Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 17 (6.5.1914)
- Date
- 1914-05-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Ein 700.000 Volk — ja gehen wir weiter und sagen wir ein 1 Millionen Volk — und stärker sind die Italiener nicht selbst Fiume hinzugerechnet — genießt in Oesterreich trotz einer starken und offenkundigen Jrrdenta mehr Politische Rechte, als das reichs- und dynastietreuste 2 Millionenvolk der Juden. Die kommende Delegationstagung wird sich auch mit der inneren politischen Arbeit noch zu beschäftigen haben. Namentlich wird die ungarische Nationalitätenfrage den magyarischen Machthabern so manche harte Nutz zu knacken geben. Ja, es soll unumwunden herausgesagt werden, daß der derzeitige ungarische Premier Graf Stephan Tisza allen Ernstes den guten Willen hat, die ungarische Nationalitätenfrage in irgend einer Form zu lösen. Erklärte er doch bereits am 22. Jänner 1914 in einer Budapester Reichstagssitzung: ״Es war ein Fehler der ungarischen Intelligenz — und auch ich schließe mich davon nicht aus — daß sie es versäumte, eine Nationalitätensprache zu erlernen!. Ich werde darauf sehen, daß jeder Beamte, jedSr Richter in Nationalrtätenorten die Sprache der dortigen nationalen Bevölkerung vollkommen beherrscht!" Angesichts der antiösterreichischen und antisemitischen Haltung der rumänischen ״Kulturliga" in Bukarest, müssen wir Juden uns fragen, ob es denn angehe, daß sich Nichtösterreicher in die inneren Angelegenheiten unseres Staats hineinmischen, wie es die Herren Forga, Dr. Henopol et consortes tun, während doch der österreichische auswärtige Minister, in der Herbstdelegationstagung die Interpellation des Grafen Karolyi Mihal betreffend die Rechtlosigkeit der rumänischen Juden mit der Antwort abfertigte: er könne sich in die inneren Angelegenheiten eines fremden Staates nicht einmengen. Doch sollte vielmehr jede österreichische Regierung darauf bedacht sein, sich gerade der Freundschaft des jüdischen Volkes zu versichern. Man kann nicht oft genug betonen, daß wir Juden fast das einzige Volk der Monarchie sind, das in seinem vollen Umfange keine wie immer geartete Jrredenta aufzuweisen hat! Die jüdischvölkische Partei ist die erste österreichische völkische Partei, die eine starke Reichseinheit, aufgebaut auf dem Grundgedanken der völkischen Selbswerwaltung aller Völker dev Habsburger- Monarchie betonte. Welches Volk Oesterreichs könnte mit solchem Nachdrucke von sich behaupten, daß ihm jedwede Spur einer Jrredenta fehle, wie gerade das bewußte jüdische Volk? Und gerade dieses reichs- und dynastietreueste Volk ist das uuterdrückteste und politisch entrechtetste aller österreichischer Völker! Difsicile, satiram non scribere. Kein Volk der Donaumonarchie hatte die Do ut des-Politik so wenig gehandhabt, wie das jüdische Volk! Wir leisten Blut- und Staatssteuer wir kräftigen nach allen uns zu Gebote stehenden Mitteln dieses Reich, wir sehen iN einem kräftigen Habsburgerreiche eine Notwendigkeit Eurovon unserer Gegend vor unsere Betstube gefahreu kam, um seine Jahrzeit zu halten. Nun, wißt Ihr, was er als Tikun mitgebracht hat? Ich sehe Ihr wisset nischt. Ihr mögt hören. Er hat mitgebracht einen ganzen Topf (4 Liter-Flasche) Schnaps. In der Klaus war eine Freude wie zu Zeiten Salomos. Wie heißt? Ein ganzen Topf Schnaps. Das is vorgekommen das erste Mal in meinem Leben, und ich, meine Herren, bin schon kein junger Mensch. Nach dem Gebete ließ ich mir bringen vom Schames ein großes Glas. Als ich dem Olem schon ganz zufriedengestellt Hab, blieb noch für mich ein schöner Anteil in der Flasche zurück. Ich goß mir das Glas voll, rief dem Olem und dem Professor lustig Lechajim zu und setzte es an die Lippen, um zu trinken, doch plötzlich hat angefangen mein kleiner Sohn, Schmul'tche, zu weinen und — weckte mich auf, noch bevor ich einen Tropfen probiert habe." ״Nun sagt, meine Herren", setzte Reb Jizchak hinzu, ״war ich nicht ein Schaute, mit meinein Regiles das letzte Glas zu trinken? Denn hätt' ich m!ir eingeschenkt das erste Glas, hätt' ich getrunken, bevor Schmul'tsche hat angefangcn zu weinen. Gleich in der Früh habe ich das Gelübdc gemacht, von nun an bei Jahrzeiten das erste Glas zu trinken, denn, meine Herren, man kann kein Chochem sein Schmul'tsch« könnte jeden Augenblick wieder anfangen zu weinen..." Pas. Wir