Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 13 (2.4.1914)
- Date
- 1914-04-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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״Jüdische BolkSsttmmt." Nr. 13 ו; 1!1 und sein fciucijciüflcS Jahrbuch ״Jüdische Fragen" vcwies den Eriisl, der diese» Verein beherrschte. Von der übrigen gesamten Studentenschaft — mit wenigen, rühmlichen Ausnahmen — muß abstrahiert werden. Sowohl von den Vereinen als auch von den Vcrbindungen, ob letztere Fcrial — oder ״aktive" Verbindungen sind. Das totale Versagen der meisten ״alten Herren" ist mir ein Beweis für mich. lind wenn von einer Jugenderziehung gesprochen werden muh — man könnte mir ja entgcgcnhaltcn: wer m u h? — so steht inan vor der traurigen Tatsache, dah an gar kein reales Gebilde angeknüpft ivcrdcn könnte. Unsere Jugenderziehung hat total versagt. Es bliebe iviedcr — um beim geistig-kulturellen zu bleiben — nur der Prager ״Bar-Kochba". So interessant die jüdische Mystik sein mag; so packend und hypnotisicrcnd die Mystik an sich ist — und dagegen kann wohl nicht viel gesagt werden —; ja lvciters sogar, so vollständig vernachläsiigt diese seelische Emanation des IndentumS von allen unseren Historikern wurde, (denn ein psychologisches Erfassen und Durchdringcn unserer Geschichte fehlt noch immer) so muh man leider doch gegen die mystifizicrcndc Richtung Stellung nehmen. Leider sage ich. Ich verstehe und begreife alle jene Köpfe und Seelen, die sich der Nco-Mystik und speziell der jübischen zulvcndcn — aber als sozialpolitischer als sozialethischer Mensch muh man doch dagegen auftrctcn. Die Mystik bis in ihre letzten Konsequenzen durchgcdacht muh zur völligen Absage an die Gesellschaft führen. Muh. Es mag ja vom psychologischen, soziologischen, ja oft sogar vom psychopathischen Interesse sein, sich diesem Studium hinzugcbcu, sich daran berauschen; cs mag für den geistig-kulturellen Feinschmecker vom höchsten Genussc sein, doch das Volk in seiner Gänze können wir dadurch nicht erziehen. Das eben scheint mir der Schaden zu sein, der aus solchem Studiuin und Sichvcrticfcn dem Volke erwächst. Ich lvcih nur zu gut, dah man einmal von der Mystik ersaht, diese nie mehr lassen kann. Denn die Mystik ist eine Gottheit, die andere Götter neben sich nicht duldet. Sic muh konsequent durchgcdacht, eine vollständige Geringschätzung und Ignorierung namentlich der politischeu und sozialen Betätigung nach sich ziehen. Sic muß uns, da wir für politische und wirtschaftliche Rechte unscres Volkes cintrctcn, als oberflächliche und unwisicnschaftlichc Menschen halten, bar jedes höheren Fluges. Hand in Hand mit dem Mystizismus geht die glühendc Verehrung für den ״intuitiven" Bcrgson. Es ist immerhin ein gutes Zeichen, wenn sich wenigstens ein Teil unserer Studentenschaft einen weiteren Horizont steckt. Vor 5 oder 0 Jahren konnte man ja die zionistischeu Bergsoiikcnncr mit der Laterne am helllichten Tage suchen. Eine Kritik der Bcrgsonschcn Philiosophie zu üben, fällt nicht in den Rahmen meiner heutigen Erörtcrungen. Wenn ich ihm erwähne, so tue ich eS deshalb, weil er mir doch nicht der richtige Volkserzichcr zu sein scheint. In meinem Sinne. Ich bewerte als zionislischcr Politiker in erster Linie Sozialphilosophcn und Sozialcthiker. (Wohl gemerkt! Diese Bewertung bezieht sich