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Jüdische Volksstimme · 1914-04-30 · Heft 16 (30.4.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 16 (30.4.1914)
Date
1914-04-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Erscheint jeden Donnerstag, Nummer 16 Jahrg. XV|3. \mt. Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 620 SWit btC 2Bei!(t0C D«SÄ '. 9: .־ .* ' •־S!?-״ ־Das M Leben in Galizien" BallM^FrMtreich'? Franks 14׳- j Herausgeber: Max Hickl. Geschäftsstelle, Wien:!., Roienturmstratze Nr. 31. Postspartassakonto Nr. 312.842. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono» riert. — Manuskripten ist Rückporto beizusügen. -—Sa Mischt Ws- Brünn—Budapest. Wie», *2; *4^5‘,״ Prag—Lemberg. Sephira. Von Fabius Schach. Das war so herrlich im Leben unserer Väter, daß jede Zeit׳ ihre Stimmung hatte. Fast jede Woche im Jahre hatte ihren ausgeprägten Charakter und bas verlieh ihr einen besonderen Reiz. Natur und Poesie, Vergangenheit und Gegenlvart verwoben miteinander zu einer cigenartigcn Harmonie und sie fanden im tiefsten Seelenleben, in der Religion, ihren Ausdruck. Alles war hier fein abgestinnnt, alles strebte nach Einheit mit Gott, nach seelischer Befriedigung. In den Sephira-Tagen zog ein wehmütiges Gefühl durch die Seelen. Die Schatten des Todes tauchten auf und verscheuchten alles laute Leben. Man dachte an die alten Zeiten zurück, an die Zeiten der großen jüdischen Tragödien, wo, wie die Ueberlieferung erzählt, vierzigtausend jüdisck)er Jünglinge ihren Tod fanden auf dem Felde der Ehre. Diese Jünglinge waren Gelehrte, angesehene Lehrerin Israel, Schüler des großen Rabbi Akibba. Und auf Geheiß des Meisters vertauschten sie ihre Lehrhäuser mit den Schlachtfeldcrn und mit derselben Begeisterung eilten sie zu den Scharen des Bar-Kochba, um ihre Gemcinschaft gegen den Feind zu verteidigen. Und niemand von ihnen kehrte heim, sie hauchten ihre tapferen Seelen im Kampfe für ihre Ideale aus. Und unsere Väter empfanden es. als wenn diese Helden unter ihnen wandelten, und sie fühlten die gewaltige Tragödie des Judentums, weil sie eins waren mit ihrer Gemeinschaft, eins mit der Geschichte Israels. Sie lebten ein geschichtliches, jüdisches Leben, weil das Ghetto, trotz aller äußeren Leiden, nach innen hell und rein war, beseelt von Hoffnungen, erfüllt von Idealen. Sie waren die echten Söhne ihrer Väter, denn sie setzten das Leben der Propheten und der talmudischen Weisen, wenn auch mit anderen Nuancen, fort. Das war eben das Gewaltige und Feuilleton. Der Jud im Wald. Aus einem demnächst in Brünn erscheinenden Buche des Autors. Eine Geschichte aus Oberösterreich. Von Hanns F i s ch l. Droben im Walde stand ein Jagdhaus im Maria-Theresia-Style, mit gelbem verwittertem Anstrich, von dunklen Efeu umrankt, der mit den grünen Spalettläden in Eines verschwamm. — Lange stand es verlaßen, nur das ״Hahaha" der Treiber, die Stockschläge an die Bäume und der kurze Knall der Schrottbüchsen störten herbstlich seine Ruhe. Als wieder einmal der Schnee verschmolzen war, da gab cs droben ein emsiges Schaffen, ein Hämmern und Rufen und es hieß, ein Jud aus der Hauptstadt habe das Schlösset mit dem Revier auf Jahre gepachtet. Lange Möbelfuhren, von drei Gespannen geschleppt, bewegten sich hinauf und eines Tages brachte der gelbe Lanschitzer, den der Wagner auf Glanz gerichtet, das Paar vom Bahnhof. Der Jud war ein großer Mensch mit einem zierlichen schwarzen Schnurrbärtchen und nickte Große im Leben unserer Väter, daß jeder in sich die Geschichte und die Lehre Israels verkörperte, daß jeder sagen konnte: ״Ich bin das Judentum!" Diese schlichte Frömmigkeit füllte ihr Leben aus und sie gab ihnen»Kraft und Trost. Was wäre die Judenheit ohne ihre Religion? Sie wäre längst versunken und vergessen für alle Ewigkeiteil. Ihre religiöse Kultur erhielt sie sittlich und geistig gesund und geleitete sie über alle Hindcrnisse finsterer Zeiten hinweg bis in die Neuzeit hinein. Sie gab ihr nicht nur sittliche Kraft, sondem ihre ganze Individualität verschmolz mit dieser Religion. Religion und Leben waren hier, wie bei keiner anderen Gemeinschaft, eins. Man klügelte nicht, n,an lebte in der Religion und mit ihr und fand hier die tiefsten Wurzeln seines Jchs, seiner höheren Eristenz. Das Judentum hatte stets ein gutes Gedächtnis für alles Gute und Böse, für alles Schöne und Schaurige. Weil hier alles auf die Vergangenheit gerichtet war, weil man alles mit dem Auge der Geschichte sah. Kein Volk versenkte sich so tief und leidenschaftlich in seine Geschichte wie Israel. Ihm war das Gewesene nichts Totes, nichts