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Jüdische Volksstimme · 1914-04-02 · Heft 13 (2.4.1914) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 13 (2.4.1914)
Date
1914-04-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 ״Jüdische Bolksstionne". Nr. 13. Die Natioualisierung der ziou. Intelligenz. Von Tr. Ehaim Tar 1 akower, Trohobycz. II- Also Ijcifjt cs, hebräisch kennen! Meine Vcrehrten! Es hieß und heißt immer bei uns: ״Man muß hebräisch lernen". Tie Ansicht ist verfehlt. Wenn es ain Lernen genügen würde, dann hätlen sehr viele Zionisten bereits ihre Pflicht erfüllt, deitn sie haben schon gelernt, tnanchc sogar mehreremal. Es heißt aber ״hebräisch kennen", uns liegt am Resultat, nicht am Willen. solange ein Zionist und dazu ein zionistischer Intelligenzler seinem Willen so wenig abringen konnte, daß er sich die Kenntnis des Hebräischen nicht aneignetc, ist er für das jüdische Volk nnd seine Zuknnst'ein unbrauchbares Materiai. Ja. meine Verehrten, heute genügt die bloße Kenntnis der Sprache nicht mehr, heute muß die Intelligenz damit rechnen, sich ernstlich und tief mir den in dieser und ihr verwandten Sprachen atifgehäuftcn Kulturschäpen, sowohl rücksichtlich der Inhaltes als auch deren Formen, auscinander zu setzen. Tenn unsere alten Kulturschätze müssen wieder ans Tageslicht gebracht und dem ganzen Volke wieder zugänglich und teuer gemacht werden. Tie Schaffenden in unserer Mitte werden uns den Sohar, den Midrasch, das Bleibende in unserer Literatur alter Zeiten wiedererobertt utüsien, sie werden den von Bialik in seinem ספר האג־־ה betretenen Weg verfolgen müssen. Palästina hat zwei hebräische Mittelschulen, eine Technik ist im Begriffe eröffnet zu werden und der Kongreß hat die Gründung einer hcbr. Univerfität beschlossen. Es beißt also, die hcbr. Sprache ausdrncksfällig zu machen, damit sie den Zwecken einer weitverzweigten Wissenschaft dienen kann. Wir tragen in uns das tiefe Sehnen nach eigenen großen künstlerischen Schöpfungen, in denen unser nationaler Trang nach endlicher Befreinng aus den Fesseln aller Art Golus seinen tiefsten nnd erhabensten Ausdruck erhalte. Zu diesem Ende wollen wir unserer Literatnr einen Strom frischen Lebens zuführen, indem wir das ewig Große Europas sich bei uns einbürgern lassen, wir streben eine Vermählung unserer Sprache mir europäischer Schönheit an: wir wollen uns in eigener Sprache die curopäischeu Schöpfungen aneignen um unseren cigcneu schöpferisch veranlangtcn Kräften große Mnner vorznführen neben den eigenen. Wer jedoch ist zu dieser Arbeit, der höchsten tind schönsten, die eilt Volk kennt, mehr legitimiert als Intelligenz? Wie soll sich aber, eit! Geschlecht an diese Ausgaben heranwagen, für welche das^ ,.Hebränch" ein Problem ist, ein Geschlecht, daß sich seit Iabren mit der ״moralischen Pflicht" des Lernens begnügt hat? Tie Jugend besitzt das Monopol der Freude nnd in noch erhöhtem Maße die intelligente Iugend. Es ist daher nur natürlich, daß auch unsere Jugend ihrer nationalen Freude Ausdruck zu verleihen sucht, sie tut das in Form von .Sommersen, Festakten und dcrgl. Aber hier zeigt sich wie bar jüdischen Wissens und Strebcns unsere Iugend ist: ohne Kenntnis jüdischer Werte nahm sic einfach das auf, was andere Völker gcschafsen haben, vor allent aber das deutsche Burschenschaslwcsen. Wer einem solchen Stndentenkommcrs beiwohnt, sucht vergebens nach jüdischer Freude und neuen jüdischen Formen. Ilnd doch gibt es ein gewaltiges Gebiet hier, daß durch die' zion. Intelligenz zu erschließen und zu verbreiten wäre: cs ist das, das jüdische Lied. Tas jüdische Volkslied ist von uns noch nicht ge- und erkannt und daher auch unverbrcitct. Ter lebensfrohe Chassidismus, dessen Wesen uns schon von hochtaleittierten Tichtern nähcrgebracht wurde, hat zweifelsohne aus dent Gebiete des Gesanges Großes geschaffen und es ist ein lebendes Zeichen von ״der Ilnjüdischkeit" unserer Intelligenz. daß dieser Gesang uns so gut wie eine terra ignota ist. Ja. wir geben uns nicht einmal die Mühe, das was z. B. in Rußland in dieser Beziehung geleistet wurde, auszunützen, d. h. uns selbst anzucignen nnd dem Volke wiederzugeben. .Tas Gebiet ureigenster jüdischer Musik/ nämlich der synagogalen, die bei unserem Volke zu