Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 12 (27.3.1914)
- Date
- 1914-03-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2621806-2621897-2621909--2708-2623830- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
MDWWWMWW Seite 2. ״Jüdische BolkSstimme." Nr. 12. es ist zu befürchten, das; infolge des Umstandes, das; alle jüngeren Elemente auswandern, noch ״eine Abnahme infolge des Ucberschusscs der Sterblichkeit über die Geburten zu verzeichnen ist." Die Folge von der Auswanderung der Juden vom Lande ist das riesenhafte Anschwcllen in den Großstädten; Die wiederum ziehen den Niedergang der kleineren Landgemeinden nach sich und liefern den Landjuden dem vollständigen Verproletarisieren aus. In der Großstadt, in kleineren, unhygienischen Wohnungsverhältnisscn geht der Jude auch körperlich zu gründe; sein Organismus ist den Krankheiten gegenüber Widerstandsunfähiger. Der Jude lernt hier andere Gefahren kennen: Tuberkulose und venerische Krankheiten zehren an seinem Mark, machen ihn für die Fort- Pflanzung ungeeigneter. Der Alkohol, der größte Feind der Menschheit, findet Eingang in jüdische Häuser, degeneriert den jüdischen Körper. Schwerer Kampf ums Dasein involviert eine Spätche oder zwingt ihn zum Junggesellentum und schädigt dadurch die Vermehrung. Die besseren Kreise, namentlich unter den Weibern, ersehen in dem Kinderreichtum etwas Altmodisches und Ilnmodernes, beschränken freiwillig ihre Kinderzahl und schaffen so Resultate, die erschreckend sind. Schon ist zu befürchten, daß der Gcburtcnüberschuß die Sterblichkeit nicht deckt. ״All die Feit hindurch ist ein Geburtenüberschuß durch das Absinken der Sterblichkeit erfolgt. Wir stehen jetzt aber voraussichtlich am Ende dieser Bewegung. Von hier wird dem ״sterbenden Simson" keine nennenswerte Hilfe mehr zu teil werden. Ja, wir müssen fürchten, daß das physiologische Minimum der Kindersterblichkeit die einleitende Urfache zur wachsenden Sterblichkeit der erwachsenen Klassen, sowie zur qualitativen Schädigung der Rassen abgibt." Neben Krankheiten und Tod kommt noch ein weit gefährlicherer Faktor hinzu: Judentaufcn und Mischehen. Immer größer wird die Zahl derer, die dem Judentume den Rücken kehren; immer stärker grassiert die Flucht vom jüdischen Volke; ״Volksverrat im Frieden ist unethisch" — sagt Karl Lamprecht, der Meister moderner deutscher Historie, um wie viel uncthischer aber ist er iin Kampfe. Und wir stehen im Kampfe. Im Kampfe gegen Fremde, im Kampfe gegen eigene Volksgenossen. Aus sozialen, wirtschaftlichen Gründen der Bequemlichkeit und des angeblichen Wohles der Kinder. — Nur nicht aus idealen Motiven. — ״Im 19. Jahrhundert gab cs mindestens 204,600 Judentaufcn." Es schicden in Berlin aus dem Judentume: 1901—04 513 Personen und 1905—08 648 Personen; dem Alter nach waren fast alle über 20 Jahre, nur 3,73°/20—17 ״jährige. In Berlin nehmen, nach den Aufzeichnungen verschiedener Schulvorsteher, in den höheren Knaben- und Mädchenschulen 14—15% aller jüdischer Kinder am evangelischen Religionsunterrichte teil. In einzelnen Lehranstalten ist sogar ein Drittel der Schüler am christlichen Religionsunterricht beteiligt. Die Kinder sind von vornherein dem Judentum vorlorcn, um so größer die Gefahr fürs Judentum, weil der Geburtenüberschuß nicht mähr genügt den Ausfall, der durch die Fahnenflüchtigen entsteht, zu decken. ״Wie sehr sich die Mischehe unter den Juden cinbürgerte beweist die Statistik: danach schloßen in Preußen eine Ehe mit Christen: 1875—79 239 1900—04 2452 1890—94 313 1904—08 3297 Im ganzen Reich war die Entwicklung ganz analog. Es gab Mischehen 1900—658, '1902—668, 1905—855, 1908—939. . Es heirateten, nach Geschlechtern ausgeschieden, einen christlichen Gatten in Preußen von je 100 heiratenden jüd. Männern jüd. Frauen 1903; 1905; 1907; 1908 1907 1908 9,6 11,8 12,3 12,7 10,5 12, In Berlin gingen Mischehen