Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 14 (9.4.1914)
- Date
- 1914-04-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. ״Jüdische vokk-stimme." Nr. 14. - Staates, Landes und der Gemeinde bei Besetzung von Beamtcnftcllen und auch in der Be- Handlung der Parteien werden die Juden in der rücksichtslosesten Weise übergangen und zurückgesetzt. Bis in die Spitäler und andere gemeinnützige Institutionen ist dieser Kampf gcdrungen. Und nicht mehr nur die Aerzte werden nach ihrer Konfession gefragt, die jüdischen Patienten werden in der grausamsten Weise zurückgewiescn und finden oft auch in, Falle ihrer Aufnahme keine besonders gute Behandlung. Die Verrohung geht so weit, daß ein inkorporierter deutscher Student einen Juden nicht grüßen darf. Und die Professoren unterstützen die Rohlinge zu großem Teile, die anderen dulden ihn oder wagen zumindest keinen lauten Widerspruch. In den jüdischen Bezirken (Leopoldswdt, Stadt und Brigittenau) spielen sich täglich ähnliche Bilder ab wie in Polen. Zwei, deren Abspielung ich zufällig Zeuge war: In der Unteren Augartenstraße gehen zwei russische Juden. Von einem Tore trifft plötzlich ein Stück Holz den einen im Rücken. Der Hausmeister begleitet seinen Wurf mit den ordinärsten Schimpfworten gegen die Juden. Ein Wachmann, der in der Nähe steht lacht sich über das Heldenstück ins Fäustchen und will trotz Aufforderung des Getroffenen nicht cinschreiten. In der Wallcnstcinstraßc hält ein Arbeiter einen vorbeirennenden Juden mit den Worten ״Was machst du hier Polischr" an und beginnt ihn zu verhöhnen. Der Jude sucht sich seiner Umklammerung zu befreien und ruft laut um Hilfe. Auch hier schmunzelt der Wachmann ohne Einzuschrciten. Solche und ähnliche Bilder in den Judenbczirken. Wie es aussehen muß, wenn ein Jude sich in die äußeren Bezirke verirrt, kann mann sich denken. All diese Fälle gehen still vrübcr, man ist an sie gewöhnt. Anständigkeit, Bildung, Plsilantrophie, nichts steht hier im Wicderspruche mit dem Antisemitismus, sie alle vertragen sich alle aufs beste. Die jüdische Oefscntlichkeit wehrt sich nicht mehr und beugt sich dem schändlichen Joche. Und doch müßte eine energische Abwehr von Seiten der Juden erfolgreich sein. Da die Juden es sind, die Wien reich und schön gemacht haben. Ist es doch fast ganz wahr, was ein Wiener tschechisches Blatt den Deutschen drohte: ״Mögen sic (die Deutschen) vorsichtiger sein im Kampfe und wählerischer in den Kampfcsmitteln, angesichts der Tatsache, daß Wien nur von jüdischem Kapitale und tschechischer Arbeit erhalten werde. Mögen die Deutschen die Vereinigung dieser beiden Machtfaktoren fürchten, denn dann ist cs zu Ende mit der Herrlichkeit des deutschen Wien'." Die tschechische Arbeit, ja sic hält fest zu ihren, Volke und Volkstun,c. Aber das jüdische Kapital? * * Auf Anregung des Frl. Pappcnheim sollten sich alle jüdisch-philantropischen Frauen-Ncrcinc zu einer Zentral-Organisation ״Weibliche Fürsorge" zusan,menschlichen. Für Freitag, den 3. d.. waren alle Vereine zu einer diesbzüglichen Versammlung geladen. Nach Eröffnung der Versammlung durch Frau Direktor Ullmann hielt Frau Doz. Grünfeld ein ausgezeichnetes Referat Nachmann einige sinnvolle Midrascherzählungen über Muschiach vor. Immer, wenn er mit einer Erzählung fertig war, nickte Jüte einige Male, wobei sic tief in sich hincinseufztc. Jetzt war man mit dem Nachtmahle zu Ende. Man füllte den dritten ״Kos" und begann laut zu ״bcntschen". Hernach sagte man Halle! und sang die letzten Hagadahgesänge. Als n,an fertig war und sich vom Tische anfhcbcn wollte, merkte man, daß die Großmutter mit ihrem Kopfe aufs Sidur gefallen und ganz eingeschlafei, war. Da cs Mitternacht war, ״,ußte man sie wecken. Ihre Enkelin nahm sie langsam bei der einen, ihr jüngstes Urenkelchen bei der anderen Hand und sie führten sic nach Hause. Als sie schon draußen und ringsum von geheimnisvoller Finsternis umgeben war, da sagte sic sckstver atmend: ״Kinder' .. Der Jüd — jetzt habe ich ihn geschcn, jetzt