Jungjuden sind geschworene Gegner der Knute und der zaröpapistischen Russophilie, verabscheuen und bekämpfen die Unduldsamkeit in allen ihren Formen; bekämpfen die Wirtschaftlichc Ausbeutung nicht minder unter den Juden, als auch unter den Nichtjuden — und trotz all dem sind wir eine politische Nulle; trotz all dem rechnet keine Regierung mit uns; trotz all dem behandelt man uns als eine quantite negligeabel, mehr denn den letzten Volksstamm dieses Reiches. * * * Betrachtet man jedoch die Sachlage genauer, so kann man nicht den Machthabern, nicht den Regierungen die Schuld beimesscn, sondern uns selbst. Denn nostra res agitur! Um uns selbst handelt es sich. Wir Juden Habens bislang keine politische einheitliche Plattform. Die fehlt. Ja noch mehr, es hat de» Anschein, als ob wir solche Plattform gar nicht wünschten. Wenn anders, warum denn hat man noch keinen politischen Parteitag einberufen? Auf welche Tagung die lebensnotwendigsten Fragen der österreichischen Judenheit zu besprechen wären. Ganz gleich ob diese Juden in Oesterreich, Böhmen, Galizien, Ungarn oder Kroatien wohnen. Man komme mir nicht mit den famosen ״staatsrechtlichen" Schwierigkeiten. Der. jüdisch-nationale Gedanke eint uns! Und wenn dieser Satz keine Phrase sein soll, so muß eine zionistische Einheitspartei im Habsburgerreiche existieren. Man berufe doch endlich einmal den Parteitag ein. Man mache jedoch zu diesem Parteitag anständige Wahlen. Man wähle die Tüchtigsten, die Besten nicht aber solche Leute, die nur Marionetten sind in den Händen der Leitung. Man breche doch endlich mit dem uvmoralischen System der Kliquenwirtschaft! Alle zionistischen Parteileute, ganz gleich, wes Standes oder Berufes sie sind, sind gut, sofern sie nur arbeiten wollen! Vor Wochen schrieb ich schon einmal, es wäre mit der politischen Arbeit hoch an der Zeit; man wartete! Die Folge solchen Wartens, solcher Fahrlässigkeit ist heute' bereits in der Gründung einer neuen Partei in Galizien mit den Abgeordneten Reizes und Breiter an der Spitze. Es floß Blut in Galizien für zionistische Kandidaten! Jüdische Familien verloren ihre Existenzen, weil die Familienväter für bewußte jüdische Abgeordnete eintreten. In Kürze jährt sich der Tag, an dem jüdisches Blut für die Anerkennung des jüdischen Volkes auf der Wiener Universität floß — doch wird für die Anerkennung des jüdischen Gesammtvolkes so gut wie nichts getan. Schamesröte steigt uns ins Gesicht, die wir Genossen einer so wenig stolzen und ehrenhaften Generation sind. Schamesröte steigt uns ins Gesicht, weil wir die Nationalisierung der Alten nicht bewirken konnten und noch mehr Schamesröte komme über uns alle, die wir nicht fähig waren und sind, unsere Jugend durch und durch vom völkischen Geiste zu durchtränken. i Zionistische Führer, die mit Emphase und Begeisterung in Versammlungen für die Ehre des jüdischen Volkes eintreten, sind in die Versenkung gefallen; soviele Akademiker, die als Studenten mit dem Schläger in der Faust für Judas Ehr und Wehe einzutreten behaupten, sind von der Oberfläche spurlos verschwunden. Wo sind sie alle? Sie alle, alle hüllen sich in die tiefste Verschwiegenheit, spielen die ״Enttäuschten" und doch sind sie alle nur aus gekränkter persönlich kleinlicher Eitelkeit von der Bildfläche versc^vunden. In wenigen Tagen werden es 10 Jahre sein, seit dem man die sterblichen Reste des verstürbenen Führers am Döblinger Friedhofe m die kühle Erde senkte. Aus der ganzen Welt waren Zionisten herbeigeeilt, um am Grabe des toten Führers, des Schöpfers und Meisters der Bewegung, den Schwur zu leisten: ״Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr!" Und heute 10 Jahre nachher? Wo sind sie alle? Wo? Die sich da am offenen Grabe des Führers verbürgten, die Fahne der Bewegung stets rein und hoch erhoben zu tragen? Wo sind sie? Viele sind fahnenflüchtig, geworden! Sind meineidig geworden einem Toten! Haben die Fahne des Zionismus in den Kot gezerrt und mit Schmutz besudelt, nicht etwa durch ihr Tun, Wohl aber durch ihr Nichttun! 