Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 12 (27.3.1914)
- Date
- 1914-03-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Judcnhcit in Ercz Jisrocl wie auch dem engeren Actioiiskomitc die höchste Anerkennung aus für die in diesem Kampfe bekundete Ausdauer und fordert die galizischcn Zionisten auf, mit nicht geschwächter Energie zu der Sicherstellung'des hcbr. Schulwerkes in Palästina beizutragcn. 2. Der Partcirat betrachtet die Gründung einer ״Achusah-Gcscllschaft" als nächstes und wichtigstes Ziel der Paläslinaarbcit in Galizien und fordert das Ccntralkomite und die Palästina-Kommission auf die Realisierung des Projektes möglichst rasch in Angriff zu nehmen. t Zugleich forderte er alle Parteigenossen auf, sie mögen durch persönliche Beteiligung den Erfolg der Idee mit ihrem Privatintcrcffc verbinden. — lieber dieses Referat entwickelt sich eine ziemlich eingehende Diskussion, an der sich die Gg. Redakteur Frostig, Dr. Zimmcrmann, Dr. Waldmann, Dr. Spann und Dr. Hausmann beteiligten. Gg. Frostig wies auf die durch die vehemente ökonomische Krise in Galizien hervorgeruscnc Auswanderungsströmung in den Kreisen des jüd. Mittelstandes hin, und betonte, wie wichtig es wäre, dass ein gut geleitetes Palästina-Jnformations-Bureau gerade solchen Elementen hilfreich zur Seite stünde. Zu diesen! Zloeckc wäre es dringend erwünscht, daß dem׳ Palästinaamte ein mit den galizischcn Verhältnissen genau vertrauter Beamte zugeteilt würde. — Großes Intcrcssc fanden die Ausführungen Dr. Hausmanns über die gegenwärtigen Boden- und Arbeitcrvcrhältnisse in Palästina. Hierauf wurde die Sitzung bis Nachmittag unterbrochen. Um 3 Uhr besuchten die Mitglieder des Partcirates korporativ die Ausstellung des bekannten jüdischen Malcrs Efrain Lilien: der Künstler selbst gab den Besuchern interessante Erklärungen zu den ausgestellten Werken. In der Nachmittagssitzung gelangen beide Rcsoluiioncn des Referenten samt einer Zusatzrcsolution der Gg. Frostig und Der. Waldmann zur Annahme, welch letztere dem Actionskomite nahclcgt, cs möge seine Aufmerksamkcit der stetig wachsenden Auswanderung von Galizien nach Palästina zuwcnden. — Ebenso wird ein Antrag des Gg. Dr. Zimmcrmann auf Veranstaltung einer Palästinawochc angenommen. Gg. Frostig referiert hierauf über den Punkt: ״Die kommenden Landtagswahlcn." Er wendet sich in eindringlichen Worten gegen diejcnigcn unserer Parteigenossen, welche in letzter Zeit wiederholt mit dem Losungsworte ״reiner Zionismus" gegen die sogenannte Gcgcnwartsarbcit austreten und beleuchtet die Wichtigkeit und Unentbehrlichkeit der Letzteren gerade vom national jüdischen Standpunkte aus. Wir dürfen die ökonomischen, kulturellen und die damit verbundenen politischen Interessen der jüdischen Bevölkerung nicht den von persönlichen Motiven geleitcicn Assimilationspolitikcrn, noch auch solchen Tages- Politikern ausliefern, welche die durch langjährige zionistische Agitation geschaffene jüdische nationale Stim- >nung im Lande für ihre Carricrc und manchmal vielleicht gegen uns ausnützen werden-Die kommciidcn Landtagsrvahlen müssen über unsere politische Zukunft im Lande entscheiden, und darum ist cs unsere Pflicht, bei Vermeidung der taktischen Fehler aus frü- Heren Jahren regen Anteil an der Wahlaktion zu nchmen. — Der Referent hält eine