Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 17 (6.5.1914)
- Date
- 1914-05-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahra.xv. Erscheint jede» Mittwoch. Nnmmer 17 Iildischk Nxlksstmm. BezugSpre ife: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6*20 ganzjährig. Deutschland, ganzjährig . . - Rußland, ganzjährig . . . . . Kronen 12 — . Mark 12- . Rubel 6-— Balkan, Frankreich. —׳14 Franks . Mit der hebräischen Beilage המצפה Herausgeber: Max Hickl. Buchhändlerische Vertretung: Ott» Klemm, Leipzig. Redaktion und Administration: Brünn. Adlergajse S. Inserate: die tzspaltige Petitzeile 30 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoricrt. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Wien—Budapest. Brünn 0. Mai 1914 lOrunrr, 10 -iar 5874 Prag—Lemberg. Wo bleibt der politsche Parteitag? Ende April 1914. Gustav Lohn. Vor längerer Zeit wurde in diesem gesch. Blatte der Ruf nach einem gemeinsamen politischen Parteitage für die gesamte Donaumonarchie laut. Die Geister waren mit der Sammlung für das hebräische Schulwerk zu sehr beschäftigt, und der Ruf verhallte in der Leere! Nun, will es sich scheinbar doch wenden. Allenthalben sicht man denn doch wieder die '?tot- Wendigkeit einer bewußten jüdisch-völkischen Staatskunst im Lande ein. Uild es ist gut so! Das zionistische Zentralorgan ״Die Welt" brachte seinerzeit einen Artikel vom Gg. Dr. Danicl Paßmanik zur Landespolitik, und stellte den Artikel zur Diskussion. Die Debatte unterblieb. Warum?.Dafür brachte der hebräische ״Haolam" eine Artikelserie zur österreichischen jüdischen Landesarbeit aus der berufensten Feder, über die das jüdisch-politische Oesterreich derzeit verfügt. Auch die ״Jüdische Zeitung" in Wien besann sich darauf, daß sie doch eigentlich die berufenste Mahnerin und Wächterin bewußter jüdischer Staatskunst sei und schrieb zur politischen Landesarbcit jedoch lange nach dem, als sich bereits die ״Jüdische Volksstimme" als einzig deutsch geschriebenes zionistisches Organ darüber ansgesprochen hatte. Ja selbst die Prager ״Selbstwehr" konnte nicht umhin, ihre Blätter denn doch der so verpöhnten Landesvolitik zur Verfügung zu stellen. Und es war höchste Zeit. Auch Gg. Adolf Stand bekehrte sich doch wieder zu seinem früheren Standpunkte und wies auf die Notwendigkeit der Landespolitik hin, erklärte er doch in seinem Interview in der ״Jüd. Volksstimme" von! 1. April 1914 ausdrücklich: ״Wir können und werden diesen doktrinaren Standpunkt nicht teilen (ge,neint ist die Antigolustheorie!) Für mich ist der Zionismus die Verjüngung des gesamten Judentums in geistiger, ökonomischer, politischer, physischer und moralischer Beziehung. Tie Arbeitin den Landesangelenheiten ist undankbar, aber wir können uns derselben nicht entziehen. Sie ist von Nöten!" Wir können mit solchen Anschauungen sehr zufrieden sein. Zuinal sie sich ׳.ni.t den in diesem gesch. Blatte von mir wiederholt zum Ausdruck gebrachten Gedanken vollkommen decken. Und trotzdem ist es so ruhig, wie früher. Die Wiener Gemeinderatswahlen schnitten mit einer vollständigen Niederlage unserer Staatskunst ab. Aber es trat die beschämende Tatsache zutage, daß die jüdisch-völkische Partei allen Volklichen Grundanschauungen zu trotz, ihre Belverber im ersten Wahlkörper aufstellte. Nun wäre ja an und für sich an dieser Tatsache allein nicht viel auszusetzen. Vom Standpunkt einer opportunistischen Taktik vollends kann es ja ganz gleichgiltig bleiben, in welchem Wahlkörper man sich um ein Mandat bewiibt. Wenn inan jedoch bedenkt, wie gerade wir Zionisten uns auf unser volkliches, d. h. demokratisches Programm beriefen, wenn inan weiters in Betracht zieht, daß gerade unser verstorbener Führer Tr. Theodor Herzl über die Börsejuden nicht ain besten zu sprechen war. wenn weiters bedacht werden soll, wie auch wir Zionisten auf jene gewissen reich gewordenen jüdisehen Emporkömmlinge zu blicken pflegten, so bcrührt es einen Parteimann geradezu eigentümlich, wenn er sieht, daß sich die Zionisten gerade unter diesen Juden um ein Mandat bewerben. Die jüdisch-völkische Partei, soll sie eine Volkspartei sein, muß in erster Linie berufen sein, die Forderungen und Belangen des Mittelstandes und unseres Proletariats zu wahren. Zu diejein Zwecke heißt es denn doch, die Richtlinien einer gesunden völkischen Politik zu ziehen. Ter ״jüdische Nationalverein für Oesterreich" in Wien kann sich nicht einmal dazu einporschwingeu, seine ordentliche jährliche Haupt- Versammlung einzuberusen, um endlich einen Rechenschaftsbericht über eine fast 2jährige Geschäftstätigkeit vorzulegen. Die in: Jahre 1912 in Wien tagende politische Konferenz hatte bereits vor 2 Jahren einen Parteitag in Aussicht gestellt, für ganz Oesterreich - und die Anbe raumung dieser so hochwichtigen politischen Be ratung unterblieb bis heute. Glauben denn unsere leitenden Herren wirklich, daß es so weiter ginge? Glauben vollends unsere politischen Parteifreunde in Galizien und der Bukowina, mau könne bewußte jüdische Arbeit in Oesterreich vollführen, ehe das ganze Volk der Juden in der Habsburger Monarchie geeint sei? Wie lange soll es denn noch danern, daß das 2 Millionenvvlk der Inden in der Donaumonarchie ohne politische Vertretung bleibe? Tie kürzlich in Abbazia startgehabte Entrevue zwischen dem italienischen auslvärtigen Minister Antonio di San Gniliano und unserem Minister für auswärtige Angelegenheiten Herrn Leopold Grafen Berchtold drehte sich, wenn nicht alle Anzeichen trügen, denn doch stark um innere Augelegenheiten. Und wenn ein 790.99t) köpfiges italienisches Volk in Oesterreich vor einem 7 Milli oneu umfassenden südslavischen Volk begünstigt wird, so ist es sehr schlecht um die österreichische Staatskunst bestellt. Feuilleton. Reb Jizchak Dajan. Reb Jizchak Dajan tvar nächst dem Rabbiner, den er substituierte, die angeschendste und geachtetste Persönlichkeit des Städtchens B. Man schätzte an ihm seine unrfassende und erschöpfende Talmudgelehrtheit und seine Erfahrenheit in weltlicher Beziehung. Man rühinte ihm nach, er sei der beste Politiker der Welt, was zwar angezweifelt werden kann, da der Gesichtskreis des Städtchens B. für politische Ereignisse noch ein zu enger war, immerhin verdiente er diese Bencnnung, sobald es sich um Gemeindeangelegenheiten des Städtchens handelte, die oft alle Gemütcr in Erregung hielten, denn Reb Jizchak verstand es, die verwickeltsten Kehilafragen in glatter Weise zu lösen. Nicht umsonst sagte man, Reb Jizchak sei ein Weltchochem. Seinen aus gegenseitigcr Einigung basierenden und schiedsrichterlichen Entscheidungen.maß man einen sehr hohen Grad von Vollkoinmenhcit bei. Seine Umsicht und Weisheit war so groß, daß, wie man sich allgemein erzählte, nach dem geschlichteten Prozeß keine einzige Partei unzufrieden davongegangen sei. Diese hervorragenden Eigenschaften brachten ihm nebst der allgemeinen Verehrung manche Ehrenämter in B. ein, und zwar fast alle jene, die nicht dem Rabbiner gesetzlich oder etikettemäßig zukommen. Darunter befand sich ein Amt, welches ausschließlich Privilegium unseres Reb Jizchak Dajan war. An Jahrzeiteu ward ihm stets die Aufgabe zuteil, den Tikun Schnaps an die Anwesenden zu verteilen. Hierbei beobachtete er immer die Ordnung, sich zuletzt zu bewirten, wobei er die weise Vorsicht übte, in der Flasche einen Inhalt zurückzulassen, der genügte, mehr als ein Gläßchen zu füllen. Eines Tages — es war eine Jahrzeit — geschah etwas Unerwartetes. Anstatt wie man es gewohnt war der letzte zu sein, schenkte Reb Jizchak sich das erste Gläßchen ein, und begann erst dann den übrigen Tikunschnaps an die am Minjan Teilnehmenden zu verteilen. Alle Anwesenden stutzten. Diese Ausnahme von der Regel verblüffte geradezu. Man lmtte nicht erwartet, daß ein stich konservativer Mensch, wie Reb Jizchak Dajan von den eininal gefaßten Gewohnheiten, von der alten Lebensweise und Führung, selbst bei dem geringfügigen Anlasse auch nur um ein Haar breit ablveichen werde und doch .... anstatt des letzten Gläschens schenkte Reb Jizchak das erste ein, sagte ״Lechajiin" und trank es. . Jeder zeigte ein verwundertes Gesicht. Man winkte sich im Stillen zu. doch niemand wagte, den geachteten Dajan zu interpellieren. ״Er hat wahrscheinlich seine Gründe dabei", dachte sich jeder, und damit schien die Angelegenheit vor- Lerhand abgetan. Doch Reb Eli. der jüngste Ei dam des Rosch-ha-.Nohol brachte Reb Jizchak nicht jenen besonderen Respekt, dessen er sich im ganzen Städtchen erfreute, entgegen. Er erbob sich von seinem Platze und richtete an ihn, envas lächelnden Tones, folgende Ansprache: Ihr werdet mir hundertmal meine Frage verzeihen. Reb Jizchak, aber etwas muß doch an der Sache sein, daß Ihr heute die Geivolmheit geändert ״Wenn es der Versammlung genehm ist, die Ursache zu hören, werde ich es ihr sagen." erwi derte Reb Jizchak. ״Wir!volle» hören, wir!vollen hören", stürmte es von allen Zeiten. ״Nicht so voreilig", sagte Red Jizchak. Bei einem solchen Geräusch hört man fast das eigene Wort nicht." Der Lärm legte sich allinälilich: in verhältnismäßig kurzer Zeit trat außer dem unver meidlichen Räuspern und Husten vollständige Ruhe ein. ״Durch einen Traum", begann Reb Jizchak. indem er seinen langen Bart ׳,wischen dem Tanmen und Zeigefinger nahm und ihn sanft glät tote, ״bin ich zur Vernunft gekommen, daß meine^ Gewohnheit, das letzte Glas zu trinken, mir Schaden verursachen kann. Es hat mir nämlich geträumt, daß ein reicher Gutsbesitzer