Ueberwundenes, sondern Fortlebendes. Die Geschichte begleitete sein ganzes Leben. Daher schöpfte er aus jedem Ereignis wunderbare Stimmungen und jede Erinnemng wurde ihm zu einer Quelle von Poesie und Schönheit. Unsere Väter lebten noch im Geiste mit den Jüngern des Rabbi Akibba und ihr frühes tragisches Ende stimmte sie traurig und schuf ihnen diese wunderbare Sephirazeii mit all ihren intimen Reizen und süßen Schmerzen. Streng genommen bildete das historische Ereignis nur den Stützpunkt für die im Keime vorhandene Stimmung. Es bedurfte nur des zarten Hauches, um alles das, was in der Seele schlummerte, zum Leben zu wecken. Das Bedürfnis für Seelenerguß, für Vertiefung des Empfindens, war vorhanden und so genügte eine den erstaunten Dörflern zu. Er saß neben einer blonden Dame mit feschem grünen Hütl und einem Gamsbart darauf. Man war bald an die neue Herrschaft gewöhnt. Sie fuhren selten zur Stadt, oft trafen sie die Leute, wenn sie durch den Forst schritten, mit hammerloser Büchsflinte und Hund, und es hieß sogar, der Gamsbart wäre eine eigene Trophäe, die sich die Blonde eines Morgens im Steirischen geholt. Als der Inspektor von der Feuerassekuranz, der immer alles wußte, ins Wirtshaus kam, da meinte er zum Postmeister und zum Vorsteher, die Blonde müsse er schon wo gesehen haben, und sie könne des Juden Frau nicht sein. Nach Feierabend raunten sie in den niederen Stuben, was da oben vorgehe, und was der Jud dort in der Einschicht treibe. Und weil man am Lande den Namen seines Nächsten oft nicht kennt, so nannten sie ihn den Jud im Wald. Eines frühen Morgens tönten alle Glocken hastig zusammen und trieben alles auf die Beine. Der untere Ort rnit seinen Strohdächern und seinem Holzgerümpel stand in Flammen. Während das Vieh Hinausgetrieben wurde und die Glocken heulten, kam der Jud zu Pferde irgendwo in der Schrift oder in der Ueberlieferung vorhandene Andeutung, um daraus neues kraftvolles religiöses Leben zu gestalten. Die Geschichte wurde zu einer Kette von religiösen Symboten und die Vergangenheit lebte täglich von 'Neuem in religüser Gestalt auf. In den Ereignissen des Tanzes sah man überall. Ankläger der Vergangenheit, weil der Zusammenhang der Zeiten im religiösen Empfinden und in seinen gelvaltigen AusdruckSformen lebte. Tie sittliche Kraft, die Sehnsucht nach Tiefe, nach Gott, nxir groß. Man suchte Abkehr vom sinnlichen Leben und man fand sie in der großen Vergangenheit. So lebte die Geschichte täglich von neuein, verherrlicht und verschönert auf. und täglich nahm sie neue Formen an, weil die Gegenwart sich in die Vergangenheit fügte und Wirklichkeit und Erinnerung sich zu einem wehmütigen und doch prächtigen Bilde vereinigten. Und wie alles Schöne und Künstlerische einen natürlichen Anfang und einen harmonischen Abschluß haben muß, so ruhte auch diese Sephirastimmung zwischen Passah und Wochenfest, zwischen dem Beginn Israels als Volk und seiner kulturellen Neugeburt durch die Gesetzgebung. Von beiden herrlichen Festen klangen stimmungsvolle Töne in die Sephira hinein. Man zehrte von der Erinnerung und von der Hoffnung man war traurig, um mit hungrigem Herzen die Freuden des kommenden Festes empfangen zu können. Und alle Ereignisse und alle Empfindüngen klangen in der Hoffnung aus: In (Mott ist unsere Hilfe, in der Sittlichkeit unsere So dachten unsere Väter und eine schlichte Größe leuchtet uns aus diesem frommen Leben entgegen. Das Beste und Edelste dieses Lebens war die Sehnsucht nach eigenem Glücke und dem Glücke der Gemeinschaft. Man diente einem hohen Ideal, das Leben hatte trotz aller Kümmerdahergesprengt, mit der Uniform der Gutsfenerwehr angetan, und nahm ohne ein Wort dem Steiger das Messingrohr aus der Hand. Er nahm das Komnmndo der eingelangten Wehren und ritt des Abends zurück. nachdem er dem Bürger- Meister Geld zurückgelafsen. Am nächsten Tage kam die Blonde ins Torf und sah in den Häusern nach und schickte alles herunter, woran es gebrach. Es war wieder Herbst geworden und die neuen Dächer stachen hellgrau aus dem braunen Laub. Ter Postwagen war gerade bei der Mariensünle eingebogen, als das Zügenglöcklein durch den Nebel wiminerte. Der Postknecht nahm die bordierte Kappe ab, — Alles lief vor der Kaiserlinde zusammen. Man hatte gerade das letzte Flitter eingebracht, da w׳r der Jud vom Waldweg gelaufen gekommen und hatte den Kutscher aus dem Wirtshaus geholt. Ter hatte sofort einspanuen und in die Stadt fahren müssen, wo der Herr zuerst beim Landesingenieur halten ließ, dem er noch nie Bestich geiiiacht hatte. Dann suchte er auf der

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