Fühlungnahme mit den jüdischen und polnischen Parteien für dringend er- Ivünscht, damit wir in Hinkunst nicht isoliert dastehcn und empfiehlt die sofortige Inangriffnahme der organisatorischcn Arbeit wie auch die Gründung einer zionistischcn Tageszeitung in polnischer Sprache. Nach Beendigung dieses Referates verliest der Vorsitzende ein Schreiben des zionistischen Lokalkomites in Lemberg, welches sich für die politische Betätigung ausspricht und an den Parteirat den eindringlichen Appell richtet, die notwendigen Beschlüsse betreffend unsere Stellung zu den LandtagSwahlcn in der laufenden Sitzung zu fassen. An der darauffolgenden Diskussion beteiligten sich die Gg. Dr. Waldmann, Dr. Schmorak, Dr. Zimmcrmann, Dr. Löwcnberg und Dr. Reich. Mit Ausnahme des ersten Diskussionsredners stimmen die übrigen den Ansichten des Referenten zu. Die Gegner der Landcspolitik bildeten in der Versammlung eine ver« schwindende Minorität, wenn auch zugegeben werden mutz, daß diese Minorität einige hervorragende GcsinnungSgenoflcn zu den ihrigen zählen. — Die vom Refcreuten rm Sinne seiner Ausführungen vorgeschlagcnen Resolutionen wurden bei Wahlenthaltung durch Gg. Dr. Waldmann einstimmig angenommen. In daS Komite zum Zwecke der Gründung eines polnisch-zionistischen Organes wurden die Gg. Adolf Stand, Frostig, Dr. Reich, Dr. Ringel und Dr. Rosmarin gewählt. In einer warmen Schlußrede gab der Vorsitzende seiner Genugtuung darüber Ausdruck, daß die Sitzung des Parteirates trotz einigermaßen gegentciligcr Ansichten einen so ernsten und sympatischen Verlauf hatte. Der Ton der Diskussion war im Gegensatz ״Jüdische BolkSstimme.7 - zu früheren ähnlichen Versammlungen ein vornehmer, das Resultat der Beratungen ein positiv befriedigendes. Der Vorsitzende schloß mis dc»ljchcn Dankcswortcn an die Erschienenen wie auch Mb׳ die akad. Verbindung ״Makabca" für die erwiesene Gastfreundschaft. Jwri. Brief aus Galizien. So sind denn die Würfel gefallen, und Galizien ist mit einer Wahlrcform beglückt! Ob sie modern und dc!n Zeitgeiste entspricht, wird die Erfahrung und die Handhabung des neuen Wahlgesetzes seitens der galiz. Negierung zeigen. Den besten Befähigungsnachweis wird dieses Reformwerk jedoch erst erbringen, wenn die neugclvähltcn Abgeodncten nicht in der Mitte des WegcS stehen bleiben werden, und diese Reform erst ausgestalten und reformieren. Denn das Werk, das jetzt geschaffen wurde, ist eine Unmöglichkeit für künftighin. Was Wunder? Sind doch der Weihwedel auf der einen und beschränkter Chauvinismus auf der anderen Seite, — als Paten bei dieser Zangengeburt gestanden! Landbevölkerung mit Städtern — zwei entgegengesetzte Richtungcn — wurden zusammengcschweißt, entgegengesetzt wirtschaftliche und politische Interessen, zusammen verkuppelt um den Conservativen und Allpolen gerecht zu werden. Daß jüdische Interessen am allerwenigsten berücksichtigt worden sind, ist begreiflich, wenn man sich vor Augen hält, daß Dr. Löwenstein sich als deren Vertrctcr girierte und wie dieser stolze Pole jüdische Intcrcsscn, gegenüber einem Glombinski Cienski, Grabski usto., kriecherisch auftritt. Von ״jüdischen Interessen" sind für ihn nur die Interessen —Zinsen — wichtig auch wenn sic nicht jüdisch sind, und selbst wenn es auf Kosten ״seiner" polnischen Nation — siehe Ryizyna — geht. Welchen