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Jüdische Volksstimme · 1914-03-27 · Heft 12 (27.3.1914) · page 11

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 12 (27.3.1914)
Date
1914-03-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 12. ,LMsche S-NSsitArme". Seite 11 * tige Begeisterung ihre höchsten Grade erreichen zu lassen. Eine umfaßbare Sehnsucht durchzitterte meine Seele, als ich unerwartet die Plakate erblickte. So empfanden Wohl alle, die zu seinem Portrage kamen. Ganz offen gestehe ich — zu meiner Schande meinetwegen — daß meine theoretische Neugierde mich schwerlich den weiten Weg in die Bochenska geführt hätte. Sehen wollte ich ihn und sprechen hören. Ans Lernen dachte ich diesmal nicht. Und ich weiß, daß ich nicht der schlechteste von allen seinen gestrigen Zuhörern bin. Anhänglichkeit und Liebe und Verehrung konnte man ja von unzähligen Gesichtern lesen. Ob wir alle auf unsere Rechnung kamen? Ob der Anblick unseres eigensinnigen Lieblings uns wirklich ganz beglückte? Ob wir gar nicht enttäuscht waren? Ach, wie schwer, wie ungerne uns die Antwort von der Zunge will. Ja, das Leben ist grausam, rücksichtslos. Ich wollte, ich wäre nicht gegangen. Vorstellen könnte ich mir wenigstens noch den jugendlich-kühnen A ch e r, den ich vor sechs Jahren sah. In der ״bescheideneu" Nolle des ruhigen, streng objektiven Denkcrs ertragen wir, die wir noch jünger sind, den Birnbaum einmal nicht. Nein, nicht den Mathias Acher wollten wir sehen. Wir haben eine bittere Enttäuschung erlebt. Als wir nach dem Vortrage aus dem Saale drängten, hörte ich, wie ein junger Kaftanjude hinter mir in mattem Tone sagte: ״Es ist nicht mehr derselbe. Jener beherrschte unsere Masten, unsere Jugend, dieser beherrscht — sich. Ganz srecht: In verhältnismäßig noch jungen Jahren hat er sein Lebenssystem geändert. Er war bis vor Kurzem sozusagen der Stürmer und Drängcr im Judentum, nun, ist er es nicht mehr. Er hört es auch nicht gerne, wenn man von ihm als dem ״unruhigen" Geist im jüdischen Volke spricht. Deshalo duldete er es auch nicht, als manche Redner auf den Acher von gestern liebevoll toastierten. In seinem Vortrage besprach Birnbaum »ie soziale Funktion der Intelligenz bei jedem Hülfe. Er erklärte ihre Rolle als die der Vermittlmg zwischen den nationalen Genien und den Aasten. Dann wies er bedauernd nach, daß es urserem Volke an einer regelrechten Intelligenz gchricht, da unsere Brüder im Westen fremden B«den bebauen und unsere Intelligenz im Osten seelische Berührung mit den breiten Volksmassen wüer hat noch sucht. Sie sprechen eine andere Sprache und leben einer anderen Weltanschau-!»11;, einer anderen Kultur. Er hat Recht. Unsere nationale Intelligenz ist »och nicht da. Allein sie kommt. So sicher der Einzelne — ob unbedeutend oder groß — altern muß so sicher muß unser Volk sich verjüngen und erneuern. Dr. M. H—k. NIEDERLÄNDISCHE Lebensversicherung« - Besellschafi, Wien I., Aspernplatz 1 im eigenen Palaia, Vernickelter Kapital ciika 422 Millionen. Reserve zirka U6.MlUionen Kronen. — Billigste Tarife, Mitarbeiter werden überall getackt — Unter neuester Tarif mit SVo jährlich fa lender garantierter Prämie Qenaralagantur für Wien I., Aspemplatz 1, Leiter: David Nebenzahl. Sub Direktion für Prag Ferdinandastr. 20 neu Leiter Robert GersteL Sub Direktion für Lemberg. SzajnodiaS, Leiter LBbel Taube, General-Agentur für Krakau, Moritz Griffel Krakau, Rlogplatz 9, General-Agentur für Blelitz, Schlossgraden 9, Leiter Adolf fleitlirger. Hauptagenten für Brünn, Rossttzergaasa 4 Leiter: SAMUEL REINI8ER. gründen, so richte ich hiemit an die P. T. eventuellen Diskutanten die Bitte, sich vorläufig einer jedweden Zeitungspolemik zu enthalten, bis meine erwähnte Arbeit erscheint und der Diskussion ein ernstes Substrat unterbreitet. Für die Veröffentlichung dieser Zeilen der geehrten Redaktion höflichst dankend, zeichne ich mit vorzüglicher Hochachtung und jungzionistischem Gruß Ergebenster Mayer Shartinrr. Wien. 20. März 1914. Grosse Herzlfeier in Krakau. in den Prachtsälen des alten Stadttheaters am 28. März PROGRAMM Berichte. Lorenz Scherlag-Abend Ueber Einladung der Lemberger