10 Jahre sind seit Herzls Tod verflossen, und ״die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland" ist noch weiter entfernt, als zu seinen Lebzeiten. Die jüdische Landcspolitik vollends steht vor einem vollständigen Zusainmcnbruch!..... Wo sind die Erben, die an! offenen.Grabe den Treuschwur leisteten?. , Das jüdische Wien. Am Montag, den 4. d., gab cs große Sensation: Eine ״öffentliche" Sitzung des Kultusrates. Die Oeffentlichkcit besteht darin, daß die fünfzehn Sitze, die für das Auditorium zur Verfügung stehen, von den Beamten der Kultusgemeinde besetzt werden, und dann noch zioei oder drei Persönlichkeiten zugelassen werden. Der gewöhnliche Sterbliche wird rücksichtslos abgewiesen. Eingangs der Sitzung interpellierten die zionistischen Kultusräte Stricker und Ehrlich bezüglich eines nichterledigten Ansuchens eines Tcmpelbaukomites für den 4. Bezirk und beantragten: die Herabsetzung des Steuermininmms aus 1V K sowie die Festsetzung eines Tarifs für Ehescheidungen, Trauungen udgl., zwecks Verhütung der Mißbräuche, hie in letzter Zeit immer nichr ans Tageslicht kommen. Vizepräsident Dr. Gustav Kohn weist darauf hin, daß die Festsetzung eines solchen Tarifes bereits aus der Tagesordnung der letzten Sitzung gestanden war und wegen vorgerückter Zeit für die nächste Sitzung verschoben werden mußte. Auch die Herabsetzung des Stcuerminimums werde in einer der nächsten Sitzungen behandelt werden. Kultusrat Dr. Leopold Kohn erstattet den Rechenschaftsbericht. Die Gesamteinnahmen belaufen sich rund auf 3,150.000 K, die Ausgaben auf 3,350.000 K. Unter den Einnahmen fungieren die Steuernahmen mit 1,600.000 K, d. i. mehr als 50*jQ der Gesamteinnahmen. Die Verwaltungsspesen betreffen 380.000 Mark und werden im nächsten Jahre (1914) zufolge Vornahme der erforderlichen Gehaltsrrgulierung eine Steigerung von mehr als 100.000 K erfahren also zumindest 500.000 K erreichen. Merkwürdig ist die Steigerung der Ausgaben für Prosclyten (!) -Unterricht, während die allgemeinen Ausgaben für Unterricht sogar kleiner erscheinen als sie präliminiert wurden. Zum crstenmale, seit vielen Jahren, übersteigt Heuer die Einnahmcpost «Spitäler" die Ausgaben dieser Post. Der Verkehr bei der Hauptkaffa belauft sich im Berichtsjahre auf 47.000 Parteien. Die Kultusgemeinde weist 25.000 Zensiten auf. Da der Belegraum der jüdischen Abteilung des Zentralfriedhofes, aus dem im Jahre 1013 ca. 2500 Bestattungcn, davon 1300 gratis, vorgenommen wurden, nur noch für 3 Jahre ausreichen kann, muß im neuen Jahre die Einrichtung und der Ausbau des neuen Fried- Hofes in Angriff genommen werden. Dadurch werden die Friedhofsausgaben besonders erhöht, umsomehr als wegen der territorialen Verhältnissen ein doppelter Beamtensiab werde erhalten werden müssen. In der Debatte über den Rechnungsabschluß bcmängelt Ober-Ingenieur Stricker die Verwaltung der Koschcr-Flcischsteuer. Während der Koscherfleisch-Zuschlag überall einen Ertrag aufweise, bringt er der Wiener Kultusgemeinde ein Defizit von fast 50.000 K. Für dieses Defizit sei umsoweniger Aufklärung zu finden, als die Erhöhung der Einnahmen von den Betsihen und andere Erscheinung doch eine Erhöhung der religiösen Bedürfnisse schließen lasse. Statt einer guten Wirtschaft in diesem Ressort wurde in einer der letzten Sitzung eine Erhöhung der Schlachtgebühr um 50»j0 von 2 aus 3 K beschlossen. Diese Steuer wird keineswegs Abhilfe bringen und wird durch die Abwälzung der Erhöhung auf die Konsumenten nur die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Kultusverwaltung verstärken. — Besonders scharfe Kritik übt Ober-Ingenieur Stricker am technischen Amte. Das Defizit dieses Amtes steigt von Jahr zu Jahr und werde bald ungeheuere Beträge ausmachen. Daran trage nur das Amt, das keinen Leiter hat, Schuld. Der Leiter mache sich nur dort bemerkbar, wo es ihm und dem Amte wenig Ehre, der Gemeinde aber beträchtlichen Schaden bringe. Der schrecklichen Mißwirtschaft in diesem Amte könne nur durch Beste!- lung eines tüchtigen und energischen Fachmannes zum Leiter ein Ende gemacht werden. Vize-Präses Dr. Kohn klärt zur Frage der Erhöhung der Fleischsteuer auf, daß diese keine eigentliche Erhöhung bedeute, da die Fleischer auf anderem Gebiete, nämlich bei Besoldung der Aufscher entlastet werden. Es sprechen noch Dr. Leopold Kohn und Herr Brod der die Angriffe Strickers auf das technische Amt unterstützt. Hoftat Dr. Rappaport hält die Kritik an diesem Amte für vollständig berechtigt, meint aber, daß eine Aenderung nur sehr schwer herbeizuführen sei. Nach einem Referate des Sekretär Engel über das Friedhofs- Projekt wird die öffentliche Sitzung geschloffen. *