nicht auf die Richtigkeit, oder Unrichtigkeit des philosophischen Systemes; nicht auf Größe und Bcdeutung der philosophischen Persönlichkeit.) Vom sozialpolitische» Standpunkte aus, kann ich Bcrgson nur nach dieser Orientierung bewerten. So schwer, so ketzerisch, cs mir auch vom nationaljüdischen Standpunkte fällt, so muß ich von tneiner Warte aus, denn doch eher au Hermann Cohen mahnen. Er ist Ethikcr, und seine am letzten Kongreß ״für freies Christentum uno religiösen Fortschritt" in Berlin gehaltcne Rede über Juden ist ohne Zweifel von der grüßtcn Bedeutung. Ich glaubte das voraussctzcn zu müssen, um denklicher darlegcn zu können, wie ich mir unsere Jugendcrzichung vorslelle. Um cs vorweg kurz zu sagen. In erster Linie: soziologisch. Aus dieser Forderung — in die sich alle Komplexe sozialpsychologischer, religiöser, gcijtigkulturcllcr, politischer, physischer und ethischer Natur cinschliehcn lassen, leiten sich alle Punkte unserer Jugenderziehung ah. In solchem Nahmen muß ich unsere Jugcndcrziehung bewegen, soll fürs Volk daraus ein Heil erstehen. Bis nun war nichts einseitiger betrieben worden, denn die Jugend — und somit Volscrzichung. Das Versagen der meisten ״alten Herren" der verschicdcnstcn farbcntragcndcn Studenten, die jetzt neu aufstrebende Richtung der ״Jungzionisten" sprechen die deutlichsten Beweise für die verkehrte Erziehung. Die sarbcntragcnde Studentenschaft hat in einer Zeit, lvo cs galt Manncsmut zu zeigen, das Hauptgcwicht auf körperliche Erziehung der jungen Juden gelegt. Sie stellte sich zur Aufgabe, mit dem Schläger in der Faust die Welt der Vorurteile der jüdischen Feigheit zu benehmen. Man paukte; man übte den Körper. Es ist hier nicht der Ort — ich habe cs in der ״jüdischen Turnzcitung" seinerzeit dargelegt — zu beweisen, daß durch das Fechten allein der Körper nicht gestählt werden könnt:; wohl wird er dadurch elastischer, eleganter; wohl wird Kühnheit und Manncsmut geübt und gestärkt, doch steht der farbcntragende Student in all' zu enger Verknüpfung mit dem Alkohol. Und hier loird viel gesündigt. Hier muß ein offenes Wort gesprochen werden. Der letzte mähr.-schlcs. Studentcntag in Olmütz hat sich in einem Elaborate mit dieser Frage beschäftigt. Aber cs ist zu wenig. Ich bin!vcit entfernt, ein Muckertum zu fordern, oder gar zu vertreten. Nichts liegt mir ferne, als aus unscrcr Studentenschaft ein Muckertum zu züchten. Aber Emanzipation von den Trinkunsitten ist dir erste und stärkste Forderung, die an die Studentenschaft ergeht. Fort mit allen Kneipereien und mit allen Kommersicrcn. Unsere Jungen kommen in die Großstädte, der Zucht der Mittelschulen entwachsen — wie wohl heute diese Zucht bereits legendarisch geworden zu sein scheint — und glauben sich auslcbcn zu müssen. Während sic sich abtötcn. Oft schwächlich veranlagte Konstitutionen, — man ist ja au? die körperliche Auslese in den Verb!