allen Zeiten die Sangeslust wachgehalten hat, findet bei uns noch immer kein Verständnis, wiewohl manches davon schon in Europa Anerkcnnung gefunden hat — ein von unserer Jntelligenz vor allem anerkannter Maßstab. Und ist doch gerade die Synagogalmusik ein Organ, durch welches das jüdische Volk, ein Volk, das alle Seiten seines nationalen Genius in die Form der Religion preßte, eines der tiefsten und feinsten Ausdrucksformen der jüdischen Seele. Wir sehen in den letzten Zeiten einen Schritt zur Besserung: Ter Czernowitzer Gesangverein, der nach dem übereinstimmenden Urteil der Presfe sowie der Ohrenzeugen, unter den Kongreß- Veranstaltungen, einen besonders hervorragenden Platz einnahm, hat in sein exquisites Gesangs- Programm eine Reihe von Psalmen aufgenommen und gerade dadurch großen Erfolg erzielt. Palästina ist das Land, das wir mit der Seele suchen, tveil dort begründete Hoffnung vor- Händen ist, ein jüdisches Leben, frei von Golusfesseln zu führen, und viel wird von uns der Name Palästinas im Munde geführt. In diesem van uns so vielfach gepriesenen Palästina wird von Juden sehr viel gesungen, in unserer Sprache gesungen, und doch geht man im Golus an diesem gesangesfreudigem jüdischen Lande vorüber, das uns als leuchtendes Beispiel dienen könnte. Kurz, wir glauben hier ein Gebiet berührt zu haben, das die jüdische Intelligenz mit ihrer ganzen Seele und beiden Händen anfassen sollten, um sich dem jüd. Volke und seinem Geiste ordentlich zu nähern und die echte jüdische Iugend. wird den Weg hiezu suchen und bestimmt finden. Tie Commerse führen mich auf einen andcreu Gedanken. Sic sollen ja durch Freude und Witz unterhalten. Tie Freude soll ja vor allem im Gesang ihren Ausdruck finden, und über diesen sprachen wir ja schon oben, und nun einige Worte über den Witz. Auf den Commersen blülst nun der ״Bicrschvcscl" ein fremdes Gewächs, der uns nichts sagt. Und doch ist der Witz und die Anekdote unsere ureigenste Domäne, der jüdische Witz ist ja weltberühmt. Wie sonderbar muß cs nun den Objektiven anmuten, wenn er an einer solch jüdischen Unterhaltung teilnimmt, wo ja jüdischer Witz zu seiner vollen Geltung gelangen soll und kann und hier Alles findet, nur den jüdischen Witz nicht. Du mein lieber Gatt, wer soll denn dieses Gebiet pflegen und entwickeln, wenn nicht die Intelligenz? Diese. Erscheinung hat gewiß ihre speziellen Gründe, von denen einer in die Augen springt: unsere junge Intelligenz ist jüdisch dem Namen nach, aber fremd ist sic dem Geiste nnd Wesen unscrcs Volkes, und deswegen versteht sie den jüdischcn Witz wenig. Weil sic den anderen Völkern durch die Schulbildung geistig angcpaßt ist, darum versteht sic noch die ״Lozzelach", das sind die antisemitisch gefärbten Witze, aber nicht den originellen, tiefen jüdischen Witz. Diesem Umstande ist cs auch zuzuschreiben, daß wir bis nun noch nicht einmal eine beschcidcnc Sammlung jüdischer Witze besitzen. Wir haben bis nun eigentlich nur Auslänfcr des normalen Lebens besprochen, das nicht alltägliche, wir wollen jetzt einen Blick auf das tägliche jüdische Leben werfen. Wir übersehen da nur eine Kleinigkeit, nämlich, daß wer einen entscheidenden Einfluß aus das Leben einer Gruppe ausübcn will, der darf sich mit Worten und Programmen nicht bcguügen, der muß das Leben in seiner steten Wiederholung aussasscn und damit seiner Arbeit einietzcn, d. b. er muß das tägliche Leben zu bceinslusscn suchen. (Forts, folgt.) Klosetts, kackeeinricktungen, Waschbecken, etc. einrichtet solick und billigst Firma K. 20fka, Brünn, Jakobsgasse Telephon 810. — Kostenvoranschläge gratis. — Reparaturen schnell und billig. Brief aus Tarnopol?) Ein heftiger Wahlkampf um die Kultusgemeinde fesselte eine zcitlang die Gemüter der Tarnopoler Iuden. Nach zweijährigem Walten eines Regierungskommissärs, wurden die Wahlen ausgeschrieben. Diesmal standen sich drei Parteien gegenüber, die Äafsehauspartci, die sich fortschrittlich nennt, die Klauspartei, die sich conscrvativ nennen läßt: die Chassidim und die zionistische ״Partei". Früher waren es einige Machthaber, die die Ausschußmitgücder ernannten. In diesem Wahlkampfe sahen sich die Parteien genötigt den Kampf ösfentl. auszusechten. Nicht mit Unrecht reklamieren die Zionisten diese Demokratisierung