Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 16 (30.4.1914)
- Date
- 1914-04-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite L. .,Jüdische «vlksst'nnme.' Nr. 16. nisse und Sorgen einen Sinn, eine hohe Bcdeutung. -Heute denken die meisten von uns Widers. Unser Leben ist von anderen Gesichtspunkten geleitet und im Mittelpunkt alles Trachtens steht die Gegenwart, die immer stärkere Forderungen stellt und immer tyrannischer in ihren katcgorischeu Imperativen wird. Unser Seelenleben hat einen Ritz bekommen, weil wir losgerissen sind von der Geschichte. Vielen fehlt das Verständnis für die Sephirastimmung, weil sie nicht mehr historisch empfinden und nicht mehr jüdisch-origincll denken. Ist unser Leben dadurch an wahreu Freuden reicher geworden? Wenn alles Glück ein Lechzen nach Scclenharmonic, ein Verschmelzen mit dem Geiste der Ewigkeit ist, dann waren unsere Väter, innerlich ivonigftens, glücklicher als wir. Unser Leben ist zerfahren und voller Spaltcn, wie sollen wir da die Kraft finden, das Judcntum in, Geiste der Geschichte fortzueut- Ivickeln? Die Sephircvtage stimmen heute den ernsten Juden traurig, weil er vor sich ein ewigcs Sterben im Judentum sieht. Alles Kraftvolle und Starke verblasst zu einem Schatten und wir sehen ein Ideal nach Lein anderen von uns schwinden. Winkt uns ein neues Schabuot, eine Ncugeburt jüdischen Lebens und Empfindens? Werden wir die jüdische Jugend mit neuer Begcisterung für die Ideale unserer Väter ci,,treten sehen? Manche Blüte zeigt sich Wohl in weitem Felde, sorgen wir. das; sie zu dauernden Früchten herangedcihcn! Geben wir den Kommenden ein kräftiges individuelles Judentum wieder, das; sie daran erstarken! YERLOBUNQ5-RINQE BR/KJTSOinUCrc r 1 HOCHZEITSQESCHENKE EHE-RIHQE. in hervorragender Auswahl zu besonders billigen Preisen. Berthold Bachner, k. u k, Hoflieferant, Juwelen-, Uhren-, Goldu. Silberwarenhandlung Brünn, nur Ferdinandsgasse Nr. 2. d- Provinzaufträge finden sofortige Erledigung Dr. Nathan Birnbaum. Z u s eine m 50j a h r. Iubilä u m. Der Lebensgang. Nathan Birnbaum ist am 10. Jjar (damals 10. Mai) 5024 (1804) in Wien als Sohn oftjüdischer Eltern geboren. Sein Vater, ein galizischer Jude, war damals erst jüngst dorthin über- , siedelt-, seine Mutter, aus dem Galizien bcnachbarten Teil Ungarns stammend, hatte den grös;- tcn Teil ihrer Jugend in Galizien zugcbracht. Unnötig zu sagen, das; auf den jungen Birnbäum die deutsche Kultur einen sehr starken Einflus; ausübte — in der Elementarschule, auf dem Gymnasium später auf der dortigen Hochschule, die er 1882 als Nechtbeflissener bezog, von allen Seiten drang sic auf ihn ein. Aber sie machte ihn keinen Augenblick glauben, das; sein Platz im Teutschttnn sei. Und da auch das Karrieremachcrische mit allen seinen ״pikanten" Reizen in seinem Leben fehlt, verläuft gar keine Aeußerung seiner Produktivität im Lager der eigentlich deutschen .Kultur, obwohl er als Schriftsteller in deutscher Sprache keinen geringen Platz für sich beanspruchen könnte. Im Jahre 1888 gründet Birubauin mit einigen ostjüdischen Freunden die ״Kadimah", die erste Vereinigung jüdischer Studenten über- In das Jahr 1884 fällt die Herausgabe der ״Sclbstemanzipation", jener ersten nationaljüdischen, rcsp. zionistischen Zeitschrift des Westens, die mit teilweise laugcn Unterbrcchungen bis in die neunziger Jahre von Birnbäum geleitet worden ist. 1887 erfolgt seine Promotion zum Dr. juris. Er ist dann noch einige Jahre ohne viel innere Anteilnahme als Kanzleijurist tätig gewesen, um daun schließlich diese Laufbahn völlig Preiszugeden. Die durch ihn selbst heraufgeführte nationaljüdisch-zionistische Bewegung lässt ihn nicht mehr los und nimmt allmählich seine gesamte Arbeitskraft in Beschlag. In jenen Jahren legt er — in unübertroffen reifer Form — die gedanklichen Fundamente, die