akademischen Ver> bindung ״Makkabäa" ' hat unser Mitarbeiter. Herr Schriftleiter Lorenz Scherlag am 17. d. M., abends im Lokale der genannten Verbindung seine Dichtungen vor gelesen. Zuerst trug er die in seinem Buche: "Empfind׳ same Menschen" erschienene Novelle ״Der Musikant" vor, dieses wahrlich erschütternde Bild eines armen jüdi schen Musikanten, der am Sterbetag seiner Frau bei einer Hochzeit aufspiclen mutz. Die meisterhafte Schildcrungsweise dieser Erzählung machte auf alle Zuhörer einen tiefen Eindruck. Hieraus las der Dichter aus dem Manuskripte eine längere Erzählung ״Im Nosenhascn' vor. Dieser Erzählung liegt eine sehr originelle Hand lung zu Grunde und geben die stimmungsreichen Betrachtungen aus Portorose und Brioni sowie die geist reichen Dialoge dieser Novelle ein hübsches Zeugnis von der großen Erzählungskunst Lorenz Scherlags. Die Zu- Hörer, unter denen die Spitzen der jüdisch-nationalen Bewegung Galiziens vertreten waren, lohnten diesen interessanten und kunstreichen Bortrag mit vielem Bei fall. f•— Bilanz der Kredit-Union in Krakau pro 1913. Gegen Ende 1910 gegründet erwarb sich diese Bank einen Eskomptckredit in allen hiesigen Banken, in kurzcr Zeit verdreifachte sie ihre Mitgliederzahl, welche am 31. Dezember 1913 407 mit eingezahlten Anteilen in der Höhe von K 43.475.— betrug. Die Spareinlagen betrugen damals K 90.643— und die llmsatzziffcr erreichte die Höhe von K 700.000.— Im Portefeuille lagen Wechsel in der Höhe von K 137.000. Trotz der sehr ungünstigen finanziellen Verhältnisse entsprach die Bank ihren Anforderungen in gewohnter Weise, auch wurden keine Spareinlagen zurückgezogen, so dag dieses Institut auf keinen Reeskompte-Kredit angewiesen war. Daher kommt es, daß dieser am 31. Dezember 1913 blos A39.362.— betrug. Infolge der Notwendigkeit, größere Zinsen zu zahlen ist der Reingewinn nicht groß ausgefallen; es wurden nur K 3000.— dem Reservefonds zugewiesen. — Die am 6. d., stattgcfundene General-Versammlung genehmigte die bisherige Tätigkeit der Bank durch die Wiederwahl der Direktionsmitgliedec und der Aufsichtsräte. Literatur. Begrllkung 1) Beethoven: a) Die Ehre Gottes in der Natur (hebr. Uebersetzung) b) Die Nachthymne Der Chor ״Schir“ unter Leitung des Herrn Israel Feiwischis 2) F-m: a) .An der Spitze, Er, unser Meister“ Vom Cyklus ״Przedswit“ b) Am Grabe Herzl Josef Hirsch 3) Ch. Wolfsthal: c) Kol-Nidre b) Jüdische Heimatsklänge Chune Wolfsthal (Violincello) akomp. Israel Feiwischis 4) Festrede: Adolf Stand 5) Verdi: a) Arie aus der Oper ״Aida“ Mendelsohn b) Elias Ignatz Mann (Opernsänger) akomp. Jakob Grünberg 6) Kahan: a) Dawid Alroi Czernichowski b) Ich glaube . . . Gustav Lindenbaum 7) Mendelsohn: Ersatz für Unbestand (hebr. Uebersetzung) Der Chor ״Schir“ unter Leitung von Israel Feiwischis• Bochnia. Unser Städtchen, welches bis vor unlängst in einer starken Lctargie cingehüllt war, fängt zu erwachen an. Vor nicht langer Zeit hätte keiner zu träumen gewagt, einen jüdischen Abend zu veranstalten oder einen Redner zu beziehen. Dank einiger energischen Personen und mit Hilfe der Krakauer Toynbeehalle werden hier jede Woche Vorträge gehalten, welche ziem lich zahlreich besucht werden. Mit großer Mühe gelang cs auch eine hebräische Schule ins Leben zu rufen, die heute schon 40 Schüler zählt. Tie Intelligenz von einer und die chassidischen Massen von der anderen Seite verhalten sich der Schule gegenüber ganz passiv. Ein klei ner Skandal ereignete sich in diesen Tagen im Kreise unserer Chassidim. Samstag, beim Aufrufen zur Thora beleidigten sich zwei Bürger! Die Sache kam vors Ge׳ richt, welches die beiden zu kleinen Geldstrafen verur teilte. Löbliche Redaktion! Infolge eines bedauerlichen Mißverständnisses hat Kol. Hermann Parnaß aus Tarnopol meine Vor׳ träge über den durch mich begründeten Jung-Zionismus, ohne Quellenangabe, in Form von einigen Arti׳ kein in ihrem gcsch. Blatte veröffentlicht, trotz meines ausdrücklichen und wahlberechtigten Wunsches, einer diesbezüglichen Publitation, die ich in Buchform vorbe reite, nicht vorzugreifen. Da nun die erwähnten Ar tikel überdies den jungzionistischen Gedanken nicht ge nau widergeben und am