig in einem mit ״Kulturzionistisches" überschricbencn, in der jüngsten Nummer der ״Jüdische Volksstimme" erschienenen Artikel so ausführlich berichtet, erinnern mich lebhaft an den soeben geschilderten Purimabend. Ich schicke voraus, daß ich, was den Kernpunkt der Frage an- •tf. Herrn Dr. Taußig selbstverständlich rückhaltslos zustimme. Wer die Bedeutung des Hebräischen für das Nationaljudentum richtig einzuschätzen lveiß, muß zugeben, daß das Fehlen der Interpunktionszeichen in den hebräischen Büchern, zumal für den nicht vollkommen in der Sprache Ausgcbildeten, das Lesen sehr erschwere. Die Gründe dieser Unterlassungssünde jedoch, die Dr. Taußig auszählt, entbehren jeder realen Grundlage. Dr. Taußig sieht irgendwo mächtige Gegner. die aus konservativen und traditionellen Gründen sich mit Händen und Füßen gegen die Jnterpunktierung wehren, weil.... nun, wei dadurch die hebräische Sprache würde — Prosaliiert werden. Für das Aufgeben der Opposition konzediert er ihnen schließlich die Tempelauf- .christen udgk. ־’ \; . : י R'bono schel olam!.... Ta Großmütterchen schon lange aus dem olam emeth ist, so muß ich für sie einspringen: ״Entschuldiget Kinder, wozu diese Traumgesichter? vielleicht ist die Frage eine viel einfachere, nämlich nur eine Äostenfrage?" Und so ist es! Daß cs keine prinzipiellen Gegner gebe und daß vielmehr maßgebende Faktoren sich mit der Lösung dieses Problems befasten, muß gewiß nicht erst nachgewiesen werden. Es sind nänilich zwei Wege offen: entweder die Jnterpunktierung auf der bisher praktizierten Weise zu bewerkstelligen, in welchem Falle sich -ex Druck um fast das Doppelte verteuern würde, oder aber, daß mit Interpunktionszeichen verehene Typen angeschafft werden. Bedenkt man, daß wir zehn Interpunktionszeichen haben, so müßte die Anzahl der Typen verzehnfacht werden. Und dies ist denn doch nicht so einfach, wie ich es Herr Dr. Taußig ausmalt. Unsere Veragsanstalten, die ohnedies einen genug schweren Stand haben, könnten unmöglich einer derartigenBelastungsprobe widerstehen. So also schaut die Sache in Wirklichkeit aus. Und nur von diesem Gesichtspunkte betrachet, müffen wir an der Lösung dieses Problems arbeiten. Einen originellen Vorschlag, die Jnterpunkivnszeichen — wenigstens die wichtigsten — durch den T'amim (Tonzeichen) entnommen, gnter die Buchstaben zu stehen kommenden Zeichen zu ersetzen, las ich unlängst im ״Haz'firah". Ich habe die bezügliche Nummer nicht zur Hand und würde cs übrigens zu weit führen, wollte ich den betreffenden Gedankengang in seiner Gänze wiedergeben, weshalb ich nur ein Detail icrausgreifen und solches an der Hand nächstehenden Beispieles veranschaulichen möchte. Angenommen, wir entlehnen den T'amim die dem Apostroph ähnlichen, je nach der Lage verschieden benannten Zeichen, merchu, tipchu, )aschtu und verleihen dem, den Vokalwert des Kamez dem, denjenigen des Zeräh und dem sol-, chen des Cholam, so würde der Satz: .זזחבם עיניו בראשו" nachstehendes, dem Zwecke sehr gut entsprechendes Bild aufweisen: החכם עיניו בראשר. Das Segol untr dem ה und das Sch'wa unter den! ב könnte entfallen, was jeder, der mit der Grammatik auch nur einigermaßen vertraut ist, bestätigen wird. Das die Anwendung dieser Vokalisierungsart beim geschriebenen Worte ebenso einfach als zweckdienlich wäre, ist einleuchtend. Was schließlich den ״Jargon" anlangt, den Herr Dr. Taußig in den einleitenden Sätzen seines Artikels dem Kikajon im Buche Jonah gleich ״das binnen einer Nacht ward und binnen einer Nacht unterging" behandeln zu dürfen glaubte, werde ich mi-r demnächst einige Richtigstellungcn erlauben. Auch dieses Problem nämlich ist nicht so einfach, wie sich es Herr Dr. Taußig vorstellt. Olmütz, 27. April 1014. Salamou Schinerler. KAFFEEGESCHAEFT Rosenbaum Liechtensteins. 1 BRÜNNy Liecntensteing. 1. Vom Wandern. (An die Juden Brünns). Groß sind die Schwierigkeiten einer guten Jugenderziehung. In dieser Beziehung wurde gar manche Methode versucht und wieder verwarfen. Die modernste Art der Jugenderziehung, deren Grundgedanken es ist, die Jugend durch die Pflege systematischen Manderns zu kräftigen, hat den stärksten Anklang gefunden und bricht sich unaufhaltsam Bahn. Die Jugend zieht hinaus ins Freie, um ihren Körper zu stählen, ihre Sinne zu erfrischen und zu schärfen und zur frohen Natürlichkeit heranzureifen. Märsche, Spiele, Turnen, Karten- und Kompaßlesen, Studium der Tiere, Pflanzen und Gesteine, Anfertigung von Skizzen, Unter- Weisung in den Grundsätzen der Hygiene und in der ersten Hilfeleistung bei Unglücksfällen usw. sind die Mittel, mit denen die verschiedenen Wanderverbände ihr hehres Ziel zu erreichen