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Jüdische Volksstimme · 1914-04-22 · Heft 15 (22.4.1914) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 15 (22.4.1914)
Date
1914-04-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15. «Jüdische BolksSirmue" Seite L Volksbildung. Wenn man die Tendenzen, die sich unter dein Einflusie der zionistischen Bewegung in sehr vieisacher Weise im jüdischen Leben der Gegenwart durchzusctzen trachten, aus einen gemeinsamen Nenner bringen wollte, so wäre es wohl der, daß das jüdische Gemeinschaftsleben sich erweitert und mehr und mehr Betätigungen der jüdischen Menschen zu umfassen und zu gestalten trachtet. Im Ghetto wurzelte der Jude ganz in seiner Gemeinde; in den Zeiten der Assimilation kam er mit ihr kaum mehr in Berührung, es sei denn, das; er heiratete oder einen Toten begrub. Null strebt die jüdische Gemeinschaft wieder dahin, lebendige Volksgemeinschaft zu werden, alle die Funktionen wirklich zu erfüllen, welche einer Bürgerschaft zufallen. Daß im Rahmen dieser Aufgaben der Volksbildung eine überragende Bedeutung zukommt, bedarf keines Beweises. Tatsächlich hat denn auch in den letzten Jahren die Zahl der volksbildenden jüdischen Institute sehr zugenommen. Es braucht nur auf die Toynbcehallen hingewiesen zu werden, die wir jetzt in allen größeren Städten haben. Daß neben der Vortragstätigkeit dieser Volkshallen noch viele andere Aufgaben zu lösen sind, beweisen die Berichte anderer ähnlicher Unternehmungen, wie z. B. des Hamburger Volksheims, der dänischen Volkshochschulen und so weiter, die zeigen, wie reich und weitausgreifend die Tätigkeit solcher Institute werden kann. Wir danken cs der Redaktion der Zeitschrift ״Die Tat" (Sozialreligiöse Monatsschrift für deutsche Kultur, Verlag E. Tiederichs Jena; vierteljährlich 3 M.), daß jetzt das Material zum Thema ״Volksbildung" in den wichtigsten Fragen leicht zugänglich gemacht worden ist. Diese Zeitschrift hat das Aprilhcft dieses Jahres (112 Seiten, M. 1.20) gänzlich den Fragen der Volksaufklürung gewidmet. Zur Behandlung gelangen so wichtige Fragen wie die der ländlichen Volkshochschulen (Dänemark), das Muster aller Volksbildungsstätten (sehr gute kritische Bemerklingen von A. Behna), der Volksbuchhandlung, der Gartenbewegung und berichtet über die Tätigkcit der hervorragendsten Bildungsorganisationen Deutschlands und Oesterreichs. Von besonderer Wichtigkeit ist die Grundtendenz, die fast in allen Artikeln zum Vorschein kommt und die mehr und mehr in das Bewußtsein all der Menschen treten muß, die sich mit der Erziehungsarbeit befassen: daß die Erziehung nicht Fachkenntnine veriilit-tcln, sondern den Menschen bilden will und daß cs gerade die ״unpraktischen" Fächer — insbesondere die Geschichte — sind, die am ehesten den ganzen Menschen bilden können. Bilden aber — dies ist das zweite — heißt nicht Kenntnisse verniitteln, sondern Willensziele geben. Ten Zusa1111ucnbruch der bloß kühl und ״neutral" belehrenden Volksbildung hat insbesondere Heinz Marr in dem einleitenden Artikel dieses Heftes der ״Tat" uachgcwiesen, auf das wir alle unsere Leser, soweit sie für die Probleme der Volksbildung Interesse haben, nachdrücklich verweisen. KAFFEEGESCHAEFT Rosenbaum BRÜNN, Liechtensteing. 1 Liechtensteins. 1. sönliche Freiheit der einzelnen ״Wandervogel"- Vereine einzuschränken. Sie lehnt es also entschieden ab, da einzugreifen, wo eine Ortsgruppe von Fall zu Fall durch Mehrheitsbeschluß Die Aufnahme von Juden ablehnt, etwa weil besonders ausgeprägte Raffeneigentümlichkeiten mit der Art des ״Wandervogels", die aus dein Tiefsten des deutschen Besens hervorgegangen ist und in der deutschen Vergangenheit wurzelt, unverträglich erscheinen". Fürwahr! Der Beschluß ist ein Dokument jesuitischer Leisetreterei, er zeigt vom innern Widerspruch und der Unaufrichtigkeit, die den Schein-Liberalismus überhaupt charakterisieren. Tie ersten