Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 15 (22.4.1914)
- Date
- 1914-04-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Sk. 15. XV. Jahrg. 22. April 1914 Seite 9 Beilage zur ,Jüd. Volksstimme'. Me Nationalisierung der zion. JntMgenz. Von Dr. Chaim Tartakower, Drohobycz. (Schluß.) Wie leben wir nun als Individuen oder anders, wie streben wir darnach, unsere individuellen-nicht nationalen Bedürfnisse zu befriedigen? Wir verwenden hiefür alle unsere geistigen und physischen Kräfte, wir widmen dem fast unsere ganze freie Zeit und zwar die Zeit, wo unsere Kräfte frisch und ausgeruht sind und schließlich wir erreichen ihn durch Action d. i. durch Laten und Handlungen. Wie aber befriedigen wir unsere Pflichten als Glieder einer Nation? Wir widmen dieser Seite unseres Lebens — wie oben gezeigt — herzlich wenig: ein wenig von der uns nach angestrengter Tagesarbeit erübrigenden Zeit in unsystematischer Weise und noch dazu größtenteils in Form von Worten, Reden und dies nicht einmal täglich. Wie ist es nun möglich, daß bei einem solchen Lebenswandel die nationale so schwach geübte und gepflegte Seite nicht durch Uebermacht des täglichen Lebens voll und ganz erdrückt werde? Es ist klar, daß wir mit vollen: Ernste der heutigen Situation in die Augen schauen und nach Abhilfe trachten müssen. Als Muster müssen wir uns da nach unseren Ghettoahnen umschauen: sie waren in jeder Beziehung national günstiger gestellt, als wir, denn sie führten als Volk ein eigenes selbständiges Leben, geistig von anderen Völkern ungestört. Und doch schuf sich das Ghettojudentum ein glänzendes Netz von national-religiösen Lebensformen, die sich wunderbar bewährten. Beweis: Erhaltung unseres Volkes trotz des Mittelalterlichen Ghettos. Was könnten uns diese Formen bieten? Vor allem welche Formen habe ich da im Auge? Nun, ich meine der jüdische Sabbat und die jüdischen Fest- und Feiertage und alles was drum und dran ist. Die jüdischen Festtage sind berufen, uns aus der Alltäglichkeit heraus- und in ein höheres Leben hineinzuheben. Sie haben die Kraft, unserem Haus einen speziell-jüdischen Charakter wiederzugeben und daraus das Kalte, Jndifferente zu vertreiben. Sie sollen so weit möglich das jüdische Leben aller Schichten einheitlich gestalten. Sie sollen das jüdische Heim heimlicher, wärmer und schöner machen, und so im Herzen unserer Kinder Liebe und Verehrung für Judentum wecken und erhalten und einen Riegel der christlichen Assimilation Vorbeugen. Die genannten Lebensformen, die ein Quell jüdischen Gemütes und Wesens waren, sind und auch ganz gewiß in der Zukunft sein können und werden, sind, wenn sie ganz sein wollen, unzertrennlich mit der Synagoge verbunden. Unsere Synagoge ist — wie schon oben ausgeführt — ein Hort nationalen Geistes und nationaler Schöpfungen: In der Synagoge lebt unsere Nationalsprache wieder im Munde aller Juden auf, in der Synagoge werden wir auf Schritt und Tritt an unsere einstige nationale Größe gemahnt, in ihr werden neuerlich unsere Hoffnungen auf eine schöne Zukunft geweckt und gestärkt; das Rituale der Synagoge bringt uns unsere nationale Literatur aller Zeiten näher; in der Synagoge ist unsere nationale Musik ewig festgchalten in ihr schließlich sind jene Gegenstände angehäuft, an welche sich der jüdische Kunstgewerbesinn von jeher herangemacht und Großes geschaffen hat, woran auch heute moderner jüdischer Kunstsinn anknüpft, siehe Bezalel, Lilien usw. In der Synagoge finden wir endlich eine schier unerschöpfliche Fülle von Lebcnsformen, die unseren Schönheitssinn aussprechen sowie unsere Seele ständig gesunde Nahrung zuzuführen Pflegte, Lebensformen, die im