״- düngen heute nicht mehr so scinlich, werden hineingcschleudert in ein Heben, wo zwischen Cafehaus, Hochschule, Bude, Wirts- oder Cafehaus vegetiert. Die oft elenden materiellen Verhältnisse zwingen die meisten unserer Studenten zum Einatmen einer Atmosphäre, die ein Hohn bildet auf Hhgienie ernährten schivachcn Organismus, und schafft so ein wahres Brutselb aller möglichen Bakterien und Bazillen. Der Zwang in einer der staubrcichsten Großstädte vegetieren zu müssen — ein Leben ist cs doch nicht zu nennen, — ist meistens die Ursache der gefährlichsten Krankheitcn. Und es ist noch ein Wunder, daß die Tuberkulose nicht mehr unter der Studentenschaft grassiert, die in der typischesten Stadt des morbus Vicncnsis leben muß. Was nützt Euch all' bas Schlagen, all bas Pauken? Das der Alkoholexzeß so mancher Nacht zunichte macht? Nicht zu reden von jenen nicht all zu seltenen Fällen, lvo dem Exzeß in bacho ein Exzeß in Vcncre folgt. Die Konsequenzen solchen Vcgeticrens sind langwierigc venerische Erkrankungen, schwächen den Organismus auf Jahrzehnte hinaus, schaffen Erkrankungs- Ziffern, die erschreckend sind. Man muß einmal, selbst auf die Gefahr hin, als schlversler Philister verschrien zu werden, darauf aufmerksam zu machen, welchen Raubbau in gesundheitlichcr Beziehung unsere jungen Studenten treiben. Man muß in allen Verbindungen und Vereinen gegen den Alkohol auf- und für eine radikale Sexualaufklärung eintrcten! Wenn sich deutsch-völkische Verbindungen und Korps der Antialkoholbewegung anschließcn, dürfen cs die jüdisch-nationalen auch tun. Auf dem seinerzeitigen Studententag: in Proßnitz erklärte der leider so früh verstorbene Gg. Fritz Löw bedauernd: ״er hätte immer geglaubt, die Studentenschaft werde wenigstens frischen Wein in die alten Schläuche gießen, neuen Geist in die alten Formen." Es ist an eine Gesundung unseres Volkes nicht zu denken, wenn die Blüte des Volkes, die Studentenschaft nicht abstinent oder zumindest tcmpcrcntlosisch lebt. Die geistige Ausbildung wird auch fötal vernachlässigt. Die jungen Füchse der diversesten Verbindungen sind oft nicht einmal im Stande, den mäßigsten Anforderungen einer Burschenprüfung zu entsprechen. Es tritt solch krasse Ignoranz zutage, die erschreckend wird. Von einer Aufklärung ist nichts zu spüren, die Indolenz der jungen Herren geht oft so weit, daß sie nicht einmal der Mühe wert finden, ein Partciblatt ungezwungen zu lesen. Das sind schon Weiße Raben, die freiwillig die zionistischen Blätter in die Hand nehmen. Das alles aber wird nicht gesehen oder man geht darüber zur Tagcsordnung über. Sicherlich ein Interesse kann man niemandem aufzwingen, man kann vollends niemand zur Liebe zwingen. Selbst unter intelligenteren und ernsteren Studenten sind derartige Lücken in der jü׳ bischen Geschichte und Literatur zu verzeichnen ,daß man sich an den Kopf greifen muß. sich fragend: ״und das wollen die Offiziere der Bewegung sein?" Wie mit Leuten, die in der überwiegenden Mehrheit so interesselos lebt; so glcichgiltig allen jüdischen und nichtjüdischcn Ereignissen gegcnüberstcht, will man eine Ncnaissancebewegung machen? Die sollen den Jdcalismus ausbringen, auch noch der hebräischen Sprache ein Interesse abzugcwinncn?, daß sich nicht einmal auf die primitivsten Parteisachcn erstreckt? Ein Großteil der meisten solcher Fehler ist auf Konto der verkehrten Erziehung und der famosen ״Galuththeorie" zu setzen. Unsere theoretischen Grundlagen sind so trostlos, daß es Leute, die sich ״Jungzionisten" nennen, wagen können, klipp und klar zu erklären: Zionisten, die sich mit Landcspolitik beschäftigen, wären keine Zionisten'. So feien doch die Jungzionisten konscqucnt und mögen sie stehenden Fußes nach Palästina emigrieren, sollen sie ernst genommen werden. Denn er wallte