eben bin ich bei sein,״ Sedcr gesehen wie damals." Jüte ist seit dem nicht mehr zu bewegen, bei ihren Kindern Sedcr zu halten. Auch zu Kiddusch und Hawduluh und zu Chanukahlichtern kommt si immer seltener. Wozu ihr alles, — wenn der ״Jüd" nicht da ist. über die Aufgaben der ״Weiblichen Fürsorge". Die Wiener Armenpflege bedarf einer grundlegenden Reform. Die einzelnen Vereine sind nur im Stande Stückarbeit zu leisten, da sie nur beschränkte Arbeitsgebiete vor sich haben. Eine ersprießliche Arbeit kann nur aus einem Zusainmenschlusie aller wohltätigen Frauenorganisationen erwartet werden. Besonders komme es auf eine rasche und rationelle Hilse an. Bedauerlich sei das Versagen der Jugend in der Wohltätigkeit. Zu diesem Zwecke schlägt die Nefercntin die Gründung einer Recherchentinen- Schule vor, die besonders junge Kräfte zu Rcchcrchcntinen heranzuziehen hätte. Wie überhaupt dem Necherchentinen-Wesen größere Aufmerksamkcit geschenkt werden inüßte. Es sollen einzelne Sektionen für Kranken-, Waisen- und Bildungswcsen errichtet werden, in das Gebiet der letzteren fiele auch die Beratung der Eltern bei der Berufswahl der Kinder. Durch Arbeitsnachweis und Heimarbeit könnte der Arbeitslosennot gesteuert werden. Auch die Kinder- und Greisinnenfürsorge sowie der Mutterschutz wären in das Arbeitsgebiet dieser Organisation zu ziehen. Ebenso wäre die Errichtung einer Rechtschutzstelle sowie eines Überwachungs-Ausschusses besonders wichtig. Nach dem Korreferate der Frau Hofrat Kühncl erklärte die Vorsitzende Frau Direktor Ullmann auf Anfrage des Dr. Schornstein, daß die ״Weibliche Fürsorge" keine konfessionelle Beschränkungen dulden könne. Dagegen protcstierten mit Recht die Vertreter einiger Vereine und meinten einer interkonfesiioncllen Organisation insolange nicht beitreten zu können, als diese nur Mittel seien jüdisches Geld ohne Rücksicht auf das jüdische Elend in freinde größtenteils unberufene Hände zu führen. Die Meisten aber hatten nicht den Mut den ״Rätinnen" zu wi versprechen und so wird durch die tragikoinische Geburt einer ״interkonfesiionellen" Vereinigung jüdischer Frauen-Organisationen beglückt. Bei Dr. Robert Hirschfeld. Von Ignaz Rosen seid, Wien. In der Dominikanerbastci, oben im zweiten Stockwerk hat ein gelbes Messingblättchen seineu Namen getragen. Und davor bin ich lange Zeit gestanden mit starkem Herzklopfen u. habe es lOOOmal angestarrt, dieses gelbe Messingblättchen und die weißlackiertc Tür. Und wäre nicht jemand die Treppe hinaufgegangen und hätte nicht drinnen die Diele geknarrt, ich hätte mich gewiß wieder fortgeschlichen aus Angst oder Scheu oder Ehrfurcht. Doch da wurde die Türe geöffnet und mir gegenüber stand Dr. Robert Hirschseld. Ich muß irgend etwas gesagt haben, denn er lud mich ein nähcrzukommen und führte mich in sein Arbeitszimmer. ״Das ist mein Heiligtum", sagte er lächelnd. Und dann fragte er, indem,״ er mich mit einer Handbcwcgung setzen hieß: ״Womit kann ich Ihnen dienen?" Ich war sehr verwirrt, mein Herz klopfte jetzt stärker und ich fand nicht das Wort. Er ben,erkte meine Verlegenheit und kam ,nir entgegen mit nachsichtigem Lächeln, iirdcm er auf das in Scidcnpapier gepackte Buch wies. «Eine Arbeit vielleicht?" Er langte danach und ich gab sie ihm hastig. Und während er sie von der Umhüllung bcfreite, hatte ich Muße ihn zu betrachten. Das nachsichtsvolle Lächeln ist ans seinen Mienen geschwunden und eine Ruhe darauf getreten, die für einen Operateur charakteristisch ist. Seine Lippen waren fest geschloffen, seine Augen blickten ernst unter den dichten Augenbrauen. Er entnahm einige Blätter und las. Einige kleine Proben. Dann legte er sie weg, sah n,ich an und sagte mir etwas, das mich sehr gefreuthat. Doch ich will davon schweigen, weil es echt Persönlichcs ist und weil man es mißverstehen könnte. ״Sie lasten mir die Sachen hier, ja, ich werde sie gründlich lesen und Sie kommen dann zu mir. Ich glaube, man kann Vertrauen haben..." Dann sprach er weiter. Nicht anders als er schrieb. Nicht leicht