Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 13 (2.4.1914)
- Date
- 1914-04-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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״,!sa; C3ÄÄS*׳*־■ ויי Nr. 13. ״Jüdische Bolksstimme" Seite 3. wer den 01118©״" so verneint, wie sie, kann füglich unmöglich hier bleiben! Die jüdische Jugend mutz von der Wurzel aus umgebildet werden! Der nachkommcnde Nachwuchs unserer Bewegung mutz von vornherein dahin orientiert sein, es uns Juden in den nächsten 100 Jahren nicht möglich sein wird, in unserer Totalität nach Palästina zu ziehen. Speziell wir österreichischen Zionisten, als Bewohncr eines polycthnischcn Staatsgebildes müssen in erster Linie diesem Umstand Rechnung tragen. Als Bewohner eines Nationalitätenstaates, als Angehörige einer modcrncn nationalen Partei müssen wir unsere Jugend sozialpolitisch erziehen. Die totale Absage an die Landespolitik, wie sic bei einem Teile unserer Jungen zutage tritt, ist dem Wahne der ״Golusthcoric" zuzuschreibcn. Man hat uns alle, alle so erzogen. Wenn dann der ״alte Herr" in die Oesfcntlichkeit tritt, eine sogenannte soziale Stellung einnimmt, und die realen Verhältnisse anders vorfindet, als er sie erträumte, zieht er sich zurück — und vergrötzcrt die Zahl der ״Enttäuschten". Ich glaube kaum, datz eine Partei mehr ״Enttäuschte" hätte, als die zionistische. Ja,'noch mehr, schon der Abiturient, der zwei oder drei Monate in der Großstadt gelebt hat, ist ״enttäuschte!" Parteimann. Die politische Erziehung unserer Jugend läßt viel zu wünschen übrig. Die ethische noch mehr. Es soll die Aufgabe des nächsten mähr.-schl. Studcntentagcs sein, wenigstens 11 seinem Machtbereich Wandlung zu schafscn. Unser vollständiger politischer Zusammenbruch ist auf die verkehrte Erziehung zu sehen. Wie mutz einem nicht die Schamcsröte ins Gesicht steigen, wenn man hört, datz sich zionistische Parteiführer so weit vergessen konnten, mit den Allpolen zu verhandeln. Und sollte diese Möglichkeit total erlogen sein, der Umstand, daß cs erzählt wird, genügt schon, um niederschmetternd zu wirkcn. Lätzt man sogar das odiose ״Semper aliquid haeret" autzeracht. Diese Möglichkeit des Gerüchtes allein zeugt bereits heute von solch politischer Kopflosigkeit, und Vcr- Wirrung, moralischer Depravation, datz man angesichts solcher Gerüchte, Hand wcglegen möchte von jedwede Politik, um sich nicht zu beschmutzen. Wäre die galizische zionistische Jugend nicht ganz befangen von dem Wahne der ״Golustheorie" und einer blendciiden Fata Morgaua des Kampfes für die hcbräischc Sprache oft selbst auf Kosten der jiddischen, cS ivärc beim polnisch-ruthcnischcn Ausgleich anders der fahren worden. Der jüdische Student sei sich in erster Linie der Tragweite einer gesunden jüdischen Politik betoußt. Er sei für sic erzogen, Ivcnn an ihn die Forderung tritt, sich politisch betätigen zu sollen. Er soll nicht Politik trcibcn. Aber er soll sozial empfinden, und sozial fühlen. Es sei ihm die wirtschaftliche und politische Lage seines Volkes nicht fremd, er studiere sie. Wenn man von Jugenderziehung spricht, kann man nicht umhin, auch der Erziehung unserer Mädchen und Frauen zu gedenken. Doch darüber zu sprechen fällt sehr, sehr schwer. Sehen unsere jüdischen Mädchen die ״leuchtenden" Beispiele an unseren Studenten, sie können nicht besser sein, als sie es sind! Es ist eine traurige Tatsache und beschämend zugleich, datz die zionistischen Ideen oft bei nichtjüdischen Mädchen mehr Anklang finden, als bei Jüdinnen. Man kann unter 100 jüdischen Mädchen vielleicht 5 für den, die über den Zionismus orientiert sind und unter diesen halten ihn noch immer 2—3 für nicht weniger denn ernst. Und das nach löjähriger zionistischer Arbeit bei der jüdischen Frau, von der Theodor Hcrzl einmal sagte: Was ist die Frau für den Zionismus? Ich will nicht sagen nichts! Was soll sie, was kann sic werden? Vielleicht alles!" Der Kongreß Hai sich spezicll mit der Fraucnsrage beschäftigt. Eine zur Kongreßzeit stattgchabte Beratung war so schwach besucht, datz cs nicht einmal der Mühe lohnt, darüber zu