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Jüdische Volksstimme · 1914-04-30 · Heft 16 (30.4.1914) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 16 (30.4.1914)
Date
1914-04-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 16. ״Jüdische BolkSstimme" Seite S. tern Nathan Birnbaums getragen ist — ihm eine große Schuld abzutragen, gegen ihn und sich selber eine heilige Pflicht zu erfüllen hat-. Wird diese Schuld, wird diese Pslicht jetzt erkannt werden, werden die, die es angeht endlich einsehen, daß die großen und Ewigkeitsmenschen zu selten unter uns sind, als daß sie dem Unverstand und der Kleinlichkeit der Zeit geopfert werden dürften — dann wird sicherlich dem Volke die gesamte Produktivität eines seiner genialsten Söhne nicht länger vorenthaltcn bleiben. Die Entwicklung. Uns heutigen sind zionistische Gedankengänge selbstverständliche, ja etlichen unter uns sogar schon überwundene Dinge. Wir waren schon nicht mehr Zeugen der schweren Kämpfe, unter denen die zionistische Ideologie geworden ist und gehen daher meistens allzuschnell an der Tatsache wie an einer Selbstverständlichkeit vorüber, das Acher der jüdischen Intelligenz die Fundamente zu ihrem nationalistischen und nationalen Denken gegen ihren Willen und den der Zeit legte. In Wirklichkeit hat aber schon diese geistige Leistung Achers etwas Phänomenhaftes an sich. Man bedenke, daß ihn nicht der Antisemitismns ins jüdische Lager zurückgetrieben hat. Und man stelle sich dazu das Wien der 80er und 00er Jahre vor. Plötzlich wirft ein junger Jude Worte in die gefälligen Tagesmeinungen hinein, die wie aus einer anderen Welt kommen, natürlich nicht verstanden und, als >.nan anfing, ihre Tragweite einzusehen, überall abgclehnt werden. Bis sich ihr greifbarster Sinn durchzusetzen begann, während ihre Tiefsinnigkeit noch bis heute vielen verschlossen geblieben ist. Wie weit war da Birnbaum dem Denken seiner Zeit vorausgeeilt! Und als die Frucht seiner langjährigen. Praktischen und denkerischen Bemühungen aufgegangen war, ein großer Teil der jüdischen Intelligenz auf dem Wege ging, den er als Erster gebahnt hatte — da findet er für sich schon neue Aufgaben, neue Wirkungskreise. Die Ansätze hierzu lassen sieb allerdings schon in seinen ersten zionistischen Schriften Nachweisen. Nirgendwo bcoeanet man dort jener Lcbensabgcwandheit und blassen Abstraktion, in die fttfi manche svätere Theoretiker verrannt haben. Sein äußere.?- wohnlich intensiver Kulturinstinkt, der zu deu wesentlichen Seiten seines theoretischen Denkens gehört, hat ihn davor bewahrt. Er war 'zu viel ,Künstler, um das Leben schematisieren zu könneu. Immer war in ihm der Drang rege, zu den Duellen des Lebens hinabzusteigen und das unfruchtbare rationalistische Denken der Zeit zu überwinden. So erkämpfte sich Birnbaum Schritt um Schritt Znaana zu der Welt des jüdisch«״׳ Ostens. Und vielleicht war es gut so. daß er nicht mit alltäglichen, abgestumpften Angen an diese so lange verachteten Gebiete jüdischer Genttnnq und .Kultur herankam. sondern an ihnen die Erlasen des?-'culandbetreters erlebte. Denn nur so konnte er die jüdische Intelligenz, im Osten wie im Westen, die Ehrfurcht vor der (Kröne dieser einfachen Dinge lehren. In all diesen Jahren, da Birnbaum dem indischen Intelligenten sein Volk ne» entdeckte, hat er die geistigen mente geleat, ans denen die nationalen Parteien erst weiterbauen konnten. miteinem schwarzen Kaftan und einer Samtkappe, fast wie die geistlichen Herren sie trugen. Und es kamen viele, die man nie gesehen hatte. Und als die Glocke das Viertel vor, zehn schlug, da öffnete sich droben am alten .Kirchlein die Pforte der Sakristei und heraus trat der greise Pfarrer in Biret und Soutem das Brevier in der Hand. Er schritt langsam den Waldweg hinan. Mir hat der alte Jäger die Geschichte erzählt, als ich von der Forstverwaltung den Abschnß in der Oberndorfer Enklave erstanden hatte. Wir kamen an eine Lichtung, auf der ein wuchtiger behauener Stein unter jungen Fichten lag. Als der Alte seiner ansichtig wurde, da nahm er den verwitterten Hut in