später, vom Kongreßzionisnius fast unverändert übcrnonnnen wurden. — Den Abschluß dieser Periode mag man mit dem Jahre 1808 setzen; damals erscheint die Schrift ״Die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seinem Lande." Die nächsten Jahre sind solche schweren Ningcns inn neue Formulierungen und neue Wege. Schon in ״Die jüdische Moderne" verrät sich ein verhaltenes, aber explosives Suchen. Noch fungirt Birnbaum nach dem 1. Kongreß als General- Sekretär der zionistischen Organisation. Aber, immer mehr in die Lebensttefcn des ostjüdischen Volkstums sich versenkend, widmet er sich diesem bald ganz. Es kommen die Kämpfe für den Primai und die Anerkennung der ostjüdischen Kultur, 1006 und 1007, zur Zeit, als das allgemeine Wahlrecht in Oesterreich eingeführt wurde, gibt Birnbaum in Wien ein neues Blatt heraus, die ״Neue Zeitung". 1907 ist er, mit zionistischer Unterstützung, national-jüdischer Kandidat zum Neichsrat für Buczacz (Galizien), kommt in die Stichwahl, dringt aber dem polnischen Wahlschwinde! gegenüber nicht durch. 1008 ist Birnbaum in Czcrnowitz; dorthin beruft er im Spätsommer 1008 die erste ״Jüdischc Sprachkonfcrenz", an der die bedeutendsten Dichter und Schriftsteller der Ostjuden teils persönlich (Asch, Nombcrg, Perez, Reisen, Schitlowsky, usw.) teils mit Begrüßungsschreiben (Mendalc Mojcher Sforim, Schalem Alejchcm, usw.) tcilnchmen. Die Konferenz spricht sich unzweideutig für die Rechte und die Bedeutung der ostjüdischen Volkssprache aus. Später hat man versucht, die überaus gemäßigten Czcrnowitzer Beschlüsse als Ausschaltung und Herabsetzung des Hebräischen hinzustellen. Und immer wieder ist dieses unehrliche Argument dazu benutzt worden, gegen Birnbaum Stimmung zu machen. In den ersten vier Monaten des Jahres 1908 hat Birnbaum eine Vortragstournee über Amerika unternommen; 1011 hielt er sich längere Zeit in Rußland auf und lernte auch hier die Verhältnisse aus der Nähe kennen. Bis zum Jahre 1008,400 er nach Czernowitz übcrsicdelte, lebte Birnbaum, von einem vorübergehenden Aufenthalt in Berlin 1807 abgesehen, beständig in Wien. Seit 1011 wohnt er in Berlin. Die Wesens- und Schaffensart. Von allen Persönlichkeiten, die in der jüdischeu Moderne hervorgetreten sind, hat Birnbaum die bemerkenswertesten und radikalsten Wandlungen durchgemacht. Sein zeitweiliges Pseudonym Mathias Acher mag als wesentliches Symbol dieser Seite seiner Eigenart gelten. Für -die kleineren Geister der Zeit, die die kontinuierliche, streng konsequente Linie dieser Wandlungen nicht wahrnehmen, mag die grandiose Kurve, die das Birnbaumische Denken zurückgelcgt hat, etwas beängstigendes, und sie in ihren Denkgewohnheilen bedrohendes an sich haben. Für jeden Unbefangenen aber ist sie der Ausdruck einer gewattigen jüdischen Vitalität, an deren Vorhandensein selbst die Stärksten unter uns lang nicht zu glauben wagten. Wer scharf zusieht, ui,null darin eine Menge heroischer Momente wahr. Mit nichts würde man der Eigenart Birnbau,ns mehr Gewalt antun, wollte man ihn nur als Theoretiker, als Stubengelehrten udgl. gellen lassen. Diese Art zum Teil gewollter, zum Teil ungewollter Herabsetzung der Wertigkeit dieses ungewöhnlichen Menschen war eine Zeit lang die Manier, mit der einige das Phänomen Birnbaum abzutun pflegten. Man braucht dem gegenüber nur aus die enorme Praktische Tätigfeit hinzuweiscn, die Birnbaum als Propagator seiner Ideen, als Vorkämpfer für die jüdische Nation, und ganz besonders für die ostjüdische Kultur geleistet hat. Immer und immer wieder hat ihn seine staunenswerte Aktivität in das brandende Leben, in den Kampf hincingezwungen. Aber man kann auch nicht — was ja gelegentlich ebenfalls versucht wurde — den Spieß umdrehen, und sagen, daß Birnbaum der Denker nnd Grübler durch Birubauin den Tatmenschen gelitten hat. Wahrheit ist