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Jüdische Volksstimme · 1914-04-22 · Heft 15 (22.4.1914) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 15 (22.4.1914)
Date
1914-04-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 ״Jüdische Volksstimme". Nr. 15. teieu in Rußlnnd 1905), teilen sic sich auch heute in nuinniflmiiifle politische Parteien, und da sie einen viel zu geringen Einfluß ans die politische Lage des Landes in dem sie wohnen, ausüben können, suchten sie sich andere Arbeitsfelder aus, die ich heute allgemein bei den jüdischen Arbeiterparteien in Galizien besprechen will. Zwar gibt es in Galizien kein jüdisches Proletariat im moderne» Sinne, jedoch gibt es so viele kleine Handwerter mit Praktikanten und Handelsangestellte, grüßteineils jugendliche, dos; sich die Arbeiterbewegung leicht entwickeln könnte. Diese Arbeiter gehören drei politischen :Dichtungen an: der polnischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei, der jüdischen sozialistischen Partei und der Poale-Zion. Es gibt auch gewerkschastliche Organisationen, die nicht osfiziell unter dem Einflüsse einer der drei Parteien bleiben. In der ersten Partei sind die Juden nicht zahlreich vertreten, obwohl die jüdisch-sozialistischen Abgeordneten diier Partei angehören und anderen Parteien das Manda! verdanken. Die Juden verfolgen in dieser Partei dieselben Zwecke, als die Polen und mir ihrer Jüdischkei! wisse» sie sich nur schwer Nat zu geben; die Konsequemeren bildeten sich eine separate jüdische, anfangs allerdings nur aus technischen Gründen!jüdische Tpradie zur Agitation usw.i, später eine merkwürdige Um- Wandlung in der nationalen Richtung vollbracht haben. Heute fordern sie für die Juden alle Rechte der MinoritätSvölker, jüdische Schulen, Autonomie nnv. Sonst siebe» sie in der wirtschaftlichen Jrage aus demselben Standpunkte, wie die anderen sozialistischen Parteien. Die Poale Zion ist eine Syntese vom Zionismus und Sozialismus: der proletarische Zionisimls. Autonome Strebungen hier, sozialistischer Klassenkampf in Palästina, das ist das Hauptziel dieser Partei. Wie leicht zu erkennen, steht die Realisierung dieser Ziele in viel zu kleinem Verhältnisse zu den >1 rüsten dieser Parteien, darum, wie gesagt, mnszten sie das Hanptgewickü ihrer Arbeit nickt ans die politische, sonder» auf die kulturelle Tätigkeit lege»; mit der ersten beschäftigen sie sich nur in günstigen politischen Momenten. So sind die Vereine heute Zentren der Bildüng und des gesellschaftlichen Lebens ihrer Mitglieder, und diese Ausgabe erfüllen sie sehr gut. Jas! jedes dieser Vereine besitzt eine Bibliothek, in der sich jüdische und oft polnische und deutsche Bücher befinden. Biele Bücher behandeln die Judensrage und die sozialistische Bewegang, dann ist da die jüdische Literatur, manche Werke aus der Weltliteratur, populäre wissenschaftliche Werte udgl. Jede Woche finden hier Vorträge statt, TiSknisions- und literarische Abende. Intensiver ist diese Arbeit im Winter. Im Sommer dagegen, macht man Ansslüge, aus denen viele Volts- und Arbeiterlieder gesungen werden. In g'.ösiere» Städten nehmen die Akademiker Anteil in der Arbeit, aber immer cnlsiehen die Vereine wie von iid. selb», sallen und erneuern sich, lämpsen um Erlialltingsmöglichkeil; ans der Provinz haben sie viel weniger Ausgaben, mehr Einkünfte aus nmatorischeu Vorstellungen nsw. und ihr Dasein ist ruhiger. Eine wirblige Rolle spielen in der Bewegung die jugendliche Organisationen, die Analfabetenturse einriduen. und dem Arbeiter die Möglichkeit des Eintrittes in die Volksbildung schassen., die er während des Angebörens zum Vereine genies;t. Den unwissende» Knabe», das junge und doch schon viel beschäftigte Mädchen Am tlleschüste oder beim Nähen) führt der Verein in ein g.isiiges Niveau ei», macht aus ihnen denkende Menschen und nationale Inden. Und später, wenn die heutige» Vereinsmiiglieder heirate», iverden sie ihren »indern gewij; den Eintritt zum Vereine nicht wehren, wie es größtenteils heute iit, und so arbeiten die Vereine auch für die Zukunst. Interessant ist die Umwandlung im Arbeitspläne der Vereine. Vom Grosze» angesaugen, müszten sie allmählich die Pläne beschränken im politischen wie wissenschasllichem Sinne. Unnormal erscheint die Bildung in ersten Jahre» lim vorigen Jahrzehnte!. Die wichtigsten Menschheitsprobleme, weitläufigste ökonomische Pläne, neueste naturwissenschaftliche