Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 15 (22.4.1914)
- Date
- 1914-04-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. ״Jüdische Bolksstimme." Nr. 15 Eigecntlich sollte jeder Zionist alljährlich am Jahrzcitstage Herzig seine Dankbarkeit durch Stiftung eines Baumes aus den Namen unseres großen Führers in sinniger Weise zum Ausdruck bringen. Diese ursprünglich von vielen unserer Freunde beobachtete schöne Sitte ist leider inzwischen vielerorts in Ncrgcffenheit geraten. In diesem Jahre aber, zum 10. Todestage Theodor Herzls, dürscn wir hoffen, daß die oben erwähnte Anregung, die wir aufs wärmste befürworten, von allen Gesinnungsgcnosscn ausnahmslos beherzigt werden wird. Eine Schrift über die ״Baumspcndc" und den 10. Todestag Theodor Hcrzls in deutscher und hebräischer Sprache befindet sich in Vorbereitung und wird unsere» Vcrauensmänncrn rechtzeitig zugchen. Hauptburau des Jüd. Nationalfondcs: Justizrat Dr. Bodenhcimcr, Vorsitzender. WYERLOBUNQ5-RINQE BRflUT5CnnUCK 1 r H0CHZEIT5QE5CHENKE EHE'RINQE in hervorragender Auswahl zu besonders billigen Preisen. Bert hold Bschner, k. u k, Hoflieferant, Juwelen-, Uhren-, Goldu. Silberwarenhandlung Brünn, nur Ferdinandsgasse Nr. 2. HP־ Provinzaufträge finden sofortige Erledigung Kulturzionistisches. Von Dr. Arthur Taußik, Qlmütz. thne eigene Sprache gibt cs kein echtes nationales Volkstum. Diese Erkenntnis, die unserer Zeit ihr Gepräge gibt, bricht sich auch in zionistischen Kreisen immer mehr Bahn, seitdem der Zionismus aus jener Entwickclungsphase, in welcher Aufklärung, Propaganda und Schafsnug grundlegender Parteiinslitutionen alle Kräfte absorbieren, fortgeschritten ist zur Vertiefung und Vcrarbcitung seines ganzen Ideengehaltes. Tic nationale Sprache der Juden kann nur die hebräische sein, nicht der Jargon, wenngleich dieser die Umgangsprachc des größten Teiles der gesamten Judcnschaft ist. Der Jargon is! so recht ein Produkt des Goluth. Die kurzfristige Seßhaftigkeit, das Ghcttodascin der Juden mit seiner gewaltsamen und freiwilligen Abschlicßung von der Natur und dem allgemeinen Weltgctriebc, das Leben als Minderheit unter anderen Völkern, deren Sprache mangels jeder Behinderung mit dem jeweiligen Kulturstände schritthaltcn konnte, und die als die Sprache des Nährvolkcs von den Juden gut verstanden und sehr viel gesprochen werden mußte: alle diese Momente haben den Jargon, discs einzigartige Sprachgebildc geschaffen. Ist der Zionismus voll verwirklicht, dann hat der jüdischc Goluth sein Ende gefunden, damit aber auch der Jargon seine Lcbcnsbedingungcn cingcbüst. Bekanntlich ist die Sprache, so hoch entwickelt sic auch sein mag, nicht etwas für immer Abgeschlossenes, sondern etwas, das in stetem EntwickelungSflusse begriffen und daher de» allgemeinen biologischen Gesetzen unterworfen ist, d. h. sic cntlvickclt sich nur dann weiter, wenn die natürlichen Voraussetzungen dafür gegeben sind, und sic erstarrt, verkümmert und stirbt schließlich ab, wo diese fehlen. Tritt an die Stelle des Nomadcntums die Bodensländigkcit, wird das arg bedrängte und eingeengte Adler: Ich Hab' eine Idee... Singer: Ich auch. Vielleicht kann man meine eher brauchen. Adler: Wart' nur! Wir versetzen meinen schwarzen Anzug. Gekostet Hai er achtzig Kronen!... Singer: Abgenützt