Sätze klingen gerade und stark: dem ״Wandervogel" müffen die hohen Prinzipien bewahrt bleiben, die in seinen Satzungen zum ׳Ausdruck kommen. Dieser Auffassung vermöchten wir nur Hochachtung entgegenzubringen. Wir könnten aber auch verstehen und würdigen, wenn man in Frankfurt offen ausgesprochen hätte: die Juden haben als volksfremdes Element iin deutscheu ״Wandervogel" keinen Platz. Hingegen ist die Stellungnahme, die im zweiten Teil vertusttels unlauterer Drehung möglich macht, was sie im ersten Teil mit Emphase negiert, unsittlich und verabscheuenswert. Nun ja, die Bundesleitung hat es eben nicht leicht. Sie möchte nicht gerne des jüdischen Geldes entraten; in den Jugend-Gruppen aber wird es immer lauter: fort mit den Juden! Ta muß denn die Wortkunst zu einem Ausweg helfen und so wird nach langer Ueberlegung jene.beachtens werte stilistische Leistung geboren, die eingangs zitiert ist. Nie und nimmer, so ruft die Bundesleitung, wird sie einen grundsätzlichen Ausschluß der Juden dulden: ״andererseits" aber hat sie nichts dawider, wenn sie der Reihe nach einzeln Hinausflicgen. Es wäre tief beschämend für das Judentum, wenn es sich erwiese, daß die Spekulation des ״Wandervogel" erfolgreich gewesen, daß ihm das Wohlwollen gewisser jüdischer Kreise trotz dieses feigen, niederträchtigen Beschlusses ge blieben. Jetzt gäbe es für die Kommerzieu-, Justiz-, Sanitäts- und andere;)täte, ttöc sich jüngst zur feierlichen Berrufserklärung des Zio uismus einten, eine Gelegenheit, gegen den ״Wandervogel" ein mannhaftes Wort zu sagen. Daß wüßte ihnen die jüdische Oeffentlichkeit zu Dank! Aber die Herren haben eine harte Haut. Und unsere Hoffnung, daß das Ehrgefühl sie endlich aus ihrer Zwitterftellung scheuchen werde, ist zu oft getäuscht worden, als daß wir vermein ten: diesmal werde es anders sein. Man wird auch diesmal Vogel-Strauß-Politik treiben und nichts sehen. Und wenn matt bei einem reichen Juden um Förderung des jüdischen Wanderblindes anklopfen wird, wird man wahrscheinlich wie bisher zu hören bekommen: so sniupatistb ihm der Wandergedanke der Jugend sei, müsse er die unbegründete Separierung der Juden ablehnen und könne daher nichts beitragen Wohl aber erfassen wir das Beste von den jüdischen jungen Leuten, die im ״Wandervogel" bis jetzt miitaten. Sie haben für juristische Kniffe, wie sie in der Resolution angewende sind, kein Verständnis, sie werden das Feige und Empörende dieses Beschlusses erkennen. Da gibt es nur eine Antwort: Austritt aus dem ״Wandervogel" und tatkräftige Unterftützlina der jüdischen Wanderbundbewegung. So wird denn der Frankfurter Beschluß aus einer Anzahl Die Judenfrage im ״Wander- Vogel. Ter Bundestag der ״Wandervogel"-Vereine, der zu Ostern unter sehr zahlreicher Beteiligung in Frankfurt a. d. Oder stattfand, faßte zur Fragc der Ausnahme jüdischer Mitglieder folgende Resolution: ״Der ״Wandervogel" ist auf Grund seiner Satzungen in politischer und konfessioneller Hinsicht neutral. Tie Bundesleitung hat darüber zu wachen, daß die Satzungen beachtet werde,l. Sie kann also unter keinen Umständen dulden, daß von Gauen oder Ortsgruppen allgemein Beschlüsse gefaßt werden, die dahin lauten, daß Juden grundsätzlich nicht ausgenommen werden. Sic wird altes tun, um zu verhindern, daß im ״Wandervogel" die Religion oder die Raffe der Juden beschimpft werden. Andererseits denkt die Bundcsleitung nicht daran, die per- Judcnjungen. junge Juden machen davon überzeugt — Heil bringen. wir sind Grz. Ms beste Quelle für den Einkauf von (einer Berre11ees!le ist und bleibt Brünn, Ferdinandsgasse 21, I. Stock Kleine kegle! Kleine Preisei Preislisten gratis und franko. Zionismus und Poesie. Brün n, April 191-1. Arthur Grün. Ter Titel überrascht wohl: wie kann man eine Volksbewegung, wie es der Zionismus ist, der Poesie gegenüberstellen in einem Zeitpunkte wo wir mit der größten Anspannung all unrer Kräfte Mittel und