Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1914-04-30 · Heft 16 (30.4.1914) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 16 (30.4.1914)
Date
1914-04-30
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2621806-2621897-2621913--2772-2623898
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 10. _ ___״Jüdische Volksstimme".!Kr. 16. Die radikale demokratische Partri. Lrmbrrg,die neue nationale Zeitung berichtet. Am 2. und 3. Mai wird hier ein von den Rcichsratsabgeordiicle» Breiter und Reizes cinbcrufencr 5tongrcs; bebufs Bildung einer neuen, radikal—dcmokratifetten Partei siarifindcu. Diese neue Partei und die mit ihr zusammenhängende Bewegung verdienen gerade von jüdischer Leite besondere Aufmerksamkeit. Die Person ihres Führers, Erncsl Breiter, der stets in der selbstlosesten und unerschrockensten Weise für die politischen und wirtschaftlichen Interessen der galizischen Juden eingeircten ist, bürgt dafür, dag hier die Juden nicht, ivie es bei den anderen sich ״judcnfrcundlich" nen ncndcn Parteien der Fall ist, bloß politisch ausgebeutct, vor den Wahlen umworben und nach den Wahlen vcrflogen werden, sondern, dag die Juden die Möglichkeit haben lverdcn, innerhalb dieser neue» Organisation als gleicher politischer Faktor mitzuwirken und teilzunelunen. Eine politische Organisation der galizischen Juden besteht bisher überhaupt nicht. Sowohl die Zionisten als auch die Assimilantcn erscheinen nur nur tvährend der Wahlperiode mit jüdischen Schlagworten aui der Oberfläche, um Mandate an sich zu reißen. Rach deit Wahlen kümmern sich die Zionisten nicht mehr niu die , Landcspolitik" lind die Assimilantcn bestreiten die jüdischen Interessen- So ergibt sich nun für die galizischen Juden die Notwendigkeit, sich mit den wahr- Haft freisinnigen Elementen der polnischen Nation zu alliieren lind auf Basis der Koordination ihre Rechte zu ivabren. Gerade die jctztigen Verhältnisse, da sich im polnischen Lager der Antisemitismus immer mehr als ״Bonkott" ausbreitet und auch die Ruthcncn, nachdem sie neue nationale Vorteile errungen haben, den Juden gegenüber sich nach reservierter verhalten, legen den Juden die taktische Pflicht auf, in anderen Lagern Freunde und Verbündete zu suchen, respektive die wahr- Haft freisinnigen Elemente der beiden anderen Nationeu zu fördern. Im übrigen bereitet sich in Galizien eine neue politische Konstellation vor. Stapinski, dem nach dem Austritt aus dem Polcnklub nur wenige Abgeordnete der Volkspartci gefolgt sind, während die übrigen in das klerikale, christlichsozialc Fahrwasser eingelenti haben, ist noch immer Führer der Volkspartci, und er hofft, bei den bcforstchenden Landtagsivahlcn die Mandate der Partei nur mit seinen Anhängern zu besehen. Dann werden sich um ihn , der von den kleritalcn und antisemitischen Allpolcn aufs heftigste bekämpft 1v!rd,nuch alle anderen demokratisch—oppoftionellcn Parteien gruppieren. Bei dieser neuen Gruppicrung ivürdc ziveifellos der radikal—demokratischen Partei eine tvichtige Rolle zufallen. Richtigstellung. Von den Leitern des Vereines ״Tnickija" in Krakau!verdcn wir ersucht scstzuslcllcn, dag die in der vorigen Nummer des ״Jüdischen Leben" gebrachte Notiz über den hebräischen Abend ans einer falschen Information beruhte. Dieser Verein ist nämlich ei» rein zionistischer, und veranstaltete den in Rede stehenden Abend absichtlich in jüdischer Sprache, was auei die betreffenden Plakate ausdrücklich ankündigicn, so dag von einer Aendernug des Programmes zu Ungunnen der hebräischen Sprache keine Rede sein kann. Die Redaktion. Zum Jubiläum David