ein in % der Heiratenden. Im Durchschnitt der Jahre 1895—99 34,12, 1890—06 44,05 Juden. Es leben z. B. in Hamburg in Mischehe jüdische Männer im Verhältnis zu rein jüdischen Ehen: 1885 1900 1905—06 6,71 8,28 34,82 Insgesamt gab es in Hamburg 1905—06: 61, 19% Mischehen, d. h. auf 200 jüd. Eheschließungcn kamen 61, die eine Mischehe cingingen. In Frankfurt a> M.: 1905—06 23, 29°/», 1907—08 24, 76% in München: 1891—95 33, 33% 1906—08 37, 40% Elsaß-Lothringen: 1905—06 10, 35% Hessen: 1906—07 8,29% Mischehen. Aus diesen Zahlen kann man resolvieren, daß sich die Juden mit der Bevölkerung stark vermischen. Vorerst ist cs etwa % der Eheschließungen, wozu noch die Zahl der Täuflinge, die Christen heiraten, zu rechnen ist. Daß dies Uebel sich jedoch nicht auf Deutschland allein beschränkt, zeigen noch folgende Zahlen: In Dänemark trafen auf 100 rein jüdische Ehen Heiraten von Juden mit Christen: 1880—90 55, 17, 1891—1900 71, 07, 1901—05 96, 05 nach Fishberg, der in der Zeitschrift für Bl. der Inden 4. konkludiert, daß die Mischehen eine Tendenz der Zunahme, die reinen Ehen zur Abnahme neigen. In Triest gab es seit 1877— 1903 33, 61% Mischehen; in Ungarn betrugen sie 1900—04 6. 53°/», 1906'7, 54%; in Budapest 1903—04 17. 06%, 1907 18, 40°/..; in Wien kamen auf je 100 reine Ehen 1902 10, 23, 1905 10, 76. 1906 12, 97 Mischehen. So könnte man die Zahlen bis ad in finitum zitieren, sie alle können nur beweisen, wie das Judentum allerorts zurückgeht; wo in zivilisierten Landen die Juden eine Wohlhabenheit erringen, geht ein Abflauen vom Judentume Hand in Hand. Die Asiimilation beginnt — und hört bei der Judentaufe aus, das ist heute bereits ein soziologisches Gesetz. Felix Theilhaber setzt seinem Schlußkapitel ein Motto Dr. Max Joseph vor: ״Wäget und waget! Die Stunde der Entscheidung hat geschlagen! Ihr stehet an der Wende des Geschickes! Bedenket, daß alles, alles zu gewinnen gilt! Segen und Fluch, Leben und Tod hat das Schicksal in euere Hand gegeben! Wählet den Segen! Wählet das Leben! Was der Zionismus bei seinem Auftreten im ersten Momente intuitiv richtig erfaßte, das beweist uns jetzt wissenschaftliche exakte Untersuchung: Die Asiimilation der Juden von unseren sogenannten Führern, Politikern, Rabbinern u. Lehrern gefördert und unterstützt, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Judenheit des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, und zeigt uns deutlich und eindeutig ein Ziel: Vernichtung der Judenheit, Auflösung des Judentums! Alle unsere sogenannten Führer und Lehrer, sie sahen und hörten nichts, wollten weder sehen noch hören. Die fortwährenden geistigen Kämpfe innerhalb des Judentums, zwischen Orthodoxen und Fortschrittlern, nationalfühlenden Juden und Assimilatoren zersetzten das Judentum immer mehr und niehr. Soviel wissenschaftliche Werke und Arbeiten, ob von Nationalökonomen, oder Soziologen, von Historikcrn oder Nasietheorctikern wir zur Hand nchmen, sie alle soweit sie vorurteilsfrei sind ira et studio Vorgehen, müssen zu dem Resultate gelangen, daß der Judenheit und dem Judentum nur im Zionismus ein Retter erstähc. Er allein bejaht das Judentum, das jüdische Volk. Er ist die einzige positive jüdische Bewegung, die das Weitcrleben des jüdischen Volkes bejaht. v- . Ob wir Pessimistisch oder optimistisch unserer Lebensanschruung nach sind, Tatsachen lasien sich nicht wegleugncn. Die Frage, die große Frage steht offen: Wie bewahren wir das Judentum > West-Europas vor seinem sicheren Untergange. Die Immigration in diese Länder wird immer mehr erschwert — und vom völkischen Standpunkte müßten wir auch dagegen sein, weil die immigrierten in solchen Verhältnissen entnationalisiert werden — und ein Teil des jüdischen Volkes und gerade der zivilisatorisch und kulturell höchstlebendste steht vor seinem Grabe. Sollen wir auf diesen Teil in stummer Resignation verzichten