die Hand, schllig das Kreuz und murmelte ein Gebet. Zwei Tröpflein stahlen sich in den struppigen Bart und er brachte mit seiner rauhen Stimme hervor: ״Er war a Jlld, aber a guater Herr!" Bemerkenswert ist, wie unbeirrbar speziell breite Schichten der national-jüdischen-sozialistischen Bewegung zu Birnbaum stehen, trotzdem Differenzpunkte genug vorhanden sind und obwohl er selbst sich niemals mehr, seit seiner zionistischen Periode, auf Parteiprogramme feitgelegt hat. Das ist kein Zufall, sondern der Ausdruck dafür, daß in diesen Massen, nlit ihren noch nicht skeptischen und journalistisch angekränkelten Hirnen das instinktive Verständnis für die große geniale Persönlichkeit noch ungebrochen lebt. Im übrigen ist nichts verkehrter, als der hie lind da auch gemachte Versuch, den nachhaltigen Kampf Dr. Birnbaums für das Ostjudentum als eine bloße literarische Ehrenrettung des Iiddi'-bcn hinzustellen. Denn zu den markantesten Zügen dieses Mannes gehört gerade seine unverhohlene Abneigung gegen das Literatentum. Das Ethos der Tat ist in ihm von jeher viel zu mächtig gewesen. Und darum ist er ja wohl auch seinen Weg zu Ende gegangen und hat in vorgerückten Jahren und trotz störender Widerwärtigtesten das Jiddische zu lernen begonnen und so weit erlernt, daß er heute unter die besten Schtifsteller in dieser Sprache gezählt wird. Seine Neigung für das Jiddische war auch keine Reaktion auf den Hebraismus oder gar auf die russifizicrende Assimilation, sondern nur ein Ausdruck seiner großzügigen Konzeption des jüdischen Ewigkeitsproblems. Er ist darum auch nicht bei eiuem einseitigen Iiddischismus stehen geblieben, die Kurve seines Denkens erhebt sich vielinchr immer höher und höher über ihren Ausgangspunkt. Bei seinem heißen Bemühen, die ״gegenwärtig wirkenden und lebenden jüdischen Volkskräfte" immer besser und vollständiger zu erfassen, ist er zur Bejahung des religiösen Genies Israels gelangt. Für den Sinn dieser seiner jüngsten Entwicklung sind übrigens die Schlußtvorte einer ungedruckten Selbstbiographie bezeichnend, die nun auch hier an den Schluß gesetzt sein mögen: ״Ich habe nun meineni früheren Nationalismus vollständig den Abschied gegeben. Aber ich möchte benlerken, daß ich auch auf diesem Gebiete von den Ostjnden und ihrem lebendigen Volksorganismns alles erwarte und daß ich mich in keiner Weise, weder in der Theorie noch in der Praris, von den nationalen Knlturbestrebungeu des Ostjudentnms entferne. Für mich sind die Ostjuden die lebendige und das Volk lebendig zu erhaltende Hauptmasse des jüdischen Volkes, das ein Gottesvolk. aber auch ein Volk ist, das niemals Nichtvolk sein kann und darf." CARL BUCHTA Brünn Großer Platz Nr. 20 K lavier- Etablissement Größtes und reichhaltigstes Lager von Klavieren- Pianlnos und Harmoniums des In- Auslandes sowohl zum Verkaufe als auch leihweise zu den kulantesten Bedingungen. Beeideter Sachverständiger. Judenkinder. Brünn, April 1014. Artur Wriin, Von Iudenkindern soll hier gesprochen werden, von Geschöpfen, die das Erbe, Jude zu sein, auf Schritt und Tritt hart zu fühlen bekommeu, denen die rohe Behandlung der Welt in früheren Jahren die Lebenslust nimmt und in ihnen den knospenden Stolz erstickt, das stolze Bewußtsein, zu einer der ältesten Nationen zu gehören, die der Welt Sitte gelehrt. Täglich, wenn ich nach Hause gehe, begegne ich einigen Iudenknaben. Ich erkenne sie an dem tieftraurigen, melancholischen Blick. Aus diesem Blick lese ich so viel jammernde Klagen, treffen mich so viele schüchterne Bitten, daß es mir in der Seele weh tut. Ganze Geschichten wissen diese beredsamen Indenaugen zu erzählen. All die niedergerungenen Seufzer, all die Sehnsuchtsqual der Ahnen schein in ihnen verkörpert zu sein. Aber auch ein Suchen lese ich in ihnen. Ein Suchen nach etwas^den Kindern Undefinierbaren, nach etwas sonnigen, Glücklichen, das Zufriedenheit brächte... Die Kinder suchen nach dem Judentum. Sie ühlen sich als etwas von der Außenwelt behan- >elt, das sie nicht zu sein scheinen, weil man es ihnen nicht gab. Das jüdische Kind besucht Schulen, in denen es