innigsten Zusammenhang zu den verschiedenen Leidens¬ und Freudesperioden unserer Geschichte stehen. Kurz Synagoge und Haus stets vereint schlingen um Vas jüdiscye Leben ein unzerreisliches Band und füllen un!er jüdisches Leben mit herzlichem Inhalte. Nur nationaler Leichtsinn und Unverstand kann wegwerfend über diesen nationalen Lebensschätz hinweggehen und ihn in unserem Leben vermißen wollen. Wie bedeutungsvoll erwähnte Formen für die Bereicherung und Erhaltung unseres natwnalen Lebens >1nd, kann man auch aus dieser Tatsache ersehen, daß selbst ein Schitlowsky, der im Sozialismus — allenfalls im jüdischen — eine gewaltige Rolle spielt, er der einstige russische Sozialrevolutionär, in einem größeren Artikel mit Begeisterung für die Erhaltung dieser Formen eintritt. Abgesehen davon, daß — wie oben gezeigt wurde — durch neuerliche Pflege jüdische Feste und Feiertage in althergebrachten Formen eine unendliche Bereicherung unseres nationalen Lebens bedeutet, sowie auch eine Vertreibung der Leere und ständigen Alltäglichkeit, die heute schon in den Häusern der zionistischen Intelligenz herrscht, abgesehen also von der positiven Seite dieser Erscheinung muß auch auf die negative Seite hingewiesen werden, nämlich auf das, was geschieht, wenn der jüdische Inhalt aus dem jüdischen Heim vertrieben wird. Eine Zeitlang geht das Vegetieren ganz leidlich, aber endlich verlangt die menschliche Seele nach Inhalt, nach Stiinmung, nach Schönheit und da der Sinn für jüdische Formen abgelöst wurde, werden da fremde Formen importiert. So genießen wir das sonderbare Glück, daß das jüdische Haus -friedlich, ohne Kampf, im Glanze des Christbaumes erstrahlt, eines Namens, den wir jahrhundertelang nicht über unsere Lippen zu bringen wagten — dagegen aber erhellt das bescheidene Licht der Chanukalichter jene Häuser nicht mehr. Wir genieren uns, unsere Kinder die Bedeutung und das Legen der Tefilin zu lehren, sowie sie in den jüdischen Pflichtenkreis durch Sie Barmizwah einzuführen, aber man scheut sich nicht die Mädchenkonfirmation einzuführen. Am Simchath-Thora paßt es uns nicht die Synagoge zu besuchen, um dort mit allen Juden uns zu freuen und zu tollen, dafür aber wird von uns die Sylvesterfeier innigst und mit echter jüdischer Begeisterung gefeiert. Den Sabbat legen wir ruhigst in die Rumpelkammer, dagegen aber fühlen wir uns am Sonntag in feierlicher Stimmung und behaglich. In größeren Städten — letztens auch in Provinzstädten — ist unser Feiertagskalender um eine große Feierszeit vergrößert worden; um den Fasching oder Karneval und selbst in zionistischcn Kreisen beginnt der Äarnevalball zu den eisernen Bestand zu zählen. So wird das jüdische Leben immer mehr entjüdischt und mit christlichem Inhalte gefüllt und wozu das führen kann, brauche ich nicht hervorzuhcben. Es wird da einem — wenn er bloß die oben skizzierte negative Seite in Erwägung zieht — gleich klar, daß wie bis nun weiterhin nicht mehr gelebt werden kann, wenn wir wirklich Juden und Jrrdentum erhalten wollen, auch im Golus für die große Selbstbefreiungsaufgabe in Palästina erhalten wollen, es wird klar, daß es bei weitem nicht genügt Zionist im landläufigen Sinne zu sein, sondern daß die Parole lauten muß: Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland. Welche Bedeutung Palästina im National,- sierungsprozeß der zionistischen Intelligenz zukommt, will ich nur sehr kurz streifen: Wir müsicn uns mit dem Gedanken an Palästina als unserer Heimat derart vertraut machen, daß wir unser Leben derart einrichten, damit wir als Individuen von der Zweiheit, ein Leben als menschliche Individuen und ein besondcres Leben als Glieder