für neunzig. Adler: Zeh» gibt der alte Weißbcrg. Als Faust- Pfand ivohnc er bei ihm ad dicm insinitum.... Das haben wir genug. Ich borg euch bcidcit und wir geh'» dann zu Markus, machen unsere offizielle Visite und uutcrbaltcn uns famoS. Friedmann: Du, ich Hab zu dem inner» Wert dcincs Anzuges wenig Vertrauen. So 'n bemoostes Haupt und zehn Kronen? Wart, wir nehmen noch etwas mit. L>icr hast du Pandekten, die vcrklopf ich, und einen Wecker, den versetzt Singer. Pereant! Singer: Vorwärts! Friedmann du bist ein Genie.. Adler: Kinder, ich Hab' mir's jetzt ein bischen überlegt. Es ist nicht recht, daß ich den splcndcr Familiac versetze. Tauschen wir! Ich trag die Pandekten.... F-riedmann: Einverstanden. Cicero wird sich wunder», welche Beredsamkeit ich bei diesem Geschäfte entfalten werde. Diligentia pairis familiac, mit der Sorgfalt eines pflichttreuen Mannes. Also, angcpackt! Du, Adler bring das corpus delicti her, hier werden wir die übrigen Dinger cinpacken und ein guter Gott walte über unser Beginnen! Minoritätsvolk zur herrschenden Bcvölkcrungsgruppe mit der Möglichkeit freier Entfaltung nach allen Richtungen dann sind die Voraussetzungen für den Fortbestand des linguistischen Phänomens, genannt Jargon, nicht mehr vorhanden. Er wird natürlich nicht gleich—vielleicht niemals ganz — von der Bildflächc verschwinden, aber er wird, der in nährenden Quellen beraubt, die Fähigkcit verlieren, sich den geänderten Kulturvcrhältnissen anzupasscn und sich mit ihnen wciterzuentwickeln und deshalb von jener Sprache immer mehr verdrängt werden, welche aus der Bodenständigkeit, dem neu erwachten Nationalbcwutztscin und aus der Dascinslust des nach bitteren Jahrtausenden wieder zu normalen Lebcnsbedingungcn gelangten Volkes ihre ewigen Entwikelungstriebe empfängt. Darum ist der Streit, ob in ״Altneuland" das Hebräische oder der Jargon die herrschende Sprache sein wird, ein ziemlich müßiger. Ausgehend von der großen Zukunft, der die hebräische Spache cntgegcngcht.sci nun das eigentliche Thema erörtert. Die hebräische Schrift wird, wenn cs sich nicht gerade um Druck—oder Schriftwerke für Anfänger oder um kunstvolle lyrische Gedichte handelt, ohne Bezeichnung der Vokale, ohne graphische Unterscheidung gewisser nahvcrwandtcr Konsonanten mit Weglassung verschicdcncr für da sLcscn, das Wortvcrständnis und die Aussprache überaus sehr tvichtigcr Zeichen — kurz gesagt ohne Punktierung — zur Darstellung gebracht. Der Hcbräist verpönt die Punkticrung, stigmatisiert sic als Kennzeichen mangelnder Bildung, und nur mit innerem Widerstreben läßt er sie dort gelten, wo er ihrer absolut nicht cntratcn kann, nachdem er zuvor vergebens versucht hat, durch Wahl anderer Worte ober Wendungen der Punktierung auszuwcichcn. Auch ich halte die punktierte Schreibweise im großen Ganzen für entbehrlich; aber meines Erachtens kann cs sich nicht darum handeln, ob die Punktierung entbehrlich ist oder nicht, sondern ob wir im Interesse einer gesunden nationalen Entwicklung von Volk und Sprache auf die Punktierung verzichten sollen und dürfen. DaS Hebräische ist nicht mehr bloß die Sprache der Schriftgclchrtcn, Talmudistcn, der orig.