Frischmanns. Die Festveranstaltungen zu Ehren des jubilierenden SchrittsteUres David Frischmaun nehmen in Rußland einen imposante» Ebarakter an. In Hunderten von Städten werden Tag für Tag Festabende zu Ehren Frisckmanns veransialtcl n>!d auch ganz spontan Geldsammlungen zu dem Zwecke eingelcitct, um dem gcfcicrten Publizisten ein Nationalgeschenk zu überreichen. Besonders feierlich ivcrden sich diese festlichen Veranstaltungeu in Lodz, dem Geburtsorte des Dichters, und in Warschau, dem gegemvärtigen Wohnorte FrischmannS gestalten. In beiden Städten lverdcn weitgehende Vorbereitungen für dieses Jubiläum getroffen. Frischmann, der überdies bisher schon ungezählte Glückivunschtclegramme und Zuschriften in allen inöglichcn Sprachen erhalten bat. wird tvahrscheinlich an den ihm zu Ehren zu veranstaltenden Jubelfeiern in Lodz und Warschall persönlich teil nehmen. Gegen verdorbenen Magen, Darmträgheit und Gicht. ״Sternhofer Bitterwasser1 Mild, doch zuverläßüch. Sternhof. PostSokolnitz bei Brünn. Verbreitet die ״Jüdische Volksstimmc'." Literatur. Das Buch Jrremia. Ucbcrsetzt und erläutert von Tr. Joseph Breuer. Sänger und Fricdbcrg, Frankfurt a M. 1914 Preis brochicrt 7 Mark, gebunden 8 Mark, 397 Seiten. Tic einzig in ihrer Art dastehende, von S. 91. Hirsch begründete und von seinen Söhnen und Enkeln fortgesetzte Bibelscgcn!wir erinnern blos an ״Jesaja von Julius und die ״fünf Rollen" von Dr. Raphael Breuers hat eine überaus wertvolle Bereicherung erfahren. Tr. Josef Breuer, gleichfalls ein Enkel des großen Lehrers hat durch sein soeben erschienenes Werk den Beweis erbracht, daß nicht nur er in die Fußtapcn seines unsterblichen Großvaters getreten ist, sondern daß auch die ganze von Hirsch begründete Richtung, dis neue Orthodoxie, stetig an Boden gewinnt. Wenn auch begreiflicherweise die Größe Hirschs selbst nicht erreicht ivcrden kann, so spricht aus dem Werke die gleich hohe sittliche Auffassung und der gleiche scharfsinnige und dabei doch gcmutstiefc Gcdankengang, welche dessen Werke kennzeichnen und uns so kostbar mache». Dazu hat sich der Verfasser ein überaus schwicriges Thema gewählt, denn daS Buch des Propheten Jercmias ist reich an schwcrvcrständlichcn Stellen, zu deren richtigen Ucbcrsetzung und Erklärung ebensoviel Geist als echtjüdischcs Gemüt gehören. Diesen schwierigen Anforderungen ist Tr. Breuer vollauf gerecht geivorden. — Wie wohltätig dieses Werk von den durchschnittlichcn Neuerscheinungen absticht und wie türmhoch es über das steht, was als moderne Bibclcxcgcsc bezeichnet wird, muß jeder schon nach der Lektüre der erste» Seiten empfinden. Der Wert des Buches liegt darin, daß es einem immer tvcrtvollcr erscheinen wird, j< öfter man cs liest. Besonders sei cs allen Eltern anempfohlen, die ihre Kinder vor dem leider so rapid um sich greifenden religiösen Verfall schützen wollen. Lobend bcrvorgehobcn sei auch die gediegene, dabei vornehme Ausstattung des Buches. Der Verfasser hat mit der Herausgabe dieses Werkes den 25. Jahrzcitstag S. R. Hirschs am würdigsten gefeiert. Wir hoffen, daß der 30. Jahrzeitstag des großen Meisters dadurch gefeiert werden tvird, indem dessen dann frcigewordene Werke in einer wohlfeilen Volksausgabe den jüdischen Kreisen näher gebracht werden. Blau-Weisi-Liederbuch. Hcrausgcgeben von der Führerschaft des- Jüdischen Wandcrbundcs ״Blau-Weiß", Berlin. Preis in Leinen gebunden 80 Pf. Jüdischer Vcrlag, Berlin 1914. Die jüdische Wandcrbcwcgung gibt mit dem vorliegenden Büchlein Kunde von ihrem Wirken und Wollen. Gerade in diesem Augenblick wird man dieses Hervortrctcn begrüßen müssen. In der deutschen