und uns mit aller Macht jenen lebendigcn Millionen Bettlermassen zuwenden, die Osteuropa bewohnen, um diese vor solcher Gefahr zu retten? Doch löste dann der Zionismus nicht die gesamte jüdische Frage! Wir wären wirklich eine teiljüdische und keine alljüdische Bewegung. Wir müsien danach streben alles, was jüdisch ist, zu erhalten und hoher zu entwickeln. Das jüdische Nationalgefühl, als ein Gefühl des Stolzes und Trutzes muß tief hineinversenkt werden in die Herzen aller, die im Westen leben. Eine Volkshygiene in Verbindung mit jüdischer Eugenik muß platzgreifen. Die jüdische Welt im Westen muß sich befreien von dem methischen Tanz ums goldene Kalb. Eine reforvon dem allen nicht viel verstanden. Nur in gewohnter Demut und Knechtsgefühl stumm hingehorcht. Mit zitternden Händen nimmt sie das große Papier in Empfang und blickt furchtsam und verlegen vom Papier zum Beamten. Da er aber ihre stumme Frage nicht versteht, sondern vielleicht die gesetzlich festgesetzte Zeit abwartet, innerhalb welcher er verpflichtet ist, ihr zur Antwort Zeit zu lasien, nimmt sie sichs Herz und fragt kleinlaut und merkwürdig scheu: ״Ich — ich chab nisch verstanden, was — was Sie wollen, Herr —?" Sie knickt ein wenig zusammen. Da gibt er ihr die Aufklärung. Aha. So. Jetzt geht ihr das Verstehen ein. Wegnehmen will inan was und es verkaufen. Das versteht sic scholl ganz, ganz gut. Hat man ja oft getan. Schon drüben, daheim, in Rußland. Sie hat sich damals nicht gewehrt. Nur in Demut sich ergeben. Und heut wird sie sich auch nicht wehren. Dem Armen hilft das nichts. So nickt sic nur still mit dem Kopfe, einige Male, wie sie es oft getan und blickt mit nachdenklicher Trauer ins Leere. Einige Minuten wirds still. Schatten uni Schatten sind hervorgekrochen und sich breit hingelagert, daß man wie in ein finsteres Loch sieht. Die geringen abgedienten Möbelstücke, ein roh gezimmerter Kasten, Tisch Sessel und so etwas wie ein Bett verlieren die scharfen Umriffe und verschwimmen im Dunkel. Auf dem Beamten lastet es schwer. Ein Gefühl wie Pein. Und er will Licht haben — Da sagt er trocken : ״Frau, möchten Sie nicht Licht machen?" Da duckt sie sich wiederum, wie erschreckt, holt einen Mesiingleuchter und entzündet eine Kerze. Das Licht ist fahl und auf der Wand tanzen bizarre Schatten einen lautlosen Reigen... Die Kerze flackert und raucht... Das Weib steht atemlos neben dem Beamten und schaut unverwandt ins Leere. Aber in ihren: Blick ist etwas wie ringende Tränen. Der Beamte fragt: ״Also. Sie können nicht bezahlen?" Sie schaut langsam auf. Ein verlorenes, )nachsichtsvolles Lächeln zittert leise um ihre!schmalen Lippen, als wollte es noch um Verzei- 'hung bitten. Nein, sie kann nicht bezahlen. — ״Und wo ist der Mann?" Und wiederum wendet sich langsam ihr Kopf und ihre kleinen Augen schauen nach rückwärts in die Ecke. ״Dort — liegt er, krank... sehr krank... Gelähmt." Während sie das sagt, bebt ihr Körper. Ihre Hände haben sich zu Fäusten geballt und ein ticferwarmer Blick hat sich nach oben gewendet. Der Beamte schaut nach der Ecke. Er kann nur eine formlose Masse wahrnehmen. Klumpen von Fetzen. Da stöhnt dort etwas, wie im furchtbaren Schmerz. Zwei Arme greifen in die Luft. In den Klumpen von Fetzen kommt Leben, ganz plötzlich. Die Frau beugt ihren Körper noch krummer und schaut angstvoll nach der Ecke. Einige Se- ׳künden atnlet sie nicht. Da wimmert der Kranke: ״Chaim, warum spielst Du nicht?" Wenn Du spielst, geht der Schmerz weg." Und Chaim beginnt zu spielen. Von seiner Geige lösen sich die weichen Melodien und fluten durchs Zimmer zum Lager des Kranken mutlosen und umschmeicheln den Schmerz, daß er ruhig wird und verklärt lächelt, als hätte er nie weh getan. Und die Augen des Kranken werden weit, ein fcherischer Glanz ist in ihnen und die bleichen Lippen bewegen sich lautlos. Himmelsmusik.... Gestillte Sehnsucht...