Deorien, kurz, eine vollständige Umgestaltung des Menschenlebens ivar an der Dagesordiiung. Und diese Probleme tvurden mit denjenigen besprochen, die »och nicht gut lesen und schreiben konnten. Eine׳ wahre Sturm- und Drangperiode in den jüdischen Arbeitervereinen. Groszen Anteil an dieser Jorm der Bildung hatten die russischen Parteimitglieder, die sehr oft »ach Galizien tamen, sich zu verbergen oder in Durchfahrt und die Probleme aus ihrem Standpunkte deuteten. Später bat sich die Bildung immer mehr vereinfacht, bestand in populärer Wissenschaft, man lernte die Schönheit der Literatur verstehen, die alltägliche Jragen, aber vor allem lernte man lesen und schreiben. Ilnd diese Veränderliiig stellte die Arbeiterbildung auf normale Wege so, das; sie heute ein mächtiger Jaktor im Leben des Volkes ist. Ihr Verdienst ist es, daß der jüdische Arbeiter oft auf sehr hoher Kulturstufe steht, wie das nur selten zu sehen ist und diesen Platz, kann er stolz sagen, hat er sich selbst erobert. So spielen die Vereine eine große Nolle in der Renaiffanre des jüdischen Volkes. Sie verbreiten den modernen nationalen Gedanken in den breiten Volksschichten, schassen für die Bewegung selbstbewußte Soldaten, von denen Viele bereits nach Palästina ausgewandert sind und dort für die Zukunft unseres Volkes, in langsamer, aber fruchtbarer Arbeit wirken. Tie Vereine schützen die jüd. Arbeiter einerseits vor dem IndiffereutiSmus, anderseits von der Assimilation. Sie heben kulturell den Arbeiter und verdienen deshalb die größte Aufmerksamkeit und Mitarbeit derjenigen, die das jüdische Volt auf der höchsten Kulturstufe sehen wollen. Gegen verdorbenen Magen, Darmträgheit und Gicht. ״Sternhof er Bitterwasser“ Mild, doch zuverläBlich. Sternhof. PostSokolnitz bei Brünn. Ueridite. CH1t zionistischer Aufruf au die polnische Gesellschüft in Galizien. Das zion. Zentralkomite hat einen längeren Aufruf an die polnische Gesellschaft veröffentlicht. In diesem Appell unterzieht das Komite die demagogische Tätigkeit der Assiinilantenkliquc einer eingehenden und scharfen Kritik. Beraubt der Möglichkeit mit in den gesctzgebenden Körperschaften, wo die Werkstätte des politischen Lebens sich befindet, die Stimme der Gerechtigkeit erbeben zu können, muß das Komite auf biefem Wege der breiten polnifchen Seffentlichkeit die große, fchwenviegende Ungerechtigkeit zur Kenntnis bringen, welche den Inden Galiziens anläßlich der Wahlreform zum Landtag zu teil wurde. Ter Aufruf schildert in beredten eindringlichen Worten, wie die Schinieder der Wahlrcsorm es absichtlich daraus abgesehen und den Zweck verfolgt haben den Juden die Wahlkreise so zuzuschncidcn daß sie einfach der Möglichkeit entbobcn sind, bei den kommenden Wahlen, irgeud welche, wenn auch untergeordnete Rolle zu spielen. Es muß doch jeder geradsinnige Mensch zngeben, daß die Juden in Galizien ganz andere Interessen und Wünsche haben müssen, weil sie in jeder Bezielmng in anderen Verhältnissen leben. Daß all die Juden keinen einzigen Bertre- 1er babeu können, der sich für ihre wirklichen und berechtigten Wünsche einsetzen würde — spricht allen Gesetzen modernen Parlamentarismus Holm. Zum Schlüsse betont der Ausruf, daß das einzige Streben der Zionisten nur die Kolonisatorische und anderartige Ansiedlung von Inden in Palästina ist. daß jedoch dieses Werk nicht ans den Hemdärmeln geschüttelt werden kann, sondern eine Frage der Zeit ist. infolgedessen müssen die Juden ihre Kräfte aufwenden, daß ihnen hier nicht der Strick um den Hals gelegt wird und daß sie in der materiellen Not, die durch die fortwährenden Verhetzungen tind Boykott-Agitationen, erschreckende Formen annimmt erstickt werden. Ties wäre nur dann möglich, wenn die Juden, wie die anderen Nationen eine staatlich garantierte eigene Vertretung in den maßgebenden Körperschaften hätten. Ihre Politik ist rein defensiv und soll von jedem anständigen und ehrlichen Menschen beherzigt werden. B. H. Das lOjähr. Jubiläum des Krakauer ״Hamicpc" Vor einigen Tagen tvurden es tO Jahre seit dem das beräische Wochenblatt ...Hamicpe" das Licht der Welt erblickt hat. Zehn Jahre Bestand einer hebräischen Zeittliig in Galizien, die keiner Partei angehört, keine Subventionen, soweit es bekannt ist, bekommt und welche noch dazu dem Herausgeber die materielle Eristenz sichert, ist — ein .Kuriosum. Wenn wir in Erwägung zielien. daß die letzten drei Jahre in Galizien eine wirksckiasrliche