Wert die jetzige sogenannte jüdische. Vertretung im Landtage hat, beweisen die Tatsachen. Die Prätcrierung der Juden bei der infolge der Finanzdcroute seitens der Negierung eingcleiteten Hilfsaktion, ganz besonders aber die seitens der Landesfinanzinstitute den Genossenschaften zuteil werdende finanzielle Hilfe durch Kreditgewährung, wobei nicht eine jüdische Genossenschaft dieses Kredites teilhaftig wurde. Erst in den letzten Tagen, sahen sich die jüdischen Handwerkcr in Lemberg — beileibe keine Zionisten — veranlaßt, eine Versammlung cinzuberufcn, in welcher Protest erhoben werden sollte, gegen die vom Landcsausschusse betriebene Protcktionswirtschaft, bei der vom Patronatssonde zu erteilenden Kredite, an Handwerker, wobei keinem einzigen jüdischen Handwerker, ein Kredit bewilligt worden ist. So verhält cs sich auch mit den vom Lande zu vergebenden Arbeiten bei Bauten. Kein einziger jüdischer Tischler wird hiebei beschäftigt, und übersieht zuweilen ein Beamte und verspricht einem solchen irgend eine Arbeit, so wird dieses Versprechen in letzter Stunde anulliert. Nicht zionistische Redner waren cs, die diesen Protestruf erhoben haben, Anhänger der Assimilationspartci stießen diesen Ruf aus, und wiesen auf den stillen Boykott gegenüber den Juden in Galizicn, hin. Was Wunder, daß der jüd. Handwerkerstand in dieser Zeit der schweren Not verarmen und zum Wanderjtabe greifen. Einige statistische Ziffern über diesen Niedergang: In Lemberg waren vor der Krise 60 selbständige jüdische Tischlermeister, welche 600 Arbeiter beschäftigten, heute sind cs kaum 4, bei denen 40 Arbeiter Beschäftigung finden. Von SO jüd. Schlosscrwcrkslättcn mit 300 Arbeitern, existieren heute 3 mit 6 Arbcitcrn. Von 65 Malermeistern mit 160 Arbeitern, sind nunmehr 4 Meister mit 20 Arbeitern tätig, ebenso wie jetzt nur 3 Lackicrerwerkstätten mit 10 Arbeitern Beschästigung finden, während 'vor kaum eineinhalb Iahrcn SO solche Werkstätten 140 Arbeitern Brod cinbrachtcn. In den anderen Bauarbcitsfächern ist cs noch ärger bestellt. Die Arbeitslosigkeit im Schneider- und Schusterfach ist gar entsetzlich. In normalen Zeiten haben in diesen beiden Fächern 700 selbständige Meister 1500— 2000 Arbeiter beschäftigt, heute arbeiten blos 30 Meister mit kaum 90 Gesellen. Daß hiebei in erster Linie der jüdische Handwerker getroffen wird, liegt auf der Hand. Hat doch dieser in normalen Zeiten mit der christlichen Konkurrenz einen furchtbaren Kampf auszufechten, geschweige denn setzt, wo die Privaiarbcit ganz ruht und nur öffentliche Bautcn zur Beruhigung der Arbeitslosen aufgeführt werden. Welcher Geist bei Vergebung von Arbeiten gegenüber jüd. Handwerkern herrscht, bedarf keiner besonderen Erwähnung. Hat Galizien keinen großen Export, so wird jetzt für — Import gesorgt, indem der in Ruff.-Polen propagiertc Boykott gegen Juden nach Galizien verpflanzt wird. Die Rolle des Warschauer Hetz- und Schundblattcs ״dwa großy", spielt hier das ernster zu nehmende Organ der Allpolen ״Slowo polskie", welches keine Gelegcnheit vorübergehen läßt, um den Polen hierzulande, Nr. 12. > das ״svuj ku svcmu", vorzusingcn. Aber auch der ״Kurjcr" und die von jüd. Geldc erhaltenen Blätter ״Wiek nolvy" (Dr. Löwcnstcins Organ) und «gazcta wicczor- »«",.fehlen in diesem Chorus nicht!.Gilt cs doch den Allpolen