überstürzend, sondern langsam, fast vorsichtig. Manchmal machte er eine Pause, weil ihm das Wort nicht paßte, er rang förmlich mit ihm. Doch das nur, wenn Intellekt ihn führte, wenn sein angeborenes kritisches Talent ihm diktierte. Wenn er über der Sache stand, objektiv ruhig. Doch wo er sich noch nicht losgelöst hatte, wo persönliches Empfinden mitschwang, da waren seine wärmsten Worte zu kalt, seine leichtflügeligsten zu schwerfällig für den stürmenden Ge-, danken. Ich habe beides gesehen. Er sprach über die deutschen Klassiker, über die Moderne mit Ruhe, mit Würde, allen ward er gerecht. Ibsen sollte jeder auswendig kennen, wie die Klassiker. Denn er £>at Stil, feinen, durchgeläuterten Stil. Ich studiere ihn noch immer. Werde nie fertig mit ihm." (Er lieferte damals fürs ״Tagblatt" einen längeren Artikel.) ״Jndeffen aber verdrehen sich die Jungen die Köpfe mit Originalitätssucht und Manirirtheit und verlieren sich... Das Leben ist gar nicht originell." Dann erläuterte er seine Meinungen, Wedckind, Bartsch usw. Und,dann sprach er über eine Sache, von der er sich' doch nicht losgelöst hatte, die ihn stets an sich zog und mit der er verwoben war, weil sie in sein LÄen griff, in seine Vergangenheit, vom Judentum, und Zionismus. Ich wußte damals nicht, daß er ein Taufling war, sonst hätte ich das Feingefühl beseffen und nicht provociert. Ich kann mich heute nicht' mehr so recht erinner״, wie das Thema darauf kam. Ich glaube wir sprachen von der Preffe und da erlaubte ich mir die Bemerkung, daß die deutsche Preffe jüdisch sei. Da sah er mich eine Sekunde lang an, durchdringend, als argwöhne er etwas und fragte langsam. ״Sind Sie am Ende Zionist?" Ich warf natürlich, wie es so Gymnasiastensitte ist — ich war damals verspäteter Septimaner— den Kopf mit Stolz in den Nacken und sagte begeistert (an anderem Orte hätte ich gewiß geschrien): ״Jeder gute Jude ist Zionist, alle anderen." Ich kam nicht weiter, meine Worte erstarben bei dem merkwürdigen Lächeln, das um seine Lippen spielte. Es war halb Ironie, halb Nachsicht und Nervosität. Plötzlich verschwand es, in seine kleinen Augen kam ein seltsam glühender Punkt, er erhob sich und sagte erregt: ״Das ist das größte Unglück der Juden, ein Wahnsinn. Warum, warum tun sie das. Sie wollen sich separieren, aus welchen Werten leben? Haben sie denn was eigenes? Gar nichts. Hier dieses Buch ist christliche Kultur, dieser Vorgang christliche Kultur, dieser Kasten christliche Kultur, alles, wo Sie Hinsehen, wovon Sie leben, worin Sie leben überall christliche Kultur, an der man sic teilnehmen läßt, weil es so die Geschichte will und sie erheben ein Geschrei, als wären sie bestohlen. Gewiß auch die Juden haben etwas dazugcarbeitet, haben draufgeschlagen auf den Amboß aber spüren Sie denn heute den Schlag, sehen Sie denn irgendwo noch einen Funken, von dem Sie sagen können, er sei jüdisch? Sie sagen, man behandelt sie als Gäste. Ja tun Sie denn etwas, um als Mitberechtigte behandelt zu werden? Das Gegenteil ist wahr. Immer und überall predigen sie jüdische Raffenmerkmale, aus alten, toten Mumien schneiden sie einen Zug heraus und setzen ihn einem Juden von heute auf und sagen, das ist jüdisches Merkmal. Und ich leugne das. Ein Volk ist genau so wie eine Münze. Sie verfälscht sich mit der Zeit. Gewiß diese kleinen, religiösen Juden im tiefen Galizien und Rußland, diese Fanatiker, das unscheinbare Häuslein, das im grimmen Kastengeist sich einsperrt, das erbt fort seine Raffe und gewiß denken alle die Herren, die sich so in die Brust werfen, an diese menschlichen Anachronismen, an diese armen, elenden Mitläufer, die nur dann etwas haben, wenn mann es ihnen zuwirft und die mit aller Gewalt nein, mit ererbtem Stumpfsinn die Mauer erhalten wollen, die ja doch abbröckelt, die sich gegen die Segnungen der Kultur wehren. Das sind, glaube ich, diese Raffenjuden und die sind gewiß nicht Mitarbeiter der Kultur. Kein Fanatiker will Fortschritt und Fortschritt ist Kultur. Aber auch bei den Deutschen. Einen