vielinehr, daß Birnbäum bis auf den heutigen Tag der Mann crlesenen schöpferischen Denkens geblieben ist. Nur das; es ihm niemals beschiedcn war, seine kostbare Produktivität restlos auswirken zu können. Als ein Mann, der seine eigene Karriere dem Kampfe für die jüdische Nation opferte, dessen Entwicklung niemals der Zeit entgegenkam, sondern stets hart und brüsk mit ihr zusammenstieß, der Zeit seines Lebens ohne Partei dasteht und niemals einen weitsichtigen Mäzen fand, hat er seit Jahrzehnten mit wirtschaftlichen Schwierigfeiten zu kämpfen, die ihm oft, sehr oft, Monate und Jahre lang nicht zu seinen wichtigsten Arbeiten kommen ließen. Daraus folgt doch aber nur, daß das jüdische Volk und vor allem die jüdische Intelligenz — die, mag sic in welchem Lagcr auch immer stehen, von den starken Schul- Bahn den Assistenten auf, der eben mit der roten Kappe einem durchsausenden Schnellzug salu- Im Kaffechause hatte er einige Stainperln Kognak hcruntergestürzt und ain Heimweg eine Zigarette nach der andern angczündct. An, nächsten Morgen war am Jagdschlösse schm alles auf, ehe noch der Lichtschein hinter den fernen Bergen aufgcstiegen war. Der Herr trat in einer Uniform in die Halle und hatte einen flachen Kasten unterm Arm. Am Treppenabsatz zog er die Sporen aus den Stcckeln und legte sic tveg. Er war blaß und unruhig. Mit Latenten hatten sic von der Dorfrcmise den großen Landauer gebracht, der nur bei Hochzciten und Begräbnissen eingcspannt wurde. Lichter wurden zwischen den Baumwipfcln sichtbar. Unter dem Dach seines Phaetons sah der Doktor von Oberndorf heraus. Er trug die Uniform als Negimcntsarzt, mit der er noch vor Jaice und Stolac gewesen. Und dahinter kamen zwei Offiziere. Der Kutscher erkannte den Singer von der Bahn drin und den Ingenieur von der Landeskanzlci. Rascher, als es sich erzählen läßt, war alles gekommen und verschwunden, spärlicher Lichtschein wackelte durch den Bodennebel des crtvachenden Forstes. Droben im Gartenflügcl rüttelten bebende Hände an dem schweren Türschloß und als das alte Werk nicht nachgeben wollte, da tönte ein gellenden Schrei zum Fenster hinaus. Dem Lehrcrsbuben, der schon im Dunkel in die Stadt zur Schule ging, wollte nachher niemand glauben, das; der Kauz noch knapp vor Sonnenaufgang gerufen hatte. Der alte Brotträger war über den Waldweg ins ״Gäu" gegangen. Er hatte zu ׳Wien gedient und alle Uniformen erkannt. Bei der Kaiscrlinde drängte man sich um ״Und der Doktor war da und der Singer is bei die 47er und der. Jnschenecr bei der Festung und der Jud in, Wald — der war a — Sachsendragoner! Mit dem zunehmenden Schiinmer im Osten hatte sich der Wald belebt. Der Moserhans, der zu einer Tagsatzung in die Stadt musste — wegen der Anna ihren Kind — hatte den Knall gehört, als er hinter der Bachermühl auf den Nichtsteig gekommen war. Es war ein kurzer scharfer Knall gewesen, und zwei Häslein, die an, Hange gekost hatten, waren erschreckt auseinaudergestoben. Jetzt hatten sie ihn gebracht. Im großen Landauer, der nur bei Hochzeiten und Bcgräbnissen cingespannt wurde. Der Postenführcr hatte sie bei der Bildsöhrc erreicht. Wie er aber die Kappe״ und die Mctallknöpfe an den Mänteln sah, da fuhr er mit der Hand an den Kolben und vergaß ganz,! bie Kutscher aufzuschreiben. Ein Motorrad knatterte durch. Der Chefarzt von drinnen. Er kam zu spät. Zweimal war die Sonne hinter den fernen Bergwänden aufgesticgcn und feuerrot drüben gegen das Steirische hinabgesunken. Alle Arbeit ruhte. Die Wehrmänner formierten sich vorn, Spritzenhaus, von Oberndorf kan, der gleichmäßige Tritt der alten Krieger. Sic trugen umflorte Fahne. Man drängte sich neugierig vor. Vou der Brücke kamen sie aus der Stadt. Der Singer mit den, Zweispitz und der alte Winterstein, der noch von Solferino her die große Silberne trug, und ein langbärtiger Jude