Wandcrbcwcgung macht sich eine lebhafte antisemitische Propaganda bemerkbar, die vielfach zu einem Ausschluß der Kinder geführt und in der bekannten Broschüre ״Deutsch oder National" einen klaren Ausdruck gcfunden hat. Hier haben nun die Wanderbünde ״Blau-Weiß" eingesetzt. Sic allein können der jüdische» Jugend eine Stätte bieten, in der diese die Wanderlust pflegen kann, ohne täglich fürchten zu müssen, daß man sic in ihren Gefühlen auf eine brutale Art verletzt. Die jüdischen Wanderbündc haben von der nichtjüdischcn Wanderbc- Ivcgung alle Vorzüge mit übernommen: Alkohol- und?iaiichvcrbot, Pflege eines gesunden Naturgcfühls und nickt zuletzt des Gesanges. Tas vorliegende Wandcrbuch beiveist, ivclch frischer Zug d'ie noch junge Wanderbc- Ivcgung durchweht. Ter Stoff ist in vier Abtcilungcu gruppiert. Tie erste Abteilung, Freiheitslicdcr, enthält die schönsten Lieder des sich auf sich selbst besinnenden Judentums. In der zweiten Abteilung sind die besten jüdischen Volkslieder enthalten. Tie schönsten deutschen Volkslieder sind als ״Allgemeine Volkslieder" in der dritten Abteilung vereinigt. ״Rastlicdcr" heißt die vierte und letzte Abteilung. Im ganzen finden wir in dem Licderbuch mehr als hundert Lieder mit zugehörigen Noten. Tic Zusaminenslcllnug kann als eine gelungene bczcichnet werden. Es war das Bestreben der Herausgeber, nur Echtes und Tiefempfundenes zu bieten. Der üblichen Vcreinspocsic mit ihrem billigen Pathos sind sic nach Möglichkeit aus dem Wege gegangen. Die Ausstattung ist praktisch und geschmackvoll. Dünnes, aber kräftiges Papier, klarer Druck, solider Einband, sinnige Titelzeicknungen. So ist denn zu hoffen, daß das ״Blau- Weiß-Liederbuch" der Wandcrbcwcgung, die in der jüdischcn Jugend Deutschlands und Oesterreichs so erfreulichc Fortschritte gemacht bat, neue Freunde werben wird. Bücher für Frauen. Wir haben einmal schon an dieser Stelle l Siebe Jüdische Volksstimmc 191k, Rr. 34) über Prcntice Mulford und sein köstlickcs Buch ״Der Unfug des Sterbens" gesprochen. Dies Buch, das vom Sterben zu handeln vorgab, war in Wahrheit eine An- Icitung zu einem glücklichen, harmonischen Leben. Eine Anleitung zum .Kampf gegen die tausend widerwärtigen Kleinigkeiten des Lebens, die uns ärgern, uns um die gute Laune und Arbeitsfreude bringen. Mulford mobilisicrt dcu Menschen gegen diese seine ärgsten Feinde: gegen die Unrast, die Zerstreutheit, die Abhängigkeit von freinden Meinungen, von der Meinung der Gesellschaft gegen die Thranci der Moden. Ein Knigge zum Umgang mit Dingen" so nennt die Herausgeberin Mulfords die Schrift, die sic jetzt dem, ״Unfug des Sterbens" folgen läßt. (Prcnticc Mulford, der Unfug des Lebens. Unfug des Sterbens zweiter Teil. München, Albert Langen M. 1.50). Wir nennen Mulfords Bücher unter den Büchern für Frauen: nicht weil sie nur für Frauen geschrieben wären aber weil gerade Frauen unter der ״Tücke des Objektes", den Aergerlichkciten des Alltags am meisten leiden. Ihnen ist Mulford ein Befreier. Wie amüsant und fein weiß er z. B. von den überflüssigen Einkaufsorgcn, von all den Dingen zu plaudern, die wir zu.besitzen glauben und die in Wahrheit uns bcsitzen, weil wir uns in unserer Dummheit zu ihren Sklaven machen. Wir wollen uns in unserem Leben mehr Freiheit schaffen! Und wenn schon uns die Freiheit nottut, wie die Luft, die wir atmen, dann umsomehr unseren KiiHcrn. Von der Freiheit der Kinder handelt ein schönes Buch, das Hulda Maurenbrecher kürzlich im Verlage Ernst Reinhardt in München erscheinen ließ: ״Wachstum und Schöpfung. Neue Eltcrngcsinnung und Kindcrführung". (151 SS.) Das Buch