Wege für unfern Fortlestand auf geweihtem Boden erkämpfen müssen, wo inan mit den realsten, nüchternsten Mitteln ans Werk gehen soll — und es ja auch wirklich ut, was durchaus nicht kritisiert werden soll — in diesem Zeitpunkt sollen wir uns über das ganz unnötige Thema ״Zionismus und Poesie" Gedanken machen? Und doch gehört dieses Thema genau so zur Tagesdiskussion, wie etwa die statistischen Ergebnisse für die Judentaufen im letzten Jahre. Denn die Tiefe nnd Ausdehnung der zionistischen Poesie ist ein Kriterium für die Ansbreitung des Zionismus, aber nicht nach Schekelzahl gemessen, sondern nach wirklichem Erfassen des Renaissancegedankens durch die Seele des jüdischen DichtcrS. Der Zionismus ist einem natürlichen Volksideal entsprungen oder besser gesagt, er ist dieses VolkSideal selbst. Nur seine Mittel machen ihn zum modernen politischen Zionismus. Dieses Volksideal ist wohl noch im Osten in der Brust fast jedes Juden vorhanden und der Sab: ״Im nächsten Jahre in Jerusalem" kommt sicherlich nicht ohne wirkliches Sehnen über die Lippen des Betenden. Es nimmt nicht Wunder, daß dort eine große Zahl Ziousdichter vorhanden ist, wo eben das jüdische Milieu, die rein jüdische Erziehung die ^eele des jungen Juden von Geburt au mit jüdischem Fühlen durchtränkt, in ihm von Jugend an das zionistische Sehne» verpflanzt.?Inders im Westen. Hier ist es geradezu eine Seltenheit, einem jüdischen Dichter zu begegnen, der in seinen Werken jüdisch fühlt. Fast alles ist hier der zerfressenden?lssimilation au heim gefallen, die all das jüdische Empfinden getötet hat und die poetisch Veranlagten einem oberflächlichen Vegetieren zutrieb. Der Dichtende empfindet hier nicht mehr jüdisch oder er un-!erdrückt sein Empfinden. In demselben?lugenblick wird er aber nicht zum wahren Dichter gibt in der Lyrik sein Ich dein Leser vollkommen preis. ES ist der Chronist seines eigenen Empfinden, Denkens, Fühlens, er ist in seiner Poesie vollkommen wahr; denn er formt aus innerem Drang sein Empfinden in Worte der Wahrheit. Und gerade deshalb ist uns die zionistische Poesie ein Mittel, um uns die?lusdehnuug unieres Volksideals zu zeigen. Da täuschen uns keine Zahlen von verkauften Schekolim. Denn int Volkssehnen haben wir die Fundierung für die zionistische?lrbeit. Gebet heute allen Juden die Sehnsucht nach Erez Israel und der Zionis mus ist halb gelöst. Dann sind wir Juden mit jüdischen Herzen und nicht mit solchen, die die?lssimilation blut- und lebensleer gemacht hat. Unsere zionistische?lrbeit ist nicht allein materiell: sie ist auch Erziehungsarbeit. Eine?lusgabe von unermeßlicher Schwierigkeit. Wir wissen nicht, ob sie zum Ziele führen wird. JedenfallS sind Erfolge vorhanden, aber weit tveniger. als cs auf den ersten Blick scheinen würde. Was uch hier im Vesten zionistisch nennt, ist eben von dem zionistischen Ideal nicht vollkommen durchdrungen. Wird ein?lffimilierter Zionist, so durchschreitet er drei Phasen. In der ersten Phase be steht sein Zionismus aus einem bloßen Haß gegen Sie?lssimilation. Er wird zwar Mitglied von zionistischen Ortsgruppen, hat aber trotzdem vieles am zionistischen Programm auszusetzen. In der zweiten Phase hat er sich zu einem vollen Nationalismus durchgerungen. Er nimmt die längst verstaubte jüdische Geschichtslehre ans der Mittelschule zur Hand und beginnt zu lesen, daun zu lernen. Erst in der dritten Phase ist er im vollsten Sinn des Wortes Zionist, in dem auch das Gefühl in ihm für Erez Israel und den Wiederauflebnngsgedanken erweckt ist. In dieser dritten Phase befinden sich noch die weirigsten. Die Juaend steht noch meistenteils inmitten der zweiten Phase. Sie ist wohl uational gesinnt, aber Palästina ist für üe nur ei» Emigrationsgebiet ״für die andern Bedrückten", sie selbst sind von dem historischen Reiz dieses Landes wenig oder gar nicht hingerissen,?kn der

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