unseres Volkes zu führen aufhören, endlich befreit werden, d. i. daß wir Bewohner Palästinas werden. ,Sollte aber dies aus diesen, oder jenem Grunde nicht möglich seid, dann muß Palästina iveuigstens unsere geistige Heimat werden, deren Schicksale uns als Kinder, die in der Verbannung leben müssen, interesiiert. Palästina inuß für uns ein Plus, ein lebendiges Plus werden in, Gegensätze zu den orthodoren Schichten unseres Volkes, für die das jüdische Leben in Golus genügt und für die Palästina bloß eine Sehnsucht, oftinals leider nur eine versteinerte — wenn inan so sagen darf — ist- Anderseits dürfen wir — im Gegensätze zu viele״ von den heute wirklich in Palästina lebenden modernen Juden — nicht vergessen, daß Palästina nicht nur dazu berufen ist. uns blos in materieller Beziehung eine Heimat zu werden, sondern auch uns ein Leben in von uns selbst geschaffenen Formen zu ermöglichen und zu diesen gehören nicht zuletzt die jüdischen Feste und die Synagoge. Ich weiß, es wird viele geben, die obige Ausführungen. als die Phantasien eines Romantikers ansehen werden, der das Rad der Geschichte zurückdrehen will. Ich gebe ohne weiters zu, es ist Romantik, was oben gefordert wurde, aber lebenschaffende, es sind vielleicht Phantasien, ich glaube aber es sind Phantasien eines Realisten, es soll gewiß das Rad der Geschichte zurückgedreht werden, denn schließlich und endlich wollen wir doch als Zionisten nichts anderes. Bemerkt inuß jedoch werden, daß dieses Rad eigentlich noch tüchtig rollt, die jüdische Masse hält noch vieles von dein von uns wiederzuerobernden hoch und heilig, nur wir, die Intelligenz helfen nicht mehr mit. Wir brauchen nur den Mut zur Tat anfzubringen, um den Kontakt wiederherzustellen. Ich will noch zum Schluß betonen, daß ich nicht die Absicht habe, wir sollen mit einemmale fromm werden oder gar Frömmigkeit heucheln, nichts nämlich könnte unsere junge Bewegung schlimmer gefährden als religiöse Heuchelei und Uebung von Formen, ohne deren r7eele zu erfassen. Ter Zweck obiger Aufführungen ist unsere Gedanken anzuregen, unsere Aufmerksamkeit daraus zu lenken, daß die Verwirklichung unseres Ideales mit Worten allein, oder kleinlichen Taten nicht zuwege gebracht werden kann, daß unser Sieg als Volk nur durch ein Lebenssnsten, möglich gemacht werden kann. Wir wollen auf die national so bedeuiungsvollste Quelle von'Lebensformen, die im alten Judentum geschaffen wurden und von großen jüdischen Massen geübt werden, ausmerkfain machen, die auch unser heutiges׳ nationales Leben zu befruchten imstande sind und — wie ich glaube — cs auch tun werden. Es muß endlich mit unseres großen Tbeodor Herzls Worte: ״Der Zionismus ist die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland" einmal Ernst gemacht werden. Dies von Herzl visionär ausgesprochene Wort müssen wir mit seinen Mittel realisieren, das er so wunderbar, so einzig handhabte, mit ernstem, heiligem Willen. Jüdische Arbeitervereine in Galizien. M. Si 0 111 f c [ d. Allgemein ist bekannt, tvelch eine :!tolle die organisicrte Arbeiterschaft bei fremden Völkern, z. V. in Deutschland, in Bezug ans das politische Lebe» spielt und welch ein mächtiger Faktor sie in ökonomischer Hinsicht ist. Von all dem kann nicht die Rede sein bei zuden, die überall Minoritätsvölker sind. Ta aber die Fuden, wenigstens in manchen schichten, ein reges Fniercsse für die Politik haben und in den fortschrittlichsten Parteien großen Anteil nahmen ldic sozialdemokratie in Deutschland, verschiedene revolutionäre Par- Ceppicbe, Uorbänge 11. Decken ferner sämtliche Capezlerer-Zogebör billigst im Fachgeschäfte ALOIS CHMELIK, Briinn Krapfengasse Nr. 24,