als ihre Errungenschaft. Sie haben die ersten den Weg dazu gezeigt, und zwangen die anderen diesen Weg zu betreten, um in Namen eines Prgrammes oder wenigstens unter diesem Deckmantel den eigenen Interessen einen Wirkungskreis zu erobern. Eine Wählerversammlung von Chassidim einberufen u. unter der Leitung eines Chaffids, war bis jetzt bei uns eine unbekannte, fast undenkbare Erscheinung. Der Zankapfel war die Frage der Besetzung eines seit einigen Jahren vakanten Rabbinerpostens. Ein Sohn des verstorbenen Rabbiners, bereits beim Leben des Vaters als Vice-Rabbincr an seiner Seite tätig, glaubt das Recht zu haben, das ״Erbe" des Vaters anzutreten und setzt seine Hoffnungen auf die Assimilantensührer und manche bürgerliche Kreise. Den Chassidim ist er zu fortschrittlich und sie sehnten sich nach einem conservativcn Rabbiner, den sie sich auch geholt haben und auf eigene Kosten erhalten und dem sie auch die offizielle Sanktion erobern wollten. Aber neben diesen ״ideellen" Forderungen scheinen diese Kreise in sich auch die Möglichkcit und die Sucht entdeckt zu haben, bei der Gestaltung der Angelegenheiten der Kultusgcmeinde ein entscheidendes Wort mitzusprechen. Der Ehrgeiz, der sich nur in den engen Wänden der Klaus breitmachtc, möchte jetzt auch in der Gemeindestube seine Befriedigung suchen. Dieses Erwachen der orthodoxen Kreise wird auch seine Konsequenzen nach sich ziehen: einen Kampf. — .Kampf bedeutet Leben, wenn er nur nicht ein Bruderkampf ist. Leider sind die ersten Zeichen dieses Kampfes nicht beherzigend. Die Chassidim reklamieren das Recht: sich Jude zu nennen nur für sich. Tic Fortschrittlichen glauben ein Vorrecht auf die Kultusgcmeinde zu haben, da sie die ״Märtyrer"' des Judentums sind. Ihnen, die im Kontakt mit dem fremden Leben stehen, wird der Taufzcttcl bei jeder Gelegenheit präsentiert. Wahrlich dieser innere Kampf in der Wahl zwischen dem rosigen ״Jenseits", zu den man sich durch Kultur und ״moderne" Erziehung hingezogen fühlt und dem ״Diesseits" in das man durch Geburt hincingerät ist zu tragisch und man muh die Chassidim als herzlos schimpfen, wenn sie diesen ״Märtyrern" des Judentums nicht nachcmpfinden können. Vermittlungsversuche wurden von offizieller Seite angcbahnt, aber sie scheiterten an den extremen Forderungen. Nur eine dritte ״Partei" sollte man nicht zu diesen Komprommihvcrsuchcn hcranzichen — die zionistische. Man kann diesen einfach Denkenden nicht plausibel machen, was die Eroberung Palästinas mit der Tarnopoler Kultusgemeinde Gemeinsames hat; umsomehr als die Zionisten Führer-Landespolitikcr von den anderen verlangen, daß sie nach Palästina auswandcrn, während sie sich selbst auf den Kultusrats- oder Reichsratssitzen breit machen wollen. Die zionistische Arbeit setzte bei uns den Hebel am Dach stets am Fundament an. Mit einem Schlag, in einigen Versammlungen, glaubte man die wunderbare Mctarmophosc der jüdischen Psyche vollziehen zu können. EineArbeit, die sich in einer Diskussion und Erziehung von Mann zu Mann abwickeln sollte, will man bei einer Gelegenheit, wo man pancm et cirscnscs verspricht oder gibt, wo persönliche Interessen manchmal stark im Spiel sind, erledigen. Das Arbcitsprogramm, daß die Zionisten ausgestellt haben, bewegt sich in sehr wagen Linien; der Zusammenhang mit den Ewigkcitsbestrebungcn des Zionismus ist sehr schwer herauszufinden. Ein Programm, das in den Sätzen kulminiert: ״Wir wollen die Mandatare des jüdischen Volkes sein an der einzigen Stätte, wo die Juden allein entscheiden und in der Körperschaft, die für das ganze Judentum wirken soll" oder ״wir wollen gewählt werden, um einen neuen Geist in die Kultusstube hineinzubringcn; die alltäglichen Fragen werden wir anderen überlassen" ist geeignet in der heißen Athmosphäre einer Volksversammlung Beifall zu finden aber nicht geeignet, um den kritischen Sinn des jüdischen Wählers zu befriedigen und schon gar nicht, um ihn für das andere neu zu schaffende Lebcn in Palästina hinzuweisen. ״Als eine Partei, die mit Fanatismus an die Zukunft des jüdischen Volkes glaubt, reklamieren wir für uns das Recht dort mitzu- *) Wir sind mit den Ausführungen des Autors nicht ganz einverstanden. Die Redaktion.

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