-jüd. Journalistik und ihres hebräisch-gebildeten Lcscpublikums, sondern entfaltet sich immer mehr zur allgemeinen Volkssprache, die dem lebendigen Alles und Alle umfassenden Verkehre dient. Die Schrift einer solchen Sprache muß einen anderen Zuschnitt haben, als die einer Gelehrten- und Literatensprachc. In der leichten, raschen und unbedingt sicheren Lesbarkcit gipfelt der Wert einer Schrift. In einem' modernen Kulturstaatc muß jeder des Lesens einer Schrift Kundige alles in der nämlichen Schrift Geschriebene und Gedruckte lesen können. Wclchen Wert hätten beispielsweise hebräische Oricnticrungs-, Warnungstafeln, Notaffichen, Neklamplakate, wenn sic nur der Gebildete, nicht auch der der Lcsefibel kaum entwachsene Schulknabc, der Lcscnskundigc, sonst aber ganz bildungslose Bauer, Handwerker, Lastträger usw. lesen könnte: diesfalls kämen auch Nichtjudcn in Betracht, denn die in einem Staatsgebiete herrschende Sprache sucht si chauch der Fremde oder Landcingcborcnc, der eine andere Sprache spricht, anzucignen. Auch ist cs bei nichtpunkticrtcr Schreibweise ausgeschloffen, daß ein siebenjähriges Schulkind seinem lcscnsunfähigcn Vater oder dem schon augcnschwachen Großpapa etwas Hebräisches z. B. aus der Zeitung vor¬ Eine halbe Stunde später im Versatzamt. Frirdmann erscheint, enthüllt den schwarzen Anzug Adlers und reicht ihm dem Kommis. Dieser wendet ihn nach allen Seiten, schüttelt mit dem Kopfe und gibt ihn zurück. Fricsnnann ist verdutzt, wird rot, blickt um stch, packt schnell wieder zu, grüßt und geht auf die Straße. Adler kommt, gibt dem Manc ein großes Buch. Dieser schlägt cs auf, schaut lächelnd auf Adler, zwinkert mit den Augen und macht eine verneinende Gebärde. Adler blickt auf den Mann, auf das Buch, ergreift cs zornig und geht. Singer öffnet behutsam die Türe, zieht den Wecker aus der Tasche und stellt ihn auf den Tisch vor den ״Schätzmcister". — ״Steht nicht dafür, altes, verstaubtcs Werk. Vierzig Heller". Singer ruft ״Danke" und stürmt hinaus. Cr eilt in Friedmanns Bude. Adler sitzt auf dem Divan, raucht, Friedman» summt leise ״Moaus Zur". Auf dem Fensterbrett stehen zwei kleine Lichtlein.Singer erblickt die Pandekten untcr'm Tisch, den splcndor am Sessel. Er verzieht das Gesicht zu einem bittersüßen Lächcln, dann eilt er auf die beiden zu, reicht jedem die Hand und ruft: Leschonoh haboh bi Jeruscholojim! . ן c»■ ״ liest. Das wären nur einige Schlaglichter für die Unzulänglichkeit der inkriminicrten Schriftform. Uebrigens wird auch der gewiegteste Hebraist punktiertcs Hebräisch rascher und sicherer lesen als nicht punktiertes, einfach deshalb, weil'das Äuge, welches das Schriftbild eines Wortes übermittelt, schneller und zuverläffigcr arbeitet als das beste und routinierteste Denk-, Abstraktions- und Kombinierungsvermögen. — Jeder Hebraist weiß cs aus eigenster Erfahrung, daß er nicht immer beim erstmaligen Lesen richtig liest, sonder» erst beim Weiterlesen inne, wird, daß die erste Lcscart nicht die richtige war. Ferner zeitigen die vielen neuen Wortschöpfungen, die unvermeidliche Frcmdwörteraufnahme, die Transskribicrungcn aus fremden Sprachen immer mehr die Notwendigkeit, einzelne Wörter mit allen oder wenigstcns mit einem charakterisierenden Punktierungs- Zeichen zu versehen, damit Mehrdeutigkeiten, Unklarheitcn und empfindliche Lesestörungcn hintangehaltcn werden. Ein unvollkommene Schrift — so nenne ich jene Schrift, zu deren