zu, zeigen, daß.man auch ’ polnisch fühle und empfinde! י'-' י! Allerdings, cs dämmert auch im jüd. Lager und die früheren Gegner eines selbständigen jüd. Vorgehens zur Wahrung jüd. Interessen, beginnen einzusehen, daß cs anders werden muß. Die zionistische Aufklärungsarbeit, die durch Jahre hierzulande geleistet wurde, sie beginnt Früchte zu tragen, und die traurigen Verhältnisse im jüd. Lager mahnen dringend zur Einigung. Es sind keine Parteistandpunkte sondern allgemeine jüd. Volksintcrcsscn gefährdet, die Assimilanten 'a la Kolischer, Rauch sehen die Gefahr ein und es bereitet sich so manches hier vor, woran man vor wenigen Jahren nicht glauben wollte, doch darüber und über die zionistische Arbeit in Galizien ein anderes Mal. Brody,März 1914. Paul Brass. Klosetts, Badeeinrichtungen, Waschbecken, etc. einrichtet solid und billigst Firma K. 20fka, Brünn, iakobsgasse Telephon 810. — Kostenvoranschläge gratis. — Reparaturen schnell und billig. Chune Wolfsthal. Von Bernhard Horowitz, Krakau. Der Nestor der jüdischen Cellisten kommt wieder nach Krakau um an dem großen Herzlabend mitzuwirken. Wer kennt nicht wenigstens vom Hörensagen den Namen Chune Wolfsthal? Dieses ostgalizische Kind mit dem ausgeprägten jüdisch-assyrischen Typus, dem Patriarc^ilisch ehrfurchtserregenden Aussehen entlockt dem jüdischen tausendjährigen Weh tiefinnerliche Töne und läßt sie uns vermittelst seines Cello vernehmen, daß sie unser Mark erschüttern und in uns wehmutsvolle Gedanken wachrufen. Seine jüdischeu Theaterstücke: Jehuda Halevi, Bas Jeru- 1'cholaim, Malke Schewu usw., sind echt jüdiscb und zum Gemeingut der jüdischen Nation auf allen fünf Erdteilen geworden. Wenn Wolfsthal sein Instrument in die Hand nimmt und seine melancholisch-wehmütigen Weisen anstimmt entrollt sich vor unseren geistigen Augen das große Bild der Tragik unseres Volkes seit der Zerstörung seiner Selbständigkeit bis heute. Wolfsthal erzählt uns in süß-schauerlichem Flüsterton von der einstigen Größe, Heldenmütigkeit, dem Weltbestrahlenden Nymbus des Volkes Israel und von dem Verfall seiner Kräfte, dem Erlöschen seines Glanzes und Ruhmes als Nation. Die zitternden Töne seines Cello fragen sehnsuchtsvoll: Wann soll das Ende dieser Martern sein? Wann wird die verheißene mesiianische goldene Zeit des Auferstehens kommen? Es wird Hoffcntlich ein imposanter Abend am 28. d. sein, wann die Erinnerungen an unseren großen Helden Theodor Herzl verwoben sein werden mit den meisterhaften Klängen Wolfsthalscher Musik um dem Publikum einen recht tiefen und nicht leicht vcrdrängbaren Wiederhall im Herzen zu hinterlassen. Birnbaums letzter Vortrag. Krakau, 22. März 1914. Vor einigen Jahren sprach Birnbaum bei dem in Czernowitz zu Ehren der Delegierten der jüdischen Sprachkonferenz veranstalteten Kommers in deutscher Sprache. Dies beklagte er damals als ״seine, persönliche Tragik." Gestern sahen wir ihn vor einem hiesigen Publikum. Sein kohlschwarzer Vollbart ist inzwischen rasch ergraut und jene Tragik — ganz überwunden. Er sprach in einem guten —- sagen wir ihm zuliebe ganz östlichen —■ Jüdisch. Welchen Eindruck man von dieser Rede davontrug, entzieht sich bereits der Beurteilung. Man kam doch schon voller Freude, schon das Erscheinen seiner ungewöhnlich sympatischen Gestatt auf der Tribüne genügte ja, um die allsei-