allerwenigsten ihn gehörig be Der 29. Band des Haschiloach. Das führende Organ der modernen hebräischen Literatur, der השלח hat mit dem 1. Jänner diese» Jahres seinen 30. Band begonnen. Die 1896 begründete, jetzt von Dr. Josef Klausner redigierte Monatsschrift bedeutet für unser Schrifttum ungeheuer viel. Sie ist von Achad Haam begründet und wird noch immer in seinem Sinne geführt: als freie vornehme Tribüne des Gedankens der jüdischen Wiedergeburt. Ein Blick auf den kürzlich abgeschlossenen 29. Band mag über den Reichtum des Inhaltes orientieren. An leitender Stelle veröffentlichte Tr. I. Klahkin eine längere Arbeit über die Philosophie Hermann Cohens, wobei besonders die geheimen Beziehungen diese» Systems zum Judentum hcrvorgehoben wurden, der Dichter Ch. N. Bialik publizierte einen Artikel über das jüdische Buch, der seinen, auf der letzten hebräischen Sprachkonferenz gestellten Antrag ausführte, der dahin ging, cs sei notwendig, einen Kanon der gesamten jüdischen litcrarischeu Produktion in hebräischer Sprache zu schaffen, eine Zusammenfassung desjenigen aus der bisher entständeneu Literatur, was wir dere Zukunft weitergeben vollen. Dr. I. Klausner veröffentlichte ausführliche, sehr anschaulich und lebendig geschriebene Berichte von seiner Palästinareise. M. S. Rappaport schrieb über daS jüdische Recht in der israelitischen Literatur. A. Zwi Jdelsohn veröffentlichte Erzählungen der ncuaramäischen Literatur, mit hebräischer Uebersetzung: es sind dies Erzählungen in jener Targumsprache, die noch heute im Nordwesten Mesopotanicns von Juden und Christen gesprochen wird und eine Art aramäischen Jargons darstellt. S. Rubaschow schreibt über Samuel Primo; über biblische Verse im talmudischen Schriftum handelt I. Ch. Tawjew. Von den Dichterschen Beiträgen seien hervorgehoben: eine glänzend beobachtete Skizze Sergej Mamutow von Schofmann. Der junge S. Agnon — ein Galizier von Geburt — hat eine Novelle ״Die schwarze Chuppa" geschrieben; da lebt die Welt eines Totengräbers auf, ein merkwürdiges Durcheinander von Wirklichkeit im gewöhnlichem Sinne und der Wirklichkeit, die in der Phantasie des Leichenwüchters lebt: Schmilzt der Schnee, so sammeln tote Mädche» die schmelzenden Wasser und waschen ihre Leichenkleider: scheint die Sonne auf, dann sinken die Strahlen auch unter die Erde; und der Tod selbst ist dem Totenwächter nur die Vereinigung mit jenem toten Mädchen, dessen Gesicht er einst unter dem Lcichentuche sah und von dem er seither nicht zu träumen aufgehürt hat..... Von A. Klatschka enthält der Band einen Roman ״Im Städtchen", die Geschichte eines jungen Arztes, der in ein Städtchen verschlagen wird. Ein Großstädter seiner Bildung »ach, ist er doch im tiefsten seines Wesens mit der Jüdischkeit des kleinen Ortes verbunden und alte Erinnerungen werden in ihm bald unter dem Eindruck der neuen Umgebung so lebendig, daß er inncrlich eine völlige Wandlung zum Chassid durchmacht. Aber er ist dieser Wandlung nicht gewachsen. Er verliert das Vertrauen zu seiner ärztlichen Kunst und vermag das harte Leben des Frommen nicht mehr zu beginnen. So erliegt er. — David Schimonowitz, den wir bisher nur als Lyriker kannten, hat einen Roman geschrieben: ״Die Zeit verfehlt", die Tragödie eines jungen Mannes, der das Erwachen Palästinas erlebt und es nicht ertragen kan», daß dieses Land der Träume und der Sehnsucht zur harten Wirklichkeit unserer Tage wird. — Nun, zu den Dichtungen. Sch. Ginzburg hat ein großes Poem ״Im Tnrmc" geschrieben, in dem er in Rosenfeldschen Farben das Ungeheuer Amerika darstellt, den er eine idyllische Schilderung Palästinas entgcgenscht. S. Schneor hat in seiner erstaunlichen Fruchtbarkeit wieder mehrere Gedichte geschrieben: ״DaS Mittelalter naht" heißt ein großes Poem, das die ganze Scelenlosigkeit und Materialisierung unserer Zeit schilder! und das jüdische Volk zum Kampf gegen dieses Ungetüm aufruft. Gewaltig wird sein Pathos, wo er sein Volk aufruft, nicht unnütz seine Kräfte in alle Winde zu zersplittern, sondern sie zum großen Entscheidungskampf zu vereinigen: zum Kampf um die Gerechtigteit und die Liebe:

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