Lesbarkeit außer der ganz gewöhnlichen Lescgcwandheit noch eine spezielle Bildung erforderlich ist — kann nicht nur niemals volle Popularität crlangen, sondern ist auch geeignet auf die Sprach- und Sprcchkorrcktheit ungünstig, ja korrumpierend zu wirkcn, ein Umstand, der für die hebräische Sprache umso schwerer ins Gewicht fällt, als dieselbe sich zur Zeit in einem Stadium lebhaftester Regeneration befindet. Ich kenne eine Gruppe von intelligenten jungen Männern; sie alle haben ein gutes Sprachtalent und widmen sich mit dem Zionsideal im Herzen mit seltenem Eifer der Erlernung des Hebräischen. Wenn ich mir nun vergegenwärtige, wie kopfscheu und mutlos diese Leute jedesmal werden, wenn der — sonst hervorragende — Lehrer erklärt, daß sie sich früher oder später mit dem nichtpunkticrten Hebräisch befreunden müßten, so erscheint mir das konsequente Festhalten an der Punktlosen Schreibweise seitens der modernen Hebraisten und der in Betracht kommenden zionistischen Faktoren nicht nur als verfehlt, ungesund, schädlich und rückschrittlich, sondern auch geradezu als unverständlich. Denn die Verbilligung der Druckkostcn, die etwas raschere Herstellung des Druckes sowie der Schrift vermögen die vielen Nachteile, die mit der nichtpunktierten Schreibweise verbunden sind, nicht im mindesten wettzumachcn, dazu ist die Typographie viel zu sehr entwickelt. Nur von einem Gesichtspunkte aus kann ich das Unverständliche verständlich und verzeihlich finden: vom Standpunkte jenes gewissen Konservativismus, der den Juden — so paradox es auch klingen mag — bei allem Sinn für Fortschritt und Mode eigen ist. Besonders stark ist der Konservativismus immer dort, wo ihm atavistische Pietätsgcfühlc zugrundelicgcn. Jahrtausende lang hat die hebräische Schrift ohne Punktierung ihren Zwecken gedient und nicht schlecht gedient; das vcrpflichtet gewiffermaßcn zur pietätvollen Erhaltung der uralten Schriftform. Da mag man die punktierte Schreibweise leicht als etwas die ״heilige Sprache" Prosanierendes empfinden. Der jüdischen Pietät gegen das Althergebrachte wäre vollkommen Genüge getan, wenn man sich der punktlosen Schreibweise überall dort bedienen würde, wo cs nicht auf allgemeine, rasche und sichere Lesbarkeit ankommt, sondern auf archaistische, mystische oder sonstige Sondcrcffekte, wie z. B. bei Aufschriften an Tcmpclgcbäuden, Altardecken, Thorakleidchen, bei Diplomurkunden, Dcnkmalinschriftcn, Bannerschleifcn usw. Schließlich ein Argument, vor dem sich auch die zäheften Verfechter der nichtpunktiertcn hebräischen Schrist beugen müffcn, wenn sie nicht nur Hebraisten, sondern auch Zionisten in des Wortes tiefstem Sinne sind. Wir Juden sind ohnehin zuviel Gehirnmcnschen; das Lesen der punktloscn hebräischen Schrift erfordert unter allen Umständen eine intensivere Gchirntätigkeit als das Lcsen des punktierten Hebräisch. Die obligatorische. Einführung der punktierten Schreibweise wäre daher auch ein Mittel — und nicht das letzte — zur Verbesserung unserer Nasse. CARL BUCHTA Brünn Großer Platz Nr. 20 Kfavler-Etabllssiement Größtes und reichhaltigstes Lager von Klavieren Planinos und Harmoniums des In- Auslandes sowohl zum Verkaufe als auch leihweise zu den Kulan testen Bedingungen. Beeideter Sachverständiger. Verbreitet die ״Jüdische BolkSstimme!"