Krisis berrsckite, die alle Grundpfeiler des ökonomischen, kommerziellen und Erwerbslebens erschütlerte, erscheint uns der Jortbestand des ״Hamicpe" noch wunderlicher. Wiewohl die literarische, manchmal auch publizistische Ausstattung dieses Blattes nicht allen Wünschen und Bedürfnissen des modernen Lesers entsprach, der Mitarbeiterkreis ein beschränkter war und nur gezählte Talente aufzuweisen hat, so müssen wir dennoch zugeben, daß die Tendenz, der Gedankengang und die publizistische Richtung des ״Hamiepe" der Seele des galizifchen Judentums mehr oder weniger entsprochen haben muß, indem es ihm einen gewissen Abonnentenkreis lieferte und ihm ziemlich' große Verbreitung sicherte. Als Nachfolger des ״Hamagid" hat der ״Hamiepe" einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Ersterer stand nämlich literarisch zu hoch und war in seinen Ansichten zu radikal, als daß er in Galizien mit seinem überwiegend fromm gesinnten Judentum Anklang und Verbreitung finden konnte. Der Herausgeber des ״Hamagid", Herr Juchs, wußte nicht, der Psyche des galizischen Juden das Material zuzupassen und mit ihm in Kontakt zu kommen. Besser verstand es Herr Lazar, der Herausgeber der ״Hamicpe". Er hat immer die starken religiösen Gefühle des galizischen Juden zu fcheuen versianden und gerade vom Standpunkte der Religiosität aus und auf der Basis des traditionellen Denkens posaunte cr seine Parolen in die jüdische Welt hinaus. Er verfolgte nur den Zweck dem indifferenten Hinbrüten und dem erstarrten Organismus des galizischen Juden einen Stoß zu versetzen, daß er in Bewegung käme und die Blutzirkulation wieder begänne. Tatsächlich war auch sein Wollen teilweise von Erfolg gekrönt, denn das bezeugt, die Verbreitung des ״Hamicpe" in Galizien. Ter ״Hamiepe" hat immer jede schlechte Eigenschaft, jeden ungebührlichen Brauch, jede Entgleisung im Leben des galizischen Juden zum Zielpunkte seiner Pfeile gemacht und diese Entartung vor das Forum der Oeffentlichkeit hingezerrt, um sie zum Spottgebilde zu machen. Das ist sein bleibendes Verdienst und das sichert ihm die Geneigtheit der galizischen Leser und aller intelligenten Kreise. Durch die Gewinnung des Herrn Dr. Melamed zum stabilen Mitarbeiter hat das Blatt gewiß seine Anziehlingskraft verstärkt und es ist zu hoffen, daß der Entwicklungsgang in immer höheren Bahnen sich bewegen wird. Bernhard Horowib. 10056113, Badeeinrichtungen, Waschbecken, etc. einrichtet solid und billigst Firma K. Zofka, Brünn, Jakobsgasse Telephon 810. — * Kostenvoranschläge gratis. — Reparaluren schnell und billig. Ein hebräisch-literarischer Abend des neuen Vereines ״Tuschija" in Krakau. Dienstag, den 1-l. d. M., veranstalteten die Gründer des neuen, hebräischen Zielen gewidmeten Vereines ״Tuschija" einen psendo-bebräischliterarischen Abend. Tenn außer den paar Deklainatianen von hebräischen Gedichten — hörte man nur Jüdisch'. Die beiden Referate der Herren Dr. Fränkel und Tr. Tisch über die neuhebräische Literatur, welche air und für sich nicht schlecht waren, wurden im Jüdischen abgehalten. Man war gekommen, um ein lebendiges hebräisches Wort, das man so schrecklich selten hört, zu Ohren zu bekommen und war — enttäuscht. Entweder waren die Referenten für hebräische Referate nicht vorbereitet, dann hätten sie sich der Aufgabe nicht unterziehen sollen, oder aber ist in Krakau kein Publikum für hebräische Nescratc reif, dann wußten dies die Veranstalter ja früher. Es geht dach nicht, durch Plakate, welche laut einen hebräischen Abend ankündigen, hebräisch liebende Gäste anzulocken und sie dann mit dem Jüdischen abzuspeiscn. Schließlich hat jeder die Plakate gelesen und auf Grund dessen die Karte gekauft, cs wäre Daher von den Veranstaltcrn in Erwägung zu ziehen, daß Niemand enttäuscht bleiben würde, wenn der Abend wirklich hebräisch wäre! Talmudfrcsscr in Galizien Die echt mittelalterliche, inquisitorische Art der Anfälle und Anschwarzungcn aus den Talmud hat Herr Niemojewski, der sonst als polnischer demokratisch-freisinniger Schriftsteller gilt, in Russisch-Polen ins Werk gesetzt. Er gibt Vortragszyklen über den Talmud, wo cr sich in den gröbsten Verleumdungen ergeht und den Talmud als das sittenloseste, menschenfeindlichste Werk der Welt hinstcllt. Leider erfreuen sich seine Vorträge immer zahlreicher Besucher der polnischeu Gesellschaft, welche seinen Lügen und Ver-

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