nur fremdnationale Werte preisen hört. Der Lehrer, von dem Prinzip dttrchd-rungen, gute Deutsche oder Tschechen lwranzubilden, die Seele einer Schutzbefohlenen mit Liebe für ihr Volk zu durchtränken, bemüht sich, durch näheres Eingehen auf wichtigere national-geschichtliche Ereignisse, Begeisterung in den Herzen der Kleinen hervorzurufen. Da wird zum Beispiel in den deutschen Schulen von ׳Hermann, dem Deutschenöefreier und seinen Kämpfen erzählt und die Angen der Schulkinder leuchten Begeisterungsfeuer. Und »vährend dessen sitzt der blasse, schwarzgelockte Iudenknabe mit verschränkten Armen ixt׳, stickt unverständig den erzählenden Lehrer an. der oft für ihn keinen freundlichen Blick zu verwenden weiß. Es ist ja ein Iudenjunge! Aber andere Kinder werden von dem Feuer der Kollegen mitgerissen, sie empfinden beim Hören all der Erzählungen dieselbe Begeisterung, wie ihre nichtjüdischen Kollegen. Was Wunder, wenn so Verleugnung der jüdischen Art großgezogen wird. Und besucht der jüdische Knabe dann den Religionsunterricht, wo er allein Gelegenlx'it hat, über Ereignisse der jüdischen Geschichte näher aufgeklärt zu werden, wo er jüdische Begeisterung schöpfen könnte, wenn er von Mose, Iosua, Juda Makabi, Bar Kochba hört, ist er enttäuscht. Der Religionslehrer versteht nicht, die Kinder zu Inden. zu begeisterten, stolzen Juden zu erziehen, weil — er es selbst nicht ist... Und das ist nun die Tragik des jüdisch״״ Kindes: Von der Natur mit äußeren und inneren Zeichen jüdischer Art beschenkt, ist es gezwungen. Fremdes als Eigenes betrachten zu lernen. Und dabei muß es den Haß der andern empfinden. Seine Nassen Veranlagungen lassen aber das Kind nicht vollends den OK׳ist dieses Fremden erfassen. Von rein Jüdischem wird ihm aber auch nichts einaevräat - und so wächst der Knabe in der Wurzellosigkeit seines Empfindens auf. Sind das die Znkunftskämpfer unserer Freiheit, ist das die geschlossene Gruppe junger Inden, die im Stolz aufwachsen soll, nin einst den begonnenen Kampf um freies jüdisches Lebcn auf geweihtem Boden fortzuführen? Nein! Und abermals nein, wenn wir uns nicht allen Ernstes darum sorgen, die Kinder so tu erziehen, wie es ihrer Veranlagung und nnserem Wollen geziemt: jüdisch in jeder Beziehung. Keine Negnng der jüdischen Eigenart darf unterdrückt werden, es wäre ein Ve׳bre-h-׳n an unserin Volkstum. Im Gegenteil, die latente, B e g a b u n g e », welche in dem Kinde ruhen und förmlich nach Pflege rufen, müssen mehr und mehr zur Entfaltung gebracht werden. Geschieht dies nicht recbt'eitig. so verkümmern diese Nessenbeool״1׳men: die Seele des Kindes, nicht fähig, auf einmal voll und ganz; das Fremde zu erfassen, verkümmert dann. Aber dieses Indische der Kinderseele muß sich auch in einer Form ausdrücken, die dem Inhalte entspricht. Das Kind, das dem Ideal eines vollen und ganzen Inden möglichst nalie kommen muß, darf seine Bildung nicht in einer fremden Sprache lernen, die seinem Wesen nicht angepaßt ist. Wenn die Sprache wirklich das Gefäß ist. nach dem sich der Inhalt leicht formen kann, so darf auch die Sprachenfrage bei der Erziehung des Kindes nicht außer Acht gelassen werden. Das jüdische Kind muß hebräisch unterrichtet werden. Ich weiß, daß selbst im zionistischen Lager in dieser Beziehung keine große Hoffnungsfreude herrscht: man hält hebräische Schulen in der Diaspora für einen unerfüllbaren Traum, weil ״das Leben" dagegen sei. Das Leben? Ja glaubt man den», daß, wenn hebräische Schulen bestehen werden, keine andere Sprache gelehrt werden darf? Und selbstredend müßte man die Landessprachen in sehr, sehr gründlicher Weise lenten! Wie ein wahrer Zauber würde eine hebräische Erziehung auf die Kindesseele wirken. Man denke doch: Das Kind wird in der Sprache der Bibel unterrichtet, kann dal>er in den Mist der Bibel nnd der Propheten eindringen! Wird es dann möglich sein, daß der Jude, wie es heute geschieht, zwischen Taufe und Halbjudentum schtvankt, ja. daß sich sogar Zionisten taufen lassen?. Fort mit aller Kleinmütigkeit! Zionismus

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