spricht vom wollenden, tätigen, gestaltenden, fragcndcm Kinde, von Kindcr״fehlcrn" — der Lüge, Nasch- Hastigkeit, Unrcinlichkcit — von Knabcnspielen und Mädchcnspielen, von Beispiel und Gewöhnung. Immer von einzelnen Beispielen des Tages ausgehend, zeigt Hulda Maurcnbrccher, wie man den Willen des Kindes und sein Frciheitsgcfühl entwickeln und pflegen soll, ohne cs deswegen zu verhätscheln, indem man das Kind nicht übcrslüssigcrweisc daran hindert, seinen Willen durchzusctzcn, dafür aber dem Kinde auch. die Folgen nicht erspart, die es auf sich nimmt. Will cs sein Spielzeug zerbrechen — gut; aber cs kriegt einige Tage kein neues. So gewöhnt sich das Kind an Verantwortung und an das große Kausalgesetz, das unser Leben beherrscht. Wir möchten das Buch jeder Mutter kleiner Kinder in die HanS geben. — Wir haben in unserer Rundschau über Bücher für Frauen schon des öfter» auf die einzelnen Bände der Sammlung ״Die Kunst in Bildcrn" des Verlages Eugen Dicdcrichs in Jena hingewiesen. (Siehe ״Jüd. Volksstimmc" 1910, Nr. 25, über Ernst Heidrich, ״Die altdeutsche Malerei", ״Jüd. Volksstimme" 1913, Nr. 15, über Hanns Schulze, ״Das Weiblichc Schönheitsideal in der Malerei"). Nunmehr erschien ein neuer Band der Sammlung: ״Vlacmische Malerei", 200 Abbildungen. Mit geschichtlicher Einführung und Erläuterungen von Ernst Heidrich. (In Pappband M. 0.—) Das Buch, dessen Herausgeber den Frcmden der Sammlung bereits von den Bänden über altdeutsche Malerei und altniedcrländischc Malerei wohlbekannt ist, hat die Vorzüge der früheren Bände: Handliches Format l im wohltätigen Gegensatz zu den SammlUngcn früherer Jahre, die man sich nicht ansehen konnte, wenn man nicht zum großen Eßtisch gehen wollte, kann man in diesem Bande in jeder Sofaecke blättern), treffliche Reproduktionen und die Auswahl der überaus trefflichen Bilder so vorgcnommcn, daß die unbekannten Bilder bevorzugt sind. Wo bekannte Bilder gebracht werden müssen, bringt das Buch Details, die gewöhnlich übersehen oder nicht genügend beachtet werden, in gesonderten Reproduktionen. Der vorliegende Band enthält besonders viele Reproduktionen nach Rubens und Van Thck, daneben Bronovcr, Tcnicrs, de Vos, Jordacns, Elshcimer, Snydcrs, Pourbus, Brueghcl, Floris und andere. Auch dieses Werk sei den Frauen bestens empfohlen. Tic Stc()t der Lieder. Roman von Martin Brusot. (Erschienen im lkcnicn—Verlag Leipzig, M. 6. in Lein. M. 7.50). Zu den vielen Künstlcrromanen letzter Tage ist ein neuer dazugckommcn. Rudolf Hans Bartsch hat bereits in seinen Roman ״Schwammerl" dem unsterbblichen Liedcrmcistcr Franz Schubert ein liebevolles Denkmal geweiht, lind nun hat auch Martin Brusot diesen gottbegnadeten Sänger schlichter und cmpfindungstiefer Lieder in den Mittelpunkt seiner Romandichtung ״Die Stadt der Lieder" gestellt. Und neben Schubert ragt Bccthowens Gestallt aus dieser Dichtung mächtig empor. Gleich zwei breiten, tiefen Strömen ziehen beider Lcbcnshistoricn hier nah beieinander vorbei. Gar viele literarische und politische Größen des alten Wien kommen diesem Buche zu Worte: Grilllparzcr, Körner, Raimund, Schlcgl, Baucrnfcld, Lanner, Strauß und viele andere. Also eine durchaus intcressantc Gesellschaft. Und die historischen und politischen Geschchnissc umkrankcn dies alles und gestalten cs zu einem bunten, vielfältigen Ganzen. Das alte Wien ersteht in diesem Buche wunderbar vor uns, und alle seine Sitten und Gebräuche, sowie die Leiden und Freuden der damaligen Wiener. Es wird da viel musiziert und gesungen. Alles trägt hier redlich dazu bei, um

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.