Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 14 (9.4.1914)
- Date
- 1914-04-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint jeden Donnerstag. Wiener Nnmmer 14Jahrg. XV|3. Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig ganzjährig .. Deutschland, ganzzahrig .... Rußland, ganzjährig. Balkan, Frankreich. Kronen 6 2V . —׳12 . Kronen -12 Mark . —׳6 Rubel . —׳14 Franks . Mit der Beilage ״Daß j«d. Leben in Galizien" Herausgeber: Max Hickl. mm. m— -B I Postsparkassakonto Nr. 312.842. Geschäftsstelle, Wien:!., Rotenturmstraße Nr. 31.! Buchhändlerische Vertretung: Ott» Klemm» Leipzig. I Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. »--» Brünn-Budapest. Wien, U74 Prag—Lemberg. Der Feiertage wegen erscheint die nächste Nummer der ״Jüdischen Volksstinnne" erst am 21. April. Zum Besreiungsfest. Wenn unsere jüdischen Feste herannahen, halten wir in der Hast des Alltags einen Augenblick inne und suchen uns über unsere Stellung zum Judentum und zu unserem jüdischen Selbst klar zu werden, indem wir unser Augenmerk mehr den inneren, seelischen Geschehnissen zuwenden. Dies gilt ganz besonders für den Geburtstag des Judentums, dem Erinnerungsfest der Befreiung aus physischer und — was weitaus wichtiger ist — geistiger Sklaverei. Ueberblicken wir vom jüdischen Gesichtspunkte den Verlauf der Weltgeschichte und den Verfall des Orients am Ausgang des Altertums, den Zusammenbruch der Prinzipien, auf welchen das Mittelalter aufgebaut war und schließlich die geistige Verjüngung und moralische Festigung zumindest der west-europäischen Völker, so gelangen wir zur Ucberzeugung, daß der jüdische Gedanke seit seinem Entstehen überaus viel an Boden gewonnen hat׳, wenn wir uns auch andererseits der Tatsache nicht verschließen können, daß die Judenheit, die berufene Trägerin dieses Gedankens, das Verständnis für di Größe und Tragweite desselben immer mehr einbüßt. Vergegenwärtigen wir uns das Zeitalter der Makkabnerlriege oder das der Zerstörung des Tempels und des jüdischen Staatswesens und vergleichen wir die damalige triste Lage des Judentums mit unsrer heutigen Zeit, dann werden wir die Wahrheit des Grillparzerwortes verstehen: ״Was für ein ärmlich Wesen ist der Mensch, wenn, was als Hoffnung seine Sinne weckte, ihm als Erfüllung sie in Schlaf versenkt!" Als das Heiligtum als rauchender Trümerhaufen daniedcrlag und unsere Vorfahren im römischen Sklavenjoch in die düstere Ungewißheit zo- ^euÄeton. Abkehr. Skizze von Dr. M. Harnik, Krakau. Fünfundzwanzig Jahre sind dahingegangen, seit dem Reb Nuchim Wiedenitzcr nifter geworden. Von seinen Nachkommen sind ihm schon viele ins Grab gefolgt, manche sind fort von Wiedenitz in die weite Welt und manche sind bitter verarmt. Nur noch auf wenigen Gliedern der Familie rillst seines Namens Glanz. Wenn der Frühlingsmonat kommt, alljährlich, wenn der wunderschöne Nissan wiederkehrt, da versammeln sich die Armen der Stadt in der kleinen Wohnung von Reb Nuchims Witwe, von der sie einen Beitrag für Pessach bekommen. — Denn vor Pessach, gerade war es am zehnten Nissan, als Gott beschlossen hatte, ihren ״Jüd" — nur so nennt sie ihn immer liebe- und ehrfurchtsvoll — in die Welt der Wahrheit zu berufen. Ein winziges, frommes Weib, milde und bescheiden, kannte sie nie ein volleres Glück als gen und als einzigen Trost nebst der Religion selbst das Gebet um Zions Wiederherstellung Mitnahmen; wer hätte es sich da träumen lassen,! daß es Rabbiner geben wird, welche dieses Gebet zweitausendjährig. Sehnsucht als ״unzeitgemäß" aus dem Gebetbuch streichen werden! Haben die Märtyrer der Kreuzzüge und der hundertfachen Judenschlächtereien es geahnt, daß es einmal Richtlinien-Rabbiner geben wird, die es wagen, die Religion von religionswegen zerstören zu wollen und, um die Bequemlichkeit von Leuten, denen jedes Opfer zu groß ist, zu legalisieren. Hand anlegen an einer gottgeoffenbarten Lehre, welche die Grundlage der Einzigkeit und Ewigfeit des Judentums bildet?! Das ist das bewährte System der rumänischen Regierung. Ter Berliner Vertrag verbietet ihr die Verfolgung der Juden; also arbeitet sie Gesetze gegen die ״Fremden" aus und behandelt dann die Juden als solche. Auch die Richtlinien-Rabbiner haben von ihren zumeist gutsituierten Auftraggebern die Ordre erhalten, sie von dem ״Sünderbewußtsein" zu befreien, welches das »roch immer nicht ganz erloschene jüd. Gewissen ein wenig kitzelt. Sie suchen also zunächst den — wenn auch nur subjektiven — Beweis dafür zu erbringen, daß inan sich ein Judentum nach eigener Facon zurechtlegen kann, um dann die Kominerzieilräte des Sünderbewußtseins entheben und deren Kinder