ihr zuvorkommen. Der Mensch. ״Nicht wahr, sonst hat Ihr Mann nichts. Nicht wahr ...?" Er schreit die Warte heraus. Und sie erschrickt. Beginnt krampfhaft nachziideiiken. Unzählige Male zählt ihr enges Hirn die Habseligkeit ab, durchstöbcrte jeden Winkel, jede Lade, geht auf den Boden und sucht im Keller, kommt zurück und mustert wieder die Etüde. Ihre Augen folgen ängstlich den Gedankcn. Da ntachten sie Halt. Dort in der Ecke, beim Fenster neben dem Sohne auf der alten Geige. Er sicht cs greift sich an die Stirne. Nur jetzt soll sie Vernunft annehincn, bittet er heimlich. Aber da bewegen sich schon ihre Lippen und nur halb hörte er die dünne Stimme, neben sich. ״Mein — Mann hat noch eine alte Geige ..." Da ists um den Menschen geschehen. In seinem .Kopf ist ein Summen. Nor seinen Augen flaminen Gesetze und plötzlich gibts ihm von innen einen Ruck, als hätte jemand in ihm etwas umgeworfen. Aber er wollte sich noch nicht untcrkriegen lassen, der Mensch und er beginnt zu ringen mit dein Exekutor auf Tod und Leben. Die Adern auf seiner Stirne schwellen blau an. Die Hände sind zu Fäusten geballt, sein Klärper vornübcrgcneigt. Es würgt ihn etwas im Hals. Er schluckt cinigemale. Es geht nicht. Der Druck am Halse läßt nicht nach. Da beginnt der Exekutor höhnisch zu lachen. ״Die Violine, eine teuere Violine ״Nicht wahr, Frau, die gehört dem Sohne," isagt hastig der Mensch und hört den Atem an und nickt heftig mit dem Kopfe. Sic denkt wiederum nach. Einige Sekunden slummen Ringens vergehen. Mensch und Exekutor packten sich kräftig und wollen einander Niederdrücken. Der Mensch voll Hitze, voll Leidenschaft, der Exekutor kalt, nüchtern mit regungslosem Gesicht. Da schüttelt sie den Kopf. Die Violine gehört ihrem Manne. — Das Gesicht des Menschen entfärbt sich. Das Blut fließt zurück zum Herzen und überflutet fein Menschturn. Nur einen verhaltenen Wehlaut stößt er aus. Ter Exekutor hat fein Antlitz aufgesetzt und grinst schadenfroh. Er nähert sich dem kränklich-blassen Jung- ״Die Violine schreib ich auf. Wie alt ist sie? Wie? So reden Sie doch. Wenn man sie ver- Das Wort trifft. Verfängt sich in dem freineu Gewebe der Seele des Jünglings, wühlt dort dunrpf unrhcr und tastet sich allmählich auf Spiralcn zum Hirn, wo es Begreifen findet, schrittweises Begreifen. Der Exekutor fährt fort: ״Dann wird die Schuld bezahlt. Den Rest bekommen Sie. Zeigen Sie her die Geige." Der Junge starrt ihn an mit weit aufgerissenen Augen. Seine Finger unrklamnrern fester den Hals der Geige. Nein, nein, die Geige zeigt er nicht. Die birgt feine größten Gehemnisse, ist fein Heiligtum, die gibt er nicht aus der Hand. Um keinen Preis. Das ist sein Leben, seinen Frühling ans der Hand geben. So steht er still und schaut nur den Erkutor ״Haben Sie nicht verstanden?" Sekunden vergehen. Der Junge rührt sich nicht. Ist wie festgcwurzelt. Nur ein leises Zucken fährt manchmal blitzartig über sein Gesicht. ״Was heißt denn das?", fährt ihn der Exekutor grollerrd an, ״ich handle im Namen des Gerichtes seiner Majestät und wenn Sie nicht sofort folgen vergehen Sie sich Wider das Gesetz". Der Junge ist taub. Rührt sich nicht. Starrt den Beamten an urrd schweigt. Und das reizt ihn. Der Beamte macht eine Bewcgmrg mit der Hand, als wollte er selbst die Geige greifen. Und da drückt der Junge, wie um sein Leu- > >