sprechen. Am Kongreß selbst ist von Frauen die mangelhafte, ernste Erziehung der jüdischen Mädchen gerügt worden. Ein Trost bleibt unseren Mädchen, daß es anderwärts auch nicht besser steht. Doch das ״Tauentzingirl", die höhere Tochter, die teils im teils vor dem Cafe sich befindet ist nicht nur in Berlin allein anzutrcffen. Ter Typ der ״Geheimratstochter mit Hausschlüssclgewalt", wie sie ein berühmter Serologe vor kurzem nannte, ist in jüdischer Gesellschaft leider eben so oft anzutreffen, wie in deutsch׳!, wenn cs gerade auch keine Geheimratstochtcr ist. Das Problem der Erziehung zur jüdischen Frau und Mutter ist schwierig, um in einigen Worten abge tan zu werden. Sieht man aber die trostlosen Resultate oft ernster Anstrengung so ist es schwer nicht bitter zu werden. Tretet vor! Es gilt nun zu kämpfen, zu kämpfen um unsere heiligsten Güter. Um unsere Jugend! Triaricr! tretet vor. Ein Triaricr ruft und wartet! VERL0BUNQ3-RINQE PRflUT SCHMUCK 1 - HOCHZEIT5QE5CHENKE EHE-R1NQE ••••••«• In hervorragender Auswahl zu besonders billigen Preisen. Berthold Bachner, k. u. k, Hoflieferant, Juwelen•, Uhren-, Goldu. Silberwarenhandlung Brünn, nur Ferdinandsgasse Nr. 2. W»» Provinzauftrage .finden sofortige Erledigung Werner Sombart meinte in seinen ״Judcutaufen" nichts sei am Zionismus so hoch zu bewerten, als die Möglichkeit, Charakter zu bilden". Wizd der Zionismus die ethische Kraft auszubringen, seine Bekenner zu ethischeren Menschen zu machen, zu größeren, besseren Charakteren, dann hat er solche Fülle von Kulfunverten geschaffen, datz er zur Notwendigkeit der .Kulturmenschheit geworden ist. Ich mutz von jedem Zionisten die Gewißheit haben, datz sein Charakter so fest, so gestählt ist, datz er jedweder noch so großer materieller Lockung widersteht. Ich — und jeder von uns mutz solche Getvitzhcit von dem zionistischen Bekenntnis der Studenten haben, datz er für jeden einzelnen die Hand ins Feuer lege! Dem ist heute nicht der Fall. Und cs würde sich so mancher verbrennen, tät er dies. Ist die Studentenschaft ethischer geworden-, hat sie nur vollends den Ernst der zionistischen Bewegung erfaßt, wird sic allen Begebenheiten offenen Auges eutgcgeusehcn. Es mögen sich alle, die in den, von mir natürlich nur impressiouislisch vorgezeichnctcn Rahmen eine Jugenderziehung für möglich halten, zusammentun! Und wären cs noch so wenig, sie mögen sich zusammenschlietzen, um den Grund zu einem neuen Gebilde zu bilden 10 Jahre sind verflossen, seit dem au uns, die wir damals Mittelschüler waren, Theodor Herzls Mahnrufaus Judenjungen mögen junge Juden >verden, erschallen ließ. 10 Jahre sind verflossen, seit dem der Meister und Herr uns zurief: Vcnit res ad triarios! Triaricr, die Ihr alle, alle damals diese Worte mit leuchtendem Auge, mit erregtem Herzen gelesen habet: erstes zu schützen, die Geige an seine Brust und umklammert sie mit beiden Armen. In seine Augen kommt namenlose Angst. Ein Jittern läuft über seinen Körper. Etwas wie Verzweiflung beginnt in ihm aufzusteigen Ter Erekutor versteht das nicht. Ta stöhnt wieder der Kranke. Und Chaim nimmt Oie Geia׳ unters Kinn und spielt in seiner Angst. Noch nie hat die Geige so geschluchzt... Der Kranke stöhnt nicht mehr ... Ta sagt!nieder der Erekutor: ״Ich muß die Nummer aufschreiben, wenn Tie 's nicht lassen, werden Sie eingesperrt. Und ich nchm sie weg." Nehm ... si... weg. Er schleudert das Wort heraus und es fällt aus die kahlen Wände und sie werfen es zurück auf den bleichen Jüngling... Er wankt zurück. In seinem Kopfe beginnt!ich alles zu drehen, vor seinen Augen hängt ein roter Vorhang. Leise Pulse hämmern... er wird sie nehmen, er wird sie nehmen. Ta schaut er sie an, seine Geige. lind zwei große Tränen rollen über seine Wangen und fallen auf die Saiten. Tie summen leise. Ta packt ihn der Schmerz und er drückt noch einmal die Violine an sich. Und mit zitternden Händen reicht er sie hin. Doch die Hand will sich nicht strecken. Ist wie gelähmt. Und wiederum beginnt sich alles zu drehen um ihn, es zuckt in ihm, sein -Kopf sinkt über die Violine, er starrt sie an mit glühenden