sanft und salbungsvoll zum Taufbecken hinübergeleiten zu können. In der Vergangenheit des Judentums jedoch ist bereits die Zukunft der Richtlinien zu lesen. Wir wollen uns jedoch das herrannahende Fest der Befreiung und Selbstbesreiung nicht durch Betrachtung gerade dieser Schattenseite trüben lassen. Das Judentum selbst bleibt stets das alte, das nicht bedrohte, weil nicht bedrohbare Judentum, das jeder, der es sucht, findet und über welches man immer mehr strauchelt, je mehr man ihm aus dem Wege geht. Denn der Jude kann nur als solcher sein wahres Glück finden und sich verewigen. Unsere Religion ist ihren großen, klugen und wunderschönen Mann. Zeitlebens war auch Nuchim der angesehenste Bürger von Wiedenitz. Alle Würden und Ehrenämter, welche die Stadt zu vergeben hatte, lagen stets in seinen Händen. Wenn Reb Nuchims imposante Gestalt mit der langen, schwarzen Pfeife vor dem Fenster erschien, so passierten die Leute mit Ernst und demutsvoll grüßend die Straße. Chasid in des Wortes richtigster Bedeutung war Reb Nuchim niemals. Schon sein abgeklärtes, ruhiges Wesen war von vornherein der chassidischen Romantik abgeneigt. Dennoch stand er auch oben, bei ״Hoif" in hohen Ehren. Auch da nahm er den vornehmensten Platz ein und bekam er stets nächst den! Rabbi die schönste Aliah. Nun ist er längst bei seinen Vätern. Jnzwischen sind viele andere ״Größen" in Wiedenitz auf- und niedergestiegen. Von Reb Nuchim spricht man nur noch selten, selbst seine Kinder vergessen ihn allmählich. Nur Jüte, sein treues Weib auf Erden ist es. vor deren trüben Augen Reb Nuchems Liebe nie erlöschen kann. Am meisten spricht sie von ihm, wenn an den heiligen Feiertagen ihre Kinder, Enkel und Urenkel um sie versanunelt sitzen. nicht nur die große Trösterin und Versöhnerin. sondern sie ist auch der Mittelpunkt unseres Le׳ bens und Schaffens, welcher den anderen Faktaren des Lebens erst den richtigen Sinn verleiht, wenn wir sie um diese» Mittelpunkt gruppieren. Erst wenn wir es fühlen lernen, daß wir nicht eine sondern die Religion besitzen, und das wir nicht ein Volk, welches eine Religion hat, sondern das Volk der Religion sind, iverden wir die Wallung der unbegreiflich hohen Macht staunend ahnen, welche ein Volk, das Religion hat und verschmäht, zuu! Sendboten macht an Völker, die Religion suchen und nicht finden. W i e n. Leopold Grünhut. Das jüdische Wien. Tie jüdische Oeffentlichkeii beschäftigt sich in letzter Zeit mit den Vorgängen in Polen. Ter polnische Antisemitismus ist aggressiv geworden und hat eine unheimliche Ausbreitung ge- .Wonnen. An den Boykott, der mit den heftigsten und schändlichsten Mitteln geführt wird, schließt sich eine ganze Reihe von Ausschreitungen gegen die Juden. Bald wird ein Jude unter dem Rl.se ״Haut den Beylis" verprügelt, dort wird eine jüdische Frau überfallen und schwer verwundet. Aus überall lzer kommen solche Nachrichten. Die Juden aber wehren sich verhältnismäßig sehr schön. Die jüdische Presse greift jeden einzelnen Fall auf und perhorresziert diese niedrige Kampfesweise. Anders in Wien. Man ist des Kampfes müde und toleriert den Antisemitismus. Tie Dnldüng geht soweit, daß man sogar mit der gewiß recht milden Kampfesweise gegen ihn nicht zufrieden ist. Und doch ist der polnische Antisemitismns hier Schule gegangen. Werden doch hier nirgends und bei keiner Gelegenheit die konfessiouellen Unterschiede außer Acht gelassen. In den Schulen, bei Anstellung von Lehrern und in der Behandlung der Schüler, in allen Aeiittern des Kiddusch und Hawduluh hörte sie nach Reb Nuchems Tode immer bei ihrem Schwiegerenkel Nachmann, weil der kürzeste Weg sie zit dessen Wohnung führte. Ihre anderen Kinder wohnten alle weiter. Auch den Seder pflegte sie in den ersten Jahren nach dem Heimgange ihres geliebten Gatten immer dort zu verbringen. Mitten in der fröhlichen Schar ihrer Enkelkinder saß sie mit ihrem dicken, tränendurchsättigten Sidur und mit stiller, kaum hörbarer Stimme folgte sie den Gesängen und Gebeten ihrer Kinder. Manchmal aber blieb sie in der Hagadah ganz zurück. Während alle schon fertig waren tind man ans ״Waschen" bereits dachte, saß Jüte tief versunken vor ihrem ״Korban Minchah" iBezeichnung des Gebetbuches). Niemand wagte es die Großmutter ans ihrem Halbschlummer zu wcken. Wenn sie dann selbst aus ihrer Verträumtheit erwachte, schrack sie beschämt zusammen. Sie ahnte vielleicht, daß man ihre Gedanken erraten hatte. Seit einigen Jahren kommt Jüte nicht mehr zum Seder. Als sie das letzte Mal gekommen war, saß sie bis ans Ende der Hagadah recht aufmerksam mitbetend. Dann wurde das Nachtmahl eiugcnominen. Während desselben trug