suchen. In der Erkenntnis, daß in der Jugend die Zukunft des Volkes liege, arbeiten fast alle Nationen daran, auf diesem Wege ein starkes und mannhaftes Geschlecht heranzuziehen. Es wird Wohl keinem Menschen einfallen zu leugnen, daß auch wir Juden es nötig Haben so zu wandern, d. h. unsere Jugend zu Willenskraft, Freiheits- und Naturliebe, Offenheit und Disziplin zu erziehen. Und wahrlich wir Juden haben das vielleicht noch notwendiger als die anderen. Lange genug waren wir ein rein geistig arbeitendes Volk! Lange genug haben die Schäden dieser einseitigen Tätigkeit unser Volk körperlich degeneriert! Und ist es denn etwas neues daß Juden wandern? Sind nicht unsere Väter auch schon gewandert? Solche Erinnerungen erregen ein Gefühl der Bitterkeit in uns, denn diese Wanderungen waren keine freiwilligen, keine kräftigenden; auf ihnen ging ein guter Teil der Volkskraft verloren. Von römischen Schergen getrieben, mußten unsere Ahnen ihre alte Heimat verlassen. Haß, Verleumdung und Verfolgung ließen unsere Väter wandern, wenn sich die Glut christlicher Glaubensbegeisterung gegen die ״ungläubigen" Juden wandte. Und werden nicht alljährlich viele Tausende unserer im Osten wohnender Brüder gezwungen zum Wanderstab zu greifen? — Genau genommen ist das jetzige Wandern im jüdischen Wanderbunde auch ein gezwungenes: ein innerer Zwang drängt zur Gesundung unseres Volkes! Was uns auf jenen Wanderungen verloren ging, müssen wir auf diesen finden. Einst haben sie unseren Rücken gekrümmt, jetzt werden sie ihn wieder aufrichten. ״Zun! Henker das Kriechen und Bücken Und die Stirne zu Boden gesenkt, Gott hat uns den graden Rücken Und ein freies Auge geschenkt,. Stolz wollen wir aufrecht schreiten Und nun noch eines. Unsere Jugend darf nicht in anderen, fremden Wandervereinen mittun. Solch ein Wandern bringt ebenso viel Schaden als Nutzen. Am jüdischen Volk wird gefrevelt und an der Jugend selbst, wenn wir sie drüben als Geduldete, als Minderwertige betrachten und verachten lassen. Jenen Leisetretern und Kriechern, die ihre Kinder durchaus in andersnationalen Vereinen wandern lassen, halte man den Beschluß, den die deutschen ״Wandervogel- Vereine" auf ihrem Bundestag in Frankfurt a. O. gefaßt haben und der von den verschiedenen jüdischen Zeitungen auch entsprechend kommentiert wurde, als Antwort vor Augen. Die jüdische Wanderbewegung ist schon lange zur Tatsache geworden. Fast überall, wo der jüdische Nationalismus einigermaßen Wurzel gefaßt hat, sind Ortsgruppen des jüdischen Wanderdundes ״Blau-Weiß" gegründet worden, die sich der größten Sympathie aller jüdischen Kreise erfreuen. — Unerklärlich ist es deshalb, daß in Brünn, das doch für Mähren zumindest beispielgebend sein soll, diesbezüglich noch nichts getan wurde. An die Unmöglichkeit einer solchen Gründung ist nicht zu glauben. Bei gutem Willen und gewisser Arbeitsfreudigkeit wird und muß die Sache gelingen. Gewiß gehören etliche Mitarbeiter und Helfer dazu und sogar solche, die ihr jüdisches Herz auf dem rechten Fleck haben, aber solche werden zu finden sein. Es wäre sonst um das jüdische Brünn gar zu traurig bestellt. Die Jahreszeit ist jetzt günstig und auch der oben erwähnte Beschluß wird nützlich mithelfen: aber es ist auch schon die höchste Zeit. Es darf den maßgebenden Persönlichkeiten Brünns nicht gleichgiltig sein, in Westen Händen die Erziehung der jüdischen Jugend liegt. Jede Verzögerung, jede Verschleppung der Ortsgruppengründung ist frevelhaft. Erst dann dürfen wir hoffnungsfroh in die Zukunft schauen, wenn wir unserer Jugend sicher sind. I. Ben I. Aufruf! Im Mai 1912 hat in Kattowitz die Gründung der Agudath JSroel, einer die thoratreuen Juden umfassenden Organisation, stattgefunden. Zweck der Agudath Israel ist die Lösung der jeweiligen Gesamtheitsaufgaben im Geiste der Thora; sie erstrebt demgemäß, um nur die wichtigsten Programmpunkte her- 'vorzuheben, die arganisatorische Zusammenfassung und Vereinigung der zersprengten Teile der gefetzeStreuen Judenheit, insbesondere der östlichen und westlichen Juden, die großzügige Förderung des Thorastudiums, die Besserung der wirtschaftlichen LebenSbrdingungen für die jüdischen Massen in den Ländern der Not und in Palästina, die Förderung einer vom jüdischen Geiste erfüllten Presse und Literatur. Solange das Judentum die schriftliche und mündliche Lehre hochhielt und die Juden ihr Leben in Handel und Wandel, in Schule und Haus nach den Ueberlieferungen der Väter einrichteten, waren besondere Organisationen nicht nötig: denn ein Geist und eine Seele erfüllte die Juden in allen Teilen der Erde und die gemeinschaftliche Lösung der jüdischen GesamtheitS-