Angen, saugt sie in sich... da wird die Hand schwach, die Finger lösen sich los und plötzlich geht ein zerrissener Ton durchs Zimmer, ein Wehruf." Seine Geige liegt zertrümmert auf den Boden. haucht in!:: Er sinkt in die Knie. Ein merkwürdiges Lächeln über seine Lippen. ״In der Heimat gestorben." Er starrt die Splitter an mit seinen dunklen Augen und benetzt sic mit stillen Tränen. Von rückwärts kommt ein Wimmern. ״Chaim. spiel... spiel... doch, der große Schmerz..." Aber Chaim spielt nicht mehr. Tie Frau ist ׳!liainmciigeduckt und m bir: geschlurft zum Krankenlager, die Schmerzen zu stillen. Ter Erekutor dreht sich um. nimmt die Tasche und mit Zartem Antlitz, aber doch etwas gebückt geht er hinaus. Ist die Tür tu niedrig, oder zieht ihn der Men'cki ׳,n sich ...? Doch der Glanz in der dunklen Stube ist erloschen. Und nur ein kleines Weinen ist geblieben. Generalversammlung des mähr, jüd. Landesmaffafondes. Montag, den v. M. fand in den Bäumen der Kultusgemeinde die diesjährige General- Versammlung statt. Dieselbe war nicht besonders beschickt. Ein Teil der Kultusgemeindeu-Tete gierten zog es vor, überhaupt nicht zu erscheincn. Tie Herren scheinen den Standpunkt zu vertreten, cs sei sowieso nichts zu machen; demnach schade um die Spesen der Brünner Beise. Tie diesjährige General Versammlung hatte in gewisser Beziehung im Vergleiche zu den bisherigen General-Versammlungen ein anderes Gepräge. Es freut uns konstatieren zu können, daß ein Teil der Delegierten bereits zur Einsicht -zu kommen scheint, daß auch in diese Körperschaft ein neuer Geist eindringen müsse. Ja. es gab nicht nur. wie es bisher der Fall war Ja- und Amenfager, sondern einige Delegierte!:allen den Mut auch eine eigene Ueberzeugung und Anschauung zum Ausdrucke zu bringen. Dieser Wechsel in der Stimmung verfehlte nicht seine Wirkung. Ter Präsident Herr Hofrat Spitzer wurde ner vös ja, sehr nervös. Er verwalirte sich dagegen, daß in diesen geheiligten Hallen der Brünner KultuSgemeinde! Shorufe gebrauch! iverden. Herr Tr. Spitzer, der hohe Beamte der mähr. Statthalterei, entrollte ein sehr tristes Bild von der finanziell e n L a g e der Brünner Kultusgemeinde und erklärte un der lebhaften Protest- und Shorufe», daß die Brünner Kultusgemeinde nichts besitze und nur das erschwingen könne um von Hand zum Mund zu leben! Ein nicht mißzuverstebendes ironiiches Lachen und Sbornfe seitens der Delegierten brachten Herrn Hofrat ganz aus der Fassung und diese Nervosität verließ ihn nicht während des Verlaufes der ganzen Verhandlungen. Er glaub le bei Abstimmungen, die nicht feinen Jntentioneu entsprachen, das Verhältnis der Abstiminung nicht init allzu großer Gewissenhaftigkeit und «Genauigkeit konstatieren zu müssen. So kon statierte er bei dem Anträge die kleinen Gemein den mögen mehr berücksichtigt werden, dar׳. * Ver treter für diesen Antrag stimmten, während in Wirklichkeit l l Delegierte lsiefür gestimmt haben. Erst aut den Zwischenruf unseres NedakteurS. daß die Abstimmung nicht korrekt vorgenommen wurde, beliebte es dem hoben Beamten der k. k. mähr. Staklbalterei durch ungehörige Be,»er kunaen sich reinwaschcn zu wollen. Herr Hofrat Svilzer mußte eine zweite Abstimmung vorneb men und diese ergab die Nichtigkeit der Angabe des Iwischenrnkes. Tie Judenschulen scheinen dem Herrn Hof rat noch immer in unangenehmer Erinnerung zu sein. Ter Herr Hofrai hat bereits in früheren General - Versammlungen den Ansdruck gebraucht, die Herren mögen sich doch nicht wie in einer Judenschule benehmen. Auch in der diesiäbrigen Geueral-Persamiulung sagte Herr Tr. Spitzer es wäre ihm sehr unangenehm, wenn inan der Anschauung wäre, sich in einer ..Anden schule" zu befinden! Mit Verlaub Herr Hofrat! Wir Sterblichen, die wir nicht das Glück haben, den Hofratstitel 11׳ führen, die wir stolz auf unier Judentum sind, und alles auf bieten, um 1111 sere K!»der im jüdischen Glauben ׳.!! erziehen, wir, die wir froh wären,!venu unsere Enkelkin der die Möglichkeit haben würden, eine Juden schule zu besuchen, begreifen ihren persönlichen! Standpunkt, die Judenschule betreffend.